vonSabine Schiffner 30.06.2026

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Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Bücher, die mit dem Wasser zu tun haben, sollte man – nicht nur – in diesen heißen Zeiten lesen. Und ein ganz besonderes Buch zu diesem Thema ist gerade erst im zuKlampen Verlag erschienen. Es trägt den spannenden Titel: Hafen oder Tod. Der Bremer Autor Johann-Günther König, der seit vielen Jahren zahlreiche Bücher zu kulturhistorischen und politökonomischen Fragen veröffentlicht hat, hat sie zusammengestellt und klug kommentiert. Dass der Tod auf dem Meer ein ständiger Begleiter war und immer noch ist, machen die Texte auf unterhaltsame und manchmal erschreckende Weise sehr deutlich. Eine Seefahrt, die ist nämlich sehr oft überhaupt nicht lustig. Die Fakten, die König recherchiert hat, sind unglaublich: Seit Beginn der Zeitrechnung sind, so schreibt er, ungefähr eine Million Schiffe mehr oder weniger sang- und klanglos versunken. Da jährlich immer noch zwischen fünf- und sechshundert weitere Schiffe hinzukommen, dürfte inzwischen laut seiner Rechnung alle zweieinhalb Kilometer im Quadrat ein Wrack liegen. Schiffsreisen sind also gefährlich, wie der Titel ja schon andeutet. Und die Beispiele für große Schiffsunglücke, die er aufführt, sind nicht nur solche wie die der Titanic, sondern auch erst unlängst geschehene wie die der Estonia, die inzwischen als geschütztes Mahnmal mit 852 Ertrunkenen auf dem Grunde der Ostsee liegt oder der Untergang der Costa Concordia, deren Kapitän seinen Verwandten an Land zuwinken wollte. Nicht immer ist es menschliches Versagen, dass zu Schiffsunglücken führt, sehr oft waren es schlecht konstruierte Schiffe oder ganz einfach zu starker Seegang.

Das Buch ist in viele Kapitel unterteilt, die sich unterschiedlichsten Aspekten der Seefahrt widmen. Es beginnt mit dem Thema Seekrank und endet mit der Landkrankheit, für die der Autor einige sehr kuriose Zitate des Soziologen Nikolaj Schultz gefunden hat, die einen wunderbaren Abschluss des Buches bilden.

In allen Kapiteln greift König auf Erzählungen und Tagebücher berühmter und vergessener Autor*innen zurück, die so ihre Erfahrungen mit der Seefahrt gemacht haben. Er beginnt in der Antike und beschreibt die ersten nachweisbaren Schifffahrten. Ein großes Kapitel widmet sich den christlichen Kreuzfahrern, von denen auch viele per Schiff unterwegs waren auf dem Weg nach Jerusalem, das vorgeblich von den muslimischen Besetzern befreit werden sollte. Kurios auch das Kapitel über Kannibalismus, illustriert mit dem berühmten Bild von Gericault: Das Floß der Medusa. Denn die Geschichte dieses Floßes ist doch eher unbekannt und hat eine politische Dimension. Das Floß war nach dem Schiffbruch der Medusa, einem französischen Kriegsschiff, schnell erbaut worden und hatte eine Größe von 8×15 Metern. Darauf drängelten sich 149 Personen. Die restliche Besatzung und Offiziere saßen in Booten, die das Floß ziehen sollten. Da es aber absank und ein Stück unter Wasser trieb, so dass die Menschen auf dem Floß kniehoch im Wasser standen und entsprechend schwer zu ziehen waren, kappten sie die Leinen und ließen das Boot treiben. Erst 13 Tage später wurden die Überlebenden gefunden, 15 an der Zahl, von denen 5 kurz danach auch noch starben. Was in den 13 Tagen auf dem halbversunkenen Boot an Kannibalismus stattgefunden hatte, davon gibt König mit Augenzeugenberichten eine drastische Vorstellung. Und er lässt am Schluss auch noch verschiedene Stimmen zu Wort kommen, die zum Thema Kannibalismus durchaus erstaunliche Vorstellungen hatten.

Besonders interessant ist das Kapitel über Frauen auf See. Sehr früh nämlich gab es schon unabhängige und selbstbewusste Frauen, die sich alleine auf den Weg machten, um die Welt per Schiff zu umrunden. Dazu gehörte unter anderem Jeanne Baret, die sich gemeinsam mit ihrem Geliebten Philibert Commerson im Jahr 1767 auf der französischen L´Etoile einschiffte, um eine Reise um die Welt anzutreten, bei der sie naturwissenschaftliche Expeditionen unternahmen und Pflanzen sammelten. Sie verkleidete sich als Mann, denn bei dieser Fahrt durften Frauen nicht an Bord. Ihre Identität wurde erst aufgedeckt, als sie in Tahiti an Land gehen wollte, um Kräuter zu sammeln. „“Sie hatte kaum das Boot verlassen, als die Einwohner sie umgaben und schrieen, sie sei eine Frau und nach dem Gebrauch der Insel mit ihr umgehen wollten“.

Sehr interessant auch die Geschichte der heute völlig unbekannten Wiener Autorin Ida Pfeiffer (1797-1858), die auf ihren ausgedehnten Reisen insgesamt rund 240000 Kilometer zur See zurücklegte und zu ihren Lebzeiten sehr erfolgreiche Bücher über diese Reisen verfasste. Auch die Geschichte der Schweizerin Lina Bögli (1858-1941) ist erstaunlich. Sie brach im Alter von 32 Jahren alleine und völlig mittellos zu ihrer ersten Weltreise auf. Da sie immer Geld verdienen musste, legte sie zwischendurch viele längere Stops ein und kehre erst 1902, 12 Jahre später, von dieser Reise zurück, um ein Buch darüber zu schreiben, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde und sich gut verkaufte.

König nutzt all diese Schilderungen aber auch, um auf aktuelle Probleme hinzuweisen, auf die Schrecken der Flüchtlingskatastrophe auf dem Mittelmeer ebenso wie auf die Probleme für Klima und Umwelt, die sich durch die Kreuzfahrtschiffe ergeben. Die ausgewählten Zitate sind in diesem Buch klug montiert und überraschend zu lesen. Neben den Beschreibungen der fürchterlichen Verhältnisse während der großen Migrationswelle des 19. Jahrhunderts, in deren Rahmen 30 Millionen Deutsche unter oft entsetzlich und sehr detailliert beschriebenen Transportverhältnissen in die USA und nach Kanada migrierten, gibt es auch Beschreibungen der unglaublich luxuriösen Verhältnisse, die man auf den großen Ozeandampfern bist zum Ausbruch des 2. WKs erleben konnte. Ich schließe mit einem Zitat von Thomas Mann, der wohl ständig mit Schiffen zwischen Europa und den USA unterwegs war, und das Schiff folgendermaßen beschreibt: „Man ist bei einem sehr vornehmen Herrn auf dem Schloß zu Gast geladen, hat alles u scheinbar umsonst. Man vergißt, dass man schon vorher für die Woche 600 Mark bezahlt hat.(…) Das Essen? Allerersten Ranges, man spürt nicht, wohin es kommt. Von einem Magen sagt die Empfindung nichts. Kafe oder Tee sooft man will, dazwischen. Die Kajüte? Klein, aber doch elegant und so komplet, dass ich diese Zeilen auf meinem Tisch bei elektrischem Licht schreiben kann (…). Eigentlich soll man ja nicht in der Kajüte schreiben!“

Das Buch „Hafen oder Tod“ ist ein sehr gelungener Beweis dafür, wie gut es ist, dass in Kajüten geschrieben worden ist!

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