vonmanuelschubert 13.02.2019

Filmanzeiger

Texte, Töne und Schnipsel aus dem kinematografischen Raum auf der Leinwand und davor. Kinoverliebt. Filmkritisch. Festivalaffin.

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Haben Sie über einen Zeitraum von fünf oder mehr Minuten starke Schmerzen im Brustkorb, die bisweilen ausstrahlen? Fühlen Sie sich, als ob ein Elefant auf Ihrer Brust stehen würde? Verspüren Sie ein heftiges Brennen in der Brust? Ist Ihnen in einem bisher nicht gekannten Ausmaß und schmerzhaft übel? Müssen Sie sich erbrechen und bekommen kaum Luft? Schwitzen Sie vor Angst, ist Ihre Haut kalt und fahl? Dann rufen Sie sich sofort einen Notarzt, Sie haben einen Herzinfarkt.

Juri erwacht schweißgebadet aus einem Albtraum. Er fasst sich an die Brust, Schmerzen. Eben noch träumte er, dass er einem Raben auf seiner Brust dabei zuschaute, wie der mit seinem Schnabel an Juris Herz knabberte. Der junge Mann, mit wuscheligem schwarzen Haar sitzt in seiner düsteren Wohnung. Er steht auf, liest panisch die Symptombeschreibung eines Herzinfarkts im Internet nach. Vielleicht muss er sterben? Ist es jetzt soweit? Holt ihn nun der Tod? Nein.

Er geht Wäschewaschen. Im Waschkeller trifft er auf einen alten Nachbarn. Der wartet auf die Waschmaschine und zündet sich derweil eine Kippe an. Juri blickt irritiert auf den Zigarettenqualm. Rauchen verursacht Krebs, Rauchen führt zum Tod, mahnt sein Gesichtsausdruck. Der Alte registriert es und gibt sich lakonisch: „Werd bloß nicht so alt wie ich.“ Darmspiegelung und überhaupt. Doch Juri kann kontern, denn er hatte auch schon eine Darmspiegelung. Die Männer kommen ins Plaudern: erst dieser Roboterarm, der in einen einfährt, und dann dieses Ziepen im Bauch, wenn der Roboter eine Gewebeprobe nimmt.

Wiener Würstchen mit Akzent

Zurück in Juris Wohnung, er versucht auf seinem Horn zu üben. Er scheint Musiker zu sein. Er macht sich eine Kassette an. Inspiration. Dann Bandsalat. Plötzlich ein Geräusch in der Ecke, Juri guckt, ein Rabe stürzt sich ihm entgegen, wirft eine Lampe um, Dunkelheit, Juri panisch, er verlässt das Haus, rennt in die Nacht.

In einer abgewrackten Kneipe bestellt er einen Schnaps, doch es gibt hier keinen Alkohol. Nur Spielautomaten. Also Spielautomat, um die Nerven zu beruhigen. Ein komischer Typ im schwarzen Jackett und mit russischem Akzent sprechend, stellt sich zu ihm, an einem Wiener Würstchen knabbernd. Wenige Augenblicken später wird dieser Typ Juri zu Boden geworfen haben, ihn mit dem Tode bedrohen und ihn fragen, ob Juri auf diesem hässlichen Teppichboden wirklich sterben möchte. Er möchte nicht.

Doch nun hat Juri diesen sinisteren Fremden, der sich höflich per (Tarot-)Karte als Tod vorstellte, im Nacken. Er wird ihn nicht mehr los, egal was er tut. Genauso wie den Raben. Und wir befinden uns als Zuschauende bereits mitten in O BEAUTIFUL NIGHT, das Spielfilmdebüt des Zeichners Xaver Böhm, geschrieben zusammen mit der Autorin Ariana Berndl und produziert unter anderem durch Maren Ade (ALLE ANDEREN, TONI ERDMANN).

Kernland sozialpädagogischer Erziehungsunterhaltung

Bei diesem Film drängeln sich gewisse Adjektive auf: rasant, verrückt, anarchisch, düster, lakonisch, melancholisch. Alles richtig. Wirklich treffend umschrieben ist O BEAUTIFUL NIGHT allerdings mit: überraschend.

Mich wirst Du nicht mehr los, sagt der Tod | (c) Bild. © JieunYi/Komplizen Film/IFB 2019

Wenn sich Filmemacher*innen hierzulande an Genres versuchen, deren Heimat die Filmnationen USA und Frankreich sind, entsteht selten etwas Sehenswertes. Besonders schlimm wird es beim Film Noir. Münchens Maximilianstraße ist kein Ort für rasante Verfolgungsjagden im Zwielicht und bei Regen. Kein todgeweihtes Liebespaar wird sich ein letztes Mal innig küssen, wenn im Hintergrund der Kölner Dom rumsteht. Hamburg ist nur als Zuhause für verhärmte Alkoholkranke und Serienmörder wirklich glaubwürdig. Dem subtilen Glam eines doppelbödigen Charakters, die/der im Dreck wühlen muss, um etwas Gutes zu finden (oder daran zu scheitern), bietet die Hansestadt keine Bühne. Und die Trinkhallen des Ruhrgebiets sind selbst den ganz kleinen Fischen zu ranzig für ihre Schiebereien.

Nein, im Kernland der sozialpädagogischen Erziehungsunterhaltung, wo der Schulmeister Dominik Graf als Kulturgut verehrt wird und Fernsehen a la Der Kommissar, Derrick, SOKO Dingsbums und Tatort das Sehen normiert, da klappt man dem Publikum bei Einbruch der Dunkelheit lieber habituell die Bürgersteige vor dem Fernseher und im Kino hoch. Das Filmschaffen in Deutschland hat im Allgemeinen kein Gefühl für die Schönheit der Nacht. Ist zu trivial gestrickt für die schwer auflösbare Komplexität des Zwielichts. Und zu klein- bis bildungsbürgerlich für die erratische Lebensgestaltung von Charakteren abseits der Norm, die jeden Film Noir bevölkern.

Anders formuliert: Die Nacht ist niemals so dunkel wie die Farbe Schwarz. Und Licht wird immer Schatten werfen, egal wie hell und weiß es strahlt. Die Nacht ist Grau. Doch mit Grauschattierungen mag man in Deutschland lieber weniger zu tun haben. Grau bedeutet Komplexität und Unordnung. Unordnung ist verhasst. Dieser Film ist auf überraschende Weise unordentlich und wunderbar undeutsch.

Boy meets Girl

Unordnung – die eigentliche Herrin in O BEAUTIFUL NIGHT. Juris Wohnung ist ein Saustall, genauso wie die vielen anderen vermüllten, ungepflegten, schäbigen Ecken, in denen sich Juri, der Tod und bald auch ein drittes Kraftzentrum dieses Films herumtreiben: Nina. Sie, die rätselhafte Stripperin, die plötzlich einfach da ist, wie Juri und der Tod auch einfach da sind. Wo kommen sie her? Wer sind sie? Egal. Wen interessiert das? Wofür muss man das wissen?

Was interessiert, ist dieser Boy-meets-Girl-Aspekt. Ziemlich hübscher, aber verkorkster Boy rennt diesem einen schönen Girl über den Weg beziehungsweise umgekehrt. Sie, Nina, rätselhaft, sexy, begehrenswert, aber keine Schönheit. Nicht makellos, nicht aufgebrezelt wie ein Pudel in der Hundeshow. Nina strahlt, so hell, dass Juri sie nicht mehr aus dem Kopf kriegt. Und doch ist in ihr etwas zerbrochen, ist da irgendwo ein Schatten in ihrer Seele – und Opium. Der Tod weiß, was dieser Schatten bedeutet. Logisch. Der Tod weiß alles, wie er nicht müde wird zu erinnern.

Boy meets Girl – das klingt wieder furchtbar nach geordneter (deutscher) Heteronormativität. Keine Sorge, die Unordnung behält noch eine Weile die Kontrolle. So leicht bekommt hier niemand, was sie oder er will. Außer vielleicht der Tod.

Reduktion wäre die bessere Idee gewesen

Juri, der Tod und Nina – für eine viel zu kurze Weile dürfen wir dieses kuriose und faszinierende Trio begleiten. Ihnen zuzuschauen ist große Freude. Xaver Böhm lässt fantastischen seine Darsteller – Noah Saavedra, Marko Mandic ́ und Vanessa Loibl – machen. Kein wohltemperiertes, geordnetes Gespiele, dafür lustvolles bis exzessives Ausagieren.

Nina, Juri und der Tod | (c) Bild: JieunYi/Komplizen Film/IFB 2019

Manchmal wollen Filmemacher Xaver Böhm und die Co-Autorin Ariana Berndl aber dann doch zuviel in O BEAUTIFUL NIGHT. Stellenweise wirkt das hier etwas zu sehr auserzählt. Wo Reduktion die bessere Idee wäre, grätscht der deutsche Ordnungssinn in die Story rein und kaut dem Publikum vor, wo es auch selber den Kopf benutzen könnte. Doch schaut man sich die Credits an, wird deutlich, woher das idiotensichere Erzählen kommt: ZDF, Arte, Deutscher Filmförderfonds, Filmförderungsanstalt, Medienboard Berlin-Brandenburg, Film- und Medienstiftung NRW. Die Geißel des Deutschen Films ist das TV- und Förderwesen. Statt Respekt für das Publikum wird dessen Entmündigung verlangt. Diesen Mist wird nichtmal der Sensenmann los.

Xaver Böhm berichtet im Begleitmaterial zum Film von seinen Vorbildern, darunter: Jim Jarmusch. Bis er mit einem Jarmusch gleichziehen wird, ist es noch ein Stück des Weges und einiges an Kampf mit dem Förder(un-)wesen. Aber eigentlich brauchen wir auch keinen zweiten Jarmusch. Der eine Böhm würde schon vollauf reichen. Aber da dies erst das Spielfilmdebüt ist, bleibt auch noch viel Zeit. Der Anfang ist gemacht und wie!

Zu Beginn des Films lernten wir Juri als großen Schisser kennen, der alles vermeidet, was nach Lebensgefährdung auch nur riecht. Mit einem Lehrmeister wie dem Tod an seiner Seite und einer Frau wie Nina im Kopf hat sich das irgendwann erledigt. Natürlich. Und wenn sich die Morgendämmerung ankündigt, scheint eine Zukunft ohne Angst, dafür aber voller Leben greifbar. Happy End? Das ordentlichste aller ordentlichen Filmenden? Nun ja, der Tod ist bei aller Freundschaft dann doch eher von der ergebnisorientierten Sorte. Er möchte nicht mit leeren Händen nachhause gehen.

O BEAUTIFUL NIGHT | DEU 2019 | 89′ | Xaver Böhm | Panorama

PS: Eigentlich müsste man noch einen eigenen Text über den Style und die Bilder dieses Films machen. Und über Berlin als vierte Hauptdarstellerin. O BEAUTIFUL NIGHT ist auf visuell frappierende Weise (k)ein Berlin-Film.


Erstveröffentlichung des Textes auf filmanzeiger.de am 13.02.2019


 

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