vonmanuelschubert 02.01.2020

Filmanzeiger

Texte, Töne und Schnipsel aus dem kinematografischen Raum auf der Leinwand und davor. Kinoverliebt. Filmkritisch. Festivalaffin.

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Ein Vorwort: Im Verlauf von 2019 ploppten immer wieder Jochen Werners Sichtungsnotizen zu Filmen von Til Schweiger in meiner Facebook-Timeline auf. Ich wusste zwar, dass der Autor und Kurator Jochen Werner eine besondere Leidenschaft für eher speziellere (Kino-)Filme pflegt, aber das er sich freiwillig sämtliche Werke Til Schweigers anschaut? Dies vermochte dann doch zu irritieren. Freilich, er tat dies mit einem Hintergedanken: in der Dezember-Ausgabe der Filmzeitschrift Sigi Götz Entertainment, dem selbsternannten „(Print-)Forum für die cinephile Mitte“, veröffentlichte er einen umfangreichen Reisebericht durch die Bilderwelten und den Kopf des Til S.

Der filmanzeiger ist hocherfreut, an dieser Stelle nun Jochen Werners gesammelte Sichtungsnotizen der Filme von Til Schweiger präsentieren zu dürfen – in der Reihenfolge der Sichtungen. Um die Publikumsreichweite dieser Fime zu illustrieren, habe ich zusätzlich die Kinobesuchszahlen der Filme (laut FFA) hinzugefügt. Außerdem warf ich einen Blick in den Fundus der Pressebild-Datenbanken. Die Resultate dieser Suche sind der jeweiligen Sichtungsnotiz vorangestellt.

Rund 7200 Wörter stehen Ihnen bevor. Sie zu lesen könnte ob der Inhalte verstören, denn sie sind nicht weniger als ein Blick in jenen Abgrund, der millionenschwere Kassenschlager in Deutschland hervorbrachte. Doch beweisen Sie Wagemut, schließlich handelt es sich bei Til S. um den letzten Auteur des Deutschen Films. (msc)


Von Jochen Werner

Als ich im Juli 2019 erstmals eine Regiearbeit von Til Schweiger sah, war ich nicht im geringsten darauf vorbereitet. Im Rahmen eines klandestinen Nürnberger Filmfestivals – des Wochenendes des stählernen Films, allsommerlich quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit veranstaltet durch den berüchtigten Stählernen Filmclub STUC – beschlossen wir, uns nach mehrjährigem Umkreisen des Themenkomplexes nun endlich einmal dem Schaffen des erfolgreichsten deutschen Filmemachers des 21. Jahrhunderts zu widmen. Ein basisdemokratisches Abstimmungsverfahren in einer konspirativen Facebookgruppe führte also schließlich dazu, dass wir uns im kleinen Rahmen der gestählten Clubmitglieder nachts zwischen 01:30 Uhr und 03:30 Uhr in einem qua Sommerpause für die breite Cineöffentlichkeit geschlossenen Programmkino KOKOWÄÄH ansahen, was uns alle auf unterschiedliche Weise verstörte.

Gestandene cinephile Filmkuratoren klagten im Anschluss über Schlafstörungen, Alpträume und andere Spätfolgen. Ich hingegen beschloss, an meinen Herausforderungen wachsen zu wollen und mir alle Regiearbeiten von Til Schweiger anzusehen, der mir fortan als der letzte kommerzielle Auteur des deutschen Gegenwartskinos erschien. Was folgt ist das Logbuch dieser nicht immer leichten, aber stets faszinierenden Reise durch das schweigersche Oeuvre. Eine Reise ins deutsche Herz der Finsternis am Beginn des 21. Jahrhunderts, wenn man so will.

Die Reihenfolge der Filmbesprechungen entspricht der Reihenfolge der Sichtungen – ansatzweise chronologisch, aber dem Chaos stets seinen Raum lassend. Damit entspricht sie dem Charakter von Schweigers Schreiben und insbesondere seiner Montage. Die Texte fassen sich anfangs noch halbwegs kurz und wuchern mit dem Fortschreiten der Retrospektive immer weiter aus, in den Unfug und ins Unbekannte. Auch das empfinde ich als passend und bezeichnend für ihre Gegenstände.

KEINOHRHASEN

Regie: Til Schweiger | D 2007 | 115′ | Kinobesucher:innen: 6.286.012

Til und der Hase | Foto: Imago Images/Raimund Müller

Nach meiner Tilschweigerdefloration durch den faszinierenden KOKOWÄÄH von und mit Til Schweiger beim 5. STUC beschloss ich ja, nun alle Filme von Til Schweiger sehen zu müssen. Mit meiner Tilschweigerretrospektive begann ich nun mit KEINOHRHASEN von und mit Til Schweiger, und, oh boy, das wird ein harter Ritt. Til Schweiger spielt darin einen Bildzeitungsjournalisten, der zwar, wie wir im Verlauf der Filmerzählung erfahren, Cunnilingus nur recht unzureichend beherrscht, aber gleichwohl Objekt der Begierde zahlreicher Frauen ist. Weil Til Schweiger aber beim Versuch, ein Paparazzifoto von Vladimir Klitschkos Heiratsantrag an Yvonne Catterfeld aufzunehmen, durch ein Glasdach im Wellnessbereich des Hotel de Rome bricht, wird Til Schweiger zum Sozialdienst im von einem sympathischen und gern mal misogyne Witze erzählenden Manic Pixie Dreamgirl (Nora Tschirner) geleiteten Kindergarten verurteilt, den diverse minderjährige Nachfahren von Til Schweiger besuchen.

„Ein sympathisches und gern mal
misogyne Witze erzählendes Manic Pixie Dreamgirl“

Diese junge Frau kann Til Schweiger zunächst nicht ausstehen, da sie ihn als Schulhofbully ihrer traumatischen Kindheit wiedererkennt, verliebt sich schließlich aber doch in Til Schweiger, als sie hinter die Fassade von Til Schweiger blickt und erkennt, dass Til Schweiger noch genau dasselbe Arschloch ist wie früher. Außerdem erkennt sie, dass alle Menschen, die nicht so sind wie Til Schweiger, einfach mal mitlachen sollten, wenn sie von Til Schweiger auf humorvolle Weise erniedrigt werden. Außerdem gibt es ein paar Szenen, die auf roten Teppichen spielen, über die viele prominente Freunde von Til Schweiger gehen. Ein sehr aufrüttelnder und beunruhigender Film, durch dessen Betrachtung man vieles über das Land, in dem wir leben, und die Menschen, die darin über sich selbst, das jeweils andere Geschlecht und das wechselseitige Verhältnis nachdenken und zur Vertiefung des dabei erlangten Wissens ins Kino gehen, erfahren kann.

BARFUSS

Regie: Til Schweiger | D 2005 | 115′ | Kinobesucher:innen: 1.506.534

Til und die Seinen nach der Prämiere von BARFUSS | Foto: Imago Images/T-F-Foto

Ich muss es so deutlich sagen: dieser Film ist hart. Schweigers Filme versetzen einen ja eigentlich immer in einen Zustand starker Anspannung, aber BARFUSS anzuschauen hat mir körperliches Unbehagen bereitet. Das liegt vor allem an seiner weiblichen Protagonistin Leila, einer schwer traumatisierten, suizidalen jungen Frau, die von ihrer Mutter 20 Jahre lang in der Wohnung eingesperrt wurde und seit ihrem Tod apathisch in einer psychiatrischen Klinik vegetiert.

Til Schweiger ist der Loser und Aufreißer Nick, der aus seinem Job als Putzhilfe in besagter Klinik zwar direkt wieder gefeuert wird, aber Leila vorher noch davon abhält, sich auf der Toilette zu erhängen. Diese läuft ihm daraufhin nach, als er die Klinik verlässt, und er hält es für eine gute Idee, die schwerkranke Kindfrau auf einem Road Trip zur Hochzeit seines verhassten Bruders mitzunehmen. Auf dem Weg schlägt Nick einen Mann zusammen, der Leila für eine Prostituierte hält, und stiehlt sein Auto, mit dem Leila, von Axel Stein bedrängt, das Büro eines Gebrauchtwagenhändlers in Schutt und Asche legt.

„Am Ende scheint kurzzeitig etwas Vernunft in das wirklich
komplett irre Geschehen zu geraten“

Den totalgeschrotteten gestohlenen Wagen können beide danach gleichwohl noch gewinnbringend verkaufen, weil die Polizei in diesem Film nur existiert, wenn Til Schweiger sie von seinen Vorhaben in Kenntnis setzt. Am Ende scheint kurzzeitig etwas Vernunft in das wirklich komplett irre Geschehen dieses kaum glaublichen Filmes zu geraten, wenn auch Til Schweiger in die Psychiatrie einzieht. Aber sie lassen ihn dann doch wieder raus.

ZWEIOHRKÜKEN

Regie: Til Schweiger | D 2009 | 124′ | Kinobesucher:innen: 4.255.103

Til und das Plüschküken und zwei Menschen bei der Premiere | Foto: Imago Images/Mauersberger

„Es wird nach einem happy end / im Film jewöhnlich abjeblendt“, so schrieb Kurt Tucholsky einmal in einem Gedicht, in dem er über das Happy End hinaus die Wirklichkeit einbrechen ließ, die in einer Kinoromanze natürlich wenig zu suchen hat. Am Ende von KEINOHRHASEN blendete Til Schweiger, mutmaßlich widerwillig, ebenfalls ab, und was dann zwei Jahre später über uns hereinbrach, heißt ZWEIOHRKÜKEN und ist vielleicht die faulste Fortsetzung, die ich kenne. Wo es sich viele Sequels leicht machen und dieselbe Story leicht variiert noch einmal erzählen, erzählt Schweiger hier 124 Minuten lang eigentlich fast gar nichts mehr.

Der zentrale Konflikt ist nach 15 Minuten etabliert und eigentlich auch schon beinahe auserzählt. Feuchter Traum, Nora Tschirner mit gigantischen Plastiktitten im Top-Gun-Outfit (was Til und Männer wie Til so träumen), dreckige Socken auf dem Fußboden, Frauen meckern dauernd über sowas. Ex mit gigantischen (echten) Titten taucht auf, Til ist treu und widersteht zuerst, Ex von Nora taucht auf, so ein dreckiger Intellektueller, der sich nicht für Fußball interessiert und stattdessen lieber in Afrika die Welt rettet. Dafür bekommt er von Til die Nase gebrochen, Applaus, Brüller. Matthias Schweighöfers Kot in einer Plastiktüte. Party, Til in Frauenkleidern, wacht verkatert auf und hat mit Heiner Lauterbach geknutscht.

„Am Ende weint er, weil echte Männer auch mal weinen dürfen“

Wieder Streit, Nora bringt ihn soweit, dass er quasi mit seiner Ex vögeln MUSS. Sie hat auch mit dem ihren, der einen Penis wie der Eiffelturm hat, was der Til gar nicht gut verkraftet. Am Ende weint er, weil echte Männer auch mal weinen dürfen. Er schreibt einen Brief, den sie an einem einsamen Strand liest, eine Szene wie eine Werthers-Echte-Werbung, Happy End, Reiseprospekt, Abspann. „Und darum wird beim happy end / im Film jewöhnlich abjeblendt.“

1 1/2 RITTER – AUF DER SUCHE NACH DER HINREIßENDEN HERZELINDE

Regie: Til Schweiger | D 2008 | 115′ | Kinobesucher:innen: 1.768.792

Til und die Perücke und ein Darsteller im Set von 1 1/2 Ritter | Foto: Imago Images/Suedraumfoto

Es ist nicht leicht, Regent zu sein, das muss auch König Gunther (Thomas Gottschalk) zur Kenntnis nehmen. Die Schild-Zeitung kritisiert ihn ständig, die Untertanen fordern die 80-Stunden-Woche, und jetzt wird auch noch seine reizend-renitente Tochter Herzelinde entführt, nachdem ihr zwar schüchterner und etwas vertrottelter, aber sehr kampfkunstkompetenter Leibwächter Ritter Lanze (Til Schweiger, und ja, der Film macht später noch klar, dass es sich um einen Peniswitz handelt) sich beim New-Kids-on-the-Block-Konzert Schnaps ins Felsquellwasser mischen lässt.

Zunächst lässt der König Lanze als Strafe für diese Verfehlung ins Verlies werfen, nach einem Gastauftritt von Johannes Heesters begnadigt er ihn jedoch und schickt ihn auf die Suche nach dem vermeintlichen Kidnapper, dem Schwarzen Ritter. Begleitet wird er durch den türkischen Gastarbeiter Erdal (Rick Kavanian), der unterwegs während einer Wirtshausschlägerei gemeinsam mit Roberto Blanco den Döner erfindet. Beide finden schließlich den Schwarzen Ritter, der jedoch unschuldig ist und gemeinsam mit den von ihm entführten Frauen eine basisdemokratische polyamore Kommune gegründet hat.

Der eigentliche Schurke ist der bereits ganz am Anfang als der eigentliche Schurke etablierte Luipold Trumpf (Udo Kier), was ich für ein lustiges Wortspiel auf der Basis von Donald Trump halte, aber nicht beschwören würde. Bis der dann in den Kerker wandert und Til Schweigers Töchter bei der abschließenden Hochzeitsgesellschaft alle jeweils eine Großaufnahme bekommen zieht nochmal eine knappe halbe Stunde ins Land und ich weiß nicht so recht warum.

„1 1/2 RITTER ist eindeutig der am wenigsten verstörende
der fünf bisher gesehenen Filme“

Unter den fünf Filmen, die ich von Til Schweiger inzwischen gesehen habe, ist 1 1/2 RITTER – AUF DER SUCHE NACH DER HINREIßENDEN HERZELINDE eindeutig der am wenigsten verstörende. Und eigentlich auch der erste, der auf keiner Ebene faszinierend ist. Das Obsessive, mit dem Schweiger uns in seinen radikaleren Filmen einlädt, ihm in die verknotetsten Winkel seines manischen Hirns zu folgen, hat im generischen Format der Mittelalterkomödie wenig Platz, und obgleich der Film ständig (vergeblich) seinen Witz darin sucht, triste Mediengegenwart ins historische Szenario zu übertragen, findet er darin, auch wegen einer grandiosen Faulheit im Pointenbau – die Cameos erschöpfen sich darin, dass plötzlich Helmut Markwort auftaucht und „Fakten, Fakten, Fakten, und an die Leser denken“ sagt; dass plötzlich Roberto Blanco auftaucht und „ein bisschen Spaß muss sein“ sagt; etc. – keinen Weg zu jenem messianischen Sendungsbewusstsein, das Til Schweiger an den Tag legt, wenn er uns mit seinen Filmen die (seine) Welt zu erklären sucht.

Auf eine vielleicht gar nicht so paradoxe Weise macht das 1 1/2 RITTER sogar leichter anschaubar als die bisher verkosteten Schweigerfilme. Während ich mich nach den bisherigen Sichtungen stets ausgebrannt und erschöpft fühlte, bin ich nach der heutigen lediglich etwas ermüdet – nach dem komplett irren BARFUß hingegen war an Schlaf zunächst gar nicht zu denken. Lustig ist der Film überhaupt nicht, von – die Pointe liegt nah, aber ich schwöre, es ist wahr – 1 1/2 spaßigen Einfällen abgesehen, die mich kurz zum Lachen brachten. Auf der anderen Seite versucht Schweiger aber immerhin auch nicht, die hohe Frequenz von Rohrkrepiererwitzchen vergleichbarer deutscher Comedyfilme zu erreichen oder übertreffen. Dass er hingegen so tut, als müsse man diese Geschichte so erzählen, als handele es sich um eine richtige Geschichte, tut der Sache auch nicht unbedingt gut. Ebenso wie die schweigertypische Länge von plusminus zwei Stunden, die für einen Streifen dieses Genres spürbar absurd ist.

Ob es jetzt besser ist, anstelle des befürchteten Gewitters gruseligster Pointen – und, ich gebe es fromm und frei zu, vor dieser Sichtung habe ich mich etwas gefürchtet – ebendiese Pointen über lange Passagen überhaupt mit der Lupe suchen zu müssen, das sei mal dahingestellt. Resümierend würde ich mich jedenfalls zu der These hinreißen lassen, dass 1 1/2 RITTER – AUF DER SUCHE NACH DER HINREIßENDEN HERZELINDE ein Nebenwerk im Œuvre Schweigers ist und dessen tatsächliche Faszinationskraft eher verschleiert als zugänglich macht. Insofern würde ich von einer Sichtung als Einstieg in Schweigers Schaffen abraten.

DER EISBÄR

Regie: Til Schweiger, Co-Regie: Granz Henman | D 1998 | 90′ | Kinobesucher:innen: 734.810 (lt. Inside Kino)

Das ist lange her: Til und die Darstellenden am Set von DER EISBÄR | Foto: Imago Images/teutopress

Flashback 1998. Til Schweigers offizielles Regiedebüt ist der sieben Jahre bevor er regelmäßig als Regisseur zu arbeiten begann veröffentlichte DER EISBÄR, der sich laut DVD-Klappentext „bewusst ein wenig an PULP FICTION orientiert“, was man als bewusst ein wenig untertrieben betrachten kann. DER EISBÄR beginnt, eher in Anlehnung an RESERVOIR DOGS, mit einer gesprächigen Männerrunde. Allerdings handelt es sich hier, wir sind ja in Deutschland, nicht um Profigangster, die in einem Diner über Madonna schwadronieren, sondern um einen Stammtisch mit drei Suffköppen in „Pauls Eck“, die über Wurscht und Pomm Fritz fachsimpeln. Nach sowas wie einer Pointe knallt der Soundtrack voll rein, auch das bei Tarantino gelernt: „ohoho, du bist so heiß wie ein Vulkan“. Tanze Samba mit mir statt Twist mit Travolta: ja, doch, das ist, obgleich er sich so stark bemüht wie kein anderer Schweiger-Film, nach US-Genre auszusehen: ein durch und durch deutscher Film.

Wo sich Schweiger, wie der hochgeschätzte Frank Castenholz beim 5. STUC als These formulierte, in den Topographien seiner Werke ansonsten nach Kräften bemüht, „Deutschland [zu] verstecken“, sucht DER EISBÄR eher offensiv die Kontraste zwischen dem Schauplatz Essen und den hineinverpflanzten Genre-Tropen. Ob das am Co-Regisseur Granz Henman lag – ebenfalls einem Berufsanfänger, der später u.a. mit KNALLHARTE JUNGS, dem arg stählernen Sequel zur schönen Adoleszenzkomödie HARTE JUNGS, nicht positiv auffiel –, lässt sich jedenfalls von meinem Kenntnisstand aus weder veri- noch falsifizieren. Die Erzählstruktur entlehnt sich der Film jedenfalls sehr oberflächlich bei besagtem PULP FICTION – irgendwie achronologisch, aber wo es bei Tarantino dann ja doch kunstvoll ineinander gefaltet ist, gibt es bei Schweiger eigentlich nur eine große Rückblende nach einer vorweggenommenen Schlusspointe, und ein paar kaum verbundene Handlungsstränge, die am Ende alle irgendwie in Pauls Eckkneipe führen, wo Tils Profikiller Leo, nachdem er anfangs Peter Maffay erschossen hat, eigentlich den ganzen Film versäuft, während die Jukebox spielt. („Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein, ohne dich fahr ich heut Nacht nicht heim.“)

Am Tresen bei diversen Schnäpsen („Sieben Fässer Wein können uns nicht gefährlich sein.“) trifft er die Berufskollegin Nico (Karina Krawczyk), und beide erzählen sich so lange Witze, bis sie unsterblich verliebt sind. Was ist grün und fliegt über Polen? Peter Panski. („Wenn selbst ein Kind nicht mehr lacht wie ein Kind, dann sind wir jenseits von Eden.“) Der zweite größere Handlungsstrang folgt den beiden Kiffern Fabian und Reza (Benno Fürmann & Florian Lukas), die in einem geklauten Auto durch die Stadt cruisen, über Fußfetischismus reden und in Tom Gerhardts Burgerimbiss 40 Cheeseburger klauen. Im Hintergrund schreit Heiner Lauterbach ab und zu herum. Am Ende stehen alle Fraktionen vor der Kneipe in einer Art Extended Mexican Standoff, schreien sich an und erschießen sich gegenseitig aus relativ unerfindlichen Motiven.

„Man kann festhalten, dass der Film immerhin nicht fürchterlich ist“

Die beiden Kiffer überleben mit einem Packen Geld und fahren nach Holland. („Sag mir quando sag mir wann, sag mir quando quando quando.“) – Man kann festhalten, dass der Film immerhin nicht fürchterlich ist. Er bleibt mit seinen begrenzten narrativen und intellektuellen Kapazitäten recht nah an der Oberfläche des Genrekinos, dem er seine Reverenz erweisen möchte, und Schweigers Handschrift als Auteur ordnet sich diesem Epigonentum noch deutlich unter. Anfangs, wenn er als tough guy eingeführt wird, versucht er sich sogar noch an der Schauspielerei, während er ja in seinen späteren Arbeiten ausschließlich der virtuoseste Verkörperer seiner selbst ist.

Und doch: man merkt, in vereinzelten Momenten, bereits, wie all die unterdrückten Obsessionen in ihm brodeln und er sie nicht mehr im Zaum zu halten vermag. Eine Sequenz insbesondere, in der Schweiger mit der nur als Telefonstimme gecasteten Jasmin Tabatabai interagiert, nimmt mit der wie in KEINOHRHASEN von femininer Seite an ihn herangetragenen Sexualdidaxe („Nicht auf die Länge kommt es an, sondern auf den Umfang.“) sowie Tils später in ZWEIOHRKÜKEN intensiver verhandelten Unsicherheiten bezüglich der eigenen Penisgröße Motive späterer Werke vorweg.

SCHUTZENGEL

Regie: Til Schweiger | D 2012 | 133′ | Kinobesucher:innen: 712.230

Til und der Thomas bei Premiere von SCHUTZENGEL | Foto: Imago Images/Future Image

Gewidmet Tony Scott, dem Hauptgefreiten Martin Kadir Augustyniak und „all unseren Soldaten“ in Afghanistan, feierte SCHUTZENGEL seine Weltpremiere in einem Soldatenlager in Masar-i-Scharif. Der Kinotrailer entstand dann nach dieser Premiere und bewarb den Film vor dem drei Monate später terminierten deutschen Kinostart mit Statements bewegter Soldat*innen in Flecktarn, die Til in die Kamera sprachen, dass der Film ihr Erleben akkurat widerspiegele und sie sich beherrschen müssten, nicht vor ihren Kameraden in Tränen auszubrechen ob des soeben Gesichteten.

SCHUTZENGEL ist aber kein Kriegsfilm und spielt auch nicht in Afghanistan, sondern in Berlin, von dem Til Schweiger scheinbar ausschließlich Mitte kennt. Er beginnt in einem Hotel und mit Til Schweigers Tochter Luna, die eine große Mütze besitzt, in einen jungen Pagen verliebt ist und, weil sie frech und lebenslustig, wenngleich traumatisiert und Waisenkind ist, dessen Arbeitsplatz gefährdet, indem sie den Laptop von Heiner Lauterbach entwendet. Der mimt in erfreulichem Overacting den grundbösen Waffenhändler Backer: „This country belongs to me, idiot“, schreit er einmal einen internationalen Fernsehberichterstatter an, und auch später im TV-Studio bei Frank Plasberg kommt er nicht wirklich sympathischer rüber. Man glaubt, er würde hier zum Hauptantagonisten Schweigers aufgebaut, aber irgendwann verschwindet er dann für über eine Stunde aus dem Geschehen und wird am Ende lapidar per Autobombe aus Film und Welt gesprengt, was auch die Polizei freut. Anfangs bringt er jedoch zunächst den Plot in die Gänge, indem er Lunas Love Interest beim Versuch, den Laptop zurückzulegen, erschießt.

„Moritz Bleibtreu ist Til Schweigers Freund, hat im Krieg beide Beine verloren, reißt Behindertenwitze und stirbt den Heldentod“

Der zu Protokoll gegebenen Notwehr steht die Augenzeugin gegenüber, was sie ins Zeugenschutzprogramm und in die Obhut des Afghanistanveteranen Til Schweiger und seines Kollegen Axel Stein führt, der seit seinem Gastauftritt in BARFUß zwischen 30 und 50 Kilo abgenommen hat, hier für die Furzwitze zuständig ist und dann rasch erschossen wird, nachdem ihm seine Frau am Handy erzählte, dass sie ein Kind erwartet. Der Rest von SCHUTZENGEL spielt in verschiedenen Set Pieces die Grundkonstellation des (wahl-)familiären Zweiergespanns auf der Flucht vor der korrupten, versagenden Polizeigewalt wie vor den Häschern des bösen Backer durch. Einige davon sind durchaus virtuos: ins technokratischere Gewand des Actionthrillers passt der grobe Pinsel, der Schweiger als Regisseur einzig zur Verfügung steht, deutlich besser als in alle Genres, die voraussetzen, dass man sich in Menschen einfühlen können müsste, die nicht Til Schweiger sind. Besonders schön ein Standoff in einem (natürlich) American Diner, in dem Schweiger eine sensible, weinende Polizistin überzeugt, dass es doch besser wäre, ihre Dienstwaffe niederzulegen. Moritz Bleibtreu ist Til Schweigers Freund, hat im Krieg beide Beine verloren, reißt Behindertenwitze und stirbt den Heldentod.

Vor dem finalen Shootout, der SKYFALL-mäßig ein Holzhaus in der Uckermark in Stücke ballert, retardiert SCHUTZENGEL noch 20 Minuten lang, um sich der Paarbildung mit der ermittelnden Staatsanwältin zu widmen, die zufällig Til Schweigers Exfreundin ist. Wie genau Til Schweiger aus der Hütte am Ende wieder rauskommt, erfahren wir nicht, aber am Ende und nach dem oben bereits vorweggenommenen Selbstjustizakt bummeln Exsoldat, Exstaatsanwältin und Exwaisenmädchen über den Pier von Brighton Beach und freuen sich auf ihr neues Leben als Wahlverwandtschaft. – Ich hätte jetzt nicht unbedingt damit gerechnet, diesen Satz irgendwann während meiner Schweigerretro nochmal so direkt niederzuschreiben, aber: dieser Film hat mir gefallen. Im Kino war er ein Flop, was dazu führte, dass Schweiger danach dann doch lieber erstmal wieder einen Film über das Liebesleben von Til Schweiger drehte. Der (ebenfalls gefloppte) Nick-Tschiller-Komplex folgte natürlich noch, in den ich auch zumindest werde hineinstechen müssen, aber da Schweiger dort nicht Regie führte, muss das zunächst einmal zurückgestellt werden.

KEINOHRHASE UND ZWEIOHRKÜKEN

Regie: Til Schweiger & Maya Gräfin Rothkirch | D 2013 | 75′, Animation | Kinobesucher:innen: 301.774

Til, ein Kind und andere Protagonisten der Premiere von KEINOHRHASE UND ZWEIOHRKÜKEN | Foto: Imago Images/Future Image

Der Keinohrhase (gesprochen von Til Schweiger) lebt in einem hässlichen Kleinbürgerhaus auf einer grünen Wiese und leidet unter den Tieren des Waldes, da die über Ohren verfügenden Bully-Hasen ihn gemein mobben und ihn noch nicht einmal der Fuchs jagen will, der unter einem Vaterkomplex leidet und mit den Anforderungen seines Berufes angesichts des häsischen Rowdytums sichtlich überfordert ist. Der einzige, leider leblose Freund des Keinohrhasen ist das von Til Schweiger in KEINOHRHASEN gebastelte Keinohrhasen-Stofftier, was einige schwindelerregende Fragen zum diegetischen Verhältnis dieser beiden Filme zueinander aufwirft.

Auch die vielleicht seltsamste Sequenz des Films provoziert mehr Fragen als sie klärt: Als der Keinohrhase auf seiner verzweifelten Suche nach einem Freund eine telefonische Partnervermittlung anruft, stellt sich schnell heraus, dass er sich wohl im Rahmen einer Welt bewegt, in der es keineswegs normal oder erwartbar ist, dass einsame Hasen, die in Spießerbuden auf grünen Wiesen wohnen, bei telefonischen Partnervermittlungen anrufen, weswegen sein Ansinnen auch ohne Erfolg bleibt. Eines Tages jedoch findet der Keinohrhase ein Ei auf seiner Türschwelle, dem, nach einigen Tagen des Umhegens, ein Küken (gesprochen von Emma Schweiger) entschlüpft. Leider hat der ob seiner Ohrlosigkeit fortwährend gedemütigte Keinohrhase zunächst eine Art reverse racism entwickelt und wendet sich vom Küken ab, als er seine zwei langen, flauschigen Ohren erspäht.

Mit kindlichem Charme erobert das Zweiohrküken jedoch rasch das Herz des traurigen Junggesellen, und weil es noch ganz neu in der Welt ist, stellt es Fragen, die sonst niemand stellt. Zum Beispiel: Können Küken eigentlich fliegen? Oder: Warum nuschelst du eigentlich so? Man kann sich den weiteren Verlauf in etwa denken: Das Zweiohrküken möchte sich die Zeit nicht nur, wie die ebenfalls eher bullyhaften anderen Küken, mit Picken und Scharren vertreiben, sondern hält, vom Keinohrhasen unterstützt, an seinem Traum vom Fliegen fest. Ein erster Versuch scheitert, sobald jedoch Wind aufkommt, gelingt es ihm, sich in die Lüfte zu erheben, zack, Frohsinn, „Ende“.

Der einzige nennenswerte Nebenplot bringt den tolpatschigen und für seinen Job irgendwie zu weichen Fuchs (gesprochen von Matthias Schweighöfer) immer wieder in Situationen, in denen er die eigene Unzulänglichkeit unter Beweis stellt. Am Ende jedoch sehen wir ihn in kuschliger, Honey Pops mampfender Zweisamkeit mit einem homosexuellen Bären. – Für seinen ersten, bis dato und hoffentlich auch in Zukunft einzigen Animationsfilm holte sich Til Schweiger mit der versierten Animationsregisseurin und -produzentin Maya Gräfin Rothkirch, verantwortlich etwa für LAURAS STERN oder DER KLEINE EISBÄR, eine Coregisseurin vom Fach, was man ob der verblüffend grobschlächtigen Animation der Figuren nicht unbedingt auf den ersten Blick gesehen hätte.

„Immerhin ist dies der erste Schweigerfilm seit DER EISBÄR, der mit 75 Minuten
eine halbwegs angemessene Länge hat“

Für eine Weile kann man die farbenfrohe Betulichkeit von KEINOHRHASE UND ZWEIOHRKÜKEN sogar durchaus charmant finden, und immerhin ist dies der erste Schweigerfilm seit DER EISBÄR, der mit 75 Minuten eine halbwegs angemessene Länge hat. Das soll nicht unbedingt heißen, dass er nicht trotzdem Längen hätte: der minimalistische Plot wäre auch in 20-30 Minuten TV-Kinderfernsehen durchaus auserzählt gewesen. Und der Soundtrack? „Wird super“, sagt Til im Making Of, „genau wie in nem richtigen Til-Schweiger-Film“. Dem ist dann auch nichts mehr hinzuzufügen.

KOKOWÄÄH

Regie: Til Schweiger | D 2011 | 123′ | Kinobesucher:innen: 4.317.017

Til und Jasmin und Samuel versuchen beim Fotocall zur Premiere von KOKOWÄÄH eine gute Figur zu machen | Foto: Imago Images/Raimund Müller

Dieser Film war ja vor mir jetzt bereits endlos erscheinenden drei Monaten im Rahmen des 5. STUC für meine Schweigerdefloration verantwortlich, und da ich damals noch keine Ahnung hatte, welch irrsinniges Schweigerprojekt mit der Sichtung des Gesamtwerks darauf folgen sollte, schrieb ich damals noch nicht darüber. Nun bin ich aber, zumindest was solche Herzensprojekte angeht, ein gründlicher Mensch, folglich musste eine Zweitsichtung her, für die sich erfreulicherweise eine befreundete lesbische Pornoregisseurin als Begleitschutz anbot.

Nun, was soll ich sagen: die Zweitsichtung machte das Ganze nicht besser, oder konsumierbarer, auch weil KOKOWÄÄH selbst in Schweigers ohnehin tendenziell soziopathischem Œuvre noch als ein besonders irrer Film heraussticht. Dabei beginnt er erstmal mit business as usual: Til ist so ein geiler Hecht, dass es ihm einfach nicht mehr gelingen mag, seine unzähligen Affären rechtzeitig aus Wohnung und Bett zu schmeißen, bevor die Nächste vor der Tür steht. Dabei ist er eigentlich pleite, weil „Der Förster vom Spreewald“ – eine TV-Serie, die er als Drehbuchautor betreut – abgesetzt wird, was aber nicht in Frage stellt, ob er sich sein mit ganz edler Politur auf abgeranzt getrimmtes 18.000-Euro-im-Monat-Designerloft in Mitte weiterhin leisten kann. Wenn ein Auto in Berlin abgeschleppt wird, wird es zuerst neben dem Flughafen Tempelhof abgestellt und dann von südländischen Gangs nach Afrika geschafft. Was für ein Glück, dass Henry noch die hypererfolgreiche, bestsellerschreibende Ex Katharina Meese (Jasmin Gerat) in der Hinterhand hat, die, obgleich er sie fürchterlich behandelt hat, auch nach vielen Jahren noch so verliebt in ihn ist, dass sie ihn und nur ihn als Co-Autoren für die Verfilmung ihres Romans „Freiflug“ engagieren möchte. Henry erklärt Katharina, dass eigentlich nur sie am Ende der gemeinsamen Beziehung schuld war und wie das mit Männern und Frauen generell so funktioniert, und da sie lernwillig und er ein geiler Macker ist, landen beide bereits am ersten Abend wieder miteinander in der Kiste, was ohnehin Katharinas Priorität bei der ganzen Chose war.

Dem ganzen, in lattemacchiatofarbene Farbfilter getunkten Männer-sind-so-Frauen-sind-so-Herumgezicke könnte eigentlich recht gradlinig das Happy End folgen, wenn nicht die achtjährige Magdalena (Emma Schweiger), Frucht eines Seitensprungs mit Meret Becker, auf Henrys Türschwelle abgeladen würde. Magdalenas Mutter befindet sich nämlich in New York, weil sie dort in einen völlig dubiosen, nie näher erläuterten Prozess verwickelt ist („Wegen meiner Firma. Ich kann vor Glück sagen, wenn ich nicht ins Gefängnis muss“), und ihr Ziehvater, der Zahnarzt Tristan (Samuel Finzi) verstößt das vermeintlich geliebte Kind, nachdem er erfährt, dass es nicht aus seinem leiblichen Spermium entstanden ist. Wie erwachsene Menschen sich halt so verhalten. Also, jedenfalls im Kopf von Til Schweiger.

„Außerdem gibt es noch die rassistische und ansonsten völlig
funktionslose Karikatur eines indischen Taxifahrers“

In der Folge gibt es einige lustige, episodische Wirrnisse. Eine Pizza vom Lieferservice kostet 50 Euro. Deutsche Regisseure mit Anspruch sind arrogante Arschlöcher und haben weniger Zuschauer als Bully Herbig. Magdalena setzt, beim Versuch, sich ein Spiegelei zu braten, die Wohnung in Brand, was einen Großeinsatz der Feuerwehr, aber keinerlei am Folgetag noch sichtbare Rückstände verursacht. Die beiden Väter müssen zusammen auf der Couch schlafen, wobei der angetrunkene und ohnehin leicht effiminierte Tristan Henry im Schlaf begrabscht, was lustig ist. Henry bringt Magdalena bei, dass Hausaufgaben sinnlos sind und stellt die Schulhofschläger, angeführt vom einzigen dunkelhäutigen Kind auf der sauteuren Privatschule, zur Rede. Außerdem gibt es noch die rassistische und ansonsten völlig funktionslose Karikatur eines indischen Taxifahrers. Richtig irre wird es dann gegen Ende, wenn die beiden Väter von Kuckuckskind Magdalena sich in einem Patchwork-Familienkonstrukt arrangieren müssen, und wenn ich mir die Schlussszenen und die Abspannmontage so anschaue, fürchte ich mich jetzt schon vor KOKOWÄÄH 2.

KOKOWÄÄH 2

Regie: Til Schweiger | D 2013 | 123′ | Kinobesucher:innen: 2.749.139

Til und eine Frau bei der Premiere von KOKOWÄÄH 2 | Foto: Imago Images/Frederic

Betrachtet man die Filmografie Til Schweigers als einen fortschreitenden Krankheitsverlauf, dann markiert KOKOWÄÄH 2 den Punkt, an dem er endgültig verrückt geworden ist. Alles, was Schweigers Kino ausmacht, erscheint in dessen ADHS-Schnittmassakern bis zu kompletter Hysterie übersteigert und ergänzt durch allerlei neuen Irrsinn. Ehrlich gesagt weiß ich auch gar nicht so recht, wo ich ansetzen soll, um ihn zu beschreiben, somit versuche ich einfach erst einmal, mich in den Film hineinzuschreiben.

Am Anfang begegnen wir Katharina (Jasmin Gerat) wieder, die zwischen den Filmen aus ihrer Grunewaldvilla aus- und in das Barefoot-Living-Designerloft von Henry (Til Schweiger) eingezogen ist. Dort lebt sie nun Teilzeit mit Henrys Tochter Magdalena (Emma Schweiger) und Vollzeit mit dem gemeinsamen Baby Louis, während Henry im Filmbusiness unterwegs ist, wo er sein ultrageiles Drehbuch „Patchwork“ (aka KOKOWÄÄH 1) vor einem in Cannes prämierten Regisseur in Schutz nehmen muss, den der psychopathische designierte Hauptdarsteller Matthias Schweighöfer (Matthias Schweighöfer) unbedingt engagieren will. Bei einem Erstgespräch mit Henry erschießt Matthias Schweighöfer seine Katze und begräbt sie im Garten.

Magdalenas Zweitvater, der Zahnarzt Tristan (Samuel Finzi), hat sich von Magdalenas nach Mexiko ausgewanderter Mutter getrennt, weswegen Meret Becker nicht mehr in diesem Film mitspielen muss, und mit der viel jüngeren Anna angebändelt, deren Namen er sich als Arschgeweih tätowieren lässt, woraufhin sie sich von ihm trennt und er den Schriftzug in „Annanas“ ändern lässt. Am Ende des Films trifft er eine Frau mit einem „Tomate“-Tattoo. Katharina ist frustriert, weil Henry den großen Filmmacker mimt, die Hauptrolle in ihrer Romanadaption an Matthias Schweighöfer verdealt, um sein eigenes Drehbuch vor der Kunst zu retten, vor Eifersucht durchdreht, als sie ein neues Buch schreiben möchte und es wagt, dafür einen Lektor zu treffen – schon wieder so ein schleimiges Intellektuellenarschloch, das nur in ihr Höschen will – und seine dreckigen Socken in einer Vase auf dem Wohnzimmertisch aufbewahrt.

Als sie auszuziehen beschließt, zieht Tristan direkt ein, der seine Praxis verkauft und sein gesamtes Barvermögen durch den Ankauf von Aktien für Kuhfladen verloren hat. In einer Schwimmbadszene schubst der rechtspopulistische Exhandballspieler Stefan Kretzschmar einen Statisten vom Sprungturm und alle machen sich über das feige Weichei lustig. Matthias Schweighöfer fragt Henry, ob er seine Katze gesehen hat. Magdalena ist zum ersten Mal verliebt, in ein cooles Arschloch, das sich eigentlich genau wie Til Schweiger aufführt. Außerdem hat sie noch den besten Freund Karl, dessen Liebe sie aber nicht annehmen mag, weil er uncool ist und ihr nachläuft, sowie drei Babyschildkröten namens Stefan. Einmal schmiert sie sich Erdbeermarmelade in den Schlüpfer und schickt ihre beiden Väter Tampons kaufen. Einmal fällt das Baby vom Wickeltisch und bekommt ein gefrorenes Fischstäbchen auf die Stirn gebunden. Einmal pinkelt das Baby Henry ins Gesicht und kackt auf Tristans Perserteppich, was beide in hysterische Krämpfe versetzt.

„Matthias Schweighöfer findet eine tote Katze in seinem Garten und beschließt,
mit der Schauspielerei aufzuhören“

Matthias Schweighöfer findet eine tote Katze in seinem Garten und beschließt, mit der Schauspielerei aufzuhören. Henry engagiert eine sexy junge Babysitterin, die sich ihm an den Hals wirft, was er aus reiner Liebe ablehnt, woraufhin sie empört kündigt und mit Matthias Schweighöfer anbandelt. Katharina geht besoffen mit Tristan ins Bett (die Schlampe), was dazu führt, dass sie sich bei dem sich den gesamten Film über fürchterlich verhaltenden Henry entschuldigen muss. Einige Paare sortieren sich etwas um, Details tun nicht wirklich viel zur Sache, Matthias Schweighöfer hat eine neue Katze, und nach einer an eine Bierwerbung erinnernden Montagesequenz, in der sämtliche Protagonisten bei verschiedenen sportlichen Tätigkeiten Spaß haben, während ein Popsong von Til Schweigers iPod läuft, endet KOKOWÄÄH 2 mit der Wiedervereinigung von Henry und Katharina und der Hochzeit der beiden neunjährigen Kinder. Während der Abspann läuft, tanzen alle Hochzeitsgäste an einem Seeufer, spritzen sich gegenseitig mit Wasser nass und sehen dabei aus wie die Manson Family auf einem ganz schlimmen Trip.

HONIG IM KOPF

Regie: Til Schweiger | D 2014 | 134′ | Kinobesucher:innen: 7.274.964

Til und eine Vertreterin des deutschen Filmförderwesens feiern fünf Millionen Zuschauer:innen für HONIG IM KOPF | Foto: Imago Images/Future Image

Schweigers bisheriges Opus Magnum beginnt mit einem Flash Forward: Die elfjährige Tilda (Emma Schweiger) unternimmt mit ihrem Großvater Amandus (Dieter Hallervorden) eine Zugreise, und weil der demente alte Herr versehentlich in Bozen aussteigt, zieht Tilda, die auch als Voiceover-Erzählerin fürs narrative Zusammenhalten des Films zuständig ist, die Notbremse, und plötzlich sind beide auf der Flucht vor der Polizei. Dann springt HONIG IM KOPF in der erzählten Zeit zurück zum Begräbnis von Amandus‘ verstorbener Gattin und jener Grabrede, bei der sich dessen Alzheimer-Erkrankung erstmals öffentlich offenbarte. Nachdem Amandus einige Zeit später bei der Polizei eine Vermisstenanzeige betreffs seiner Frau aufzugeben versucht, im Polizeiwagen heimgefahren wird, einem Polizisten unbemerkt die Dienstwaffe stiehlt und diese in seiner Wohnung mehrmals abfeuert, zieht er zu seinem Sohn Niko (Til Schweiger) und dessen Gattin Sarah (Jeannette Hain).

Diese befinden sich in einer Ehekrise, weil Niko Sex mit einer anonymen Frau hatte, was im Film kein Thema ist, woraufhin Sarah Sex mit ihrem Chef hatte, was im Film ein großes Thema ist (die Schlampe). Zunächst geschehen allerlei lustige Dinge, weil Alzheimerpatienten viele lustige Dinge tun, und Niko und Tilda finden diese Dinge sehr lustig, weil sie humorvolle Menschen sind, während die verspannte Sarah ständig meckert (die Zicke) und den kranken Mann mit für Alzheimerpatienten durchaus herausfordernden Aufgaben bedenkt wie etwa der, mit einer großen elektrischen Säge die Hecke zu schneiden. Nachdem Amandus die Küche in Brand setzt (vgl. zu diesem Motiv auch KOKOWÄÄH) und Sarahs Schickimicki-Sommerfest, in dessen Rahmen Niko dem schmierigen Serge – dem Beschläfer seiner Gemahlin – einen Vorderzahn herausschlägt, durch das Ablutschen von Salzmandeln sowie das vorzeitige Zünden eines Feuerwerks sprengt, zieht Sarah aus (die Rabenmutter), und schließlich beschließt Niko, seinen Vater in ein Pflegeheim zu bringen.

Tilda jedoch ist der Auffassung, es sei eine gute Idee, wenn eine Elfjährige und ein Demenzkranker ohne erwachsene Begleitung gemeinsam nach Venedig reisen, und da sie auf ihrer mit einem schweren Autounfall begonnenen Reise ziemlich vielen Menschen begegnen, die diese Auffassung teilen und ihre Reise unterstützen, anstatt etwa die Polizei zu informieren, die anscheinend europaweit nach den beiden Reisenden fahndet, kommen sie dort – nachdem sie unter anderem in einem Müllcontainer und einem LKW voller Schafe an Polizeikontrollen vorbeigeschmuggelt wurden, das letzte Stück Weges allein zu Fuß und mit einem Apfel als Proviant über die Dolomiten zurückgelegt haben sowie in einem Kloster eingekehrt sind, wo Amandus den Nonnen einen schweinischen Witz über eine Nonne und eine Gurke erzählt – am Ende auch an. Auch Niko und Sarah sind inzwischen nach Venedig gereist, und ohne voneinander zu wissen, verbringen beide Parteien die Nacht in zwei jeweils 1.800 Euro/Nacht teuren Suiten in einem Luxushotel, wo, wie wir im Epilog erfahren werden, Tildas kleiner Bruder gezeugt wird.

Amandus jedoch verschwindet über Nacht, und als Tilda ihn am nächsten Morgen wiederfindet und durch einen Kanal zu ihm schwimmt, sitzt er auf einer Parkbank und erkennt sie nicht mehr. Zufällig kommen auch Niko und Sarah um die venezianische Ecke, und da Sarah inzwischen ihre eigene Verpflichtung erkannt hat, ihre Karriere zu beenden und ihren Job zu kündigen, um die gemeinsame Tochter sowie ihren Schwiegervater zu versorgen, ist Amandus bis zur den Film beschließenden Beerdigung noch eine schöne Zeit vergönnt, in der es, weil Alzheimerpatienten lustig sind, aber auch viel zu lachen gibt.

„Dieser Film wirkt, als wolle er nie mehr aufhören und einfach immer weiterlaufen,
bis man selbst aus Notwehr Alzheimer bekommt“

Das Härteste an HONIG IM KOPF ist diesmal tatsächlich, ganz prosaisch, seine Laufzeit von schier endlosen 134 Minuten. Zu lang ist ja nun wirklich jeder Film von Til Schweiger, aber dieser wirkt manchmal, als wolle er nie mehr aufhören und einfach immer weiterlaufen, bis man selbst aus Notwehr Alzheimer bekommt. Was HONIG IM KOPF generell aber guttut ist der Umstand, dass DirActor Til hier selbst über weite Strecken in die zweite Reihe zurücktritt und seiner Tochter sowie Dieter Hallervorden die Bühne überlässt – auch wenn die Sequenzen, in denen er selbst im Zusammenspiel mit Gattin Sarah in den Vordergrund tritt, von besonders erwähnenswerter Peinlichkeit und frappierend ausgestellter Misogynie sind. Emma Schweiger trägt ihre Hauptrolle allerdings ziemlich gut, und die spürbare Zuneigung, mit der Papa Til sie inszeniert, tut dafür ihr übriges. Und Hallervorden mal wieder zu sehen ist ja eh grundsätzlich schön, auch wenn die Übererfüllung der beiden klassischen, von Schweiger sehr geschätzten humoristischen Topoi „Pinkeln“ und „Pupsen“ der Würde des Spätwerks etwas abträglich sind.

Das ist aber noch nichts gegen Schweigers bereits in BARFUß einigermaßen irren Umgang mit dem Thema der psychischen Erkrankung und ihrem Kurzschluss mit der dort romantischen, hier familiären Liebe. Liebe ist, wenn Menschen komplett verantwortungslose, sich selbst und andere gefährdende Dinge tun, um einander ihre Zuneigung zu beweisen, so hat Schweiger das Kinomelodram im Grunde konsequent bis zu Ende durchverstanden. Wie stets bleibt in seiner Welt aber auch hier noch der größte, gemeingefährliche Irrsinn komplett folgenlos. Diese idiosynkratische Verschrobenheit hat Schweiger in seinen Filmen inzwischen derart radikal zugespitzt, dass das wohl sogar in Hollywood aufgefallen ist, wo er ja bekanntlich kürzlich ein Remake von HONIG IM KOPF inszenierte und damit grandios (wie auch sonst) scheiterte. Ich jedenfalls fürchte mich jetzt schon vor HEAD FULL OF HONEY, der demnächst nach zwei weiteren Schweigersichtungen die ganze Schweigerei vorläufig zum Abschluss bringen wird.

CONNI & CO 2 – DAS GEHEIMNIS DES T-REX

Regie: Til Schweiger | D 2017 | 96′ | Kinobesucher:innen: 224.369

Til und seine Familie genießen den Fotocall bei der Premiere von CONNI & CO. 2 | Foto: Imago Images/Tinkeres

Conni Klawitter (Emma Schweiger) ist, so haben meine Recherchen ergeben, die Heldin einer recht beliebten Kinderbuchreihe und lebt mit ihren Freund*innen Paul, Mark, Anna, Yasin und Billi, ihrem kleinen Bruder Jakob sowie ihrem Hund Frodo in Neustadt, einem kleinen Kaff irgendwo in Deutschland. In Neustadt ist nichts los und die örtliche Wirtschaft liegt am Boden, weshalb alle Eltern dort weg und in eine richtige Stadt ziehen möchten, was die Kinder aus unerfindlichen Gründen nicht wollen. Der Bürgermeister (Heino Ferch) hasst Kinder und trägt einen großen, weißen Cowboyhut, da er jedoch korrupt ist und ein großes Hotel auf der Kanincheninsel bauen will, ist er trotzdem nicht der Held des Films (höchstens der heimliche).

Als Hund Frodo einen großen Dinosaurierknochen auf der Kanincheninsel findet, bringen die Kinder diesen zum Bürgermeister, der ihn jedoch, um seine Hotelpläne bangend, unter einem Holzkreuz mit der Aufschrift „Bello“ in seinem Garten begräbt. Paul löscht die Fotos des Knochens von seinem Handy, weil er hofft, dass durch das Hotel die Wirtschaft angekurbelt wird, was seinen Eltern die Schließung ihres Buchladens und den Absturz in die Altersarmut und ihm selbst den Fortzug aus dem Kaff ersparen würde. Komplexere ökonomische Zusammenhänge lässt Conni jedoch nicht gelten, woraufhin sich die beiden besten Freund*innen ob dieses Verrates an der guten Sache entzweien. Komplizierter wird diese dadurch, dass Connis Vater Jürgen (Ken Duken) als Architekt mit dem Bau des Hotels beauftragt wird, was ihn nicht davon abhält, der Mission der Kinderbande zur Vereitelung des Bauplans mit Schlüssel und Augenzwinkern beizuspringen.

Entschieden auf Connis Seite ist jedoch vor allem die motorradfahrende, herumvögelnde Oma (Iris Berben), die überdies einen alten Liebhaber, einen Paläontologen im Urkundemuseum (die Buchstaben „NAT“ sind heruntergefallen), als Mitverschwörer anwirbt. In einem entscheidenden Ablenkungsmanöver mimt er einen Grafen und gibt vor, das Haus des Bürgermeisters als Sommerhaus für seine Gartenzwerge kaufen zu wollen. Nach ein wenig launigem Hin und Her unter Mitwirkung zweier dusseliger Wachleute überleben Conni und der bekehrte Paul einen Mordversuch des Bürgermeisters in einer Höhle, in der sie den Rest des Saurierskeletts gefunden haben. Auf der Heimfahrt auf einer urigen Fähre beschließen alle Beteiligten, den Mordversuch zu vertuschen im Austausch gegen politische Gefälligkeiten, Posten und Aufträge, woraufhin die Entdeckung und Ausstellung des Sauriers einen ökonomischen Boom in Neustadt bewirken. When the legend becomes fact, print the legend.

„Am Ende der recht zähen 95 Minuten mag das alles einen durchaus funktionalen Film ergeben“

Im Rahmen meiner großen Schweigerei ist CONNI & CO 2 – DAS GEHEIMNIS DES T-REX der erste Film, zu dem mir eigentlich nicht viel einfällt. Einzig das Ende ist authentisch schweigergaga, der Weg dorthin erscheint mir eher betulich. Wie der Film sich zu anderen kontemporären Kinderfilmen (oder auch zum ersten Teil CONNI & CO von Franziska Buch) verhält, kann ich mangels Sachkenntnis nicht beurteilen, mutmaße aber, dass er weder nach oben noch nach unten sonderlich heraussticht. (Der Kinderfilmexperte Rochus Wolff merkte in einer Folgediskussion an, dass er den Film „mit großer Inbrunst verabscheut“.) Einige schweigertypisch merkwürdige Soundtrackentscheidungen gibt es, Heino Ferchs Overacting macht zumindest anfangs noch ein klein wenig Spaß, Emma Schweiger ist deutlich überfordert mit ihrer Hauptrolle, aber auch angenehm unpüppchenhaft, und zumindest die ansonsten im Kinderkino wohl ubiquitären uralten Geschlechterrollenbilder konnte ich hier eigentlich nicht feststellen. Am Ende der recht zähen 95 Minuten mag das alles also einen durchaus funktionalen Film ergeben. Für meine Schweigerexegese gibt er jedoch nicht so viel her, außer vielleicht den nach all dem Leid der letzten Wochen doch verblüffenden Nachweis, dass Schweiger doch imstande ist, zumindest seine radikalsten Idiosynkrasien mal einen Film lang zurückzustellen. Schade eigentlich.

KLASSENTREFFEN 1.0 – DIE UNGLAUBLICHE REISE DER SILBERRÜCKEN

Regie: Til Schweiger | D 2018 | 127′ | Kinobesucher:innen: 1.134.830

Samuel Finzi (re.) scheint unsicher, ob er wirklich beim Fotocall zu KLASSENTREFFEN 1.0 neben Til und Milan Peschel stehen sollte oder ob nicht viel früher hätte Nein sagen sollen | Foto: Imago Images/Photopress Müller

Thomas (Til Schweiger), Nils (Samuel Finzi) und Andreas (Milan Peschel) sind Ende 40, und alle von ihnen, die nicht Til Schweiger sind, sind verbitterte, zerknitterte, gnomenhafte, ihren Hass auf alle, die jünger sind als sie, in mit wutverzerrten Gesichtern gekeiften Schimpftiraden auskotzende alte weiße Männer. Nur Thomas, ein erfolgreicher DJ mit einem kecken Opahütchen, um dessen Gunst für einen schnellen Backstagebums sich allzeit willige Stalkergroupies prügeln, steht mitten im Leben und begradigt die Situationen, an denen seine beiden Freunde zuverlässig scheitern – zur Not auch mit einem souverän gestellten Bein in der Tortenbäckerei. Dem polygamen Lebensstil schwört er jedoch seiner neuen Lebensgefährtin Linda zuliebe ab – ausgerechnet einen Tag vor dem großen Klassentreffen, das das frustrierte Trio eigentlich als Anlass nehmen wollte, sich im Wellness-Spa eines Luxushotels zu „entschwulisieren“ und sich „ein bis drei Schlampen ins Gesicht zu klatschen“. Als Tugendwächterin lädt sich überdies Lindas zickig-intrigante Tochter Lilli (Lilli Schweiger) selbst auf die Reise ein.

Der Weg ist jedoch von Hindernissen geprägt: zunächst zerlegt Ralf Möller nach einem Auffahrunfall Nils‘ brandneues Automobil, dann schneidet sich dieser bei der Intimrasur in den Hodensack, der nach vollbrachter Enthaarung auch noch zwischen den Latten der Saunabank steckenbleibt – ein Dilemma, das eine Serie von Schwulenwitzen zu ihrem vorläufigen Höhepunkt führt und erst aufgelöst werden kann, als Cindy aus Marzahn mit einer Stichsäge die Sauna betritt. Dann lädt Lilli ihre beiden konsumorientierten besten Freundinnen ein, um systematisch Thomas‘ Kreditkarte zu überziehen, Nils lässt sich von einer defekten Druckerpatrone einen großen schwarzen Tintenfleck auf die Stirn spritzen, und Thomas und Andreas inhalieren Helium und sprechen mit lustigen Mickymausstimmen. In der Schickimickidisco, die die drei Freunde anschließend aufsuchen, trifft Andreas auf den Paartherapeuten, für den seine Frau ihn verlassen hat, verfolgt ihn in die Damentoilette, wo er ihn mit einer Klobürste verprügelt und weinend und schreiend zusammenbricht. Nils lässt sich von einer viel jüngeren Frau abschleppen, die aber ins Waschbecken kotzt, als sie seinen geschwollenen Hodensack erblickt. Thomas scheißt in eine Papiertüte und überzeugt Andreas, sie anzuzünden und brennend vor die Tür des Therapeuten zu stellen („das is’n Klassiker“), wo sie von Andreas‘ Frau ausgetreten wird.

Eine Stalkerin sucht Thomas in seiner Suite auf und wird von diesem bewusstlos geschlagen. Den leblosen Körper der Frau versucht er dann in einer lustigen Szene vor den drei alkoholisierten Teenagerinnen in seinem Bett zu verstecken, während im Soundtrack Haddaways „What Is Love“ zu hören ist. Dann entsorgt er die Frau, indem er sie in den Wäscheschacht wirft. Andreas versucht, Sex mit jener unter Drogeneinfluss stehenden jungen Frau auszuüben, die zuvor noch vor Nils‘ Hoden floh, bekommt jedoch keine Erektion. Am nächsten Morgen auf der Terrasse des Frühstücksrestaurants kratzen sich Nils und Andreas ausgiebig den nunmehr stoppeligen Intimbereich, bis sie des Hotels verwiesen werden, woraufhin Andreas auf den Tisch steigt und Affenlaute macht. Die Stalkerin taucht wieder auf, Thomas überfährt sie mit dem Auto und wirft sie in einen See. Das Klassentreffen selbst ist eine erwartungsgemäß triste Angelegenheit, bei der ausschließlich Nils, nach Einnahme einer psychoaktiven Pille, gute Laune hat und beim Tanzen eine dicke Frau in den Popcornstand schleudert.

Nachdem wir gute 100 Minuten lang drei Männern beim Abkotzen über ihre Probleme mit dem Altern begleitet haben, betritt eine Frau die Bühne des Klassentreffens, beginnt über ihre Probleme mit dem Altern zu sprechen und wird von der Bühne geworfen, als sie von der Schuppenflechte ihrer Katze erzählt. Die Stalkerin hat überlebt und betäubt Thomas mit einem Elektroschocker, woraufhin Lilli glaubt, er ginge fremd. Thomas klärt die Sache mit einer Liebeserklärung übers Mikro und teilt allen anwesenden Damen mit, er sei jetzt nicht mehr für folgenlosen Sex verfügbar, was diese hörbar bedauern. Dann passiert noch dieses und jenes, was entweder lustig oder menschelnd ist, was ich hier aber nicht mehr schildern möchte. Nur dass Nils der versammelten Festgesellschaft von der Bühne aus seine Hämorrhoiden zeigt soll nicht unerwähnt bleiben. Am Ende fahren die vier Reisenden aus irgendwelchen Gründen an einen Strand und eine Montagesequenz zeigt, wie sie sich mit diversen Wassersportgeräten vergnügen. Dann trinken sie einige Flaschen des exklusiv bei Barefoot Dining erhältlichen Lagerbiers „Tils“ an einem Lagerfeuer und schlafen unterm Sternenhimmel.

„KLASSENTREFFEN 1.0 ist einer der schlimmsten Filme von Til Schweiger“

Am Ende bekommen diese vier fürchterlichen Menschen jeweils ihr Happy End, unter anderem weil Til Schweiger schweinereich ist und sowohl Lillis 50.000-Euro-Shoppingrechnung als auch ein neues Auto als Geschenk für Nils aus der Portokasse zahlt. – KLASSENTREFFEN 1.0 – DIE UNGLAUBLICHE REISE DER SILBERRÜCKEN ist einer der schlimmsten Filme von Til Schweiger. Er ist nicht nur noch stärker von Misogynie durchzogen als etwa die beiden KOKOWÄÄHs oder der in dieser Hinsicht schon schwer erträgliche HONIG IM KOPF. Vielmehr ist er von einem ungeheuren, völlig ungefilterten Hass der als Sympathieträger installierten Protagonisten Samuel Finzi und Milan Peschel vergiftet, der weder ironisch gebrochen noch relativiert erscheint, sich in Hate Speech und körperlicher Gewalt Bahn bricht und als liebenswerte Schrulligkeit inszeniert ist. In dieser Hasslogik des Films wäre es im Grunde auch nicht weiter verwunderlich gewesen, hätten die beiden im Finale mit automatischen Schusswaffen die gesamte Festgesellschaft niedergemäht. KLASSENTREFFEN 1.0 ist, laut einer von Til Schweiger auf seinem Instagramkanal geteilten Fanmail, „ein Film, der Männer in den besten Jahren haargenau beschreibt“, und ganz ehrlich: ich habe eine Scheißangst vor allen Menschen, die das so sehen. Außerdem freue ich mich auf die Fortsetzung DIE HOCHZEIT.

HEAD FULL OF HONEY

Regie: Til Schweiger | D/USA 2018 | 134′ | Kinobesucher:innen: 6.388

Til und Matt (li.) machen gute Miene zum bösen Spiel bei der Europapremiere von HEAD FULL OF HONEY | Foto: Imago Images/Future Image

Der vorläufige Abschluss meiner Schweigerei fällt deutlich kürzer aus als die letzten Texte, da es wenig Sinn macht, den Plot von Schweigers US-Version seines erfolgreichsten Films HONIG IM KOPF erneut aufzuschreiben. Über weite Strecken ist HEAD FULL OF HONEY ein Shot-by-Shot-Remake, und ich habe den Eindruck, dass in der zweiten Hälfte, dem Road-Movie-Part, sogar einige panoramatische Kameraflüge und Detailshots direkt recycelt wurden. Einige Pipi- und Pupswitze sind hier abhanden gekommen, vermutlich weil Nick Nolte nicht so leicht dazu zu zwingen war wie Dieter Hallervorden. Ansonsten sind alle essenziellen Szenen 1:1 ins Englische übersetzt, von minimalen Anpassungen an den kulturellen Kontext – die erste Hälfte spielt größtenteils in London statt in Hamburg – abgesehen.

„Im Grunde sind die Irritationen, die HEAD FULL OF HONEY auslöst, nur ein weiterer Beweis dafür, wie sehr die Filme von Til Schweiger ihr eigenes Genre und ihre eigene Ästhetik geschaffen haben“

Ein sehr irritierender Effekt ergibt sich daraus, Schauspieler wie Nolte, Matt Dillon oder Emily Mortimer in diesem durch und durch durchgeschweigerten Szenario zu sehen, in diesem Film, der, wie ein US-Kritiker in spürbarer Verwirrung anmerkte, aussieht wie in einer Küchenmaschine geschnitten. Wie alle Schweigerfilme eben. Im Grunde sind die Irritationen, die HEAD FULL OF HONEY auslöst, nur ein weiterer Beweis dafür, wie sehr die Filme von Til Schweiger ihr eigenes Genre und ihre eigene Ästhetik geschaffen haben, in denen alles noch weniger Sinn als ohnehin schon macht, sobald sie sich auf ein Außen hin öffnen. Und sei es nur das vermeintliche Außen des Hollywood-Kinos, das Schweiger selbst sicherlich als Maßstab für sein erklärtermaßen „undeutsches“ Kommerzkino betrachtet, innerhalb von dessen Bezugssystemen er aber zum größtdenkbaren Fremdkörper wird. Ein tragisches, aber wohl unabwendbares Schicksal.

Til Schweigers neuer Film „Die Hochzeit“ kommt am 23. Januar 2020 in die deutschen Kinos.


Der Autor: Jochen Werner lebt in Berlin und liebt das Kino. Er kuratiert seit 2007 das Pornfilmfestival Berlin und hat 2015 gemeinsam mit Nikolas Schuppe den Stählernen Filmclub (STUC) gegründet, der seither jährlich ein Wochenende des stählernen Films veranstaltet. Außerdem schreibt er immer mal wieder für diverse Print- und Onlinepublikationen.

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https://blogs.taz.de/filmanzeiger/2020/01/02/til-schweiger-der-letzte-auteur/

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