„Aahmet, du mussen sagen Lera, ich nix vastehn. Imma schneel rreden! Wenn fragen, Lera sagen ‘keine Zeit !’ Wie solln leernen, wenn nix fragen…?“ Das leuchtet mir ein. Ich selbst lasse den Unterricht mehr oder minder an mir vorbeirauschen, aber meine Kommilitonen – oder korrekt, meine zukünftigen Kommilitonen, denn noch sind wir ja nicht an der Universität – haben es wirklich nicht leicht. Sie alle sind nach Deutschland gekommen, um hier zu studieren, und nun sitzen wir gemeinsam in engen, tristen Räumen, die sich kaum von einer leicht heruntergekommenen Oberschule irgendwo auf diesem Planeten unterscheiden. Der Unterricht besteht aus Chemie, Physik, Mathematik – und natürlich Deutsch. Letzteres Fach ist bei vielen von ihnen auch sehr angebracht, denn die Sprachkurse an den Goethe-Instituten in Kinshasa, Rabat, Caracas oder wo sonst auch immer haben sie nur bedingt mit einem angemessenen Sprachschatz versorgen können. Sie können zwar ohne Problem einkaufen, nach dem Bahnhof fragen oder Sätze wie „Deutschland ist ein Land mit vielen Wäldern“ sagen. In einer universitären Vorlesung wären sie jedoch völlig aufgeschmissen. Auch die anderen, wissenschaftlichen Fächer sollen ihnen aus diesem Grund die entsprechende Fachterminologie vermitteln, die sie für ein Studium an der Technischen Universität Berlin benötigen.
Ich selbst habe im Jahr zuvor mein Abitur in Damaskus gemacht, im wissenschaftlichen Zweig und nach dem staatlichen ‚französischen System’, was mir auch das anschließende Studium z.B. an der Pariser Sorbonne erlaubt. Nicht, daß ich das jemals in Auge gefaßt habe. Stattdessen lassen meine Eltern ihre Beziehungen spielen, damit ich nach den Sommerferien zum Praktikum bei den Hamburger Flugzeugwerken zugelassen werde, die kurz zuvor mit zwei anderen Unternehmen zur MBB, der Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH, fusionieren. Denn seit dem frühen Alter von sieben Jahren steht mein späterer Berufswunsch unverrückbar fest: Ich will Raumfahrtingenieur werden – genauso wie mein großes Vorbild Wernher von Braun. Und anschließend, wenn möglich, Astronaut!
Der Schock ereilt mich jedoch, als ich im darauffolgenden Jahr mit einem befriedigenden Abschlußzeugnis an der TU in Berlin vorspreche, um mich am dortigen Institut für Luft- und Raumfahrttechnik zu immatrikulieren. Schon meine Eltern haben an dieser Universität Wirtschaftswissenschaften studiert und es immerhin bis zum Diplom gebracht. Ich habe höher fliegende Pläne, werde jedoch unsanft auf die Erde zurückgeholt, als mir mitgeteilt wird, daß ich nicht zugelassen werden könne, da ich nicht über die ‚Deutsche Hochschulreife’ verfüge. Ein Wort, das ich tatsächlich noch nie gehört habe. Die Mitarbeiterin, die wohl mitbekommen hat, daß ich vor ihr gerade mit lautem Plumps aus allen Wolken gefallen bin (vielleicht steht mir auch vor Überraschung der Mund sperrangelweit offen…), versucht mich freundlich zu trösten: „Sie müssen doch nur zwei Semester an das Studienkolleg gehen, das ist doch nicht so schlimm. Und dann kommen Sie wieder zu uns!“ Später wird mir klar, daß sie vermutlich wirklich nicht gewußt hat, wie schlimm es dort tatsächlich ist, denn die Studenten, die nach diesen zwei Semestern wieder bei ihr vorsprechen, haben zwischenzeitlich nicht nur etwas besser Deutsch gelernt – sondern auch, tunlichst den Mund zu halten.
Auch meine Eltern versuchen, mich zu beruhigen. Ich habe mich völlig auf sie verlassen. Sie haben schließlich selber dort studiert – und die Sache mit dem Praktikum haben sie doch auch ruckzuck geregelt. Und nun soll ich noch einmal die Schulbank drücken? Ich mache ein Riesengezeter. Von wegen mangelnder ‚Hochschulreife’! Ich habe den Damaszener Unterrichtsstoff doch schon früher mit dem meiner deutschen Freunde in Berlin verglichen und weiß, daß unser dortiges Abitur dem deutschen nicht nur das Wasser reichen kann, nein, sogar noch Tee, Kaffee und Kakao dazu!
Was immer man von den Auswirkungen des französischen Mandats halten mag, dem Syrien von 1920 bis 1945 gemäß der Konferenz von San Remo durch den Völkerbund unterstellt ist – das Schulsystem hat weder die Revolution noch die spätere Vereinigung mit Ägypten angerührt, denn es ist verdammt gut. Wir müssen im Grunde für die einwöchige, schriftliche Prüfung den gesamten Stoff der dreijährigen Oberstufe parat haben… sonst braucht man gar nicht erst anzutreten. Zur Stunde X werden in Tausenden Klassenzimmern, in denen die Abiturkandidaten schlottern und bibbern, versiegelte Umschläge geöffnet, die tags zuvor unter scharfer Polizeikontrolle im ganzen Land verteilt und über Nacht auch bewacht worden sind, denn alle bekommen die exakt gleichen Fragebögen.
Ich selbst habe eigentlich geplant, das Abi-Jahr an meiner vielleicht nicht gerade geliebten, aber doch sehr gelittenen Ibn-Khaldoun-Oberschule zu verbringen – doch da macht mir unser Direx einen dicken Strich durch die Rechnung. Ich kann es ihm nachträglich nicht einmal verübeln, gälte ich doch als unzähmbarer Revoluzzer der Schule, der ständig mit neuen Ideen daherkommt, manchmal in ausgefransten Jeans und einmal sogar barfuß. Außerdem habe ich längere Haare als alle anderen. Von ‚langen’ Haaren kann man trotzdem nicht reden, aber im Vergleich zum militärischen Bürstenschnitt der anderen sieht es schon ziemlich subversiv aus, wenn mir die Fransen in die Stirn und über die Ohren hängen. Unser Direktor nutzt jedenfalls sein Recht auf Disziplinarmaßnahmen und streicht mir am Ende der 11. Klasse ein Drittel aller erzielten Punkte – so daß ich knapp, aber unwiderruflich und erstmals in meinem Leben sitzen bleibe. Meine Wut gegenüber dieser Ungerechtigkeit und die sich mit ihr vermischende Verzweiflung, die mich im ersten Moment sogar an Selbstmord denken lässt, zumindest ganz kurz, wird durch ein paar Lehrer aufgefangen, die mich trösten und meinen: „…was regst Du Dich denn auf? Du weißt selber, daß Du gut genug bist, das Abi zu schaffen. Setz Dich zuhause hin, erspare Dir den ganzen Schulstreß und nimm als Externer an der Prüfung teil. Ya Ahmad, tauuel balak – bleibe geduldig und warte auf Deine Stunde!“
Denn dies ist ein weiterer Vorteil des syrischen Schulsystems nach französischem Muster: Kann man nachweisen, mindestens drei Jahre zuvor die Mittelschule erfolgreich bestanden zu haben, darf man sich unabhängig von Alter oder Geschlecht oder Haarlänge an der zentralen Abiturprüfung beteiligen. Und wie gesagt, es sind ja sowieso die identischen Fragebögen, die dann von den vielen zitternden Händen aufgefaltet und erschrocken angestiert werden, bevor ein mehrstündiges Kritzeln und Rascheln einsetzt – eine Szene, die sich fünf Tage lang jeden Morgen wiederholt, bis auch das letzte Prüfungsfach bearbeitet worden ist: Religion. Ich nehme an, daß man sich diese bis zuletzt aufhebt, weil hier erstmals drei verschiedene Umschläge entsiegelt werden müssen: einer für die jüdischen, ein schon viel dickerer für die christlichen und der aller dickste für die muslimischen Prüflinge.
Ich habe die Prüfung bestanden, habe ein tolles Praktikum hinter mir, wo man uns zukünftige Ingenieure, im Gegensatz zu den Azubis, sogar schon fast als vollwertige Menschen behandelt, und nun soll ich einen Schritt zurück machen und noch einmal ein ganzes Jahr in irgend so ein Kolleg gehen, an dem außer mir kaum jemand einen einzigen deutschen Satz richtig aussprechen kann? An dem in den wissenschaftlichen Fächern der haargenau gleiche Stoff unterrichtet wird, wie ich ihn schon in Syrien in den Schulbüchern stehen gehabt habe? Ich sträube mich mit Händen und Füßen, und irgendwie gelingt es mir mit Hilfe meiner Eltern zu erreichen, daß ich wenigstens gleich zur Prüfung des ersten Semesters zugelassen werde, das ich dann auch prompt bestehe. In Deutsch natürlich mit einer Eins, denn höhere Noten sind nicht vorgesehen.
Es sind noch eine Menge anderer Dinge nicht vorgesehen, wie ich nur allzu schnell merken soll, als ich mich ergeben seufzend mit Beginn des zweiten Semesters neben einen Jungen aus dem Kongo setze, der mich mit großen Augen anschaut. Ich stelle mich vor, ein paar andere kommen dazu und kurz darauf merken wir, daß in unserer Klasse nicht nur alle Hautfarben, sondern auch alle Kontinente vertreten sind. Ich selbst werde aufgrund meiner irakischen Staatsbürgerschaft Asien zugeordnet, meine deutsche Mutter und ihre jahrelangen Bemühungen, mir gutes Deutsch beizubringen, haben diesbezüglich keine Relevanz. Dann wird die Tür aufgerissen und alle eilen schreckhaft zu ihren Plätzen. Wo bin ich hier bloß?
„Ihr kennt mich ja alle. Und für den Neuen da hinten: Mein Name ist Engel! Studienrat Dr. Engel!“
Die Ausrufezeichen schwirren durch den Raum wie wütende Hornissen. Die Klasse ist mucksmäuschenstill, während der hagere Mann, der mit seiner Haltung und seinen bellenden Sätzen einem Landser-Heftroman entsprungen zu sein scheint, mit harschem Ton darlegt, was von uns in diesem Semester erwartet wird. Dann knallt er mit seiner Hand nochmals auf das Pult, funkelt uns aus seinen zusammengekniffenen Augen wütend an, als hätten wir Schuld an seinen Gallenkoliken oder was ihm auch immer sonst die Lebenslust vergällt, und zischt einen letzten Satz hervor: „Ich hoffe, alle haben mich gut verstanden!“ Ich habe den Eindruck, daß er dabei insbesondere mich ins Auge gefaßt hat.
„Ahmet, wenn du Lera das könne sagen, wir alle viel Danke fua dich!“ … womit ich zum Klassensprecher auserkoren bin. Na, aber immer! Ich habe von solch einer Position zuvor zwar nur von meinen deutschen Freunden gehört, denn in Syrien gibt es so etwas nicht. Dort wird meistens nur der größte und stärkste Schüler von der Schulleitung als eine Art Pausenaufpasser bestimmt, was aber nur sehr selten zu irgendwelchen Konfrontationen führt. Aber Klassensprecher, besonders in solch einem illustren und internationalen Verband… also, ich komme mir schon fast vor wie der Vorsitzende der UNO!
Während das Semester seinen Fortgang nimmt, im Deutschunterricht Kruppstahl verherrlichende Texte durchgenommen werden und ich versuche, nicht allzu offensichtlich auf die grammatikalischen und stilistischen Fehler des Lehrers hinzuweisen (später werde ich dafür vom Deutschunterricht ‚zwangsbefreit’ – ein Begriff, der inzwischen augenscheinlich in Vergessenheit geraten ist, was ich als ausgesprochen bedauerlich empfinde), werden meine ersten Vorstöße in das Büro von Studienrat Dr. Engel von seiner Vorzimmerhexe barsch abgeblockt. Doch irgendwann habe ich sie mürbe gemacht, denn im Sinne der internationalen Solidarität mit meinen Klassenkameraden lasse ich mich nicht entmutigen. Und so stehe ich dann eines Tages tatsächlich mit klopfendem Herzen im Allerheiligsten des Leiters unseres Kollegs, das der Kultusministerkonferenz untersteht und im Grunde nichts anderes tut, als alle jene ausländischen Studenten, die selbst denken können, schleunigst auszusortieren und in ihre Heimatländer zurückzuschicken, bevor sie sich den Horden der demonstrierenden Studenten anschließen können. DAS habe ich inzwischen nur allzu klar erkannt.
„Herr Dr. Engel, ich möchte Ihnen im Namen meiner Klasse…“ Er lässt mich gar nicht erst ausreden. „Was wollen Sie hier?“, beißen mich seine Worte in die Ohren. Ich setze also noch einmal an. „Meine Klasse hat mich zu ihrem Klassensprecher gewählt und ich möchte nun mit Ihnen…“ Diesmal höre ich von ganz alleine auf zu sprechen, denn einen dermaßen ungläubigen Ausdruck habe ich noch nie auf dem Gesicht eines Menschen erscheinen sehen. „Waaas? Haben Sie gesagt: ‚Klassensprecher’?“ Nun läuft das Gesicht rot und röter an, der Mann beginnt fast schon zu zittern, seine Stimme gewinnt an Schärfe und wird dabei auch immer lauter: „So etwas gibt es hier nicht. Sie sind Ausländer der Klasse drei. Und jetzt RAUS HIER!“ Sein Gebrüll schlägt zu und treibt mich aus dem Raum hinaus und zum ersten Mal in meinem Leben ahne ich, was der Begriff Rassismus tatsächlich bedeutet.
Später erfahre ich, daß nur Jugendliche aus den Ländern der Alliierten sowie Israel als ‚Ausländer der Klasse eins’ gelten, während die ‚Klasse zwei’ die nordeuropäischen Länder sowie Österreich und Ähnliches mehr umfasst. Das Gesocks aus allen anderen Ecken und Enden dieser Welt, alle die braunen und roten und gelben und schwarzen Menschen werden dagegen pauschal als ‚Klasse drei’ bezeichnet. Man bedenke, es ist das Jahr 1971 und nicht 1942, als mein (sehr braunhäutiger) Vater in das Deutschland des 3. Reiches kommt und selbst damals keiner derartigen Demütigung ausgesetzt ist, wie er mir immer wieder versichert.
Meine Freunde nehmen mir den Mißerfolg jedenfalls nicht übel, sie versuchen, mein arg angeschlagenes Ego mit ihrem Witz und ihren lachenden Augen wieder etwas aufzubauen, und ein Mädchen aus Argentinien gibt mir sogar einen Kuß auf die Wange. Ich fühle mich vergewaltigt von der Macht, die dieser Mann uns allen gegenüber hemmungslos an den Tag legt, meine Noten beginnen trotz gleichbleibender Leistung immer mehr abzusacken, kaum ein Lehrer, der mir noch gerade in die Augen blickt, und am Ende des Semesters bleibe ich als einziger der ganzen Klasse sitzen. Die Eins in Deutsch ist davon unberührt geblieben, an die traut sich sogar der teuflische Dr. Engel nicht heran, denn das wäre wohl zu offensichtlich gewesen. Aber die Fünf in Mathe bringt mich zu Fall. Dabei hatte ich ja selbst auf eine 4,3 hingearbeitet…
Nun habe ist den durch das Überspringen des ersten Semesters gewonnenen Zeitgewinn verspielt und muss das zweite Semester wiederholen, auch wenn mir eigentlich jede Lust dazu vergangen ist. Doch was tut man nicht alles seinen Eltern zuliebe, die immer wieder versuchen, mäßigend auf mich einzuwirken – und manchmal sogar Erfolg damit haben…