Pedro Sureda, der beste mallorquinische Freund von Vigoleis Thelen, von dem er in seinem Roman „Die Insel des zweiten Gesichts“ oft spricht, war ein sehr unkonventioneller Mensch, darin Vigoleis Thelen ähnlich. Die Familie Sureda, der er entstammte, war eine der bedeutendsten, exzentrischsten und heute vergessenen adligen Familien der mallorquinischen Kulturszene um die Jahrhundertwende. Sie waren eng mit Valldemossa verbunden, wo auch George Sand mit Chopin gelebt hat.
Joan Sureda, Pedros Vater und ein großer Goetheliebhaber, 1872 im Kloster Valldemossa geboren, war ein Humanist mit einer großen Leidenschaft für Kunst und Literatur. Er war mit einer Malerin verheiratet und lud Autoren wie Miguel de Unamuno und Ruben Darío und später auch Borges in sein Haus ein und gründete die „Confraría de la Belleza“ (Schönheitsbruderschaft). Mit deren Teilnehmern beobachtete er den Sonnenuntergang und rezitierte dazu Gedichte. War die Dämmerung nicht schön genug, wurde mit der Sonne geschimpft. Die Suredas besaßen und bewohnten den Palast Can Vivot in Palma, den man heute noch besichtigen kann. In diesem Palast traf Thelen auch oft mit Joan zusammen, der schwerhörig war und sehr interessiert an Thelen, aber mit dem er nur über ein Hörrohr kommunizieren konnte.
Dieser Palast der Suredas ist heute das erste Ziel meines Spaziergangs auf den Spuren von Vigoleis Thelen. Dort, in den kalten uralten riesigen Räumen, soll angeblich noch eine Nachfahrin von Joan Sureda wohnen, inzwischen uralt, mit ihrem Sohn, der sie pflegt. Vigoleis beschreibt ebenso wie George Sand, dass die mallorquinischen Adligen in Bezug auf die Einrichtung ihrer Häuser keinen Geschmack hatten und sich nicht besonders gastfreundlich aufführten. In diesem herrlichen Palast, der noch sehr original aussieht und besichtigt werden kann, hielten die Suredas zu Vigoleis Zeiten große Hunde, die den Hof bewachen sollten. Da die Hunde oft ausbrachen und die Stadt unsicher machten, machte laut Vigoleis bald in Palma der Spruch die Runde: „Gott stehe uns bei, die Suredas sind los!“



Vom Stadtpalast Can Vivot aus gehen wir an der nahen Kirche Santa Eulalia entlang bis zur Plaza del Cort, dem alten Rathaus von Mallorca, in dem Vigoleis einst ein Gewerbe als Flohforscher anmeldete, dabei unterstützt von Juan Sureda. Auf diese Weise musste er in Mallorca nie Steuern zahlen. Im Flunkern und Erlügen war der Lebens- und Überlebenskünstler Thelen ein Großmeister. Heutzutage wäre es für ihn als „Migranten“ sehr viel schwerer, ein Gewerbe anzumelden. Die rechten Parteien, die in der Regierung sind, haben gerade die Hürden für Residenten sehr viel höher angesetzt als noch zuvor. Um Sozialhilfe zu bekommen, muss man jetzt zwei Jahre länger hier ansässig sein als noch zuvor unter der Vorgängerregierung.


Vom Rathaus aus geht es weiter, wir überqueren die Plaza Mayor, gehen dann die Calle San Miguel hoch, an der Kirche San Miguel vorbei, von dort bis zur Plaza Espanya, wo wir die Avenidas überqueren und kommen dann am alten Kino Augusta an. Dort ist einer der wenigen Orte in Palma, wo auf die Verbrechen unter der Francodiktatur hingewiesen wird. Aber die Plakette hängt so seltsam hoch, dass man sie schon kennen muss, um sie zu bemerken:

Die Inschrift besagt: „Während des spanischen Bürgerkriegs (Guerra Civil) und der Francozeit wurde das Holzlager vom Can Mir zu einem Gefängnis. Hier wurden Tausende politische Gefangene inhaftiert, von denen viele erschossen wurden. Während der ersten Monate des Bürgerkriegs wurden viele freigelassen, nur um dann von Falangisten erschossen zu werden.“
Auch die Zeit vor dem spanischen Bürgerkrieg war schon von Gefechten und Bedrohungen geprägt, besonders für Migranten wie Vigoleis Thelen, der zudem auch von der deutschen Botschaft bespitzelt wurde, als Regimegegner und Ehegatte einer jüdischen Schweizerin. Als nichts mehr ging und die beiden gar kein Geld mehr hatten, wurde ihnen von einem Freund die Unterkunft in einem außerhalb der Stadt gelegenen Haus angeboten, zu dem ich jetzt gerade gehe. Der so genannte torre del reloj (Uhrenturm) befand sich ungefähr an der Stelle, wo heute die Plaza Abu Yahya ist. Diese wurde vor nicht allzu langer Zeit nach dem letzten maurischen Statthalter Mallorcas benannt, der die Stadt regierte, bevor die Katalanen unter Jaume 1. hierher kamen, um die Insel vom vermuteten arabischen Joch zu befreien. Die Statue des Eroberers Jaume 1. steht nicht weit entfernt auf der Plaza Espanya. Dass nun die kleine Verkehrsinsel hier nach Abu Yahya benannt wurde, ist erstaunlich, aber eine Statue wurde ihm zu Ehren nicht angebracht. Dabei hat die Insel den Arabern viel mehr zu verdanken als den christlichen Erobern. Ohne die Araber gäbe es hier keine Mandel- Zitronen- Orangen- und Olivenbäume, wären in der Tramuntana keine Terrassen angelegt worden, auf denen die Bauern das Land urbar machten und gäbe es auch keine Bewässerungssysteme. Zudem waren die Araber an der Förderung von Wissenschaft und Kunst interessiert, sehr liberal und ließen die verschiedenen Religionen in Ruhe.
Das änderte sich alles, als die Christen im Jahr 1229 die Macht übernahmen, dreihundert Jahre nach der Eroberung durch die muslimischen Araber. Daran erinnert auch der Name der Straße, die zur Plaza Abu Yahya führt: Calle del 31. de diciembre. Dieses Datum war nämlich der Tag der Rückeroberung Mallorcas durch die Christen. Sie brachten die Araber um und zerstörten so gut wie alle arabischen Gebäude. Auch die große Hauptmoschee direkt am Wasser wurde zerstört, auf ihren Grundmauern errichtete man die heutige Kathedrale La Seu. Dabei vergaßen die Erbauer, dass die Moschee nach Mekka ausgerichtet war, so dass die Kathedrale heute die einzige nach Mekka ausgerichtete Kathedrale überhaupt ist. Auch viele andere Moscheen in der Madina Mayurqa, wie Palma de Mallorca bis 1229 hieß, wurden zu Kirchen umgewandelt. Dazu gehören auch die eben erwähnten San Miguel und Santa Eulalia. Der Grundriss des heutigen Palma und die engen Straßen in der Altstadt sind auch noch zu fast hundert Prozent so, wie sie von den Arabern ursprünglich angelegt wurden.

Was Vigoleis Thelen nicht wusste, war, dass der Torre del Reloj eigentlich ein Bordell war. Da er kaum Geld hatte, blieb ihm und seiner Frau Beatrice aber nichts anderes übrig, als sich hier einzuquartieren. Insbesondere Beatrice, die sehr geruchsempfindlich war, konnte es nicht nur wegen der unmittelbaren Nachbarschaft zu den dort auch wohnenden Sexarbeiterinnen kaum aushalten, sondern litt besonders darunter, dass vom nahe gelegenen Schlachthof Es Xorxador ein entsetzlicher Fleischgestank herüberdrang. Mit diesem Gestank beschließe ich meinen heutigen Reiseblog. Nach Fleisch riecht es heute nicht mehr hier in Palma. Dafür kann man überall den Geruch von chlorhaltigen Reinigungsmitteln riechen; für mich ist das heute der typische Geruch dieser Stadt.