Andreas Fischer hat nach seinem großartigen Erstling „Die Königin von Troisdorf“ nun ein zweites Buch geschrieben. In „Böll kam nicht bis Troisdorf“, das im Untertitel als Erzählung bezeichnet wird, greift er die Zeit und den Ort auf, in dem er groß geworden ist, lässt schon bekannte Figuren aus seinem ersten Roman wieder auftauchen und erzählt neben seiner eigenen die Geschichte von zwei Menschen und Mentoren weiter, die ihn positiv und negativ geprägt haben und ohne die er, wie er ganz am Schluss aufdeckt, wohl nie zum Schreiben seines Erstlingsbuches gekommen wäre.
Sein Buch macht erst einmal Lachen. Es erstaunt und ist auch rasend komisch wegen seiner Offenheit, seiner Unbekümmertheit, der scheinbaren Naivität seines Protagonisten und der sehr genauen Beschreibung von Situationen und Gedankenwelten. Dabei ist schon klar, dass das Leben, das Andreas Fischer auch zeichnet, nämlich das irgendwie einsame Leben mit seinen alten Eltern, einem alkoholkranken Vater und einer mehr oder minder kalten Mutter, von denen er sich scheinbar gründlich abgekapselt hat, aus deren Haus er früh ausgezogen ist, dasjenige Leben also, das schon in „Die Königin von Troisdorf“ sehr detailliert beschrieben wurde, ganz sicher nicht leicht war.
„Böll kam nicht bis Troisdorf“ ist ein Adoleszenzroman vom Feinsten. Der hochbegabte sensible Junge mit seiner wachen Wahrnehmung und dem Gefühl des Außenseitertums hat schon früh den Impetus, zu schreiben. Er liegt gerne im Bett und träumt, davon erzählt eines der Kapitel, das mir fast am besten gefallen hat, es heißt: Das Bett! Und er scheut sich nicht vor Prominenten. Er nimmt Kontakt mit Heinrich Böll und mit Joseph Beuys auf, ist dabei unterschiedlich erfolgreich. Auch mit dem schamanischen Volker Elis Pilgrim gibt es später ein sehr kurioses Zusammentreffen.
Das Buch ist in vierundzwanzig meist recht kurze Kapitel aufgeteilt. Wie schon in seinem Erstling hat Fischer hier eine raffinierte Art der Komposition gewählt. Er collagiert, springt in den Zeiten hin und her, ist mal in der Jetztzeit, dann wieder in der Vergangenheit, schneidet zueinander passende Szenen überraschend und so filmisch zusammen, dass man auch visuell sehr gut mitgenommen wird; hier zeigt sich das Handwerk des Filmemachers Andreas Fischer, der nach dem Abbruch seiner früh begonnenen Karriere als Schriftsteller bald zum Film wechselte und ein erfolgreicher Dokumentarfilmer wurde. Zuweilen eingestreute Fotos ergänzen den schriftlichen Bericht. Fischer kann sich noch an jedes Detail seiner Geschichte erinnern, sein genial gutes Gedächtnis lässt ihn nicht nur Dialoge und Situationen originalgetrau wiedergeben, sondern er zitiert sogar ein paar Gedichte von Mitgliedern aus seiner Schreibgruppe, die er vor über 40 Jahren zuletzt gehört hat.
Zwei Menschen sind neben dem Autor die Hauptpersonen der Handlung, beide waren entscheidend für seine Laufbahn. Der eine ist ein Schriftsteller „freund“, der Leiter der Schreibgruppe, der er beitritt. Er hat dessen Namen verfremdet, dieser Mann, der am Schluss des Buches stirbt, war kein wirklicher Freund, er wird als alkoholkrank und übergriffig beschrieben. Der Autor wurde von ihm als junger Mann missbraucht und gedemütigt, nachdem er von dem Älteren anfangs über die Maßen gelobt wurde: Narziss lässt grüßen! Der andere, der Fernsehregisseur, der ihn aufgebaut hat und ihn unterstützt hat, ist das genaue Gegenteil, ein wertschätzender unterstützender Mann ohne Hintergedanken, ein guter Mentor. Ihm hat Andreas Fischer das Buch gewidmet: Wolfgang Korruhn. Auch dieser stirbt früh und überraschend.
Diese moderne Mischung aus „Aus dem Leben eines Taugenichts“ und Goethes Werther ist kurios geschrieben und fasziniert. Fischer trifft den Geist und die Mentalität der späten Siebziger/frühen Achtziger Jahre sehr genau. Das ist an vielen Stellen rasend komisch, aber irgendwann bleibt einem denn auch das Lachen im Halse stecken. Als ich es einmal in der Hand hatte, konnte ich das Buch jedoch nicht wieder weglegen. Ganz große Empfehlung!!