vondonatakindesperk 23.01.2020

Die Glätte

Wie entsteht ein Comic? Was gibt es zu bedenken? Und welche Tipps können mir erfolgreiche Comiczeichner*innen geben?

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2014 trieb mich die allgemeine Wohnungsnot in Berlin für einige Monate in ein möbliertes Ferienapartment, in dem ich ein sehr teures Zimmer bewohnte, das nur von einem Vorhang von der Küche abgetrennt war. Meine Mitbewohnerin kam aus Frankreich, weswegen sie keine Schufa-Auskunft vorlegen konnte, weswegen sie ihrerseits in einem möblierten Fereinapartment wohnte. „Möchtest du diese Bettwäsche benutzen?“ fragte ich meine neue Mitbewohnerin. „Ich brauch die nicht, ich hab Knopfphobie, ich kann da drin nicht schlafen, sonst ersticke ich an meiner eigenen Kotze.“ erklärte ich ihr. Sie verstand nicht nur, sondern fühlte es genau wie ich: „Ich hab auch Knopfphobie!“ Nach ein paar Tagen schicke sie mir diesen Link zum Spectator: „Steve Jobs’s button phobia has shaped the modern world“. Oh yes. Der vielleicht wichtigste Visionär unserer Zeit und eine WG prekär arbeitender junger Frauen in Berlin teilten eine Phobie!

Für einige Jahre glaubte ich ganz fest daran und verwies in Gesprächen regelmäßig auf den berühmten Bruder im Geiste. Er mochte keine Buttons, gemeint sind in seinem Fall aber kleine, gummierte Tasten, nicht Knöpfe. Seine Abneigung gegenüber dem zentralen Hassobjekt der allermeisten Koumpounophobiker*innen, dem Lochknopf, hielt sich in Grenzen, wie eine kurze Bildrecherche zeigt: Der Typ trug ohne Hemmungen Westen, Anzüge und Hemden. JE-DOCH! Fällt schon auf, dass er sich häufig irgendwelcher Workarounds bediente, z.B. auffällig oft Fliege und Smokinghemd trug, die zwar geknöpft werden, aber deutlich weniger Knöpfe sichtbar zeigen.

Das Wall Street Journal (leider mit Paywall) widmete der Knopfphobie des Steve Jobs 2007 den Text „Hide the Button: Steve Jobs Has His Finger on It“, in dem berichtet wird, dass Jobs schon 1978 darauf bestand, die Tastatur des ursprünglichen Macintosh ohne die Tasten hoch, runter, links, rechts zu bauen. Auch die tastenlose Maus sei Jobs zuzurechnen. Das lässt mich eher eine Design-Vision, eine Neigung zu Minimalismus, Nutzer*innen-Freundlichkeit und nicht zuletzt zur Glätte hin vermuten, als rasenden Ekel als Triebfeder seines Schaffens annehmen zu dürfen. Wie offen wäre die Hightech-Welt wohl einem Phobiker und seinen zwanghaft anmutenden Handlungen und Bedürfnissen gegenüber gewesen?

Frauen sind viel häufiger mit Phobien unterwegs als Männer. Das liegt wahrscheinlich an der größeren Bekenntnisoffenheit der Frauen. Sollte Steve Jobs full on Knopfphobiker gewesen sein, hat er es zumindest öffentlich nicht sagen wollen. Dann hätte sich meiner bescheidenen Meinung nach seine Phobie im Laufe seines Lebens zumindest verstärkt. Gleiches, also Verstärkung gilt m.E. auch für die bloße Abneigung gegen Knöpfe an der Keidung bzw. die Neigung zur Glätte.

Why we can´t claim him

Das absolut Horrormässigste für einen Knopfphobiker wäre es, einen Knopf in Mundnähe ertragen zu müssen. Ohnmacht aus Panik könnte eintreten, wenn sich tatsächlich ein Knopf in die Mundhöhle bewegte. Ich schreibe diese Zeilen gekrümmt und mit leichtem Lähmungsgefühl in den Armen, weil ich mich so stark ekle. Hier nun also der Beweis, dass Steve Jobs kein Button-Phobic gewesen sein kann:

„We made the buttons on the screen look so good you’ll want to lick them.“ 
– Steve Jobs, Co-founder Apple

Sowas wäre ihm als Koumpounophobiker einfach nicht über die Lippen gekommen. Die Imagination spielt bei Phobien eine große Rolle. Er hätte nicht dieses Sprachbild wählen müssen, aber tat es. Sorry, felllow Button-Phobics. Er war keiner von uns.

Dennoch: Der Visionär im Rollkragenpullover, er war zumindest der Hirte der Knopfphobiker*innen, denn er (bitte lesen als: sein Team, seine Kolleg*innen und er) bereitete uns allen eine Welt mit drastisch verringerter Anzahl von Knöpfen. Bless him dafür!

Unter seiner Führung wurde versucht, wie Arno Frank im Nachruf in der taz schrieb, das Technische mit dem Sinnlichen zu versöhnen.  Lesen wir zum Zwecke verringerter Glorifizierung des ikonografischen Steves den Nachruf und die schönen Kommentare darunter:

„Dass Jobs ein paar geniale Einfälle hatte, erlöst ihn nicht von seinen MEGA-Sünden.“

„Ja, Steve Jobs war auch ein richtiger Kotzbrocken. Ja, er konnte auch ein ziemliches Arschloch sein. Da geb ich dem Autor Recht. Allerdings finde ich es nicht in Ordnung, das auf die Appleprodukte zu projezieren.“

„Produkte von Apple mögen zu teuer, sie mögen technisch rückständig sein oder unter katastrophalen Bedingungen produziert werden – das Bekenntnis zu Apple bleibt davon unberührt, es ist, wie jedes religiöse Bekenntnis, ein Willensakt.“

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