vonDavid Khanzai 06.10.2026

Frame und Filter

Ein persönlicher Blick auf Medien, Politik und gesellschaftliche Deutungsmacht.

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Wenn über die Krise der Schulen gesprochen wird, fällt erstaunlich schnell ein Wort: Migration. Als wären überfüllte Klassen, fehlende Lehrkräfte und kaputte Gebäude erst mit den Kindern gekommen, deren Eltern nicht in Deutschland geboren wurden.

Am 8. September stellte die OECD in Paris die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 vor. Für Deutschland sind sie ein bildungspolitischer Offenbarungseid. In Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften erreichen 15-Jährige die niedrigsten Werte seit Beginn der PISA-Erhebungen im Jahr 2000. Rund ein Drittel verfehlt inzwischen in Mathematik und Lesen die Mindeststandards.

Die Debatte lieferte ihre Erklärung schnell mit. Kinder mit Migrationsgeschichte, heißt es, sprächen zu Hause kein Deutsch. Ihre Eltern übernähmen zu wenig Verantwortung. Zu viele Kinder kämen mit zu wenig Sprache, zu wenig Unterstützung, zu wenig „Bildung“ in die Klassenräume. Als ließe sich eine jahrelange Bildungskrise mit der Sprache am Küchentisch erklären.

Ich sprach mit meinem Vater zu Hause Deutsch. Meine Mutter ist Akademikerin. Das vertraute Bild vom bildungsfernen, sprachlosen Elternhaus passt auf meine Familie nicht. Und trotzdem war ich nicht gut in Mathe. Lange dachte ich, das sei schlicht mein eigenes Problem: zu wenig Disziplin, zu wenig Konzentration, vielleicht einfach fehlende Begabung. Erst später habe ich verstanden, wie schnell Schule aus einer kleinen Lücke einen dauerhaften Rückstand machen kann. Wer ein Thema nicht versteht, soll beim nächsten trotzdem mitkommen. Wer im Matheunterricht bei Brüchen hängen bleibt, kämpft später mit Gleichungen. Wer bei Gleichungen nur noch versucht mitzulaufen, verliert bei Funktionen endgültig den Überblick.

Der Unterricht hält selten an. Nicht unbedingt, weil Lehrkräfte nicht erklären wollen. Sondern weil sie weiter müssen: zum nächsten Thema, zur nächsten Klassenarbeit, zum nächsten Punkt im Lehrplan. In einer Klasse mit vielen Kindern und zu wenig Zeit ist individuelles Wiederholen kein fester Bestandteil des Systems, sondern Glück. Viele Lehrer:innen stehen dabei selbst unter Druck. Ich habe schon oft erlebt, wie wir Themen zu Hause selber nacharbeiten mussten, weil die Lehrkräfte sonst mit dem Lehrplan nicht durchgekommen wären. Dass sie nicht jedes Kind erreichen, ist kein persönliches Problem. Es ist ein strukturelles.

Warum Migration nicht die Ursache der Bildungskrise ist

Und genau hier muss man sich fragen: Warum trifft ein System, das kaum Zeit zum Wiederholen, zu wenig Personal und zu wenige Förderangebote hat, ausgerechnet jene besonders hart, die ohnehin schon mehr Hürden überwinden müssen? Migration ist nicht die Ursache dieses Problems. Sie macht diese Probleme erst sichtbar. Deutschland hat nicht zu viele migrantische Kinder in den Schulen. Deutschland hat zu wenig getan, damit alle Kinder in diesem System eine faire Chance haben. Großbritannien zeigt, dass Migration kein Bildungsnachteil sein muss. In England schnitten Kinder der zweiten Generation in Lesen und Mathematik sogar besser ab als Kinder ohne Migrationsgeschichte.

Die Politik muss endlich anfangen, denjenigen zuzuhören, die jeden Tag in diesen Schulen sitzen. Statt Verantwortung von einer Ebene zur nächsten zu schieben, bis sie am Ende wieder bei Kindern mit Migrationsgeschichte und ihren Familien landet, muss sie sie selbst übernehmen.

Die Bundesschüler*innenkonferenz nennt die PISA-Ergebnisse ein „vorhersehbares Desaster“ und „politisches Versagen“. Sie hat recht. Bildung wurde in diesem Land jahrelang nicht als Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe behandelt, sondern als Posten, bei dem sich immer noch sparen lässt. Persönliche Förderung bleibt vielerorts Glückssache: abhängig davon, ob eine Lehrkraft trotz Überlastung Zeit findet, ob Eltern Nachhilfe finanzieren können oder ob ein Kind den Rückstand allein aufholt.

Wenn Schüler:innen die Motivation verlieren, liegt das nicht daran, dass sie sich zu wenig anstrengen wollen. Motivation verschwindet, wenn Kinder früh lernen, dass sie mit ihren Fragen den Unterricht aufhalten, dass für ihre Lücken keine Zeit bleibt und dass ihre Zukunft stärker von Herkunft und Geldbeutel abhängt als von dem, was sie können.

Solange die Politik nicht hinsieht, wird sich nichts ändern. Nicht die Migration hat die Schule kaputtgespart. Es war eine Politik, die ihre Verantwortung lieber an Kinder und Familien weiterreicht, als Schulen endlich so auszustatten, dass kein Kind zurückbleiben muss.

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kommentare

  • Sehr geehrter Herr Khanzai,
    man kann die Daten der PISA-Studie auch anders lesen. Sie sollten zur Kenntnis nehmen, dass im Bereich Naturwissenschaften (nur dafür wurden die zusätzlichen Daten erhoben) die Punktzahl der deutschen Schüler ohne Migrationshintergrund (also inkl. aller Schüler ohne Migrationshintergrund mit „soziökonomisch“ schlechter Lage) bei 521 lag. Deutlich über dem Durchschnittswert (mit Schülern mit Migrationshintergrund: Wert liegt für diese Gruppe bei nur 438! Also rd. 3 Schuljahre zurück.) von 486. 521 Punkte würden für Platz 7 reichen.
    Hier lässt sich mathematisch auch schon schnell erkennen, dass anscheinend bereits mehr Schüler mit Migrationshintergrund als ohne Migrationshintergrund aus Deutschland in der Studie sind. Steigt dieser Trend (ist zu erwarten, wenn in einigen Grundschulklassen der Anteil bereits bei mehr als 90% liegt), dann wird bereits ohne Änderung der Punktezahl in den beiden Kohorten der Durchschnitt jedes Jahr schlechter! Da ich leider die Vorjahreszahlen nicht kenne, kann ich nicht sagen, ob die Verschlechterung des aktuellen Durchschnittswertes für den Gesamtbestand nur auf diesen Effekt zurückzuführen ist oder wie sich der Punktewerte für die beiden Einzelkohorten entwickelt hat. Hier wäre auch das Verhältnis der beiden Kohorten sehr relevant (kann man sich natürlich auch ausrechnen aus dem Durchschnittswert). In Ländern wie z.B. Japan mit einer sehr geringen Migration liegen die Wert relativ nahe (540 zu 514 ==> Durchschnittswert : 534).

    Dies alles hat nicht bzw. nur zu einem kleinen als Grund die gerne herangezogene „sozioökonomische“ Lage. Diese ist nicht der Ausgangspunkt. Basis ist der steigende und hohe Anteile von noch nicht richtig integrierten Migranten (dies wird bei dieser Anzahl in diesem System auch leider nicht funktionieren). Dadurch entsteht ein hoher Anteil Kinder mit schlechter sozioökonomischen Lage (siehe die Veränderung der Personen, die unter die verschiedenen „Sozialgesetzbücher“ fallen; hier hat sich das Verhältnis zwischen deutschen und nicht-deutschen Personen zwischen 2015 und 2025 erheblich verändert; insgesamt aber nicht). Jetzt kann man in der Analyse auf dieser Ebene aufhören (dann liegt alles nur an der sozioökonomischen Lage) oder die Frage stellen, warum sich der Gesamtbestand nicht reduziert hat. Dies könnten an die Aufnahme immer neuer Personen aus dem Ausland in diesen Sozialsystem liegen und die nicht so schnelle bzw. nicht erfolgte Integration in einen auskömmlichen Arbeitsbereich bzw. generell in unser Gesellschaftssystem.

    Und dies ist keine Schulzuweisung, sondern eine Analyse der Wirklichkeit. Es liegt auch nicht an „den Migranten“, sondern an der Art der Migration. Dass die Effekte auch anders liegen können , ist auch aus der PISA-Studien erkennbar. Es gibt einige Länder, bei denen der Punktewert für die Schüler mit Migrationshintergrund höher ist als bei den Schülern ohne Migrationshintergrund, z.B. VAE / Saudi-Arabien. Hier dürfte es sich nicht um die Kinder von Asylsuchenden oder um die Kinder von den prekären Arbeitsmigranten („Sklavenarbeiter!) handeln.

    Also den erheblichen Effekt der Migration zu leugnen erscheint mir dann doch schwierig und ist dann auch keiner Lösung förderlich.

    Mit freundlichen Grüßen

    • Vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Ich glaube, wir sprechen hier über unterschiedliche Fragen. Meine Kolumne ist als Antwort auf eine politische PISA-Debatte geschrieben worden, in der Migration pauschal zur Erklärung schlechter Ergebnisse gemacht wird. Gegen diese Verkürzung richtet sich mein Text.
      Ich bestreite nicht, dass Zuwanderung und Schwierigkeiten bei der Integration zusätzliche Herausforderungen für Schulen mit sich bringen können. Mir geht es aber gerade auch um Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren wurden oder hier aufgewachsen sind. Die Frage meiner Kolumne lautet: Welche Bedingungen brauchen Schulen, um diese Kinder angemessen zu fördern?
      Mein Schwerpunkt liegt deshalb auf der Ausstattung der Schulen, der Überlastung der Lehrkräfte und fehlenden Möglichkeiten individueller Unterstützung. Leistungsunterschiede zu benennen, ist das eine. Daraus Migration als pauschale Ursache der Bildungskrise abzuleiten, ist etwas anderes. Und Abschiebung oder „Remigration“ als Antwort darauf ins Spiel zu bringen, beantwortet nicht die Frage, wie Schulen ihren Bildungsauftrag gegenüber den Kindern erfüllen können, die hier leben.
      Meine Kolumne leugnet also nicht mögliche Integrationsprobleme. Sie widerspricht einer politischen Schlussfolgerung und rückt stattdessen die Verantwortung für die schulischen Rahmenbedingungen in den Mittelpunkt.

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