vonchristianjakob 02.07.2020

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Auf den Debattenbeitrag „Die Welt ist nicht schwarz-weiß“ gab es viele Reaktionen, vor allem in den Sozialen Medien. Deshalb hier der Versuch, die Reaktionen darzustellen und auf sie zu erwidern.

In der Kolumne ging es null um Identität“

„Identität spielt in der Kolumne überhaupt keine Rolle“, schreibt etwa Frédéric Valin im Neuen Deutschland.  Nur Kritiker*innen hätten diese „in die Diskussion eingebracht“. So sahen es auch andere und wollten gar nicht begreifen, warum unter anderen die KollegInnen Stefan Reinecke und Bettina Gaus in der taz, Deniz Yücel in der Welt und ich angesichts dieses Befundes partout trotzdem über dieses Thema sprechen wollten.

Einen Ausdruck von „rassistischem oder misogynem oder queerfeindlichem neid“ oder den Wunsch „ausländer & queers sollen einfach nicht so das maiul aufreißen und schon gar nicht gehör finden wenn sie sich ungehobelt äußern“, vermutete auf Facebook ein Kollege von der geschätzten Zeitung analyse & kritik, die allerdings in dieser Frage leider schon vor einiger Zeit aufgehört hat, ein Debattenblatt zu sein.

Denn auch wenn die „Müll“-Kolumne in der Tat völlig ohne eigene Betroffenheit und Verweis auf die Identität auskommt – in der Rezeption geht es ganz entscheidend um diese. Etwa wenn „White Privilege People“ nichts zu ihr sagen sollen, weil es sich um die Wortmeldung einer PoC-Autorin handelt. Oder wenn innerhalb der taz über die Feststellung von Migrationshintergrund und möglicher Intersexualität von RedakteurInnen versucht wird zu prüfen, ob die Auseinandersetzung um die „Müll“-Kolumne „ausgewogen“ verläuft.

Natürlich denken Intersektionale die soziale Frage mit“

Der Intersektionalität geht es um die Überschneidung von verschiedenen Diskriminierungsformen in einer Person. Also etwa bei einer schwarzen Frau aus der Arbeiterklasse. Im Debattenbeitrag aber wirft der Soziologe Vassilis Tsiannos IntersektionalistInnen vor, die „Eigentumsverhältnisse nicht anzutasten“. Wie passt das zusammen?

KritikerInnen wiesen den von Tsiannos‘ erhobenen Einwand zurück und erinnerten etwa an den aus Jamaika stammenden marxistischen Soziologen Stuart Hall oder das Combahee River Collective, eine Gruppe marxistischer afroamerikanischer FeministInnen. Beide sind wichtige Bezugspunkte für die Intersektionalität.

Und tatsächlich ist richtig, dass Intersektionalität in der Theorie die soziale Frage explizit mitdenkt. In Teilen der politischen Kultur aber, die sich unter dem Schlagwort etabliert hat, insbesondere in der Critical Whiteness, ist dies in den Hintergrund getreten. Hier geht es vor allem um Identität, individuelle Privilegien und Verhalten. Insofern spielen die theoretischen Grundlagen, auf die verwiesen wurde, in der politischen Praxis weiter Teile der IntersektionalistInnen heute oft nur eine untergeordnete Rolle. Politische Mobilisierungen laufen meist ohne feste Struktur über Soziale Medien im Internet und münden eher in Hashtag-Kampagnen statt in Straßenproteste. BLM ist da eine Ausnahme. Dagegen ist nichts zu sagen, aber darauf bezog sich Tsiannos‘ Festellung einer fehlenden politischen Organisation.

Ein essentialistischer Blick auf den Menschen

Dabei geht es auch anders. Andere Gruppen haben die theoretischen Grundlagen des Intersektionalismus zur Kenntnis genommen, aber völlig andere Schlüsse daraus gezogen. Die Gruppe Kanak Attak etwa schrieb einst, sie wende „sich gegen die Frage nach dem Paß und der Herkunft. Unser kleinster gemeinsamer Nenner besteht darin, die Kanakisierung bestimmter Gruppen von Menschen durch rassistische Zuschreibungen mit allen ihren sozialen, rechtlichen und politischen Folgen anzugreifen.“ Die Gruppe lehne deshalb „jegliche Form von Identitätspolitiken ab“.

Auch das Netzwerk transact setzte auf „transidentitäre Organisierung“ – also den Aufbau „gemischter“ politischer Zusammenhänge. Eingehend beschrieben ist dies in ihrer Broschüre „Wie ist deine Freiheit mit meiner verbunden?“. „Gemischte Organisierung“ als Grundlage praktischer Solidarität charakterisiert auch viele andere Initiativen der traditionellen antirassistischen Bewegung. Deshalb ist es ahistorisch zu behaupten, dass MigrantInnen in dieser früher nicht mitgeredet oder bestimmt hätten und erst durch intersektionales Denken in die entsprechende Position kommen würden. Selbstverständlich haben sie die Agenda gesetzt, wenn auch nicht allein.

Und es bleibt die Frage, was von einem intersektionalen Antirassismus zu halten ist, der gar nicht anders kann, als jede Regung, jede Äußerung, jedes Subjekt einer identitären Zuordnung zu unterwerfen – und diese teils wichtiger zu nehmen, als die Ansichten selbst. Es ist ein essentialistischer Blick auf den Menschen. Im politischen Journalismus läuft dies auf eine Quotierung des Diskurses hinaus, im Kulturjournalismus auf ein Durchzähl-Feuilleton, in dem jedes Werk darauf abgeklopft wird, ob es Repräsentationsansprüchen genügt.

Bei Kritik an Identitätspolitik klatschen Rechte“

Es gebe, sobald von „Identitätspolitik“ gesprochen werden, Beifall von der falschen Seite. Das müsse zu denken geben, fanden manche.

Bezugnahme auf den „Die Welt ist nicht Schwarz-Weiß“-Text gab es etwa aus den Reihen von „aufstehen“ – einer linksnationalistischen Strömung in der Linkspartei also. Die hat Identitätspolitik deshalb als Feindbild ausgemacht, weil sie angeblich der Linken dabei im Weg steht, die ArbeiterInnen zu erreichen. Sarah Wagenknecht spricht in diesem Zusammenhang von einer „belehrenden Sprache“ einer neuen kulturellen Linken, die sich mehr um anerkennungspolitische Minderheitenthemen als um die soziale Frage kümmere. Identitätspolitik treibe die ArbeiterInnen deshalb gleichsam in die Arme der AfD, so der Vorwurf.

Hier geht es vor allem darum, Umverteilung, Migration und Minderheitenrechte gegeneinander auszuspielen. Mit der Frage, wie Antirassismus gesellschaftlich wirksam sein kann, hat dies nichts zu tun. Und so muss diese Kritik an Identitätspolitik auch zurückgewiesen werden.

Bezugnahme gab es aber auch von rechts. Etwa solche, die mit dem Schlagwort „Gleiche Rechte im Diskurs für alle“ Identitätspolitik angreift. Darin steckt die – falsche – Behauptung, dass MigrantInnen „Sonderrechte“ zugestanden würden, die diesen dabei helfen, „deutsche Interessen“ zu untergraben. Hier geht es um Kulturkampf von Rechts – und als solcher muss auch diese Kritik an Identitätspolitik zurückgewiesen werden.

An den beschriebenen Fragen ändert das aber nichts. Es gibt schließlich auch Nazis, die Naturschutz für eine wichtige Sache halten. Gegen den Naturschutz spricht das nicht.

Wenn alle über Identitätspolitik reden, freut sich nur die Polizei“

Andere LeserInnen klagten, der Text setze einen falschen Fokus. Identitätspolitik sei gerade „absolut nicht das Thema“, es gehe um Polizeigewalt, worauf die „Müll“-Kolumne endlich die Aufmerksamkeit gelenkt habe. Wer hiervon ablenke und eine Identitätspolitik-Debatte anzettele, schade der Polizeikritik – eine Ansage, die in ihrem Dirigismus autoritäre Züge trug. Faktisch berechtigt ist der Vorwurf nicht.

Tatsächlich hatte das Thema rassistische Polizeigewalt nach dem Mord an George Floyd mediale Hochkonjunktur. Dies ist vor allem das Ergebnis davon, dass Initiativen wie die Kampagne gegen rassistische Polizeigewalt der Gruppe KOP Berlin, die Rote Hilfe, die Initiative Gedenken an Oury Jalloh, die Zeitschrift CILIP – Bürgerrechte und Polizei, das Netzwerk Karawane für die Rechte der Flüchtlinge, das No Lager Netzwerk, die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und viele andere das Thema seit Langem politisch bearbeiten. Auf dieser Arbeit bauten auch die Black Lives Matter-Proteste auf.

Zuletzt aber wurde der Eindruck erweckt, es sei vor allem der „Müll“-Kolumne zu verdanken, dass über rassistische Polizeigewalt gesprochen werde. Das macht die jahrzehntelange Arbeit der genannten und anderer Gruppen unsichtbar und verkennt ihre Wirkung.

Es geht nicht nur darum, dass PoC mehr über Rassismus sprechen sollen, sondern über alles“

Ein weiterer Einwand bezog sich auf den Satz „Expertise, die auf eigener Erfahrung gründet, hat Vorrang.“ Beklagt wurde ein Missverständnis: Es gehe doch darum, PoCs (People of Color) gerade unabhängig von ihrer Hautfarbe als ExpertInnen zu sehen.

Etwas Klarheit schafft festzustellen, dass es sich hier genau genommen um zwei – berechtigte – Forderungen handelt, die von IntersektionalistInnen aufgestellt werden. Erstens: Mehr PoCs als ExpertInnen bei allgemeinen Themen zu Wort kommen zu lassen, also etwa schwarze VirologInnen zu Corona. So sollen Gerechtigkeit und Sichtbarkeit hergestellt werden. Für JournalistInnen ist dies vergleichsweise leicht zu erfüllen: Mit mehr gutem Willen, im Alltagsgeschäft mehr Stimmen von PoCs zu finden, wäre es wohl erstmal schon getan.

Komplizierter ist die zweite Forderung, um die es im Text ging: Nicht ohne PoCs als ExpertInnen über Themen zu sprechen, die sie selber betreffen – also etwa Rassismus. Wie gesagt: Eine Talkrunde zu Rassismus ohne PoCs gilt aus guten Gründen heute als inakzeptabel. Aber wie geht es an der Stelle weiter? Wäre die Berichterstattung über Pandemiebekämpfung besser, wenn mehr Corona-Infizierte über das Thema schreiben? Die meisten JournalistInnen würden diese Idee ablehnen, weil es dem Selbstverständnis ihres Berufes widerspricht. Nicht-JournalistInnen halten das womöglich für gar keinen dummen Gedanken. Wo also soll die Grenze zu ziehen sein? Soll das Betroffenen-Primat auf den unmittelbaren Diskriminierungskomplex beschränkt bleiben? Wenn ja: Warum genau? Das scheint eine bislang kaum behandelte Frage zu sein.

Wer gegen Identitätspolitik ist, ist auch gegen Frauenquoten“

Nein. Es ist richtig, Gender-Parität zu erzwingen. Auf den Rassismusbereich lässt sich der Ansatz aber nur bedingt übertragen.

Es ist eine wirklichkeitsfremde Annahme, dass die Gruppe weißer Deutscher klar abtrennbar ist. „Migrationserfahrung“/„Migrationsgeschichte“ und auch „PoC“ sind als Kategorien unscharf.

Die konkrete Hautfarbe soll aus guten Gründen nicht herangezogen werden – zu komplex sind rassistische Ausgrenzungsmechanismen.

Der „Migrationshintergrund“ hilft kaum weiter: Wie lange wirkt dieser nach? Eine Generation?

Pseudo-Distanzierungen wie „als migrantisch gelesen“ oder „migrantisiert“ sind erst recht nicht klarer. Denn dabei handelt es sich um Spekulationen, die herangezogen werden, um an der Kategorisierung festzuhalten. Wer weiß schon, wer genau wann von wem „als migrantisch gelesen“ wird?

Problematische Essentialismen

Kaum nützlicher ist die Kategorie „mit Rassismuserfahrung“. Denn wer weiß schon, ob und welche Rassismuserfahrung jemand hat? Es gibt weiße „Russlanddeutsche“, die als „Russen“ ausgegrenzt wurden. Ebenso gibt es schwarze Menschen in Sachsen, die sagen „Die Menschen hier sind nicht rassistisch“. Natürlich gibt es Menschen die solche Erfahrungen machen müssen und solche, die sie nicht machen müssen. Es ist nur kaum möglich, ein Raster zu finden, das sie sinnvoll erfasst.

Anders als bei der sexuellen Identität kommt man auch mit einer Selbstpositionierung kaum weiter: Im Verzicht auf jede Objektvierbarkeit läuft die Kategorie Gefahr, sich in Beliebigkeit auflösen.

Die Kollegin Doris Akrap schrieb dazu dies: „Ich hätte großen Spaß daran gehabt, zu sehen, wie ich als Autorin in dieser Statistik gezählt worden wäre: als 47,6%-ig nichtautochthone, migrantisierte Deutsche, zu 50,4 % staatlich anerkannte Kanackentochter, Mischling ersten Grades, 96%ig weiße, mutmaßlich 81% weibliche, 76%-ige Blondine, niedrigschwellig rassismus- und privilegiengeprüfte Cis-Person?“

Kurzum: Wer Diskurse nach „race“-Merkmalen organisieren will, verliert sich schnell in problematischen Essentialismen.

Von Christian Jakob, seit 2006 bei der taz, zuerst bei der taz Nord in Bremen, dann Redakteur bei taz1, seit 2014 im Ressort Reportage und Recherche.

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