vondigitalkonzentrat 03.02.2019

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Die musikalischen Subkulturen sind tot. Das behauptet zum Beispiel Vice beziehungsweise deren Interview-Partner Philipp Ikrath („Emos, Goths, Nu Metaler: Es gibt keine neuen Jugendkulturen mehr“). Ähnliches hört man vom Wacken-Veranstalter: Dem Wacken-Open-Air geht der Nachwuchs aus, das Szene-Magazin Metal Hammer schaut auch und gerade heute noch aus, als wäre es aus den 80ern gefallen. Wo sind sie hin, die ponylastigen Emofrisuren der 90er? Skate-Punk — ein inzwischen totes Lebensgefühl? Und vor allem: Welche Subkulturen folgten ihnen nach?

Es ist einfach, die Subkulturen für tot zu erklären und den Sündenbock im Social Media, im frühen Napster, MySpace und Spotify zu suchen. Das wäre aber nur die halbe Wahrheit.

Subkultur zu definieren ist schwer — zumal selbst der Mutterbegriff „Kultur“ je nach Kontext auch und gerade in der wissenschaftlichen Betrachtung mehrfach definiert ist. Dennoch ein Versuch: „Als Subkultur bezeichnet man Lebensformen, die Teil eines größeren kulturellen Ganzen sind, jedoch Normordnungen aufweisen, die von der Gesamtkultur abweichen.“ definiert Wolfgang Lipp (Wörterbuch d. Soziologie, Stuttgart 1989). Wohlgemerkt: Lebensformen. Die Abgrenzung zum gelegentlichen Radiopop der besten Hits und zum Campingurlaub, der zufällig auf dem Gelände von Rock am Ring stattfindet, ist ein großer. Wenn die vom Normativen abweichende Kultur das Leben bestimmt und definiert, sind wir in einer Subkultur unterwegs.

In Zeiten des Digitalen haben sich diese Subkulturen verändert. Es hat sich verändert, wie sie funktionieren, wie sie zusammengehalten werden und wie sie rekrutieren. Sie wurden aber nicht abgeschafft — man muss die Definition der Subkultur nur auf das neu Entstandene neu anwenden.

Duckface-Selfies mit kariertem Emo-Shirt

In den 90ern war das einzige existierende erfolgreiche Soziale Netzwerk MySpace. Es hat mit seinem Hang zum Visuellen, als Publikationsort für pixelige Selfies und blinkende Gifs, die Emo-Kultur maßgeblich gebildet. Es war die erste musikalische Subkultur, die als gemeinsamen Codex (Normordnung) komplett ohne musikalische Leader ausgekommen ist. Und damit vielleicht auch die erste im Digitalen funktionierende Subkultur überhaupt. Wer kann noch heute eine Emocore-Band benennen? Vermutlich können das nicht mal die heute Dreißigjährigen, die seinerzeit mit Haaren im Gesicht und viel zu engen karierten Shirts das Duckface-Selfie mit erfunden haben.

Bei MySpace hat man als Ausblick schon erahnen können, was bei der Bildung neuer Subkulturen passieren wird: Ein Diffundieren, weg von den Strukturen die einstige Vorgänger wie Punk und Metal ausgezeichnet haben. Die Musik kann eine Nebensache werden.

Und das auch im Mainstream. Nur so ist es möglich, dass der Sänger Lukas Rieger mit zwei Alben unglaubliche 1.8 Millionen Instagram-Follower hat. Etwas mehr als die Hälfte hat der Wacken-Headliner Slayer, deren Diskografie gar eine eigene Wikipediaseite benötigt. Lukas Rieger ist kein Sänger, sondern ein Influencer. Er muss alle Kanäle bedienen. Musik zu produzieren ist auf paradoxe Weise sowohl das, was ihn definiert, aber auch das, was er am wenigsten macht. Das geht, als Beispiel für den sichtbaren Mainstream, nicht einher mit dem, wie Subkultur funktioniert. Die Codizes und die notwendige Credibility einer Subkultur lassen diesen Widerspruch nicht zu. Demnach ist das, was heute im Social Media sichtbar ist, keine Subkultur. Man muss den digitalen Eisberg daher im Long Tail unter der Wasseroberfläche betrachten.

Metal, Punk, Emo, Techno und Goth waren geschlossene Szenen. Deren Medien und Organe waren nicht leicht zugänglich, es gab Gatekeeper, die man zu überwinden hatte: Mailorder-Kataloge, Fanzines, obskure Plattenläden und Clubs am Rande der Stadt. Das alles hat sich nicht eins zu eins ins Digitale übersetzen lassen. Dass eben alle Musik auf Spotify so einfach zugänglich ist, ist Segen und Fluch zugleich. Dass dann die ganz undigitalen Clubs sterben gegangen sind, kommt dazu.

Es sind neue Subkulturen entstanden, die nicht mehr nach diesen alten Mustern funktionieren können. Dazu gehört im jenseits der Musik die Gamerszene mit ihren Pro-Gamern und Fans, die international eine riesige Community bilden. Die Teilnehmer und (digitalen) Zuschauer der Game-Events übersteigen die von Musikfestivals um ein Vielfaches. Auch gut weggekommen sind Skater, Snowboarder, BMX und Extremsportler. Das visuelle, auf Individualpersonen reduzierbare Image lässt sich in den sozialen Medien sehr gut vermitteln, vor allem mit Videos.

Rapper mit Emo-Gesichtstattoos

Im Gegenzug dazu findet die neue Welle an hipstereskem Postrock-Shoegaze-Blackmetal nahezu keinen Platz in der Sichtbarkeit. Weil man in Zeiten von überreizter Individualität die Musik auch mit Shirt und Jeans anhören kann. Und dennoch sind die Merkmale einer Subkultur erreicht — wenn auch nicht so vorzeigbar wie seinerzeit die auffallenden Emos.

Und auch nicht so auffallend wie die Xanax-verherrlichenden Emo-Rapper, deren Gesichter mit Tattoos übersät sind, die direkt aus dem Skizzenbuch eines 90er Emos stammen könnten. Auch das ist eine neue Subkultur, sogar eine die sich mit Verkaufszahlen und Präsenz im Social Media sehr erfolgreich zeigt.

Über den Umweg von Animes, Manhwas und Psy hat sich die zentraleuropäische Fankultur des K-Pops von einer nerdigen Subkultur zur Titelstory der Bravo hin entwickelt. Das globalisierte Spotify hat dabei sicher eine große Rolle gespielt.

Subkulturen sind nicht tot. Und das Internet ist schon gar nicht schuld daran. Sie sind nur diffundiert, nicht mehr klar erkennbar und die alten Muster greifen nicht mehr. Neue Künstler sind aber genauso kreativ und revolutionär wie in den 80ern und 90ern. Man muss sie eben nur unter dem Schatten der übersichtbaren Social-Media-Influencern suchen.

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