Unsere Hauptaufgabe bei diesem Festival besteht darin, morgens an Schulen zu gehen (jeden Tag eine andere) und dort Gedichte vorzulesen und anschließend die Schüler zu fragen, ob sie wohl auch ihre Gedichte vortragen möchten. Das war am ersten Tag leider nicht von Erfolg gekrönt. Die Schüler schämten sich und hatten keine Gedichte mitgebracht. Am zweiten Tag aber sind wir auf einer Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Schule, von der man uns schon vorher angekündigt hatte, dass hier sehr engagierte Schüler*innen sein sollten. Schon während meiner Lesung bemerke ich sehr aufmerksame zugewandte und zudem unkonventionell gekleidete junge Menschen in der ersten Reihe, die mir während meiner Lesung aufmunternd zunicken. Kaum sind wir mit unseren Lesungen fertig, springt einer nach dem anderen von diesen jungen Menschen auf, kommt nach vorne und fängt an, eins seiner Gedichte oder sogar gleich mehrere vom Handy abzulesen. Diese Gedichte sind nicht nur sehr lang und offensichtlich auch gereimt und toll vorgetragen, sondern die meisten haben noch gleich eine englische Version vorbereitet oder lesen sogar ein nur auf Englisch geschriebenes Gedicht vor. Und diese Gedichte handeln nicht nur von Themen wie dem von einer Schülerin vorgelesenen „Always if I don`t have to go to school, I feel like it`s Halleleja“, sondern vor allem von großen Lieben, aber auch vom Gefühl des Außenseiter- und Verstoßenseins. Eine der Lesenden bricht bei der Lektüre in Tränen aus, als sie davon spricht, wie groß ihr Leiden an der Welt ist; das ist sehr berührend und wunderschön, zu sehen, dass die Jugend sich so für Gedichte begeistert und mit Herz und Seele und Verstand dabei ist! Und wenn ich mich nicht irre, sind manche der Gedichte auch nicht schlechter als der „Abendstern“ von Eminescu.
Die jungen Rumän*innen können also richtig gut dichten. „Aber sie schreiben fast nur noch auf Englisch und manchmal denken sie sogar schon auf Englisch und vergessen dabei ihre Muttersprache“, erzählt mir ihre Lehrerin, die poesiebegeistert und wohl vor allem verantwortlich ist für diese exzellente Klasse mit den vielen begabten Jungdichter*innen. Und sie sagt natürlich, dass das sehr traurig sei. Andererseits…man kann nicht alles haben!, muss ich denken. Wenigstens schreiben sie und drücken ihre Gefühle aus!
Nach der Lesung mache ich mich mit meiner litauischen Mitautorin Ramune Brundzaite auf den Weg zum Progrommuseum, das sich nur wenige hundert Meter von unserem Hotel entfernt im Stadtzentrum befindet, in einem Haus, in dem gleich mehrere Museen untergebracht sind, bzw. in dem auf verschiedenen Gängen verschiedene Räume verschiedenen Themen gewidmet wurden.
Hier erfahren wir etwas über die Vorgänge in Rumänien und besonders in Iași während des 2. Weltkrieges. Im Oktober 1940 hatte der extrem antisemitische Präsident Antonescu in Rumänien die Führung der Staatsgeschäfte übernommen. Iași wurde damals zur „Hauptstadt der Bewegung“ der so genannten Eisernen Garde, einer rechtsradikalen faschistischen paramilitärischen Gruppe, die Antonescu treu war, erklärt. Antonescu bekundete, dass er die Bukowina, Bessarabien und das heutige Moldawien judenfrei machen wolle. Der Autor Gregor von Rezzori, der Chronist und Teilhaber des Lebens in der Bukowina und später der Ukraine in den dreißiger und vierziger Jahren, beschreibt in seinem großartigen Roman „Denkwürdigkeiten eines Antisemiten“ die Stimmung und die Klischees, die in der rumänischen Bevölkerung damals zu dem starken Antisemitismus geführt haben, der in der Verfolgung und Ermordung der Juden in dieser Gegend führte, die heute teilweise Teil der Ukraine ist.
Kurz nachdem Deutschland und Russland in den Krieg getreten waren, wurde von Antonescus Anhängern in Iași das Gerücht verbreitet, dass die ansässigen Juden die Russen dazu bringen wollten, Iași zu bombardieren, was der letzte Tropfen war, um die sowieso schon lange geschürten antisemitischen Anfeindungen zum Überlaufen zu bringen. Am 28. Juni begann man damit, die Juden aus Iași aus ihren Häusern zu holen (zu dieser Zeit lebten hier 50000 jüdische Menschen, bei einer Gesamtbevölkerung von 111000 Menschen) und mehrere Tausend Menschen im Hof des ehemaligen Polizeihauptgebäudes von Iasi zusammenzutreiben und dort einen großen Teil von ihnen zu ermorden. Auch auf den Straßen von Iasi wurden die Juden ermordet, aus ihren Häusern und Geschäften gezerrt und kaltblütig erschossen. Die Überlebenden des großen Mordens, mehrere tausend Menschen, wurden dann nach wenigen Tagen zu mehreren Zügen gebracht, dort in Waggons eingesperrt, so eng stehend, dass sie sich nicht hinsetzen konnten und bis zu sechs Tage lang im Schritttempo in der Hitze hin- und hergefahren, bis mehr als die Hälfte von ihnen tot war, erstickt, verdurstet, an übergroßer Hitze zugrunde gegangen, erdrückt. Am Ziel der Reise, nur wenige Kilometer von Iasi entfernt, wurden sie dann ausgeladen und in großen Massengräbern begraben, die die Überlebenden graben mussten.
Wir stehen erschüttert vor einer Reihe von Tafeln mit großen Fotos, die im Hof des ehemaligen Polizeigebäudes aufgestellt worden sind, wo heute die Museen untergebracht sind. Sie zeigen die Morde, die genau hier, wo wir jetzt stehen, passiert sind. Unschwer ist zu erkennen, dass die Fenster und das Gebäude und die Mauer dahinter immer noch genauso aussehen wie vor 85 Jahren. Auf den Fotos ist auch immer wieder zu sehen, wie die wenigen Überlebenden die mit Blut und Gewebe verschmierten Fliesen mit Zahnbürsten reinigen mussten. Die Beklemmung, die sich beim Betrachten an diesem historischen Ort einstellt, ist kaum mit Worten zu beschreiben. Es erinnert mich an meinen Besuch in Auschwitz I und an die Mauer, vor der dort die Menschen ermordet wurden. Dann gehen wir ins Museum hinein und in die Räume, die dem Progrom und dem Todeszug gewidmet sind. Auch hier sind unglaublich viele Fotos von dem schrecklichen Geschehen, das sich innerhalb weniger Tage abgespielt hat, mit Darstellungen des ganzen, brutal unmenschlichen Vorgehens der Rumänen gegenüber ihren jüdischen Nachbarn.
Dieses Progrom und der Todeszug wurden zwar nach 1945 in Iasi vor Gericht noch einmal verhandelt und einige Schuldige zu Haftstrafen verurteilt, aber danach wurde nicht mehr von diesem Thema gesprochen in Rumänien. Von den 110 Synagogen, die es zu dieser Zeit noch gegeben hat, gibt es heute noch genau eine! Diese besuchen wir im Anschluss. Sie ist leider verschlossen und es sieht nicht so aus, als wenn in ihr noch viel stattfindet. Ich hatte von dem Genozid gegenüber den rumänischen Juden schon im Zusammenhang mit Paul Celan gehört, dessen Eltern in einem der rumänischen Lager in Transnistrien, das nicht weit von hier entfernt ist, umgebracht wurden. Dort ließ man die jüdischen Menschen, die unter anderem auch aus Czernovitz, wo Celan herkam, hierher transportiert wurden, einfach bei offenem Felde liegen, verhungern, erfrieren, verdursten, an ansteckenden Krankheiten sterben. Auch Selma Meerbaum-Eisinger, die junge und überaus begabte Dichterin, gehörte zu den Opfern.
Auf dem Weg von der Synagoge kommen wir an einem kleinen Antiquariat vorbei, wo es sogar eine Reihe von deutschen Büchern gibt. Hier finde ich Curzio Malapartes Roman „Kaputt“, in dem er das Progrom von Iasi beschreibt, das er nicht als Augenzeuge miterlebt hat, aber wo er als Kriegsberichterstatter wenig später war und also aus erster Hand erfuhr, was sich dort zugetragen hatte.
Während wir durch eine wunderschön blühende Kastanienallee nach Hause gehen, reden wir nicht mehr weiter vom Progrom, das irgendwie Teil der Vergangenheit ist und in Iasi selber auch nicht besonders groß thematisiert wird. Die jüdische Vergangenheit spielt hier so gut wie keine Rolle. Hier ist man jetzt vielmehr sehr damit beschäftigt, die Stadt schön zu machen und mit den wunderbarsten Blumenarrangements zu schmücken für die rumänische Kulturwoche, die wohl in den nächsten Tagen beginnen wird. Ich bin auch einen Moment lang ein wenig froh, dass ich nicht mehr an die schrecklichen Dinge denken muss, die hier wie an vielen Orten in Europa passiert sind, sondern mich ablenken kann mit bunten Skulpturen, die auf allen Plätzen aufgebaut werden.
Wir streben dem Abendessen entgegen, das im vorzüglichen Hotel Traian stattfindet, das übrigens von Gustave Eiffel erbaut worden ist, wie ich erst heute erfahren habe. Auf dem Weg dorthin muss ich mich aber doch immer mal wieder fragen, wo bloß die 109 Synagogen geblieben sein mögen, die es 1941 hier noch gab. Wieso weist nichts auf sie bzw. auf ihr Verschwinden hin? Wie nahe doch Schönheit und Schrecklichkeit nebeneinanderliegen können, hat nicht nur die Schülerin heute morgen mit ihrem berührenden Gedicht gezeigt, sondern es ist gerade hier in Iasi mit seiner Geschichte deutlich mit den Händen zu fassen….