vonSabine Schiffner 23.06.2026

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Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Während eines Aufenthaltes beim Lyrikfestival in Iasi, von dem ich auf meinem Blog berichtete, stieß ich in einem Antiquariat auf das Buch „Kaputt“ von Curzio Malaparte  (1898-1957), der darin von einem verheerenden Progrom berichtet, das während des 2. WK an den Juden von Iasi begangen wurde. Weder von diesem Progrom noch von Malaparte hatte ich vorher gehört. Als ich zu seiner Person recherchierte, las ich, dass der italienisch schreibende Schriftsteller mit deutschen Wurzeln – sein Geburtsname war Curt Erich Suckert, Faschist gewesen sei und mit den Nazis geklüngelt habe. Sein Namens-Pseudonym wählte er, um auf die Schlechtigkeit der Welt hinzuweisen. Genau das tut er in seinem sehr bewegenden Buch Kaputt auch. Ich versuchte, eine bezahlbare deutschsprachige Ausgabe zu bekommen, was mir aber erst einmal nicht gelang, weshalb ich das Buch im Original las. Der Titel „Kaputt“, so erfuhr ich gleich zu Beginn des Buches, bezieht sich übrigens auf das jiddische Wort „kapores“, womit ein Sühneopfer zu Beginn von Yom Kippur bezeichnet wird, nämlich die Hühner, die an diesem Tag von orthodoxen Juden um den Kopf gewirbelt und anschließend geschlachtet werden. Schon Karl May nutzte das Wort in einem seiner frühen Romane, dem „Mairöschen“:

„Gott der Gerechte‹, rief er, ›ich bin betrogen worden, ich bin kapores, ich bin pleite um vierzig Taler!‹ – Sie aber stemmte die Arme in die Seite und fragte: ›Was bist du? Pleite und kapores bist du um vierzig Taler? Nein. Kapores ist dein Verstand, und pleite ist dein Gehirn.‹»

Hier bedeutet „kapores“ pleitegehen, oder auf der Flucht sein. Auch im Rotwelschen ist der Begriff bekannt. „Capores/Capore machen“ bedeutet ermorden lt. einem rotwelschen Wörterbuch aus dem 18. Jahrhundert.

Sprachspielerisch der selbstgewählte Name des Autors, sprachspielerisch sein Titel. Und brutal sein Buch, in dem er die Erlebnisse als Kriegsberichterstatter in der Ukraine/Rumänien/Polen und Finnland schildert und sich hierbei als genau beobachtender Sprachmeister erweist. Anlass fürs Erzählen des Buches liefert ein Erholungsurlaub des Autors in Finnland, bei dem er im Haus des Cousins des schwedischen Königs unterkommt, dem er von seinen Erlebnissen während des Krieges berichtet.

Seltsam war es schon, dass dieses Buch auf Deutsch so schwer zu erstehen war. Denn es hat etwas wahrhaftiges, was ich so noch nirgendwo las. Seine detaillierten Beschreibungen von zutiefst unmenschlichen und bösen kleinen und großen Nazifunktionären, mit denen er, wie mit Hans Frank, dem Statthalter und Schlächter von Hitler in Polen, auch tatsächlich zusammengekommen ist, lassen besser verstehen, wie gestrickt genau diese Menschen waren. Mit fürchterlichem Erschrecken, als Mensch, der Kunst und Kultur liebt, schildert er, wie nahe bei ihnen, den Deutschen Eroberern, die Verbindung von hoher Kultur bzw. der Sehnsucht danach und dem Tötungsdrang war. Diesen Tötungsdrang des Deutschen, seine Zerstörungswut, die zum Holocaust und dem entsetzlichen zweiten Weltkrieg führte, erklärt er im Buch damit, dass der Deutsche eigentlich ängstlich sei, nämlich Angst vor dem Anderen, dem Schwachen, dem Fremden, dem Kranken habe. Diese Angst werde dann umgewandelt in unkontrollierbare Verteidigung, die Zerstörung, den Tod, die Vernichtung. Denn vor dem Tod, so sagt es Malaparte, habe der Deutsche keine Angst.

Detailliert schildert er es am Beispiel von Hans Frank, mit dem er erst ein skurriles Fest im alten Krakauer Königspalast feiert, wo dieser inmitten von herbeigeschafften Naziinsignien haust und für seine Gäste zuweilen genial gut Klavier spielt und zudem ein ausgesprochener Kenner und Liebhaber der italienischen Sprache und Kunst ist. Das führt er auch gerne vor. Zwischen riesigen Braten von Tieren, die am Vortag geschossen worden sind, werden die wichtigen Themen verhandelt, darunter auch – in Anwesenheit der Frauen – die Judenfrage. Beim nächsten Besuch werden die Gäste inklusive der zynisch und selbstverliebt beschriebenen Gattinnen der Nazigrößen mit Autos zum Warschauer Ghetto geführt, wo Frank mit derselben Begeisterung und Perfidie, mit der er vorher über die Renaissance und die Musik sprach, eigenhändig einen kleinen Jungen erschießt, der durch einen Tunnel in der Mauer rund um das Ghetto nach außen fliehen will.

Das Buch schwankt literarisch sehr geschickt hin und her zwischen existierendem Luxus und Grauen, zwischen dem Untergang einer alten Welt, der Welt des regierenden Adels, die Malaparte noch für eine Welt der Moral und des Anstands hält und der Erkenntnis, dass dieser Krieg einhergeht mit einem furchtbaren Völkermord, begangen von den Deutschen an den Juden. Immer wieder beschreibt Malaparte, der gemeinsam mit einem SS-Mann, den er als Begleiter beigestellt bekommt, sogar einen als apokalyptisch beschriebenen Besuch im Warschauer Ghetto unternimmt, mit Entsetzen, wie die Deutschen mit den Juden umgehen. Das Buch ist damit das erste literarische Buch, das den Holocaust thematisiert.

Erschienen sind die Artikel, die Malaparte  als Kriegsberichterstatter schrieb und später als Grundlage für sein Buch nahm, schon lange vor Erscheinen des Buches, das 1943 fertig war und Anfang 1944 herauskam. Auch wegen dieser Artikel kam er im faschistischen Italien mehrfach ins Gefängnis. Ein Grund mehr, ihn heute nicht mehr als Autor des Faschismus zu brandmarken. Sein Buch ist hellsichtig, verstörend und hochliterarisch. Es war eine große Überraschung für mich, denn gehört hatte ich vorher noch nie davon. Und es wundert mich nicht, dass ich es erst einmal auf Deutsch nicht bekam; wie hier über den Charakter der Deutschen gesprochen wird, macht wieder einmal, dass ich Scham empfand für mein eigenes Volk.

Es empfiehlt sich übrigens, das Buch auf Italienisch zu lesen, wie von Malaparte, der seine Protagonisten in allen möglichen Fremdsprachen sprechen lässt, auf Französisch, Russisch, Polnisch, insbesondere die deutschen wörtlichen Zitate in den Text eingebaut wurden, vermittelt noch sehr viel genauer die Geisteshaltung der Zeit. In der deutschen Ausgabe von 1982, die ich dann letztendlich doch noch erstehen konnte und in der die fremdsprachigen Zitate bis auf die Französischen nicht aufgenommen sind, gibt es übrigens ein  ausführliches Vorwort, in dem Malaparte versucht, sich bezüglich der deutschen Angriffe gegen ihn wegen seiner Nähe zum Faschismus zu verteidigen. Anscheinend ist er deshalb besonders im Nachkriegsdeutschland ignoriert worden. „Kaputt“, ein anderes Wort für Opfer, ein anderes Wort für Ermorden. „Kaputt“ ist am Ende des Buches die von Malaparte verherrlichte Alte Welt vor den Faschisten und den Nazis, deren Opfer die Juden waren, sowie andere von ihnen marginalisierte Gruppen wie Roma und Sinti, Kommunisten und Homosexuelle, und auch die Kranken und Schwachen, die euthanasiert und ermordet worden sind. Malaparte hat den Millionen ermordeten Menschen mit diesem manchmal schwer auszuhaltenden krassen Buch ein Denkmal gesetzt.

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