Obwohl das neue Buch von Sven Regener wieder im Berlin Anfang der Achtziger Jahre spielt, wird dort von keiner Stadt soviel gesprochen wie von seiner Heimatstadt Bremen. In „Frankie und Freddie“, das eine erneute und unerwartete Lücke in der Fülle seiner autofiktionalen Werke füllt, nämlich eine kurze Zeitspanne nach dem Ende seines Bestsellers „Herr Lehmann“, werden die 24 Stunden vom 23. bis zum 24. 12. 1980 mit einer wie immer rasant turbulenten und am Ende hochkomischen und sehr berührenden Handlung gefüllt. Aber es ist weder ein Bremen-, noch ein Berlinbuch, sondern wieder ein Buch, das von Menschen erzählt, die dem Leser inzwischen enorm vertraut und bekannt vorkommen.
Sven Regener, der schon in seinen vorherigen Büchern den schnoddrigen Alternativsprechton der Punk- und Hausbesetzerszene Berlins und Bremens mit personalem Erzählstil zur Perfektion gebracht hat, stimmt diesen hier auch wieder an. Sein Alter Ego Frankie ist die Person, in deren Kopf wir von Anfang an schauen dürfen.
In seinem neuen Buch dreht es sich wie schon in „Der kleine Bruder“ um das Verhältnis der beiden Brüder Lehmann, um Frank, genannt Frankie und um Manfred, den Älteren, genannt Freddie. Alle Figuren in Regeners Büchern haben immer Spitznamen, und einige dieser Figuren sind inzwischen auch schon Teil von Literatur- und Filmgeschichte geworden, aber in keinem seiner bisherigen Bücher wurde wohl so herrlich auf den beliebten und unbeliebten Spitznamen herumgeritten wie in diesem.
Diesmal gibt es aber auch eine beginnende und sehr vorsichtige schüchterne Liebesgeschichte. In der WG, in der der manchmal sehr aggressive und manchmal deeskalierend handelnde Frankie nach seiner Ankunft in Berlin gelandet ist und die eigentlich ursprünglich die WG seines Bruders war, wohnt auch Chrissie, in die Frankie sehr verliebt ist und die einen ganz eigenen femininen Part im Buch spielt. Diese beginnende Beziehung ist der Anlass für Franks Freunde, ihn immer wieder liebevoll damit aufzuziehen. War „Am Arsch“ einer der am häufigsten benutzten Ausdrücke in seinen vorherigen Büchern, so lassen es sich jetzt die Freunde nicht nehmen, Frankie mit „Zwinker Zwinker“ immer wieder auf seine Verliebtheit zu Chrissie hinzuweisen.
Franks Bruder Freddie, mit dem er sich über ihr Verhältnis als älterer und jüngerer Bruder eigentlich endlich aussprechen möchte, hat die letzten Wochen in einem Hotel verbracht, wo er an einer Medikamentenstudie teilgenommen hat. Mit dem Geld aus der Medikamentenstudie will er für einen geplanten Künstlerstipendienaufenthalt in New York besser über die Runden kommen. Freddie ist von dieser Medikamentenstudie ziemlich mitgenommen. Sein Künstlerdasein ist ein Grund für Frankie, eifersüchtig zu sein und sich vielleicht deshalb über den Bruder und seine Ambitionen lächerlich zu machen. Ein weiteres Thema dieses Buches ist nämlich die Geschwisterrivalität, die vom Jüngeren ausgeht, von Frankie. Er hat es nicht verwunden, dass sein Bruder einfach aus Bremen fortgegangen ist und ihn, den fünf Jahre Jüngeren, alleine zurückgelassen hat. Gleichzeitig liebt er seinen Bruder sehr und ist nun traurig darüber, dass dieser fortgehen will und diesmal noch viel weiter. Nun versucht er ihn zumindest dazu zu bewegen, über Weihnachten wieder mit nach Hause und zu den Eltern zurückzukehren.
Auf den ersten 100 Seiten des Buches beginnt die Geschichte eher gemächlich, das ist für Nichtsvenregenerfans unter Umständen vielleicht an mancher Stelle eher ermüdend zu lesen, die zuweilen ellenlangen Sätze von Regener helfen da auch nicht wirklich weiter. Regeners Stärke sind vor allem die Dialoge, die Zeichnung der so unterschiedlichen Charaktere, die er beschreibt. Erst als die Mitglieder der WG sich aufmachen um eine verlorene Tasche zu finden, fängt es an spannend zu werden und nimmt dann schnell Fahrt auf, mit den von Regener bekannten rasend komischen Dialogen und kuriosen Figuren wie Artsy Fartsy, einem Saxophonisten, der nicht so genannt werden möchte, wie alle ihn nennen. Dabei lebt der Roman auch davon, dass so kurios erscheinende Kommunikationsmittel wie Telefonzellen und die persönliche Suche nach Menschen, die man heute per Whatsapp kontaktieren würde, herrliche Handlungsmöglichkeiten schaffen.
Berlin mit viel Schnee, Eis und dann wieder Matsch wird als bezaubernder Hintergrund gezeichnet, auf dem die immer so spontan und unerwartet reagierenden coolen Figuren von Regener agieren. Und im Hintergrund klingt dabei oft die Stimme der Mutter auf, die in Bremen eigentlich darauf wartet, dass ihre Söhne nach Hause kommen und es sich aber nicht so richtig anmerken lassen will. Der Roman zeichnet diese Mutter, die in Frankies Kopf eine große Rolle spielt, sehr liebevoll. Und die Erinnerung an die gemeinsame Kinder- und Jugendzeit in Bremen begleitet Frankie im Roman an diesem 23. 12. 1980 bei all seinen Wegen durch Berlin, dessen U-Bahnplan er noch nicht ganz so gut kennt wie die Haltestellen der Linie 1 in Bremen. Bei all den chaotischen, oft besoffenenen und immer zigarettenschwangeren harten Großstadtkerlen, die Regener zeichnet, existiert dann doch anscheinend der Wunsch nach einer heilen Welt und einem friedlichen Weihnachtsfest mit der Familie.
Bis zum Ende des Buches, das man also getrost ein wunderbares alternatives und sehr melancholisches Weihnachtsbuch nennen kann, bleibt es offen, wie die Geschichte ausgeht. Und als ich den letzten Satz las, wünschte ich mir sehr, dass Regener schon wieder am nächsten Buch arbeitet.