Albert Vigoleis Thelen kam im Jahr 1931 mit dem Schiff nach Mallorca. Er sah als erstes die beeindruckende Silhouette der Kathedrale La Seu. Wir hingegen sind bisher noch jedes Mal mit dem Flugzeug hier angekommen.
Für den zweiten Tag unseres Aufenthaltes haben wir deshalb eine Schifffahrt gebucht, eine Sonnenuntergangstour mit der Möglichkeit zum Schwimmen und Schnorcheln und Barbecue auf dem Boot. So kann ich auch endlich einmal vom Meer aus auf die Bucht von Palma zufahren. Auf dem Boot ist außer uns eine große Gruppe von Dortmundern, die für einen Pflegedienst arbeiten, ein italienisches Pärchen, von dem der Mann die Frau immer laut „Amore“ ruft, vier indisch aussehende Männer aus England, drei sehr aufgedrehte amerikanische Frauen und ein amerikanischer Mann, ein französisches Pärchen, ein Paar aus Russland mit einem Altersunterschied von mindestens vierzig Jahren und zwei jüngere und sehr hübsche deutsche Frauen mit einem jüngeren und sehr hübschen deutschen Mann, der fast die ganze Fahrt über in sein Handy guckt und erst auflebt, als einer der Dortmunder, der sich für die beiden hübschen Mädchen interessiert, ihn anspricht und sie auf das Thema Fußball kommen: Eine bunte und recht laute und trotzdem friedliche Mischung also, typisch für die Menschen, die Mallorca über Pfingsten füllen. Der Besatzung, die aus drei mallorquinischen Männern besteht, macht das lautstarke Getöse, das mit zunehmendem Bier- und Sangriakonsum steigt, nichts aus. Sie beschallen uns fröhlich mit Musik und der Kapitän kommt mehrmals aus seinem Steuerhäuschen, um mich zu umarmen, nachdem er mich gefragt hat, ob ich damit einverstanden sei, dass er weiter laut Musik spiele und ich ihm mein Okay gegeben habe. Dass ich beim Sonnenuntergang mit der Musik von Modern Talking sbeschallt werde, ist mir dann auch egal.

Als wir von unserem Tauch- und Schwimmplatz in einer kleinen Bucht aus mit den inzwischen ziemlich beschwipsten Dortmundern wieder zurück Richtung Palma steuern und auf die in den letzten Sonnenstrahlen leuchtende Kathedrale zufahren, denke ich daran, was wohl Vigoleis Thelen gedacht hat, als er im Jahr 1931 hier ankam und auf die Kathedrale zufuhr. Sein kurz geplanter Aufenthalt dauerte fünf Jahre, auch weil er 1933 nicht mehr zurückkonnte nach Deutschland. Und wahrscheinlich wäre er wohl im Jahr 1936 freiwillig auch nicht von hier fortgegangen. Aber es kam alles anders, als er es sich gedacht hatte.
Auf Mallorca lebte während des dritten Reiches eine Community von deutschen Geflüchteten, Migranten, die größtenteils ursprünglich wohlhabend gewesen waren und jetzt hauptsächlich dank Geldsendungen von Verwandten oder mit viel Jobs und Arbeit ( so wie Vigoleis und Beatrice, die sich als Fremdenführer für Kraft-durch-Freude-Passagiere aus Deutschland anboten) knapp überlebten. Die meisten dieser Residenten wohnten wie viele andere Intellektuelle und Künstler aus anderen Ländern in einem Gebiet namens El Terreno, einer etwas ländlicheren Gegend mit schönen Villen auf der westlichen Seite von Palma. Dort hatte auch Gertrude Stein einst mit ihrer Haushälterin und Geliebten gelebt, dort malte der mallorquinische Künstler Joan Miró seine Bilder. Im August 1936 wurde die bis dahin bis auf einige kleine eifersüchtige Streitereien als einigermaßen friedlich empfundene Atmosphäre der Künstler und Intellektuellen, die Vigoleis in seinem Werk aufs wunderbarste beschreibt, zerstört. Da sämtlicher Schiffsverkehr von der Falange und den paramilitärischen Truppen, die nach dem Einzug Francos die Macht auf der Insel übernahmen, kontrolliert wurde, gab es für all diejenigen Menschen, die ihnen Francoanhängern ein Dorn im Auge waren, von hier kein Entkommen mehr. Vigoleis, der selber betroffen war, weil er auf einer Liste mit Deutschen stand, die der deutsche Konsul den Francotruppen übergeben hatte, damit sie sie finden und ermorden konnten, beschreibt es so:
Im spanischen Kriege ist die Insel am fürchterlichsten heimgesucht worden. Die Sehrecken des Festlandes, rechts und links entfesselt, sind nichts im Vergleich mit der Geißel Gottes, die über die Balearen geschwungen worden ist. Es gab kein Entweichen. Wer gezeichnet war, fiel. Man konnte sich nnicht zu seinen Gesinnungsgenossen auf der anderen Seite durchschlagen, man saß in der Falle. Denn mit dem ersten Schuss des Pronunciamentos war die Insel durch einen genialen Handstreich in die Hand der Katholischen Generalität gefallen, die den Heiligen Krieg ausrief. Man sank ins Mittelalter…
Federführend wurden die Verschleppungen und Morde von italienischen Freiwilligen, faschistischen Falangesoldaten durchgeführt, deren berüchtigter Anführer der „Rote Graf“ genannt wurde. Das deutsche Reich, obwohl nicht verbündet mit Spanien, aber sympathisierend mit den rechten Franco-Truppen, lieferte Waffen und Zubehör für die Kämpfe, bei denen insbesondere nichtkatholische und ungläubige Mallorquiner als erste ermordet wurden, denn die Franquisten waren eng mit der katholischen Kirche verbunden. Die einzigen überlebenden Deutschen auf der Liste, die der deutsche Konsul, der Kaufman Hans Dede, der seit 1933 auf der Insel lebte und die ansässige NSDAP-Gruppe leitete, den Franquisten übergeben hatte, waren Vigoleis und Beatrice. Welches Glück sie hatten und wie und wo sie sich versteckt hatten, kann man im Buch nachlesen.
Als sie erfuhren, dass sie sowohl vom Konsul als auch von ihren zahlreichen Freunden schon für tot gehalten worden waren, wurde den beiden klar, dass sie ganz schnell von der Insel fort mussten. Vigoleis, der sich immer wieder lustig gemacht hatte über den Führer und seinen Führerkult und der diesen insbesondere bei den vielen Deutschen, die zwischen 1933 und 1936 mit Kraft-Durch-Freudeschiffen nach Mallorca kamen, auf kurioseste Weise beschrieb, war bekannt für seine Ablehnung des Hitlerregimes. Nur dank der Hilfe einer Gönnerin und Freundin bekamen sie in letzter Minute einen Platz auf einem englischen Kriegsschiff, das die wenigen ausländischen Überlebenden der paramilitärischen Brandschätzer und Mörder auf Mallorca aufnahm, die völlig enthemmt Tausende Mallorquiner, Gewerkschafter, Linke und Lehrer und andere unliebsame ermordeten und in anonymen Massengräbern verscharrten, von Klippen ins Meer stürzten oder in Brunnen stießen.
Hier könnte das eher traurige Ende von diesem Blog sein. Aber eben gerade las ich in der hiesigen Tageszeitung, dass gestern eine Demonstration am „Denkmal für die Opfer des Kriegsschiffs Baleares“ im Park Feixina stattfand, der neben dem Museum Es Baluard steht. Hierbei handelt es sich ursprünglich um ein Denkmal, dass 1947 aufgestellt und von Franco höchstpersönlich eingeweiht wurde, um eines Schiffsunglücks zu gedenken, bei dem republikanische Truppen 1938 ein Kriegsschiff der franquistischen Truppen versenkt hatten. Das Denkmal wurde erst 2010 im Rahmen des Gesetzes zur Erinnerung an die Vergangenheit neu umgedeutet und kommentiert (ich berichtete in meinem ersten Mallorca-Blog davon, dass dieses Gesetz von der neuen rechten Regierung, die seit 2025 in Mallorca im Amt ist, sofort nach Amtsantritt abgeschafft worden ist, s. https://blogs.taz.de/fremdeln/fremdeln-in-mallorca-5/).

Gestern nun, so stand es im Diario de Mallorca, demonstrierten vor diesem Denkmal, wie schon häufiger in letzter Zeit, mallorquinische Neonazis der Gruppierung „Núcleo Nacional“, die, größtenteils maskiert, „Ehre“, „Dienst am Vaterland“ und „Disziplin“ forderten, und sich gegen die „Doktrinen der Modernität“, gegen die „Freimaurerei und die Regierung nach 78 (Francos Tod)“ wendeten, die seitdem hier in Spanien eine parlamentarische Monarchie ist. Das erinnert auf fatale Weise an die Zeit vor dem August 1936, die Vigoleis so genau und erschreckend beschrieben hat. Und es lässt daran denken, was wir zurzeit in Deutschland erleben: Die erstarkende AfD, das antidemokratische Denken, der Verlust des Glaubens an die Demokratie. Mallorca, das 17. deutsche Bundesland: Fest in rechter Hand?

Dieses Denkmal, bei dem es um ein Schiff geht, lässt mich jetzt wieder an das Schiff denken, mit dem Vigoleis ankam und an das, mit dem er abfuhr. Und so habe ich vor diesem Denkmal noch einmal eine Stelle aus seinem wunderbaren Buch „Die Insel des zweiten Gesichts“ gelesen, die letzten beiden Seiten, in denen es um seine Abfahrt aus Mallorca geht. Hätte er den Platz an Bord nicht bekommen, wäre er er schossen worden und hätte seinen großartigen Roman über Mallorca nicht schreiben können, den man heutzutage leider wieder als Warnung verstehen muss:
https://www.youtube.com/watch?v=NjuiLZzMQR0