vonDavid Khanzai 19.09.2026

Frame und Filter

Ein persönlicher Blick auf Medien, Politik und gesellschaftliche Deutungsmacht.

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Wenn über die Krise der Schulen gesprochen wird, fällt erstaunlich schnell ein Wort: Migration. Als wären überfüllte Klassen, fehlende Lehrkräfte und kaputte Gebäude erst mit den Kindern gekommen, deren Eltern nicht in Deutschland geboren wurden.

Am 8. September stellte die OECD in Paris die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 vor. Für Deutschland sind sie ein bildungspolitischer Offenbarungseid. In Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften erreichen 15-Jährige die niedrigsten Werte seit Beginn der PISA-Erhebungen im Jahr 2000. Rund ein Drittel verfehlt inzwischen in Mathematik und Lesen die Mindeststandards.

Die Debatte lieferte ihre Erklärung schnell mit. Kinder mit Migrationsgeschichte, heißt es, sprächen zu Hause kein Deutsch. Ihre Eltern übernähmen zu wenig Verantwortung. Zu viele Kinder kämen mit zu wenig Sprache, zu wenig Unterstützung, zu wenig „Bildung“ in die Klassenräume. Als ließe sich eine jahrelange Bildungskrise mit der Sprache am Küchentisch erklären.

Ich sprach mit meinem Vater zu Hause Deutsch. Meine Mutter ist Akademikerin. Das vertraute Bild vom bildungsfernen, sprachlosen Elternhaus passt auf meine Familie nicht. Und trotzdem war ich nicht gut in Mathe. Lange dachte ich, das sei schlicht mein eigenes Problem: zu wenig Disziplin, zu wenig Konzentration, vielleicht einfach fehlende Begabung. Erst später habe ich verstanden, wie schnell Schule aus einer kleinen Lücke einen dauerhaften Rückstand machen kann. Wer ein Thema nicht versteht, soll beim nächsten trotzdem mitkommen. Wer im Matheunterricht bei Brüchen hängen bleibt, kämpft später mit Gleichungen. Wer bei Gleichungen nur noch versucht mitzulaufen, verliert bei Funktionen endgültig den Überblick.

Der Unterricht hält selten an. Nicht unbedingt, weil Lehrkräfte nicht erklären wollen. Sondern weil sie weiter müssen: zum nächsten Thema, zur nächsten Klassenarbeit, zum nächsten Punkt im Lehrplan. In einer Klasse mit vielen Kindern und zu wenig Zeit ist individuelles Wiederholen kein fester Bestandteil des Systems, sondern Glück. Viele Lehrer:innen stehen dabei selbst unter Druck. Ich habe schon oft erlebt, wie wir Themen zu Hause selber nacharbeiten mussten, weil die Lehrkräfte sonst mit dem Lehrplan nicht durchgekommen wären. Dass sie nicht jedes Kind erreichen, ist kein persönliches Problem. Es ist ein strukturelles.

Bildungspolitik in der Verantwortung

Und genau hier muss man sich fragen: Warum trifft ein System, das kaum Zeit zum Wiederholen, zu wenig Personal und zu wenige Förderangebote hat, ausgerechnet jene besonders hart, die ohnehin schon mehr Hürden überwinden müssen? Migration ist nicht die Ursache dieses Problems. Sie macht diese Probleme erst sichtbar. Deutschland hat nicht zu viele migrantische Kinder in den Schulen. Deutschland hat zu wenig getan, damit alle Kinder in diesem System eine faire Chance haben. Großbritannien zeigt, dass Migration kein Bildungsnachteil sein muss. In England schnitten Kinder der zweiten Generation in Lesen und Mathematik sogar besser ab als Kinder ohne Migrationsgeschichte.

Die Politik muss endlich anfangen, denjenigen zuzuhören, die jeden Tag in diesen Schulen sitzen. Statt Verantwortung von einer Ebene zur nächsten zu schieben, bis sie am Ende wieder bei Kindern mit Migrationsgeschichte und ihren Familien landet, muss sie sie selbst übernehmen.

Die Bundesschüler*innenkonferenz nennt die PISA-Ergebnisse ein „vorhersehbares Desaster“ und „politisches Versagen“. Sie hat recht. Bildung wurde in diesem Land jahrelang nicht als Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe behandelt, sondern als Posten, bei dem sich immer noch sparen lässt. Persönliche Förderung bleibt vielerorts Glückssache: abhängig davon, ob eine Lehrkraft trotz Überlastung Zeit findet, ob Eltern Nachhilfe finanzieren können oder ob ein Kind den Rückstand allein aufholt.

Wenn Schüler:innen die Motivation verlieren, liegt das nicht daran, dass sie sich zu wenig anstrengen wollen. Motivation verschwindet, wenn Kinder früh lernen, dass sie mit ihren Fragen den Unterricht aufhalten, dass für ihre Lücken keine Zeit bleibt und dass ihre Zukunft stärker von Herkunft und Geldbeutel abhängt als von dem, was sie können.

Solange die Politik nicht hinsieht, wird sich nichts ändern. Nicht die Migration hat die Schule kaputtgespart. Es war eine Politik, die ihre Verantwortung lieber an Kinder und Familien weiterreicht, als Schulen endlich so auszustatten, dass kein Kind zurückbleiben muss.

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