vonChristoph Steinert 03.11.2020

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Manche weltpolitischen Ereignisse werden erst verkündet bevor sie eintreten. Ein berühmtes Beispiel aus der Geschichte für eine sogenannte sich selbst erfüllende Prophezeiung ist der Mauerfall im Jahre 1989. Die Verkündung im Westfernsehen am 9. November, dass das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski den Ausreiseanträgen statt gibt, nährte die Hoffnung der DDR-Bürger auf ein Ende der kollektiven Einkerkerung. An den Grenzübergängen herrschte aber noch Ruhe als später ein Fernsehmoderator der ARD verlas, dass die SED-Führung mitgeteilt habe, die Grenzen ab sofort für jedermann zu öffnen. Die von den Medien verbreitete Fiktion mobilisierte die Bevölkerung und wurde dadurch zur Realität. In Erwartung des Wunders strömten die Massen zur Mauer und die dadurch entstehende Überforderung bei den Grenzpolizisten ermöglichte schließlich den friedlichen Mauerfall.

Ein grundlegender Unterschied zwischen sozialen Vorgängen und Naturvorgängen besteht in ihrer Reaktivität auf Erwartungen in der Bevölkerung. Naturwissenschaftliche Experimente zeichnen sich dadurch aus, dass sie bei gleichem Versuchsaufbau immer zu dem identischen Ergebnis führen, ganz unabhängig von unseren Vorhersagen. Dem Atom ist es gleichgültig, ob wir erwarten ob es sich bewegt oder nicht. Soziale Vorgänge folgen einer anderen Logik, sie sind Produkte unserer kollektiven Handlungen, die wiederum entscheidend durch unsere Erwartungen beeinflusst werden. Wenn zahlreiche Menschen in Erwartung eines bestimmten Ereignisses handeln, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Ereignis auch eintritt.

Im Vorfeld der US-Wahlen 2020 ist immer mehr die Rede von der Gefahr gewaltsamer Ausschreitungen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Die Berichte über gewaltbereite Akteure häufen sich, in den Nachrichten kommen Bilder von verbarrikadierten Läden und die aufgeheizte Stimmung wird durch zahlreiche Interviews mit radikalen Kräften befeuert. Die Befürchtungen sind selbstverständlich nicht aus der Luft gegriffen. Noch nie hat ein amtierender US-Präsident so viele Äußerungen von sich gegeben, die eine Unterstützung von gewaltbereiten Gruppen nahelegen. Noch nie in der Geschichte der Vereinigten Staaten wurden so viele Zweifel an der Glaubwürdigkeit eines Wahlergebnisses im Vorfeld der Wahl gesät und noch nie seit dem Bürgerkrieg standen sich die Gegner so erbittert und unversöhnlich gegenüber. Auch die Verbreitung an Schusswaffen in der Bevölkerung ist auf einem nie dagewesenen Niveau und die Rhetorik auf beiden Seiten suggeriert eher Feindschaft als konstruktiven politischen Diskurs.

Trotzdem ist es wichtig hervorzuheben, dass die Wahrscheinlichkeit von bürgerkriegsähnlichen Zuständen nach Wahlen in etablierten Demokratien sehr gering ist. Dies gilt insbesondere für Länder wie die Vereinigten Staaten, die über eine funktionierende Justiz, eine freie Presse und eine zumindest in Teilen kompetente Polizei verfügen. Zudem gibt es durchaus deeskalierende Kräfte auf beiden Seiten, sogar führende Republikaner sprechen sich gegen Trump aus und rufen die Bevölkerung zur Besonnenheit auf. Darüber hinaus besteht in den Vereinigten Staaten ein Grundkonsens über das Primat der Wirtschaft, die von jedweden Verwerfungen und Unruhen geschützt werden soll. Es gibt kein volkswirtschaftliches Interesse an weiteren autodestruktiven Vorgängen neben einer ignorierten Jahrhundertpandemie ist in den Vereinigten Staaten.

In Anbetracht der aufgeheizten Lage, sollte Deeskalation das Gebot der Stunde sein. Das Narrativ der Medien kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. Die US-amerikanischen und auch die internationalen Medien sollten zum jetzigen Zeitpunkt keine Extremmeinungen in den Vordergrund stellen, sondern gerade auch die ausgleichenden Elemente zu Wort kommen lassen. Es muss klar benannt werden, dass die Wahl geordneten Abläufen folgt und dass auch Briefwähler keine unüberwindbare Herausforderung für die Wahlkommission darstellen. Leider scheint es geradezu einen Überbietungswettlauf von Schreckensmeldungen zu möglichen Manipulationen, extremen Einstellungen und einer allgemeinen Gewaltbereitschaft zu geben. Angetrieben von dem Reiz des Spektakels wird die Erwartung in der US-amerikanischen Öffentlichkeit immer mehr geschürt, dass man unmittelbar vor einer großen Katastrophe steht. In dieser hochsensiblen Phase wären hingegen alle Beteiligten gut beraten, sich in Mäßigung zu üben, denn wenn wir die Katastrophe verschreien, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir in der Katastrophe enden.

 

 

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