vonDavid Khanzai 31.08.2026

Frame und Filter

Interviews über die mediale Deutungsmacht und politischen Rahmen unserer Wirklichkeit.

Mehr über diesen Blog

Städte haben ein Gedächtnis. Es liegt nicht nur in Museen oder Archiven, sondern in den Wänden selbst ‒ in Kontorhäusern, die einst Tuch lagerten, in Passagen, durch die Stoffhändler liefen, lange bevor irgendjemand von Fashion Weeks sprach. Wer durch Hamburg geht, läuft ständig an diesem Gedächtnis vorbei, ohne es zu bemerken. Bis jemand die Tür aufmacht.

Genau das passiert gerade in der Galleria Passage, mitten in der Hamburger Innenstadt, zwischen Restaurants und Luxusboutiquen. Dort liegt FABRIC ‒ Future Fashion Lab, eine der bestausgestatteten Modewerkstätten Europas, und stellt eine Frage, die für Hamburg lange unbequem war: Ist diese Stadt eigentlich eine Modestadt? Oder hat sie das nur einmal vergessen, sich selbst zu erzählen?

FABRIC ist ein Projekt der Hamburg Kreativ Gesellschaft und von drei Behörden gefördert, der BSW, BKM und BUKEA als interdisziplinäres Behördenprojekt. Shop, Produktion und Werkstatt liegen dort unter einem Dach, keine zehn Gehminuten vom Rathaus entfernt. Designer:innen, Labels und Unternehmen arbeiten an den Fragen, die die Branche seit Jahren umtreiben, aber selten wirklich angeht: Wie produziert man lokal statt global? Was macht man mit überschüssigem Stoff, statt ihn zu verbrennen? Katja Ellwart etwa verarbeitet alte Herrenhemden aus Reinigungen zu neuen Schnitten, das nachhaltige Label SVEASØN zeigt dort seine Kollektionen, und im September 2025 präsentierte eine Gruppe Hamburger Designer:innen ihre erste gemeinsame FABRIC-Kollektion ‒ entstanden aus Restmaterialien, Second-Hand-Textilien und Fertigungstechnologien, die man eher in einem Innovationslabor vermuten würde als in einer Einkaufspassage.

Ninu Dramis verantwortet Konzeption, Kooperation und die Programmkuration von FABRIC, und wenn sie über die Vision hinter dem Ort spricht, klingt das weniger nach Standortmarketing als nach einem Versprechen.

„Was mich antreibt, ist die Vision einer Modebranche, die durch Demokratisierung zugänglicher und inklusiver wird. FABRIC schafft dafür die Grundlage ‒ mit nachhaltigen, innovativen und wirtschaftlich tragfähigen Konzepten als Fundament für die nächste Generation von Designenden.“  Ninu Dramis, FABRIC

Demokratisierung, nicht Distinktion. Das ist ein anderer Anspruch als der, mit dem Modestädte sonst um Aufmerksamkeit konkurrieren.

Zwei Ikonen

Um zu verstehen, warum FABRIC gerade in Hamburg entsteht, muss man zurück zu zwei Namen, die die Stadt selten laut genug ausspricht. Karl Lagerfeld wurde 1933 in Hamburg-Blankenese geboren, wuchs dort auf und verließ die Stadt mit siebzehn Richtung Paris, um nie wirklich zurückzukommen. Jil Sander eröffnete 1968 mit vierundzwanzig im Hamburger Stadtteil Pöseldorf ihre erste Boutique, gründete ein Jahr später ihr Unternehmen, bevor sie ihre Firma 1999 verkaufte und die Marke international weiterwanderte, bis sie schließlich einem italienischen Modekonzern gehörte.

Beide Karrieren erzählen dieselbe Geschichte: Hamburg bringt hervor, Hamburg lässt gehen. Das Talent entsteht hier, in einer Stadt mit Handelsgeschichte und protestantischer Nüchternheit, aber die große Bühne findet woanders statt. Paris, Mailand, zuletzt, etwas kleinlauter: Berlin.

Was Hamburg kann, was Berlin gerne könnte

Berlin hat sich in den vergangenen Jahren erfolgreich als das deutsche Zentrum für Mode verkauft, mit einer eigenen Fashion Week, einer wachsenden Zahl junger Labels und einer Szene, die sich selbst so gerne beim Relevantsein zusieht, dass darüber manchmal die Frage untergeht, ob am Ende auch etwas Tragbares dabei herauskommt. Zwischen Showrooms, Pressetexten und der immer gleichen Handvoll It-Locations bleibt oft wenig Raum für die andere Hälfte des Geschäfts: die Ausbildung, die Werkstatt, das Handwerk, das eine Kollektion überhaupt erst produzierbar macht, statt sie nur gut aussehen zu lassen.

Genau dort ist Hamburg der Hauptstadt schon lange voraus, auch wenn dort niemand extra darüber postet. Mit HAW Hamburg, AMD, Macromedia und der Akademie JAK gibt es ein dichtes Netz an Studiengängen mit hohem Praxisbezug und mit dem Hafen, den Kontorhäusern und einer jahrhundertealten Handelstradition eine kaufmännische Grundhaltung, die Wirtschaftlichkeit nicht als nachträgliche Frage behandelt, sondern von Anfang an mitdenkt. Dramis‘ Betonung „wirtschaftlich tragfähiger“ Konzepte ist deshalb kein Nebensatz, sondern der eigentliche Unterschied zu Berlin: Hamburg denkt Mode nicht zuerst als Show, sondern als Handwerk und Geschäft. Man könnte auch sagen: Die eine Stadt kuratiert ihre Fashion Week, die andere ihre Lieferketten.

Was der Stadt lange fehlte, war ein Ort, der diese Stärken bündelt, statt sie über die Stadt zu verstreuen ‒ ein Labor statt einzelner Werkstätten, eine Adresse statt vieler Adressen. FABRIC versucht, genau dieser Ort zu sein: mitten in der Innenstadt statt am Stadtrand, öffentlich gefördert statt rein privatwirtschaftlich, und mit einem Nachhaltigkeitsanspruch, der nicht Kampagne, sondern Konstruktionsprinzip ist. Ein Unterschied, den man in Berlin gerne behauptet und in Hamburg einfach macht.

Ob daraus tatsächlich die nächste Generation deutscher Modemacher:innen hervorgeht, die in Hamburg bleibt, statt wie Lagerfeld und Sander früh die Koffer zu packen, lässt sich heute nicht beantworten. Aber die Frage, die FABRIC stellt, ist die richtige: nicht, ob Hamburg noch einmal eine Karl Lagerfeld oder Jil Sander hervorbringen kann ‒ sondern ob die Stadt diesmal bereit ist, sie zu halten.

Anzeige

Dir hat der Beitrag gefallen? Teile ihn über Social Media. Du möchtest etwas dazu sagen? Weiter unten gelangst du zu den Kommentaren.

https://blogs.taz.de/frame/bye-berlin-moin-hamburg/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert