vonHans Cousto 14.05.2020

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Aufklärung über Drogen – die legalen und illegalen Highs & Downs und die Politik, die damit gemacht wird.

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SARS-CoV-2-Epidemien werfen ein erhebliches Problem der öffentlichen Gesundheit auf planetarischer Ebene auf. Es ist dringend erforderlich, Behandlungen zu finden, die auf den derzeit verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Daher schlagen der Professor für molekulare Neurobiologie am Collège de France und am Institut Pasteur, Jean-Pierre Changeux, und Kollegen vorläufig eine Hypothese vor, die hoffentlich letztendlich dazu beitragen könnte, Leben zu retten. Basierend auf der aktuellen wissenschaftlichen Literatur und neuen epidemiologischen Daten, die zeigen, dass der aktuelle Raucherstatus ein Schutzfaktor gegen die Infektion mit SARS-CoV-2 zu sein scheint, nehmen die Forscher an, dass der nikotinische Acetylcholinrezeptor (nAChR) eine Schlüsselrolle spielt in der Pathophysiologie der Covid-19-Infektion und könnte ein Ziel für die Prävention und Kontrolle der Covid-19-Infektion darstellen. Ihre Arbeit publizierten sie am 21. April 2020 unter dem Titel „Eine Nikotinhypothese für Covid-19 mit präventiven und therapeutischen Auswirkungen“ (A nicotinic hypothesis for Covid-19 with preventive and therapeutic implications).

Raucher/innen erkranken seltener an COVID-19

Französische Forscher/innen haben die Rate der täglichen Raucher bei COVID-19-infizierten Patienten in einem großen französischen Universitätskrankenhaus (Pitié-Salpêtrière-Krankenhaus in Paris) zwischen dem 28. Februar 2020 und dem 30. März 2020 für ambulante Patienten und vom 23. März bis zum 9. April 2020 für stationäre Patienten untersucht. Die Anteile der Raucher/innen beider Gruppen wurden mit denen der täglichen Raucher/innen in der französischen Allgemeinbevölkerung von 2018 verglichen, die 2018 nach Standardisierung der Daten für Geschlecht und Alter ermittelt wurden. Die Querschnittsstudie sowohl bei ambulanten als auch bei stationären COVID-19-Patienten legt nahe, dass tägliche Raucher im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine sehr viel geringere Wahrscheinlichkeit haben, eine symptomatische oder schwere SARS-CoV-2-Infektion zu entwickeln.

Der Raucherstatus wurde erfasst und die Patienten wurden speziell gefragt, ob sie derzeit Raucher/innen sind. Tägliche Raucher/innen sind Personen, die täglich rauchen oder die tägliche Häufigkeit der Anzahl der hergestellten oder gerollten Zigaretten oder anderer Tabakerzeugnisse angeben. Gelegentliche Raucher/innen sind Personen, die seltenes, aber nicht tägliches Rauchen angeben. Zu der Gruppe der ehemaligen Raucher/innen gehören Personen, die in der Vergangenheit gelegentlich oder täglich geraucht hatten und vor dem Untersuchungszeitpunkt auf das Rauchen verzichtet hatten. Der Begriff „Nichtraucher/innen“ bezeichnete Personen, die nie geraucht hatten.

Die französische Allgemeinbevölkerung wurde als Referenz für den Vergleich mit den COVID-19-Patienten verwendet. Die jüngsten Raten der aktuellen täglichen Raucher/innen in Frankreich wurden für das Jahr 2018 nach Geschlecht und Altersklassen aus der allgemeinen Umfrage „Baromètre de Santé Publique France“ der französischen Bevölkerung gemeldet. Die Umfrage 2018 umfasste eine Stichprobe von 9.074 Personen. Im Jahr 2018 rauchten täglich 25,4% der Bevölkerung in Frankreich ab dem Alter von 18 Jahren (28,2% der Männer und 22,9% der Frauen). Gelegentlich rauchten 6,6% der Bevölkerung, mit einem nur sehr geringen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Der Anteil der täglichen Raucher/innen bei den COVID-19-Patienten ist etwa fünfmal kleiner als der Anteil der täglichen Raucher/innen in der Bevölkerung in Frankreich. Hingegen ist der Anteil der ehemaligen Raucher/innen bei den COVID-19-Patienten etwa doppelt so groß wie in der Anteil der Raucher/innen in der Bevölkerung. Vergleiche hierzu die unten stehende Tabelle.

Rauchgewohnheiten von COVID-19-Patienten – Angaben in Prozent der untersuchten Patienten in Frankreich
Rauchgewohnheiten von COVID-19-Patienten – Angaben in Prozent der untersuchten Patienten in Frankreich

Die stationäre Gruppe bestand aus 343 Patienten im Durchschnittsalter von 65 Jahren: 206 Männer (60,1%, Durchschnittsalter 66 Jahre) und 137 Frauen (39,9%, Durchschnittsalter 65 Jahre). Die Rate der täglichen Raucher betrug 4,4 (5,4% der Männer und 2,9% der Frauen). Die ambulante Gruppe bestand aus 139 Patienten im Durchschnittsalter von 44 Jahren: 62 Männer (44,6%, Durchschnittsalter 43 Jahre) und 77 Frauen (55,4%, Durchschnittsalter 44 Jahre). Die tägliche Raucherquote betrug 5,3% (5,1% der Männer und 5,5% der Frauen). Bei stationären Patienten wurde als Vorerkrankung häufig Bluthochdruck (41,4%), Diabetes (27,7%), Fettleibigkeit (14,4%) und Immunschwäche (17,8%) beobachtet. Quelle: Makoto Miyara et al.: „Geringe Inzidenz des täglichen aktiven Tabakrauchens bei Patienten mit symptomatischem COVID-19“ (Low incidence of daily active tobacco smoking in patients with symptomatic COVID-19).

Zusammenhang von COVID-19 und Nikotin

Jean-Pierre Changeux erklärte am 28. April 2020 in einem Interview, das unter dem Titel „Kann Nikotin bei COVID-19 helfen“ (Could nicotine help against Covid-19?):

Der erste Teil der Hypothese ist, dass Nikotin – das reichlich im Tabak vorhanden ist, aber bei weitem nicht der einzige Bestandteil des Tabakrauchs – ein effektiver Wirkstoff gegen SARS-CoV-2 ist. Das zweite Teil ist, dass, da Nikotin an einen gut identifizierten Rezeptor, den Acetylcholin-Nikotinrezeptor (nAChR), bindet (wir haben ihn 1970 isoliert), dieser Rezeptor an einer SARS-CoV-2-Infektion beteiligt wäre. Das Virus würde direkt oder indirekt mit dem nAChR interagieren und Nikotin würde diese Wechselwirkung antagonisieren, das heißt, dieser Wechselwirkung entgegenwirken.

Anteil der Männer in Prozent in den jeweiligen Staaten, die Tabakprodukte rauchen. Datenquelle: WHO (CC BY-SA 3.0)
Anteil der Männer in Prozent in den jeweiligen Staaten, die Tabakprodukte rauchen. Datenquelle: WHO (CC BY-SA 3.0)

Daten aus China zeigen ein ähnliches Bild wie in Frankreich

In China wurden in Studien die Daten von 5.960 Patienten mit Daten zum Raucherstatus vorgestellt, wobei 55,1% Männer waren. Von diesen Patienten gaben 450 an, dass sie Raucher/innen seien, wobei die Prävalenz in allen Studien zwischen 1,4% und 12,6% lag. Die durchschnittliche  statistisch bereinigte Prävalenz des aktuellen Rauchens betrug bei den COVID-19-Patienten 6,5%. Unter Berücksichtigung der Raucherprävalenz in der Bevölkerung wurde in China eine ungewöhnlich niedrige Prävalenz des derzeitigen Rauchens bei COVID-19-Fällen im Krankenhaus beobachtet. Die in den 13 untersuchten Studien beobachtete durchschnittliche Prävalenz betrug ungefähr 1/4 der Bevölkerungsprävalenz. In allen Studien wurde eine konstant niedrige Prävalenz des derzeitigen Rauchens beobachtet.

Die Raucherprävalenz ist bei älteren chinesischen Männern besonders hoch. Die Prävalenz des gegenwärtigen Rauchens bei Männern beträgt in China: 46,5% (18 bis 29 Jahren), 57,6% (30 bis 39 Jahren), 60,3% (40 bis 49 Jahren, 59,5% (50 bis 59 Jahren), 52,2% (60 bis 69 Jahren) und 41,5% bei Männern über 70 Jahren. Bei Frauen wurden die höchsten Raucherquoten bei Personen ab 50 Jahren (4,7% bis 8,7%) im Vergleich zu jüngeren Altersgruppen (1,7% bis 2,6%) beobachtet.

In den vorliegenden Analysen wurden nur Fälle im Krankenhaus untersucht. Daher kann keine Schlussfolgerung über die Anfälligkeit von Raucher/innen für weniger schweres COVID-19 gezogen werden, für das kein Krankenhausaufenthalt erforderlich ist. Jedoch kann festgestellt werden, dass Raucher/innen seltener an schweren COVID-19 Symptomen leiden als Nichtraucher/innen.

In Anbetracht der oben genannten Unsicherheiten bleibt der allgemeine Ratschlag zur Raucherentwöhnung als Maßnahme zur Verbesserung des Gesundheitsrisikos gültig, es kann jedoch derzeit keine Empfehlung bezüglich der Auswirkungen des Rauchens auf das Risiko einer Krankenhauseinweisung für COVID-19 abgegeben werden. Tatsächlich wurde die konstant niedrige Prävalenz des derzeitigen Rauchens bei chinesischen Patienten mit COVID-19 durch die kürzlich von der US-amerikanischen CDC veröffentlichten Daten weiter gestützt. Von insgesamt 7.162 untersuchten Patientendaten in den USA waren derzeit nur 1,3% Raucher/innen, während die Raucherprävalenz in der Bevölkerung in den USA 13,8% beträgt. Datenquelle: Konstantinos Farsalinos et al.: „Rauchen, Dampfen und Krankenhausaufenthalt für COVID-19“ (Smoking, vaping and hospitalization for COVID-19).

Fazit

Die Warnungen diverser Gesundheitsbehörden, die beinhalteten, das Raucher/innen bei COVID-19 besonders gefährdet seien, basierten nicht auf wissenschaftlichen Fakten und müssen deshalb ersatzlos gestrichen respektive gelöscht werden. Besonders gefährdet scheinen vor allem ehemalige Raucher/innen zu sein, gefolgt von den Personen, die niemals geraucht haben. Offensichtlich sind die Raucher/innen hier am wenigsten respektive eher seltener gefährdet schwer an COVID-19 zu erkranken.

Vergleiche hierzu in diesem Blog:

[03.05.2020] COVID-19-Infektionen und Cannabis

 

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kommentare

  • Interessant wäre bei dieser Studie zu erfahren, wer sie in Auftrag gegeben und ein Interesse daran hat, dass der schlechte Ruf des Tabaks aufgewertet wird. Interessant auch, dass sich die Bundesregierung als einzige europäische Regierung bisher geweigert hat, öffentliche Tabakwerbung zu verbieten, aber jetzt nach jahrelanger Weigerung erst ab 2023 endlich ein Werbeverbot erlaubt.

  • Kürzlich hat ein Kabarettist dazu empfohlen, nicht nur die Bildchen auf den Zigarettenschachteln zu ändern, sondern sich vorzustellen, wie das aussieht, wenn unsere lieben Kleinen alle mit einer Fluppe im Mund im Sandkasten sitzen.

  • Das ist hochinteressant, denn damit haben wir freiwillige Versuchskaninchen und evtl den Weg zu einem Anti-Covid19-Mittel gefunden. Wichtig: ein Nicht-infektiöses Mittel, was uns sonst vor Impf-Tests zurückschrecken lässt. Die Anzahl der Raucher ist groß genug, um Statistik zu betreiben.
    Also demnächst Blümchen statt Totenköpfen auf den Zigarettenpackungen.
    Leider ist Rauchen teurer als Impfen.
    Die Einnahmen kommen aber einem guten Zweck zugute: den Steuereinnahmen unseres Staates.

    Da sieht man einmal, wie leichtsinnig in unserem Staat ungeprüfte Gerüchte verbreitet werden.

    Ich selbst bin kein Raucher, weil meine Lunge und meine Augen heftig auf Zigarettenrauch reagieren. Ich bedarf nur einer sehr geringen Menge Rauch um diese in Alarmzustand zu versetzen. Anscheinend ist es aber nicht der Alarmzustand, der vor Covid19 schützt.
    Ein sehr gründlicher Bericht, nur aus einem einzigen Krankenhaus! Das sollte sich das RKI mal als Vorbild nehmen. Gangelt war auch solch ein überschaubarer Bereich, in dem man gründlich nachforschen konnte. Aber genau die Berichte aus Gangelt wurden vom RKI erst mit einem vollen Monat Verspätung verwendet. Wollte das RKI etwa mit einer hohen Dunkelziffer leben?
    Böse Zungen behaupteten schon, das RKI wollte der Bevölkerung Angst einjagen.

    In Belgien vermutet man einen Zusammenhang mit der Pharmaindustrie, dort wurde von oben mit unterschiedlichen Zählweisen manipuliert.
    Raucher gibt es in Massen. Fehlen bei Covid19 immer noch zuverlässige Daten, für Raucher existieren sie. Vielleicht kann man auf dem Umweg auch über diese die liderlich erhobenen Daten unseres Gesundheitssystems korrigieren?
    Nur zufällig auch hier ein Korrekturfaktor von 5, wie der von Gangelt, aber im anderen Zusammenhang.

    Krankenhäuser arbeiten übrigens rund um die Uhr. In den alles beherrschenden Zacken in den Statitiken des RKI ist genau der Schlafrythmus unserer Beamten zu erkennen.

  • Zu behaupten das Tabakkonsum vor Covid schützt ist gefährlich , ja diese Zitierte Studie ist so gemacht worden aber es gibt viele Faktoren die in dieser Studie nicht berücksichtigt wurden oder nicht mitzitiert wurden.

    -Es könnte sein das Medikamente die Raucher oft verschrieben bekommen für die Protektive Wirkung verantwortlich sind

    -COPD Patienten , also Patienten die an einer chronischen Schädigung der Lunge leiden welche fast immer durch Rauchen verursacht wird, haben ein högeres Risiko aufgrund von Covid-19 auf Intensiv beatmet werden zu müssen und auch daran zu versterben als nicht COPD Patienten

    -Es könnte sein das aufgrund der chaotischen Zustände in den betroffenen Regionen der Raucherstatus nicht korrekt erfasst wurde

    Quelle: https://erj.ersjournals.com/content/early/2020/04/29/13993003.01340-2020?utm_source=TrendMD&utm_medium=cpc&utm_campaign=_European_Respiratory_Journal_TrendMD_0

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