vonSabine Schiffner 24.04.2026

fremdeln

Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

Mehr über diesen Blog

Der Bremer Autor Ronald Fricke hat einen spannenden Krimi geschrieben, der auf Langeoog spielt und in dem das berühmte Lied Lili Marleen die Hauptrolle spielt. Der Titel „Lales Lied“ deutet es an, erschienen ist es vor kurzem im https://www.gmeiner-verlag.de/buecher/titel/lales-lied.html

Sein queerer Protagonist, der ehemalige Kommissar und Mittelstreckenläufer und jetzige Privatdetektiv Thomas Nettelbeck, ist im Jahr 1962 auf die Insel Langeoog gekommen, um Lale Andersen, die dort lebt, bei der Aufklärung der Herkunft einiger bedrohlicher Postkarten behilflich zu sein. Sehr schnell wird er in einen Strudel aus Geschichten hineingezogen, die wie schon im ersten Krimi des Autors „Der Tod im Borgward“ mit Geschehnissen aus dem Dritten Reich zu tun haben. Der Schatten der Vergangenheit liegt immer noch bedrohlich über der Bundesrepublik.

Sehr bald interessiert ihn, inwieweit Frau Andersen Dreck am Stecken hat oder nicht. Weil es einen Zusammenhang zwischen den Erpresserbriefen und ihrem Lied gibt, lässt er sich deshalb von ihr die Geschichte des Liedes „Lili Marleen“ erzählen. Diese, von Fassbinder genial verfilmt, ist hochspannend: Lale Andersen, die wegen ihres jüdischen Geliebten, der in der Schweiz lebte, im Dritten Reich lange Auftrittsverbote hatte und deshalb einen Selbstmordversuch unternahm, war bei den Machthabern alles andere als beliebt. Aber Lale Andersen hatte nicht nur einen jüdischen Geliebten, sondern sie war auch im Widerstand tätig, für die Widerstandsgruppe „Die Rote Kapelle“ um den Schriftsteller Günter Weisenborn schmuggelte sie Material von einer Tournee in Polen nach Berlin. Sie hatte Glück und geriet nicht in die Fänge der Gestapo und überlebte das Dritte Reich.

Ihr Lied, das Goebbels gar nicht mochte, durfte in Deutschland erst wieder gespielt werden, als bekannt wurde, dass es inzwischen täglich auf allen Soldatensendern der Alliierten lief, aufgenommen von Marlene Dietrich, der „Vaterlandsverräterin“ und weil die deutschen Soldaten auch danach verlangten.

All diese historischen Erzählungen aus schlimmer Zeit verbindet Fricke geschickt mit der spannenden Handlung um seinen jungen Detektiv, der im ersten Krimi des Autors die Schwulenszene im Bremen der 60er Jahre erkundete und sich in diesem Buch auf der Insel Langeoog neu verliebt. Die Beschreibung des Milieus im Buch ist sehr authentisch und lässt in jedem Detail die Zeit der 60er Jahre wiederaufleben. Es macht Spaß, dieses Buch zu lesen und sich mit Fricke auf eine klug und genau recherchierte Reise in die Vergangenheit zu begeben.

 

Anzeige

Dir hat der Beitrag gefallen? Teile ihn über Social Media. Du möchtest etwas dazu sagen? Weiter unten gelangst du zu den Kommentaren.

https://blogs.taz.de/fremdeln/buchblog-3/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert