vondigitalkonzentrat 06.07.2019

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Anarchie, Chaos und Unbeherrschbarkeit. Auch wenn die Sozialen Medien an der Oberfläche ganz nett und übersichtlich ausschauen, die Kontrolle darüber haben Betreiber und Benutzer von Facebook, Twitter und Co. längst verloren.

Wie und mit welchen Inhalten die Benutzer die Sozialen Medien befüllen, steht nicht in der Macht von Betreiber und Staat. Warum wurde Instagram zur Lifestyle-Oase, während Tumblr sich irgendwo zwischen Pornografie und Social Justice einpendelte? Warum ist Twitter in den USA so erfolgreich, in Deutschland aber eher eine Plattform der sarkastisch-zynischen Medien-Elite? Man weiß es nicht, und vermutlich haben die Betreiber der Plattformen diese Effekte allerhöchstens wahrgenommen und akzeptiert. Und keinesfalls kontrolliert. Es verlief eine chaotische Evolution.

Nicht nur die Inhalte, auch die Rezeption und Kultur der Plattformen entwickelt sich ohne Lenkung. Zu Urzeiten des Social Medias war das bereits der Standard. Zeilenweise haben wir damals esoterisches CSS in Formulare von MySpace kopiert, um blinkende Emo-Banner und glitzernde Hintergründe unseren unbedarften Profilbesuchern auf den Röhrenmonitor zu werfen. Entgegen dem Design, das MySpace eigentlich vorgesehen hatte. Gruppen bei StudiVZ waren mit ihren lustigen und ironischen Titeln reines Statement. Von den vom Betreiber angedachten Lerngruppen je Vorlesung war weit und breit keine Spur. Der Retweet bei Twitter wurde als Feature offiziell eingeführt, weil er zuerst von den Nutzern ganz manuell über die Zwischenablage umgesetzt wurde. Keiner der twitterschen Productowner hat das so in dieser Form erfunden. Die User taten es — irgendwie.

Inspirational Quotes auf Delfinbildern

Die Kultur und die Nutzungsschwerpunkte der Plattformen entwickeln sich chaotisch und anarchistisch im Schwarm ihrer Benutzer. Die Betreiber können mit der drölften Änderung des Timeline-Algorithmus und mit der Einführung von Features maximal nudgen und den Strom des Chaos grob lenken. Ob und wie ein Feature, beispielsweise die Instagram-Stories, jedoch verwendet wird, ist den Benutzern überlassen. Ob sich daraus eine Kultur von Vegan-Food-Pics oder peinlicher Inspirational Quotes auf Delfinbildern entwickelt, ist dem Schwarm überlassen. Und leider hat der Schwarm entschieden, dass er beides in hohem Maße will.

Doch das Chaos beschränkt sich nicht nur auf Rezeption und harmlose Memes. Die stellen maximal die Marketing-Profis (alle twittern sie lakonisch) und von Viralität abhängige Influencer vor Herausforderungen.

Weit schlimmer: Wir haben auch harte Probleme mit Sozialen Medien. Hass und Hetze, Mobbing, Verbreitung von Terror, Extremismus, Belästigungen jeglicher Art, Verschwörungskram, Propaganda und Missbrauchsvideos. Das alles findet statt und versteckt sich unter dem Chaos der unüberschaubaren Inhalte des Schwarms. Da kann man noch so viel Künstliche Intelligenz draufwerfen — auf Facebook bleiben sie stehen, die rechten Hasskommentare und die DMs an Frauen mit phalluslastigen Selbstbildnissen zweifelhafter Verehrer.

Reguliert die blauen Haare!

Die Selbstregulierung von Facebook und Co. funktioniert nicht. Löschanträge bleiben stundenlang unbearbeitet, das Live-Video vom rechtsextremen Amoklauf in Neuseeland wurde live gar nicht gemeldet und lang nach der vollendeten Tat überhaupt erst von den Plattformen genommen. Twitter pendelt, halb gezwungen durch das NetzDG und halb aus eigener Überzeugung, stets zwischen zu viel und zu wenig Löschung. Zudem sind die Schwerpunkte nach welchen Kriterien gelöscht oder gesperrt wird intransparent und chaotisch — dank Outsourcing dieser Tätigkeit an Fremdfirmen und Ausland vermutlich sogar für Twitter selbst.

Eine Lösung muss her, dieses Internet muss reguliert werden, das Chaos staatlich gebändigt werden, meinen dann sowohl die deutsche als auch die europäische Politik. Dass dieser blauhaarige Rezo in dieses Internet einfach so Videos laden darf, das müsste nach der Meinung von Kramp-Karrenbauer reguliert sein. Schäuble und Nun-doch-nicht-EU-Ratsvorsitzender Weber wollen eine Klarnamenpflicht im Internet. Beides zeigt, dass eines nicht verstanden ist: Das Internet der Sozialen Netze ist längst in Unordnung versunken und weder eine Regulierung von veröffentlichen Videos noch das Erzwingen von personalausweisidentischen Namen ist in der herrschenden Anarchie durchsetzbar. Nicht, wenn man auf totalitäre Mittel verzichten will. Nicht, wenn der Staat kein allgegenwärtigen Überwacher nach chinesischem oder nordkoreanischem Vorbild werden will.

Die Plattformen und das Nutzungsverhalten ändern sich zu schnell. Wenn man sich heute auf eine Lex Facebook einigt — wie auch immer diese aussehen mag — dann wird diese morgen durch den Wandel schon nicht mehr greifen. Dazu braucht es nichtmal den Niedergang von Facebook. Eine kleine Stellschraube bei den Features, ein Veränderung in der Nutzung — und schon greift eine zu enge Regulierung ins Leere.

Das von Ulf Buermeyer vorgeschlagene „Digitales Gewaltschutzgesetz“sieht vor, dass entgegen dem gerade geltendem NetzDG ein richterlicher Beschluss unkompliziert die Sperre eines individuellen Accounts erlaubt. Das ist vielleicht der beste Beitrag zu dieser Debatte, aber auch diese Lösung wird vom Chaos und der Diversität der Sozialen Medien eingeholt. Auf einigen Plattformen wie 4chan und imgur gibt es das Konzept von Accounts so gut wie gar nicht, bei reddit und pr0gramm spielt es keine Rolle.

Chaos mit Chaos bekämpfen

Und dennoch ist gerade reddit ein gutes Beispiel für ein Prinzip, welches der Anarchie des Sozialen Netzwerkes mit Anarchie begegnet. Es gibt auf reddit, ähnlich wie bei der Wikipedia, freiwillige und ehrenamtliche Moderatoren für abgegrenzte Teilbereiche. Divide et impera. Diese haben Löschrechte und werden weder von der Plattform bezahlt noch stehen sie in irgendeinem besonderen Vertragsverhältnis. Der Schwarm kontrolliert sich selbst. Das funktioniert nicht immer reibungslos, es befördert mitunter belustigendes Drama und Flamewars. Es sorgt aber für einen weitgehend akzeptablen Zustand, sowohl auf reddit als auch in der Community von Wikipedia.

Gesetze zur Kontrolle der sozialen Medien sind wichtig. Aber sie sind maximal ein Anfang, ein Managen des sichtbaren Teil eines riesigen Eisberges. Für den großen Rest müssen die Betreiber das Feuer mit Feuer bekämpfen. Der Autor Dean Koontz schrieb mal: „Chaos half-loosed cannot be long controlled; it is all or nothing.“ Alles zu kontrollieren wäre Totalitarismus. Darum sollten wir uns eher nach anderen Strategien in und mit dem Chaos umschauen.

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