Ich muss es gestehen: Ich kannte Mihai Eminescu bisher nicht. Das hat sich inzwischen grundlegend geändert.
Der erste Morgen des Lyrikfestivals beginnt mit einer Busfahrt, die uns zu einer Schule führt, in der wir aus unseren Werken vorlesen sollen. Wir sind eine Gruppe von 8 Dichter*innen, in der außer mir ein Spanier und fünf Rumän*innen und eine Moldawierin sind. Wir Dichter*innen sind nämlich in Gruppen aufgeteilt worden, benannt nach den Sieben Hügeln von Iasi, nach denen die Stadt auch Stadt der Sieben Hügel genannt wird, und in der Vergangenheit manchmal sogar als „Das neue Rom“ bezeichnet wurde. Die Hügel tragen die Namen Copou, Cetatuia, Galata, Breazu, Bucium, Sorogari und Repedea. Wir sind in der Gruppe Repedea, was wohl, wie wir erfahren, Schnell heißt. Was die anderen Hügel bedeuten, weiß ich nicht genau. Nur Galata kommt mir bekannt vor, weil es ein Viertel in Istanbul ist, das ja auch mit seinen sieben Hügeln für ein zweites Rom gehalten wurde.
Unserer Gruppe „Schnell“, mit der wir jetzt jeden Morgen eine andere Schule beglücken werden, steht eine wunderbar auf Deutsch, Englisch und Französisch parlierende Studentin der Übersetzungswissenschaften namens Teodora zur Seite. Für den spanischen Dichter, der nicht so gut in Englisch ist, übersetze ich teilweise aber ihre Übersetzung vom Englischen ins Spanische.
Wir kommen zu früh an der Schule an, bzw. an dem Auditorium, in dem wir gleich die Schüler treffen werden, die Schule wird wohl gerade renoviert. Das Gebäude des Auditoriums befindet sich auf der Höhe des Hügels Copou und igleich nebenan ist ein Literaturmuseum. Die Gebäude sind eingebettet in einen wunderschönen sehr großen und alten Park, der voller bunter blühender Blumen ist. Als wir die Wege entlanggehen, kommen wir an Bänken vorbei, die wie beschriebene Blätter aussehen. Auf ihnen stehen Gedichte von Mihail Eminescu, dem großen rumänischen Dichter, dem auch das Literaturmuseum gewidmet ist. Und dann erreichen wir das Ziel unseres Ganges durch den Park: Die berühmte Linde, unter der der Dichter, der von 1850 bis 1889 gelebt hat, sich gerne zurückzog, um im Schatten zu sitzen. Dort hat er auch seine berühmten Gedichte geschrieben. Davor ist eine Statue und ein Stein mit Ausschnitten aus Gedichten von Eminescu, wo wir jetzt Fotos von uns machen. Ich überlege, ob es in Bremen, einer Stadt, die immerhin doppelt so groß ist wie Iași, solch ein Denkmal für einen bedeutenden deutschen Dichter gibt, aber mir fällt keines ein. Immer in anderen Ländern fällt mir auf, wie schlecht es in unserem Land der Dichter und Denker doch mit den Denkmälern für dieselben bestellt ist.
Diese Linde hier ist ein für alle Rumänen sehr romantischer Ort, erfahre ich und auch, dass Eminescus berühmtestes Gedicht „Luceafarul“ ein Liebesgedicht über die unmögliche Liebe zwischen einer Prinzessin und dem Abendstern ist, also zwischen zwei völlig verschiedenen Welten und an welchem er sieben Jahre lang gearbeitet hat.
https://poetii-nostri.ro/mihai-eminescu-der-abendstern—luceafarul-translation-95/
Es ist heiß heute und wir sind froh, als wir ins Auditorium gehen und uns dort mit den Schüler*innen treffen. Jede*r von uns liest zwei Gedichte, von uns beiden werden auch die Übersetzungen vorgetragen. Die Schüler*innen im Alter von ca. 17-18 Jahren sitzen mehr oder weniger gelangweilt da und wollen hinterher keine eigenen Gedichte vortragen und haben auch keine Fragen, so dass wir uns selber noch ermuntern, etwas übers Schreiben zu erzählen. Trotzdem ist die ganze Veranstaltung schon eine Stunde später zu Ende.
Durch glühende Mittagshitze gehen wir den Copouhügel hinunter in Richtung unseres Hotels, das sich mitten im Zentrum befindet. Unterwegs kommen wir erst am Goetheinstitut und dann an der Universität vorbei, die die älteste Universität Rumäniens ist und einen sehr ehrwürdigen Eindruck macht. Einige sehr prächtige offizielle Gebäude folgen, dann eines, das einen eher heruntergekommenen Eindruck macht. Was ist das? Frage ich. Das ist das Gebäude der Securitate, wo unter Ceaușescu die Menschen gefoltert wurden. Da mag niemand etwas mit machen, es hat einen schlechten Ruf, heißt es. Seltsam, eine Hinweistafel gibt es nicht, aber einen gesprayten Schriftzug: „Nu mai este vina communismuslui a cum ce este.“ (Es ist nicht mehr die Schuld des Kommunismus, wie es ist)
Ein Stück weiter ist die größte Bibliothek von Iasi und auch ein deutscher Lesesaal.




Am Nachmittag dann gehe ich zu einer Konferenz in den Palast Braunsteiner. Dieses wunderbar eklektizistische Gebäude aus der Jahrhundertwende (anscheinend existieren keine Unterlagen mehr darüber, wann es genau gebaut wurde), das erst vor kurzem fertig renoviert worden ist und in Teilen immer noch renoviert wird, wurde ursprünglich von einem jüdischen Unternehmer namens Adolf Braunstein erbaut, der sein Vermögen mit der Erfindung des Zigarettenpapiers in kleinen Schachteln machte. Er wurde enteignet, eine richtige Entschädigung hat es bis heute für seine Nachfahren nicht gegeben. Noch 1930 waren 35 Prozent der Bevölkerung von Iasi jüdisch. Bis 1945 wurden fast alle Juden von Iasi umgebracht, es gab 1940 ein schlimmes Progrom, von dem ich hier auf diesem Blog erzählen werde, sobald ich das Progrommuseum in Iasi besucht habe. Fast hundert Jahre später gibt es hier heute so gut wie keine Juden mehr, 96 Prozent der Bevölkerung sind orthodox, 3 Prozent katholisch. Von den ehemals 50 Synagogen aus dem Jahr 1930 ist nur eine einzige übriggeblieben. Stattdessen hat die Stadt aber noch ihre 35 und mehr Kirchen, die ihren Ruf als Stadt der Hundert Kirchen rechtfertigten.
Im Palazzo Braunsteiner befindet sich zu meiner Überraschung ein deutsches Kulturzentrum auf der ersten Etage, gleich neben dem Institut Francais. Alles Deutsche hat hier wohl einen guten Ruf, erfahre ich. Auf der Lyrikkonferenz erzählen rumänische Übersetzer*innen von ihren Erfahrungen mit dem Übersetzen, was für uns Dichter*innen, von denen viele auch als Übersetzer*innen literarischer Texte tätig sind, interessant ist. Ich sitze per Zufall neben einer sehr alten Dame, die mich anspricht und dann mit mir in perfektem Deutsch spricht und mir erzählt, dass sie ein paar Jahre in Ostberlin gelebt habe. Die rumänischen Menschen hier im Raum sind alle sehr gebildet und schick angezogen. Die Älteren unter ihnen, die noch die schlimme Zeit des Bolschewismus unter Ceaușescu miterlebt haben, verströmen den Charme einer vergangenen Zeit und machen trotzdem einen irgendwie unbeschadeten Eindruck.
Ganz ähnlich wirkt auch die Stadt im Zentrum: Sehr gepflegt nämlich, voller wunderbar renovierter Prachtbauten und Straßen, mit wunderschönen Parks und gepflegten Brunnen und Skulpturen. Arme, bettelnde, obdachlose oder gar drogenabhängige Menschen, die bei uns das Stadtbild prägen, sehe ich hier gar nicht. Alles ist sauber und gepflegt. Die Sonne strahlt. Die Cafés sind wie irgendwo in Berlin oder San Francisco und auch die vielen jungen Menschen wirken so, als seien sie international und von überall hierhergekommen. Auch die Preise sind wie in Berlin. Warum hat bloß Rumänien in Deutschland (und auch in anderen Ländern, wie ich von meinen Dichterkolleg*innen erfahre) so einen schlechten Ruf? Warum bin ich so gewarnt worden, bevor ich hierher gefahren bin? Hätte man mich an einem dieser Gebäude und Parks und Straßen ausgesetzt und mich gefragt: Wo bist Du? Ich hätte gesagt: Vielleicht in Paris? Oder in Prag? Oder vielleicht doch in Rom?