vonmanuelschubert 22.01.2020

Filmanzeiger

Texte, Töne und Schnipsel aus dem kinematografischen Raum auf der Leinwand und davor. Kinoverliebt. Filmkritisch. Festivalaffin.

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Anfang Januar 2020 dokumentierte der filmanzeiger an dieser Stelle die gesammelten Sichtungsnotizen von Jochen Werners Retrospektive sämtlicher Kinofilme des Regisseurs, Produzenten, Schnittmeisters, Darstellers, Gastronomen, Bierbrauers und Versandhändlers Til Schweiger. Doch ein Film fehlte: das jüngste Werk Til Schweigers – DIE HOCHZEIT. Am Dienstag, 21. Januar 2020, feierte dieser Film nun seine Weltpremiere in Berlin und Jochen Werner saß im Premierenpublikum. Was er auf der Leinwand und davor erlebte, berichtet er im folgenden Text. (msc)


Von Jochen Werner

DIE HOCHZEIT

Regie: Til Schweiger | D 2020 | 119′ | Kinobesucher:innen: (bleibt abzuwarten)

Til und die Frauen – eine der beiden ist seine Tochter | Bild: Imago Images/Raimund Mueller

„Ich bin ein Künstler, ich entwickle mich weiter!“ – Thomas, Filmfigur

Die drei liebenswerten Soziopathen aus Til Schweigers Angry-Old-Man-Hassmanifest KLASSENTREFFEN 1.0 – DIE UNGLAUBLICHE REISE DER SILBERRÜCKEN sind zurück, in einem Film, der sinnigerweise den Titel „Die Beerdigung“ tragen müsste anstelle von DIE HOCHZEIT. Und dessen Vorlage, der dänische Film KLASSEFESTEN 2: BEGRAVELSEN (2014), diesen Titel auch tatsächlich trägt. Nun, wir nehmen an, diese Variante ist in einer Umfrage an Schweigers Fanbasis durchgefallen, und DIE HOCHZEIT lässt sich natürlich auch besser mit einem romantischen Preisausschreiben verknüpfen, welches dazu führte, dass sich gestern (21. Januar 2020) auf dem Roten Teppich des Berliner Kinos Zoo Palast Mario und Denise das Jawort gaben. Mit Til als Trauzeugen, Steven Gaetjen und Livestream in den Saal. Mit einer Beerdigung wäre das etwas komplizierter zu realisieren gewesen.

DIE HOCHZEIT beginnt, jedenfalls für Tils Protagonisten, den erfolgreichen DJ Thomas Schilling, der „im Hain auflegt“, wo KLASSENTREFFEN 1.0 endete: in glücklicher, morgens um 6 in der Küche zu den Supremes tanzender Zweisamkeit mit Linda (Stefanie Stappenbeck). Obgleich die titelgebende Hochzeit vor der Tür steht, ist auch Thomas‘ Glück nicht ungetrübt, ist doch sein neues, ausschließlich aus Liebesliedern bestehendes Album kräftig gefloppt und kassiert gerade, wie die meisten Filme von Til Schweiger, einen Verriss nach dem anderen. Diese Situation betrübt ihn so, dass es ihm ob der regelmäßig auf dem Handy hereinpingenden schlechten Nachrichten nicht gelingt, Linda beim Cunnilingus zum Orgasmus zu bringen. Ein kleines Problem freilich im Vergleich zum Martyrium, durch das Nils (Samuel Finzi) zu gehen hat, als er herausfindet, dass seine Frau Jette (Katharina Schüttler) mit seinem alten Schulfreund Torben geschlafen hat, den sie in Tränen aufgelöst in Til Schweigers Hamburger Restaurant Henry Likes Pizza traf, während Nils mit seinen Kumpels auf dem Weg zum Klassentreffen war, um sich dort „ein bis drei Schlampen ins Gesicht zu klatschen“. (Wir erinnern uns.)

Da es ja wohlbekannt ist, dass im schweigerschen Filmuniversum weibliche Seitensprünge das schlimmste sind, was den jeweiligen Besitzern der Ehefrauen beziehungsweise Partnerinnen zustoßen kann, während männliche Seitensprünge eher Pointen und der Biologie geschuldet sind und Schweigers Protagonisten höchste Anerkennung einfordern, wenn es ihnen mal gelingt, eine Frau – hier: eine einflussreiche Musikbloggerin – nicht zu bumsen, sagt Nils Jette ein paar unverzeihliche Dinge ins Gesicht und fährt dann mit Thomas und Andi (Milan Peschel), dem Dritten im Bunde, zur Beerdigung von Torben, den es auf der Toilette einer Bowlingbahn per Herzinfarkt dahingerafft hat, als der brüllende Nils ihn durch die Klotür zur Rede stellte.

Am schlimmsten hat es aber Andi erwischt, der nach dem ohnehin an den Haaren herbeigezogenen Happy End von KLASSENTREFFEN 1.0 mit seiner Ex-/Noch-/Wieder-/Wiedernichtmehrfrau Tanja (die arme Jeanette Hain, die in Schweigers Filmen immer die schlimmsten Frauen spielen muss, vgl. auch HONIG IM KOPF) wieder in der Paartherapie gelandet ist und sich wieder als das giftspeiende, hassverbitterte Monster geriert, als das ihn bereits der erste Teil porträtierte. Eine weitere, komplizierte Liebesgeschichte entspinnt sich in einem Dreieck zwischen Lindas Tochter Lilli (Lilli Schweiger), ihrer Freundin Sarah (Bianca Nawrath) und deren Freund Lenny (Timur Bartels), der mit Sarah Schluss macht, weil er sich in Lilli verliebt hat, die ihn jedoch zurückweist, woraufhin er sie auf sehr romantische Weise stalkt. Beim folgenden Road Trip schließt sich Lilli dem zu Selbstmitleid und Gewaltausbrüchen neigenden Männertrio an, da sie sich von der Fahrt zu Torbens Beerdigung eine Wiederholung der lustigen Erlebnisse aus KLASSENTREFFEN 1.0 verspricht.

„Beide müssen als Zebra verkleidet durch die nächtlichen Flure schleichen, da der noch immer voll erigierte Andi aufgrund eines Scheidenkrampfs in Sylvie steckenbleibt“

Der Plan scheint zunächst simpel: zur Beerdigung fahren, und dann rechtzeitig zur für den nächsten Vormittag geplanten Hochzeit wieder zurück. Da jedoch Nils das dringende Bedürfnis verspürt, sich den der Gerüchtelage nach gigantischen Penis, mit dem der Verstorbene seine Gattin penetriert hat, noch einmal anzuschauen, wofür eine Öffnung des verschraubten Sargs notwendig wird, und der vom Herannahen der zuständigen Pastorin alarmierte Nils dieser mittels einer allzu schnell geöffneten Tür die Nase bricht, wird das Begräbnis um einen Tag verschoben. Das gibt dem Film die Gelegenheit, eine Nacht, in der sich lustige Wirrnisse und melancholische Gedanken überkreuzen, beziehungsweise eine gute halbe Stunde Erzählzeit lang episodisch in der Villa der Witwe zu retardieren.

Im Verlauf dieser Nacht nimmt Andi eine komplette Packung Viagra zu sich, was ihn zunächst in die Lage versetzt, seine alte Bekannte Sylvie (Brigitte Zeh) so gut durchzurammeln, dass sie seinem fürchterlichen Benehmen zum Trotz anschließend sofort einwilligt, ihn zu ehelichen. Vor diesem eher zufälligen Heiratsantrag müssen beide jedoch noch als Zebra verkleidet durch die nächtlichen Flure schleichen, da der noch immer voll erigierte Andi aufgrund eines Scheidenkrampfs in Sylvie steckenbleibt. Nachdem die beiden Liebenden durch einen Treppensturz voneinander getrennt werden, legt sich Andi zu den anderen beiden Männern in ein geteiltes Bett, woraufhin sein Penis den Rücken von Thomas berührt, was diesen dazu nötigt, laut schreiend aus dem Bett zu fallen.

Nach gefühlten drei Kinostunden geht auch diese Nacht zu Ende, und die Beerdigung kann endlich beginnen. Da jedoch Lilli, im Glauben, der heldenhaft abstinente Thomas betröge ihre Mutter am Abend vor der Hochzeit mit der bereits erwähnten Bloggerin, nächtens mit Nils‘ Auto abreist, sehen sich die drei Freunde gezwungen, einen Leichenwagen zu stehlen. Da eine Schafherde die Straße blockiert, bleiben sie beim Versuch, die Blockade zu umfahren, auf einer Wiese im Matsch stecken und werden beim Anschieben des Autos mit Matsch bespritzt. Als dea ex machina taucht jedoch Lilli wieder auf, nachdem sie sich mit Sarah versöhnt hat, der Thomas zuvor auf die Mailbox gesprochen hat, was ausschließt, dass er ein notorischer Fremdgänger ist. Da der Bräutigam sich aber verspätet, beginnen die beiden Schwiegermütter eine Tortenschlacht, in die die gesamte versammelte Hochzeitsgesellschaft einstimmt. Linda zieht sich zurück und trinkt allein sehr viel Alkohol, bis sie so alkoholisiert ist, wie die Frauen in Til-Schweiger-Filmen halt sein müssen, um die Männer in Til-Schweiger-Filmen zu ertragen.

„Das Liebesdreieck der beiden Teenagermädchen um den liebenswerten Stalker Lenny verläuft sich im Nichts, was wirkt, als habe Schweiger den Handlungsstrang schlicht vergessen“

Am Ende stehen sich Braut und Bräutigam in stark verschmierter Kleidung gegenüber, und nach einer auf der Metapher des Melonenklopfens basierenden Liebeserklärung wird die Hochzeit doch noch vollzogen. Das Liebesdreieck der beiden Teenagermädchen um den liebenswerten Stalker Lenny verläuft sich hingegen im Nichts, was wirkt, als habe Schweiger den Handlungsstrang schlicht vergessen.

Wahrscheinlich ist DIE HOCHZEIT die größtdenkbare Annäherung an so etwas wie ein Alterswerk, die im Kosmos Til Schweiger momentan denkbar ist. Insbesondere im Vergleich zum hasserfüllten Vorgänger wirkt DIE HOCHZEIT geradezu altersmilde. „Ich bin ein Künstler, ich entwickle mich weiter“, legt Schweiger seinem Protagonisten Thomas einmal in den Mund, und diese Ambition ist dem Film durchaus eingeschrieben. Das skatologische Element, das KLASSENTREFFEN 1.0 so manisch eingeprügelt war, fehlt hier, so trauriger- wie gnädigerweise, nahezu komplett, und an seine Stelle treten mitunter durchaus melancholisch anmutende Gedanken zu Sterblichkeit, Freundschaft und Liebe. Natürlich überschreitet keiner davon wesentlich das intellektuelle Niveau eines handelsüblichen Küchenkalenders, aber hey, es ist ein Schritt in die richtige Richtung, und hatte man am Ende des ersten Teils noch einen blutigen Amoklauf für möglich gehalten, so scheint hier die Tortenschlacht als Showdown relativ schlüssig.

So versöhnlerisch wie in DIE HOCHZEIT haben wir Til jedenfalls seit vielen Jahren und ebenso vielen Filmen nicht mehr erlebt, und auch wenn wir es uns nicht so recht erklären können, warum im Soundtrack gen Filmbeginn etwa zehn Minuten lang deutsche Schlager, von Nino de Angelo bis zur Münchner Freiheit, zu hören sind, bevor es dann mit derselben Popsoße wie immer weitergeht, verlassen auch wir versöhnt die Weltpremiere von DIE HOCHZEIT. Im Gehen schnappen wir noch auf, wie Til von der Bühne verkündet, er gebe Mario und Denise nicht viel Zukunft. Aber nein, das sei nur ein Spaß gewesen. Wir sind beruhigt, verlassen das Kino und haben jetzt große Lust auf eine Flasche des während der zwei Kinostunden auffallend häufig in die Kamera gehaltenen Qualitätsbieres Tils Mildes Lager.


Der Autor: Jochen Werner lebt in Berlin und liebt das Kino. Er kuratiert seit 2007 das Pornfilmfestival Berlin und hat 2015 gemeinsam mit Nikolas Schuppe den Stählernen Filmclub (STUC) gegründet, der seither jährlich ein Wochenende des stählernen Films veranstaltet. Außerdem schreibt er immer mal wieder für diverse Print- und Onlinepublikationen. Jochen Werners Sichtungsnotizen zu den vorangegangenen Kinofilmen von Til Schweiger finden Sie hier zum nachlesen. Ein Gespräch zum gleichen Thema im Deutschlandfunk Kultur können Sie hier nachhören.

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