vonSabine Schiffner 23.05.2026

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Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Am Bremer Flughafen wird mein Handgepäck durchleuchtet. Etwas ist damit nicht in Ordnung. Der Mann an der Kontrolle zieht aus meinem Rucksack ein dickes Buch heraus und wischt es mit einem kleinen Papierstück ab, das er dann in einen Apparat steckt. Es scheint doch alles in Ordnung zu sein, denn ich bekomme meinen Rucksack mit dem Buch zurück. Er hat wohl nicht erkannt, was er eben in der Hand gehalten hat: Albert Vigoleis Thelens spektakulär revolutionäres literarisches Meisterstück: „Die Insel des zweiten Gesichts“, das das beste Buch über Mallorca ist, das nach George Sands „Ein Winter in Mallorca“ geschrieben wurde und außerdem das unbekannteste deutschsprachige Großwerk des 20. Jahrhunderts.

Dabei war der heute wohl als autofiktional zu bezeichnende 1000seitige Roman des Emigranten Albert Vigoleis Thelen, der nie wieder nach Deutschland zurückkehrte, bei seinem Erscheinen im Jahr 1952 durchaus ein Erfolg. Aber heute ist er (leider) so gut wie vergessen. In einer Zeit, in der der Tourismus und die Sucht nach Vergnügen insbesondere auf dieser Insel, auf der ich gerade bin und diese Zeilen schreibe, besonders ausgeprägt ist, kann der auch tourismuskritische Gehalt des Buches nicht auf viel Gegenliebe stoßen.

Ich selber kam mit dem Buch das erste Mal vor vielen Jahren in Kontakt. Damals wohnte ich noch auf Mallorca und bekam den Tipp zur Lektüre von einem mallorquinischen Schriftstellerkollegen. Ich war überrascht, wie gut Albert Vigoleis Thelen einerseits den Charakter der Mallorquiner und andererseits den Charakter der deutschen Touristen beschrieb, die schon im Jahr 1930, als er mit seiner damaligen Freundin und späteren Frau Beatrice erstmals die Insel betrat, die Insel fluteten. Er wäre entsetzt, wenn er noch mitbekommen hätte, was sich nach seinem Ableben im Jahr 1989 hier getan hat. Aber zurück zu seinem Buch, in dem er die Jahre seines Aufenthaltes in Mallorca beschrieb, der von 1930 bis 1936 dauerte; er rettete sich in letzter Minute vor dem spanischen Bürgerkrieg und seinen insbesondere auf Mallorca schlimmen Auswirkungen.

Im Buch berichtet Vigoleis Thelen, der von sich selber in der dritten Person und als Vigoleis spricht, dass er im Jahr 1931 deshalb nach Mallorca kam, weil er vom Bruder seiner späteren Frau Beatrice, der Zwingli hieß und den er von seinem Studium in Köln her kannte, ein Telegramm erhielt. Dieser Zwingli lebte schon länger auf Mallorca und rief nun Schwester und Schwager telegraphisch herbei. Er liege im Sterben, hieß es in dem dringlichen Schreiben. Aber als die beiden eintrafen, war Zwingli kerngesund und lebte in wilder Ehe mit einer ehemaligen spanischen Prostituierten, die er fürchtete und von der er nicht loskam. Seine Schwester und seinen Schwager duldete er, als sie ankamen, nur so lange in der Wohnung, die er mit ihr und ihrer frühreifen Tochter teilte, bis er die beiden Verwandten, die auch nicht eben gut betucht waren, gänzlich ausgenommen hatte. Diese Wohnung, die als düster und nur über ein dunkles Treppenhaus erreichbar beschrieben wird, befindet sich in der Carrer de la Soledad Nr. 8, in unmittelbarer Nähe zur großen Prachtstraße Born, die vom Meer bis zum C&A führt. Das Haus sieht aus wie so viele ältere Mietshäuser hier in Palma.

Carrer de la Soledat Nr. 8
Carrer de la Soledat Nr. 8

Es hat innen ganz sicher die schönen mallorquinischen Fliesen, außerdem sehr dünne Wände und Böden, außerdem hat es außen ein paar kleine Balkone und ist gelb gestrichen. Ich selber habe in einem ganz ähnlichen Mietshaus gewohnt, die Wohnung, die ca. 160qm groß war und über ein ganzes Geschoss ging, kostete im Jahr 2009 noch 800 Euro. Wieviel die Wohnung zu Vigoleis Zeiten gekostet hat, weiß ich nicht. „Heute bekommt man eine Einzimmerwohnung in Palma für 900 Euro“, erzählt mir meine Freundin Antonia, die ich noch aus den alten Zeiten kenne, am Nachmittag. „Die Preise sind dermaßen explodiert, das ist nicht zu fassen. Viel zu viele Wohnungen werden von reichen Menschen gekauft und stehen leer, weil die nur selten kommen. Oder sie sind als Airbnb vermietet. Und die neue Regierung macht nichts dagegen. Sie tun nur so, als wollten sie die Mallorquiner schützen. “

Und dann erzählt sie mir von der neuen Regierung in Mallorca, einer Koalition aus der rechtspopulären PP und der VOX, die ein Pendant zur AfD ist: Sie sind sehr gegen Migration, außerdem queer- und frauenfeindlich. Zudem haben sie als erstes dafür gesorgt, dass das früher verbotene Katalanische, das seit dem Tode Francos Hauptverkehrssprache in Mallorca geworden ist, wieder zurückgefahren wird. Sämtliche staatlich unterstützte Maßnahmen zur Förderung des Katalanischen wurden eingestellt. Und das Gesetz, das zur Aufarbeitung der Geschichte verpflichtete, wurde auch gleich mit eingestellt. Dass die traurige Geschichte des Bürgerkrieges, die insbesondere in Mallorca verheerende Auswirkungen hatte, nicht aufgearbeitet wird, lässt vermuten, dass rechtsgerichtete Kräfte, die den Franquismus verherrlichen, dahinter stehen. Antonia, die ich kennengelernt habe, weil sie eine Agentur geleitet hat, die Katalanisch-Sprachpartner vermittelte, ist ihren Job schnell losgeworden unter der neuen Regierung.

Diese Zustände machen auch, dass ein Buch wie das von Vigoleis Thelen, dessen beschriebenes Leben auf Mallorca eine eindringliche Warnung vor Zuständen ist, wie sie die Rechten dort damals herbeigeführt haben, heute aktueller denn je ist und gelesen werden sollte.

Vigoleis und Beatrice, die beide als Übersetzer ins Deutsche tätig waren, mussten sich während ihres Aufenthaltes in Palma lange auf erbärmlichste Weise durchschlagen und litten immer unter Geld- und oft auch unter Essensmangel. Besonders hängen geblieben ist mir von der Lektüre ihr Aufenthalt in einer Pension, die Pension del Conde hieß. In dieser Pension, bei der es sich um den Palast eines echten Grafen handelte, traf Vigoleis, der nicht nur kurios erzählen kann, sondern auch dauernd kuriose Leute traf, eine Reihe seltsamer Menschen, darunter auch prominente Gestalten der Zeitgeschichte wie Graf Kessler, Hermann Graf Keyserling und Klaus Mann, Emigranten zu jener Zeit, die sich nach 1933 hierher begeben hatten, weil das Leben in Mallorca günstig war und man sich weit fort vom verhassten Nazideutschland wähnte. Dass die Deutsche Botschaft auch in Palma de Mallorca Gestapospitzel hatte, die die Deutschen beobachteten und regelmäßige Berichte schickten, wussten sie anfangs nicht. Auch die in Palma erscheinende deutschsprachige Zeitung „Der Herold“ war ein reines deutsches Propagandablatt, viel gelesen von der großen Schar in Mallorca lebender Deutscher, die keine unfreiwilligen Emigranten waren und sich nach der Heimat sehnten.

Die Pension del Conde ist heute ein Hotel, das Palau Sa Font heißt.

Hotel Palau Sa Font, Carrer dels Apuntadors, 38, Palma

Hier wohnen inzwischen keine Emigranten mehr, Künstler, Intellektuelle, Schauspieler und Adlige, die vor den Nazis nach Mallorca flüchteten. Hier wohnen jetzt diejenigen, die sich ein Zimmer für 400 Euro die Nacht erlauben können. Die Straße Sant Feliu geht vom Born ab und befindet sich im Viertel der Llotja, der so genannten Unterstadt von Palma, wo vor allem Fischer, Hafenarbeiter und Handwerker wohnten, die in der Unterstadt Ciudad baja rund um die Kaufmannsbörse La Llotja günstig leben konnten, dort, wo die Gassen noch etwas dunkler und enger waren als in der Oberstadt Ciudad alta, rund um die Kathedrale, wo vor allem die reichen alteingesessenen adligen Familien ihre großen Stadtpaläste hatten.

Vigoleis Thelens letzte Wohnung befand sich in diesem Viertel Ciudad baja, in der Carrer del Vi 11, ehemals Calle General Barceló.

Carrer del Vi, 11

Nicht weit entfernt von dieser Wohnung ist an einer Ecke der Straße San Feliu vor einigen Jahren seitens der Stadt Palma eine Tafel angebracht worden, auf der an Vigoleis Thelen und an seinen letzten Wohnort erinnert wird.

Ecke Carrer Feliu/Carrer del Vi

Die dunklen Gassen der Ciudad baja sind heute aufgemotzt und heller geworden. Ein Großteil der Straße Sant Feliu, die eine Parallelstraße zur Carrer Apuntadores ist, in der die Pension des Conde stand, gehört heute einem Deutschen namens Gerhardt Braun, der aus der Nähe von Köln stammt. Vor seiner Karriere als Galerist, die er 2012 begonnen hat, hat er eine Unternehmensholding besessen, die er verkaufte, um sich in Mallorca zu etablieren. Inzwischen gehören ihm hier mehrere der alten Stadtpaläste und gefühlt ein Drittel der Straße Sant Feliu ist belegt mit Galerien, die seinen Namen tragen.

Die schleichende Gentrifizierung passt gut zur Regierung hier in Mallorca, die sich nicht nur mit der Verdrängung der Geschichte beschäftigt, sondern auch einen hemmungslos wachsenden Konsum fördert, der gerade erst zum Ausbau vom Flughafen Palma in einen riesigen Einkaufstempel geführt hat. Vigoleis, der vor allem für seinen Humor bekannt war, würde sich wahrscheinlich auf böseste Weise darüber lustig machen oder sich im Grabe umdrehen, wenn er das alles noch mitbekäme.

Ich kann die vielen Läden voller teurer Dinge, die ich heute schon gesehen habe, auch nicht mehr aushalten und gehe wieder zurück zu unserer Unterkunft in der Ciudad alta, die sich in einem alten umgebauten Jugendstilhaus befindet, von dem jahrelang nur noch die Fassade zu sehen war, um diesen Blog zu schreiben. Unten sitzt ein Mensch auf der Straße und spielt eine traurige klingende Melodie und singt auf spanisch. Ich muss daran denken, dass wir eben noch am Konvent der Kaputxinermönche vorbeikamen, direkt neben dem großen Markt Olivar gelegen, wo jeden Morgen an Hunderte bedürftige Menschen ein Frühstückspaket ausgegeben wird. Morgen werde ich mich wieder auf die Suche nach weiteren Orten begeben, an denen Albert Vigoleis Thelen hungerte, lebte und schrieb und von seinen Erlebnissen auf Mallorca berichten, in denen so oft von Elend, Migration und Sexarbeit die Rede war. Sein Roman trägt den wahrlich passenden Titel: Die Insel des zweiten Gesichts!

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