Die Stadt Iasi macht sich schön für das anstehende Kulturfest. Vor dem Kulturpalast, in dem eine große Ausstellung des bedeutenden rumänischen Bildhauers Brancusi stattfindet, hält eine überlebensgroße Hand wehendes Silber wie einen Stift. Überall werden Skulpturen aufgestellt und kleine Gärten mitten in den Fußgängerbereichen. Die Stadt ist sehr sauber, sehr schön, sehr sicher.
Als wir heute Morgen auf die Schule zugehen, in der wir lesen werden, werden wir schon vor der Tür von der Direktorin und mehreren Lehrerinnen begrüßt. Das ist hier eine besondere Schule, haben wir schon vorher gehört, die Lehrerschaft sei sehr engagiert. Aus dem Inneren ertönt Klaviermusik. Im Eingang sitzt ein junger Mann am Klavier und spielt ohne Notenblatt das Prelude 28, Nr. 1 von Chopin. Wir stehen ergriffen um das Klavier herum. David sei Autodidakt, sagen die Lehrerinnen. Anschließend werden wir an vielen tollen Kunstwerken vorüber geführt, die die Schüler gemacht haben und dann ins Direktorenzimmer gebeten, auf einen Kaffee. Im Klassenzimmer warten schon die Schüler*innen und gleich mehrere Lehrerinnen. Die Lesung beginnt mit Musik, eine junge Frau spielt auf dem Saxophon. Ich bin als erste dran, stehe auf und bedanke mich für die wunderbare Musik und halte eine kleine Rede zum Verhältnis von Musik und Poesie, denn eine Rede halten muss man hier immer, jeder meiner rumänischen Mitautor*innen macht das mit Leidenschaft und so will ich auch nicht hintanstehen und einen schlechten (deutschen) Eindruck hinterlassen. Dann lese ich zwei meiner Gedichte auf Deutsch. Anschließend trägt meine moldawische Mitautorin die rumänischen Übersetzungen meiner Gedichte vor. Im Anschluss liest sie ihre eigenen Gedichte, die mir sehr gefallen. Ich werde sie hinterher auch noch auf spanisch vorlesen, denn die Schüler*innen hier haben Spanisch als Schulfach, es gibt insgesamt fünf Sprachen, die an dieser Schule unterrichtet werden. Alle Schüler heben die Hand, als ich frage, wer von ihnen spanisch spricht. Eine der Schülerinnen springt sogar auf und setzt sich zu meinem spanischen Mitautor Julio César Pavanetti, um ihm beim Übersetzen der anschließend auf englisch geführten Diskussion behilflich zu sein. Martha hat beim weltweiten Spanischwettbewerb den zweiten Preis für die beste Spanischsprecherin gemacht hat, erzählt sie uns später. Dann werden wir wieder vor die Schule geführt, wo auf einem gepflegten Rasengrundstück die Schüler*innen Pause machen, an Tischen sitzen und reden oder Hausaufgaben machen. Daneben steht ein kleines Haus, in dem Bücher untergebracht sind, die die Schüler sich in den Pausen nehmen können, um darin zu lesen. Was für eine schulische Idylle, muss ich denken, als ich mich noch einmal umdrehe und die winkenden Lehrerinnen sehe, die alle extrem chic und stylisch angezogen und geschminkt sind.
Im Bus schwärmen wir noch lange von den so disziplinierten und interessierten Schüler*innen und der Schule voller Kunst, Musik und Literatur. Ich erzähle davon, dass es in Deutschlands Schulen nicht so gut bestellt ist mit der Disziplin und dass es an vielen Schulen Angriffe auf Lehrer*innen gibt und Unterricht oft kaum möglich ist, wie ich von Lehrerfreundinnen und auch aus eigener Erfahrung aus einer Tätigkeit als Vertretungslehrerin weiß. Meine Kolleg*innen sind sehr erstaunt. Ausgerechnet in Deutschland? Das hätten sie nicht gedacht!
Am Schluss wird es bei den Festivals immer ganz sentimental und am letzten Abend liegen sich alle in den Armen, sagt mir der Dichterkollege Jean aus Luxemburg, der hier der einzige ist, mit dem ich mich zuweilen auf Deutsch unterhalte. Ich habe ihm gerade erzählt, dass ich am nächsten Morgen abfahre, einen Tag vor Ende des Festivals. Er selber ist sehr viel auf Literaturfestivals unterwegs, wie so manch einer der hier anwesenden Dichter, von denen viele eine multinationale Identität haben. Die Uruguayer leben schon lange in Spanien und stammen von Italienern ab. Der Luxemburger hat eine italienische Mutter und lange in Deutschland gelebt. Die Moldawier haben fast alle auch ukrainische, rumänische oder russische Elternteile und die beiden Franzosen stammen ursprünglich aus Argentinien und dem Libanon. Die meisten hier sprechen zumindest zwei, wenn nicht sogar drei oder vier Sprachen. Bei ihren Erzählungen habe ich manchmal den Eindruck, dass viele der Autor*innen das ganze Jahr über von einem zum anderen Festival eingeladen werden, heute in Montevideo, morgen in Peking und übermorgen in Stockholm sind, alleine von zwei Kollegen habe ich schon gehört, dass sie gleich weiterfliegen zu Festivals in den Senegal und nach Bari.
Das ist vor allem deshalb merkwürdig, weil die Bezahlung meiner Dichterkolleg*innen dermaßen gering ist, dass ich es kaum glauben kann. Für Lesungen bekommen sie fast nie Honorare. Ein fünfzigjähriger Dichterkollege, der schon einige Bücher veröffentlicht hat, erzählt mir, dass er bisher an Einkommen aus seiner literarischen Arbeit insgesamt ungefähr 2000 Dollar verdient habe. Auch die anderen müssen alle einen anderen Beruf ausüben, um über die Runden zu kommen. Viele waren oder sind als Lehrer oder Professoren tätig, arbeiten an Theatern in der Verwaltung oder machen Logistik. Die moldawische Kollegin schreibt neben ihren Gedichten auch Songtexte für die berühmtesten Sängerinnen ihres Landes (sie hat mir Videos gezeigt von deren Auftritten und mir gesagt, dass sie schon hunderte Texte geschrieben hat) und bekommt dafür zwischen 50 und 100 Euro pro Text. Manch einer der Dichter ist auch in der Wirtschaft tätig beziehungsweise gewesen und hat erst nach der Pensionierung angefangen zu schreiben. Der Altersschnitt der zu 80 Prozent männlichen Teilnehmer ist hoch, ich schätze ihn auf mindestens siebzig. Und die meisten kennen sich untereinander, weil sie – vielleicht wegen ihrer guten Pensionen – so viel auf den Festivals unterwegs sein können und sich dann wieder gegenseitig einladen; bestimmt ein Drittel der hier Anwesenden sind selber Organisator*innen von Festivals. Ich kann mich also glücklich schätzen, dass ich eingeladen wurde, obwohl ich eine Frau bin, unter 70 und keine Festivals organisiere.
Heute ist nun endlich auch der Tag gekommen, an dem ich Varujan Vosganian treffe, den berühmtesten Teilnehmer unseres Festivals. Er ist Romanautor, armenischstämmig, aber in Rumänien geboren und aufgewachsen. Mit seinem berühmtesten Werk „Das Buch des Flüsterns“, das vor 15 Jahren erschienen ist, war er zweimal für den Nobelpreis nominiert. Ich habe es schon mehrmals gelesen und halte es für eines der größten literarischen Meisterwerke unserer Jetztzeit. Er erzählt darin die vom Genozid geprägte Geschichte seiner Familie im Stil des magischen Realismus und lässt den Leser auch daran teilhaben, was in der Nachkriegsgeschichte an Schrecken in Rumänien passiert sind und wie sehr die Menschen unter der Securitate und den Russen zu leiden hatten.
Am Nachmittag präsidiert er, der in Rumänien einige Jahre Wirtschaftsminister war und heute Präsident der Vereinigung der rumänischen Schriftsteller, bei einem originellen Konzert mit rumänischer Musik. Dafür wurden vor allem ältere rumänische Sänger eingeladen, von denen wir anderen noch nie gehört haben, deren Lieder aber jeder hier im Raum mitsingen kann. Der eine oder andere der rumänischen Dichter lässt es sich denn auch nicht nehmen, spontan auf die Bühne zu kommen und mitzusingen. Diese Lieder zu hören, die geschrieben wurden in Zeiten, da man sie an der Securitate vorbei sang und so, dass diese die diskret versteckte Regimekritik nicht hören konnte, ist sehr berührend.
Nach dem Konzert ist es wieder Zeit fürs Abendessen. Es gab fast jeden Tag Polenta, die hier Mamamita heißt, dazu gab es immer viel Fleisch, manchmal allerdings es auch Kartoffelpüree und sehr oft vorneweg eine Gemüsesuppe, zuweilen auch mit Fleisch. Eine moldawische Spezialität gab es am ersten Tag, sie gefiel mir besonders gut: Tochitura Moldawenesca:
Polenta mit einem bröckeligen Schafskäse, dazu ein pochiertes Ei und eine Art Rindergulasch und Gurken. Die Kombination war originell und schmeckte! Heute Abend gibt es aber wieder Kartoffelpüree, dazu sehr zartes Lammfleisch. Vegetarier und Veganer scheint es noch nicht zu geben hier in Rumänien, wie mir meine Kolleg*innen mitteilen.
Nach dem Essen dann ziehen wir wie jeden Abend mit einem Trupp von ca. 15 Dichter*innen los, um in die Patisserie mit dem schönen Namen „Select“ zu gehen, die insbesondere die italienischen und französischen Teilnehmer*innen sehr gerne haben, dort gibt es Kuchen wie in ihrer Heimat. Die Preise in Iasi sind allerdings fast höher als in Frankreich und oft auch höher als in Deutschland. Ich habe mich die ganzen Tage schon darüber gewundert und ich bin nicht die einzige, die sich darüber wundert, dass ein Kaffee oft vier Euro kostet und die Kuchen 6 Euro und mehr. Wie können die Rumän*innen, deren Durchschnittseinkommen 1000 Euro beträgt, sich hier überhaupt etwas leisten? Auch das Hotel ist teuer, ein Einzelzimmer kostet 100 Euro, die drei Sterne, die es haben soll, ist es aber lange nicht wert. Das alles ist etwas seltsam! Ihr habt es besser in Deutschland, sagt mir mein armenischer Kollege Dikran, besonders mit Eurer Mama Merkel, die die Türen geöffnet hat! Ihr habt wirklichen Sozialismus! Als ich ihn frage, wie er das meint, sagt er: Bei euch gibt es soviel soziale Unterstützung für Alle und insbesondere für die Geflüchteten. Auch Julio, der Spanier, bestätigt das. Und immer wenn er in Deutschland sei, würde er sich wundern, dass die Preise für Übernachten und Essen längst nicht so hoch sind wie bei ihnen in Spanien…Ja, in Rumänien lernt man es unerwarteterweise zu schätzen, was man in der Heimat an Gutem hat und wie günstig alles ist.
Ich muss auf einmal an Daniel denken, der in meiner Gruppe ist, aber heute Abend nicht mit uns mitgeht, weil er Schmerzen im Bein hat. Heute morgen kam er mit zu unserer Schullesung, der er zwei Tage fortgeblieben war und erzählte uns, er habe am Morgen mit einem Geist aus seinem Dorf gesprochen, der dort im Fluss Oxana wohnen würde und ihn gefragt, warum er diese Schmerzen habe. Der Geist hieße Kewedo und dieser Geist habe ihm gesagt, er sei zwei Tage mit Beinschmerzen geplagt worden, damit er nicht aufstehe, denn das Aufstehen sei nicht gut für ihn. Anscheinend soll er aber auch heute Abend nicht mehr mitkommen.
Valery, der Ukrainer, erzählt uns auf Nachfrage und mit Übersetzung durch die moldawischen Kolleginnen, warum er für die Ukraine ist und gegen Putin, obwohl seine Familie in Moskau wohne. Ein Cousin von ihm aus Moskau, der zum Krieg eingezogen werden sollte, bekam Krebs und starb, weil er nicht gegen seine eigene ukrainische Familie kämpfen wollte.
Julio fängt plötzlich an zu singen, einen sentimentalen Tango, dessen Text er vor Jahren selber geschrieben hat, dazu lässt er über Youtube karaokemäßig die Musik laufen. Anschließend singen die Italiener für mich ein Lied mit Ciao Ciao, weil ich am nächsten Morgen abfahren werde. Gegen 23 Uhr verlassen wir das Hotel Select und gehen Richtung unseres Hotels und überqueren den großen Unionsplatz, der komplett mit einem riesigen Netz aus leuchtenden Lichtern überspannt ist. Da fangen die Spanier auf einmal an zu tanzen und zu singen und ich höre, dass sie gemeinsam mit den Franzosen Rosamunde anstimmen, aber ohne Text, was der Luxemburger, mit dem ich mich gerade auf Deutsch unterhalten habe, ebenso lustig findet wie ich. Und dann wird auf einmal Polonaise getanzt.
Da fassen uns die drei sonst immer so reservierten und zurückhaltenden Moldawier (diese Mentalität ist auch die Mentalität aller Rumänen, die ich hier getroffen habe), sie fassen Jean, den Luxemburger und auch das griechische Paar, das aus einem Dichter, der auch Arzt ist und seiner blonden Frau, die Kurzgeschichten schreibt, besteht, fassen auch die beiden Uruguay-Spanier, den Libanesisch-Französischen Argentinier, den Ukrainer aus Czernovitz, der so gerne Whisky trinkt und ganz viel raucht und keine Sprache kann außer Russisch, die drei Franko-Italiener, die Litauerin, den Armenier aus Aleppo, die beiden Israelis, die erst vorgestern gekommen sind und die sich für alle Eventualitäten gerüstet haben, wie sie mir erzählten, weil sie nicht wissen können, ob es mit ihrem Rückflug „in diesen schlimmen Zeiten“, in denen sie keine Familie mehr kennen, die nicht einen Verletzten oder Toten zu beklagen hat, auch klappt und sie fassen auch mich, die ich verglichen mit vielen anderen hier aus solch einer heilen und so lange friedlichen Welt komme und fassen auch noch zwei zufällig vorbeikommende Franzosen, die gar nichts mit dem Festival zu tun haben, bei den Händen und fangen an, gemeinsam mit uns allen einen beschwingten wilden moldawischen Tanz zu tanzen. Das ist ganz wunderbar und macht uns alle sehr glücklich.
Und mit diesem intensiven gemeinsamen Tanz auf dem Unionsplatz und unter den künstlichen Sternen möchte ich diesen Blog aus Rumänien und Iași beenden und bedanke mich – falls sie es lesen – nochmal tausendmal bei den Dichtern Valeriu Stancu und Ada Cristi für die Einladung zum Festival und die große Gastfreundschaft und Unterstützung und die Möglichkeit, so viele tolle Kolleg*innen und vor allem die phantastische Stadt Iași kennengelernt zu haben, in der ich von nun an in Gedanken immer wieder unter dem künstlichen Sternenhimmel des Unionsplatzes moldawische Rundtänze tanzen werde.