Es wird Jasch ausgesprochen, habe ich gehört, von einem Freund, der schon dort gewesen ist. Aber eigentlich kennt so gut wie niemand, den ich darauf anspreche, Iași, geschweige denn, dass schon mal jemand dort war, ich selber ja auch noch nicht. Dabei ist es die drittgrößte Stadt und auch die ehemalige Kulturhauptstadt Rumäniens. Bis 1859 war es die Hauptstadt Moldawiens und von 1859 bis 1862 wurde es sogar zur Hauptstadt vom neuen vereinigten Rumänien, bevor Bukarest zur Hauptstadt erklärt worden ist.
Iași, wo sich Hinweise darauf finden lassen, dass hier schon vor 5000 Jahren Menschen gelebt haben, liegt in Richtung vom Schwarzen Meer, kurz vor der Grenze von Moldawien. Einer der großen Reisenden des 19. Jdh,’s, der Graf Karaczay, beschrieb es folgendermaßen: „In der Moldau, und vorzüglich zu Jassy, befindet sich der Reisende, so zu sagen, an dem Saume des Orients, an einem Orte, wo sich asiatischer Luxus und morgenländischer Reichtum überhaupt, so gut es gehen will, mit europäischen Sitten verschmelzen.“ Diese Mischung aus Morgenland und Abendland interessiert mich ja nicht erst seit meinen Istanbulaufenthalten, einer Reise in die Ukraine und der Zugfahrt von Köln nach Istanbul sehr und so bin ich extrem gespannt, was mich dort in Iași erwartet.
Vor zwei Monaten wurde ich zum Internationalen Lyrikfestival in Iași eingeladen, das immer im Frühjahr stattfindet und stehe jetzt am Flughafen von Dortmund, denn von dort geht tatsächlich ein Flieger der Fluglinie Wizzair, die direkt nach Iași fliegt. Das Flugzeug ist voller rumänischer Passagiere, es kommt mir so vor, als sei ich hier die einzige Deutsche. Nach zweieinhalb Stunden Flugzeit sind wir da. Der Internationale Flughafen Iași hat auch nur eine einzige Landebahn und wir können zu Fuß in das Empfangsgebäude gehen. Die meisten Passagiere gehen direkt zum Ausgang, kaum einer hat sein Gepäck aufgegeben, die Gepäckaufgabe ist das Teuerste bei Wizzair.
Hier in Iași kommen allerdings täglich ziemlich viele Flüge aus Westeuropa an, wie ich auf der Anzeigetafel sehe, die Stadt mit 250000 Einwohnern ist also gut angebunden. Was es wohl sein mag, dass wir im fernen Westen bisher von ihr kaum Kenntnis genommen haben? Dabei soll sie all das haben, was eine alte Kulturhauptstadt ausmacht. Wie Rom wurde sie auch auf sieben Hügeln erbaut. Über diese Hügel fährt jetzt gerade mein Chauffeur, der ein Student der Ingenieurstechnik ist und der genau sowenig wie der kurdische Uberfahrer, der mich in Dortmund zum Flughafen brachte, Englisch sprechen kann und genauso wie dieser zu mir sagt, er wolle jetzt aber unbedingt Englisch lernen, worin ich ihn nur bestätigen kann.
Als ich erzählte, dass ich nach Rumänien fahre, schlugen meine Freunde die Hände über den Köpfen zusammen. Ich solle bloß auf mich aufpassen. Es sei gefährlich dort! Nicht zu vergessen: Transsylvanien! Oder meinten sie es wegen der Nähe zur ukrainischen Grenze? Meine einzige Sorge ist die Frage nach der sprachlichen Verständigung. Ob ich hier wohl auf Englisch weiterkomme? Im Flugzeug habe ich ein paar Wörter Rumänisch gelernt, das ja eine romanische Sprache ist. Aber schon das Wort für Danke war nicht einfach: Multumesc! sage ich, als mich mein freundlicher Taxifahrer am Hotel Astoria absetzt. Unterwegs sind wir schon an einer Reihe beeindruckend schöner alter Gebäude vorbeigekommen, darunter einige orthodoxe Kirchen und Regierungsgebäude. Auch das Astoria ist ein von außen beeindruckend wirkendes Hotel aus der Jahrhundertwende. Als ich hineingehe, werde ich von einigen Dichterkollegen aus Frankreich und Belgien begrüßt. Wir sind alle hier auf Einladung des Internationalen Lyrikfestivals in Iași. Was uns erwartet? Die anderen sind genauso ratlos wie ich. Erst einmal gehen wir gemeinsam Abendessen.
Das Abendessen findet statt in einem Grandhotel um die Ecke, am zentralen Platz von Iași, der von einem Lichternetz überdacht ist. An diesem Platz lässt sich anhand der Häuser die Geschichte von Iași gut nachvollziehen. Neben dem Grandhotel aus der Jahrhundertwende und einem wundervoll ekklektizistischen Palast Braunstein auf der anderen Seite gibt es auch sowjetische Architektur, ein riesenhaft nach oben gezogenes Hotel Unirea und auch eine Reihe Plattenbauartiger hässlicher Gebäude aus den siebziger Jahren. In der Mitte der Uniiri-Plata (Unionsplatz) steht die Statue von Prinz Alexandru Ioan Cuza, der für die Entstehung Großrumäniens verantwortlich war, indem er Moldawien, Rumänien und die Wallachei zusammenlegte, das geschah im Jahr 1859.



Wir aber gehen jetzt erst einmal ins Grandhotel Traian, das gleich neben dem Denkmal steht und wo wir mit großem Hallo von den 60 anderen teilnehmenden internationalen Dichter*innen begrüßt werden. Dann kommen Reden, von den Organisatoren, dann wird gegessen: Kartoffelbrei, eine Art Frikadellen und zwei ausgewachsene Erbsenschoten. Dazu gibt es Leitungswasser. Wein leider nicht, werden wir aufgeklärt, aber morgen Abend gäbe es dann welchen. Inzwischen habe ich schon festgestellt, dass hier sehr viele rumänische Autor*innen sind, davon auffallend viele aus Iași, außerdem gibt es viele italienische Autor*innen, einige Franzosen und Spanier, einen Mauretanier, eine Litauerin, einen Armenier, einen Albaner und mich, die einzige Deutsche. Ein wenig seltsam komme ich mir hier schon vor, als totale Minderheit. Immerhin kann ich mich auf Französisch und Spanisch unterhalten und einige wenige der Teilnehmer*innen sprechen auch Englisch.
Nach dem Essen geht es in einem kleineren Trupp noch weiter in eine Art großen Pub, denn die Italiener*innen wollen unbedingt noch einen Kaffee trinken gehen. Anschließend wird die Rechnung unter uns allen geteilt, was je nach Nationalität Gefallen findet, die Italiener finden es richtig, die Spanier nicht und die Rumänen sind schon vorher nach Hause gegangen. Billig war der Kaffee nicht, wir müssen jeder 6 Euro zahlen. Morgen früh sehen wir uns wieder, zum Frühstück. Und was kommt danach? Keiner weiß es. Ich glaube, wir gehen in Schulen und lesen vor Schülern, sagt jemand. Jetzt schlafen wir erstmal, morgen früh wissen wir dann mehr, sagt jemand anderes. Und so wandern wir die wenigen Schritte zu unserem Hotel und geht dieser erste lustige Abend mit viel lauer Luft, Gelächter und einem schönen Sternenhimmel zu Ende. Als ich auf meinem Zimmer bin, muss ich denken, dass das jetzt wirklich ganz anders war, als ich es mir noch im Flugzeug habe vorstellen können.
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