vonHans Cousto 16.07.2021

Drogerie

Aufklärung über Drogen – die legalen und illegalen Highs & Downs und die Politik, die damit gemacht wird.

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Der Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik akzept e.V. präsentierte am 15. Juli 2021 auf einer Online-Pressekonferenz den Alternativen Drogen- und Suchtbericht 2021. Diese achte der jährlich erscheinenden Ausgabe des Alternativen Drogen- und Suchtberichts umfasst nahezu 200 Seiten mit einer kritischen und gleichzeitig konstruktiven Sicht auf die aktuellen Entwicklungen im Drogen- und Suchtbereich in Deutschland.

Für eine ganzheitliche und nachhaltige Drogenpolitik

Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2021
Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2021

Schwerpunktthema ist dieses Jahr die Alkoholk- und Tabakkontrollpolitik in Deutschland. Deutlich wird dabei, dass Deutschland sowohl in Bezug auf die Alkoholkontrollpolitik als auch auf die Tabakkontrollpolitik eine sehr industriefreundliche und wenig gesundheitspolitische Ausrichtung hat. In mehreren Beiträgen wird der hohe Preis deutlich, den wir dafür zahlen müssen.

Ein weiteres Schwerpunktthema ist die Schadensminderung (harm reduction). Neben den vielen inzwischen errungenen Erfolgen der Schadensminderung in der Drogenhilfe zeigen sich immer wieder Defizite in der Versorgung Drogen konsumierender Menschen in Freiheit und besonders in Haft. Einige Stichworte sind die drohende Versorgungskrise in der Substitutionsbehandlung, das Ansteigen drogenbedingter Todesfälle oder die Versorgung von Patienten mit Cannabis als Medizin.

Die bereits errungenen Erfolge der Schadensminderung (harm reduction) in vielen Bereichen der Drogenhilfe werden also noch immer konterkariert von Schäden, die durch die Strafverfolgung von Drogen konsumierenden Menschen entstehen. Die stetig zunehmende Strafverfolgung für Erwerb und Besitz geringer Mengen zum Eigenbedarf verschwendet nicht nur enorme Ressourcen in der Polizeiarbeit und der Justiz. Sie vergibt auch die Chance, über eine kontrollierte Abgabe von Substanzen Regulierung und Qualitätskontrollen einzuführen, also den bestmöglichen Jugend- und Verbraucherschutz im Sinne von Schadensminimierung zu ermöglichen.

Positive Entwicklungen durch die Covid-19 Pandemie

Im Frühjahr 2020 trat im Rahmen des Infektionsschutzgesetzes eine Rechtsverordnung des Gesundheitsministers in Kraft, die die betäubungsmittel- und medizinrechtlichen Vorgaben temporär erweiterten. Damit gelang es im Zusammenspiel aller Akteure (Ärzte, Krankenkassen, Gesundheitsbeörden) zumindest in den Großstädten die Versorgung mit der Opoioidsubstitutionsbehandlung sicher zu stellen und den Kreis der Substituierten zu erweitern. Diese erfolgreichen temporären Erleichterungen in der Substitutionsbehandlung gilt es dauerhaft zu implementieren.

Drogenbedingte Todesfälle reduzieren

Die Zahl der drogenbedingten Todesfälle in Deutschland hat in den letzten 10 Jahren kontinuierlich zugenommen. Deshalb wird im vorliegenden Bericht ein Maßnahmenplan für eine nachhaltige Reduktion drogenbedingter Todesfälle in Deutschland vorgestellt. Ein wichtiger Baustein dazu ist das kürzlich vom Bundesministerium für Gesundheit gestartete Modellprojekt NALtrain. Dieses erste bundesweite Modellprojekt zum Thema Take Home Naloxon soll in den nächsten drei Jahren den Grundstein dafür legen, dass Ärztinnen und Ärzte das Medikament verordnen und möglichst viele Opioidkonsumenten und Substituierte dieses lebenswichtige Präparat mit sich führen und anwenden können. Projektträger sind akzept e.V., die Deutsche Aidshilfe und das Institut für Suchtforschung Frankfurt.

Schadensminderung und Strafverfolgung

Während die Entwicklung von Verhältnisprävention bei den legalen Drogen auf sehr niedrigem Niveau stagniert, dreht sich die Kriminalisierungsspirale bei illegalen Substanzen ungebremst weiter: Auch 2020 hat sich der Anstieg der polizeilichen Ermittlungsverfahren zu Straftaten nach dem Betäubungsmittelgesetz fortgesetzt: Noch nie sind in Deutschland mit 365.753 polizeilichen Ermittlungsverfahren so viele „Rauschgiftdelikte“ registriert worden wie 2020. Ganz überwiegend beruht diese Entwicklung weiterhin auf der polizeilichen Verfolgung der sogenannten konsumnahen Delikte (allgemeine Verstöße) im Mengenbereich lediglich zum Eigenbedarf.

Autoren auf der Pressekonferenz

Heino Stöver
Heino Stöver

Prof. Dr. Heino Stöver (Vorstandsvorsitzender von akzept e.V. und geschäftsführender Direktor des Institut für Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences) sprach zum Thema verfehlte Tabakkontrollpolitik verhindert Harm Reduction.

Heino Stöver schrieb mit Bernd Werse das Vorwort (S.8) sowie das Kapitel „Tabaksteuer auf E-Zigaretten: Ein Widerspruch gefährdet Ihre Gesundheit“ (s. 75), mit Dirk Schäffer und Claudia Schieren das Kapitel „100000 Substituierte bis 2022 – Eine Zwischenbilanz nach einem Jahr“ (S. 93), mit Dirk Schäffer das Kapitel „Maßnahmenplan für eine nachhaltige Reduktion drogenbedingter Todesfälle in Deutschland“ (S. 99), mit Karlheinz Keppler, Jan Fährmann, Wolfgang Lesting und Ulrike Häßler das Kapitel „Opioidsubstitutionsbehandlung im Justiz- und Maßregelvollzug: Wirksamkeit, Hindernisse und Lösungsmöglichkeiten“ (S. 103), mit Anna Dichtl und Dirk Schäffer das Kapitel „Noch 9 Jahre – eine Zwischenbilanz in Bezug auf die Erreichung der WHO-Eliminierungsziele (HIV, HCV) in Deutschland“ (S. 128), Mit Fabian Pitter Steinmetz das Kapitel „Die Kokain-E-Zigarette – neue Chancen zur Schadensminimierung?“ (S. 135), mit Ingo Ilja Michels, Kirsten R. Müller-Vahl und Franjo Grotenhermen das Kapitel „Positionspapier: Cannabis als Medizin: Warum weitere Verbesserungen notwendig und möglich sind“ (S. 142)

Jakob Manthey
Jakob Manthey

Jakob Manthey ist promovierter Psychologe und arbeitet am Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der TU Dresden, am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, sowie an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Leipzig. Ihn interessiert die Epidemiologie von Alkohol und Cannabis und beschäftigt sich insbesondere mit der Frage, wie substanzbedingte Schäden verhindert werden können. Er berichtete über die Entwicklung des Alkoholkonsums unter Covid19.

Jakob Manthey verfasste mit Carolin Kilian und Christina Lindemann das Kapitel „Folgen des leichten bis moderaten Alkoholkonsums in Deutschland“ (S. 50) und mit Sinja Klinger, Sinclair Carr, Carolin Kilian, Ludwig Kraus, Sören Kuitunen-Paul, Georg Schomerus und Sven Speerforck das Kapitel „Alkohol und COVID-19: ein Update aus 2021“ (S. 56),

Dirk Schäffer
Dirk Schäffer

Dirk Schäffer ist seit 1998 Mitarbeiter der Deutschen Aidshilfe. Von 1998-2000 bundesweiter Koordinator des JES-Bundesverbands. Seit 2001 Referent und Leiter des Fachbereichs „Drogen und Strafvollzug“ der Deutschen Aidshilfe. Er ist Initiator von Modellprojekten, wie z.B. „TEST It“ und „SMOKE It“ sowie „HIV? Hepatitis? DAS CHECK ICH“ . Er ist auch Berater von nationalen Programmen zur umfassenden Gesundheitsversorgung Drogenkonsumierender in Nepal und Thailand (GIZ und Global Fund), Mitbegründer des Schildower Kreises sowie des „Aktionsbündnis Hepatitis und Drogengebrauch“ . Er stellte die Kampagne 100.000 Substituierte bis 2022 – der Versorgungskrise begegnen vor.

Dirk Schäffer verfasste mit Urs Köthner das Kapitel „Substitutionsbehandlung – der drohenden Versorgungskrise mit strukturellen Änderungen begegnen“ (S. 88), mit Heino Stöver und Claudia Schieren das Kapitel „100.000 Substituierte bis 2022 – Eine Zwischenbilanz nach einem Jahr“ (S. 93), mit Heino Stöver das Kapitel „Maßnahmenplan für eine nachhaltige Reduktion drogenbedingter
Todesfälle in Deutschland“ (S. 99), mit Anna Dichtl und Heino Stöver das Kapitel „Noch 9 Jahre – eine Zwischenbilanz in Bezug auf die Erreichung der WHO-Eliminierungsziele (HIV, HCV) in Deutschland“ (S. 128)

Bernd Werse
Bernd Werse

Bernd Werse, Dr. phil., Soziologe, seit 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Drittmittelforschungsbüro Centre for Drug Research an der Frankfurter Goethe-Universität. Arbeitsschwerpunkte: Drogentrends, neue psychoaktive Substanzen, Drogenhandel, Substanzkonsum in Jugendkulturen. Sprecher des Schildower Kreises, Vorstandsmitglied der European Society for Social Drug Research (ESSD). Er referierte zum Thema Cannabis als Medizin sowie über das entsprechende Gesetz und die Wirklichkeit.

Bernd Werse schrieb mit Heino Stöver das Vorwort (S8) sowie das Kapitel „Tabaksteuer auf E-Zigaretten: Ein Widerspruch gefährdet Ihre Gesundheit“ (S. 75), zudem verfasste er das Kapitel „Sprit in Dosen – wie gut gemeinte Steuern paradoxe Auswirkungen haben können“ (S. 46) und das Kapitel „Cannabis als Medizin: Selbstmedikation und Stigmatisierung“ (S. 148) und mit Gerrit Kamphausen das Kapitel „Cannabiskonsum in der Corona-Pandemie: Markt und Verbot unter Druck“ (S. 172) und mit Volker Auwärter und Karsten Tögel-Lins das Kapitel „Alter Wein in neuen Schläuchen: Synthetische Cannabinoide auf CBD-Hanf als vermeidbare Gesundheitsgefahr für Cannabis-Konsumierende“ (S.178).

Hubert Wimber studierte Volkswirtschaftslehre und Sozialwissenschaften an den Universitäten Bochum und Göttingen, nach Absolvierung des Referendariats für den höheren allgemeinen Verwaltungsdienst war er seit 1980 in unterschiedlichen Funktionen in der Verwaltung des Landes Nordrhein-Westfalen, so u.a. als Polizeipräsident in Münster. Er erläuterte, was 365.753 polizeiliche Ermittlungsverfahren zu ‚Rauschgiftdelikten’ im Kampf gegen die Drogen bewirken.

Hubert Wimber schrieb das Kapitel zur Drogenpolitik (S. 12).

 

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akzept e.V.

akzept e.V. Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik wurde im Frühjahr 1990 in Bremen gegründet. Es ist ein interdisziplinärer Zusammenschluss von Praktikern und Forschern, Professionellen und Patienten, Sozialarbeitern Medizinern, Juristen und drogenpolitisch engagierten Personen und Verbänden. Derzeit sind 55 Einrichtungen und Verbände sowie 140 Einzelpersonen Mitglied bei akzept. Vorstand und Aktive arbeiten ehrenamtlich für akzept.

Eine Reihe von Forderungen aus der Gründungszeit sind inzwischen von der Drogenpolitik umgesetzt wie z.B. die Substitutionsbehandlung als ‚state of the art‘, Spritzentausch, der legale Betrieb von Drogenkonsumräumen, die Verschreibungsfähigkeit von Diamorphin (Heroin). Andere Forderungen gilt es noch zu implementieren, dazu gehören die Naloxonvergabe im Drogennotfall und Drug-Checking.

Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2021

Der Alternative Drogen- und Suchtbericht 2021 ist bei Pabst Science Publishers erschienen: (Print: ISBN 978-3-95853-717-0) und als eBook (ISBN 978-3-95853-718-7). Als PDF-Datei ist der Alternative Drogen- und Suchtbericht 2021 auf der Website des Akzept e.V. zum freien Download verfügbar.

Vergleiche hierzu in diesem Blog

[07.10.2020] 7. Alternativer Drogen- und Suchtbericht

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