vonSabine Schiffner 14.09.2026

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Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Was bleibt übrig nach einer Katastrophe?

Sie sei nach einer Inszenierung der Oper Innocence, die sie vor drei Jahren in Amsterdam gesehen habe, erschüttert und völlig verändert wieder aus dem Theater gegangen, sagte die Chefdramaturgin des Bremer Musiktheaters, Frederike Krüger, bei ihrem Einführungsvortrag zur Präsentation der Saisoneröffnungspremiere am Bremer Opernhaus.

Dasselbe geschah mir auch, als ich gestern Abend aus den heiligen Hallen des Theater am Goetheplatz ging. Gerade eben hatte ich eine extrem spannende, tiefphilosophische, berührende, hochemotionale Aufführung der Oper Innocence von Kaija Saariaho gesehen, hundert pausenlose Minuten, in denen ich so gebannt war, dass ich mir während der Vorstellung nicht vorstellen konnte, jemals wieder als derselbe Mensch aus diesem Theater hinaus und auf die Straße zu gehen. Die Unschuld, die auf der Bühne zur Schuld wurde, war auch mir genommen worden. Nach dieser Aufführung betrachtete ich die Welt auf einmal mit anderen Augen.

Keine andere zeitgenössische Komponistin steht so viel auf den Spielplänen der Opernhäuser der Welt wie die finnische Komponistin Kaija Saariaho, die ihr Handwerk vor allem in Paris lernte, am Institut for Research an Coordination in Acoustics and Musics, wo versucht wird, musikalischen Ausdruck und wissenschaftliche Forschung zu verbinden. 2016 war sie die erste Komponistin seit mehr als hundert Jahren, von der ein Werk an der Metropolitan Opera in New York aufgeführt wurde.  2023 starb sie viel zu früh mit 70 Jahren. Hinterlassen hat sie fünf Opern.

Sie formulierte ihre Absicht beim Komponieren folgendermaßen: „Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass Kunst jemanden verändern kann und dass sie dadurch nach und nach die Welt verändern kann. “ Es ist großartig und wunderbar, wenn das am Theater heutzutage noch gelingt. Und die Bremer Inszenierung von Innocence beweist, dass sie es hinbekommen hat. Innocence, die Unschuld, war eine Auftragsarbeit für die Londoner Oper. Um das Werk zu schreiben, fand eine intensive Zusammenarbeit zwischen zwei Librettisten und der Komponistin statt. Diese Zusammenarbeit, bei der man sich überlegte, dass man einen Stoff haben wolle, der aktuell und betroffen machen müsste, führte zu einem sehr bewegenden Libretto. Inspiriert wurde es vielleicht durch zwei Selbstmordattentate an finnischen Schulen, die im Jahr 2008 stattfanden. Ein Thema, das auch uns alle und vor allem in letzter Zeit immer mehr betrifft.

Erzählt wird die Geschichte eines jugendlichen Attentäters, der an einer Schule 10 Menschen erschießt, kontrastiert mit der Erzählung von der zehn Jahre später stattfindenden Hochzeitsfeier seines Bruders, bei der die Braut, die bis dahin noch nichts von diesem Bruder wusste, von diesem Attentat erfährt. Eine Kellnerin, die ersatzweise engagiert wurde, stellt nämlich fest, dass die Familie, für die sie tätig ist, die Familie des Mörders ihrer Tochter ist, der auch noch im selben Jahr, nach Verbüßung seiner Haftstrafe, wieder entlassen werden soll.

Diese Handlung, in der sechs überlebende Schüler, die alle mit dem Mörder auf die eine oder andere Weise verbunden waren und sich auf gewisse Weise mitschuldig gemacht haben an seinem Verbrechen, tragende Rollen spielen, ist spektakulär und überraschend, ohne dass jedoch das Verbrechen selber gezeigt wird. Ein weiterer Beweis dafür, mit wie viel Menschlichkeit und ohne Sex and Crime diese Komponistin gedacht hat. Sie nimmt das erwartbare Spektakel aus der Kunst heraus, um den Nebenfiguren, den kleinen und hier mehr als ätzenden, weil schuldbeladenen Geschichten in den Köpfen der Menschen Raum zu geben. Auf diese Weise vermeidet die Komponistin den puren Effekt der Raumgebung von Gewalt durch ihre Abbildung und führt uns vor allem zu den beteiligten Menschen und ihren Geschichten und Gedanken. Die Irrungen und Wirrungen, die Sezierung der Seelen, die Klärung von Abhängigkeitsverhältnissen, das Verschweigen und die Geheimnisse sind Grundlage eines Puzzles, dessen Teile nach und nach zusammengelegt werden. Die Mischung aus einer antik anmutenden Tragödie von Schuld und Unschuld und einem bewegenden Serienplot zieht von Anfang an in die Handlung hinein und ist so berührend, dass mir an einer Stelle auf einmal die Tränen über das Gesicht liefen. Denn es ist furchtbar, dass die Kinder, die doch eigentlich die Unschuldigen sein sollten, auf einmal zu Schuldigen werden in einem Geschehen, wo doch der Täter, der Schuldige, der Verurteilte, der einzige sein sollte, über dessen Schuld gesprochen wird. Aber so einfach ist es nicht. Und so werden wir in diesem Stück alle zu Mitschuldigen, zu Teilnehmenden an diesem grausamen Spiel, das das Leben ist.

Kaija Saariaho beginnt ihre Komposition unspektakulär mit tiefen grollenden Klängen, erzeugt auf einem großen Flügel. Schon bald ertönen aus dem Orchestergraben erste vereinzelte traurige Klagestimmen, erzeugt erst von Blasinstrumenten, dann fällt auch eine Geige ein. Das ist nicht wirklich Neutönermusik und klingt auch nicht nach Zwölfton. Das ist etwas Neues, bisher nicht gehörtes, vielleicht postspätromantisch zu nennen, gemischt mit an Philip Glass denken lassenden Minimalklängen, die sofort einen starken Sog erzeugen und nicht mehr loslassen. Spätestens wenn an späterer Stelle auch der Chor einsetzt, der fast den ganzen Abend über als sphärisches Klingen und Raunen begleitet und nicht zu sehen ist, zieht die Musik einen dann magisch in ihren Bann, immer berauschend, oft schmerzlich, wenig Erlösung zulassend. Dirigent Stefan Klingele lässt Orchester, Chor und Solisten dieser sicher nicht einfach zusammenzubringenden Musik großartig zusammenklingen.

Foto: Jörg Landsberg

Wer allerdings erwartet, in dieser Oper nur Gesang zu hören, wird enttäuscht werden. Die überlebenden Schüler werden nämlich von Schauspielern gespielt und gesprochen in vielen verschiedenen Sprachen, dank der Übertitel gut zu verstehen. Nur die wichtigste jugendliche Figur, die Tochter der Kellnerin, singt fast überirdisch klingend im Stil der sämischen indigenen Musik, dem Joik. Aber die Hochzeitsgesellschaft selber und auch die Kellnerin, alle Mitglieder des Bremer Opernensembles spielen nicht minder gut und überzeugen mit fantastischem Gesang. Ganz besonders zu nennen die Darstellerin der Kellnerin und Mutter der verstorbenen Tochter, die Kammersängerin Nadine Lehner. Sie eröffnet und beschließt den Abend, die Präsenz dieser schmalen Sängerin ist enorm.

Foto: Jörg Landsberg

Aber auch die anderen Mitglieder des Bremer Ensembles fallen neben exzellenten und bewegendem Spiel auch durch besonders gut gesungene Partien auf. Großartig der Bräutigam Fabian Düberg, der an einer kathartischen Stelle der Aufführung stimmlich komplett im Ausdruck wechselt. Seine Braut, gespielt von Julia Grüter, überzeugt mit wunderbar unschuldiger Sopranstimme, sie ist die einzig „Unschuldige“ im Stück und wird die Anderen dann aber nicht retten können. Die Mutter des Mörders, Sarah-Jane Brandon spielt das Entsetzen über ihren Sohn und das Verweigernwollen des Schuldanerkenntnisses mit viel Intensität. Michal Partyka als Vater und Besitzer des Waffenschranks, an dem der Sohn sich bediente, ist ein virtuoser Sänger, der in seiner Rolle, in der er versucht, den Abend irgendwie zu retten, scheitern muss. Und Jasin Rammal-Rykala als Priester, der das monsterhafte seines Kommunionskindes, des späteren Mörders zwar erkannte, aber der das Geschehen nicht verhindern konnte, überzeugt wie schon in einigen Produktionen am Bremer Opernhaus mit ausdrucksstarkem Spiel. Ganz besonders beeindruckte mich aber nicht zuletzt die Mezzosopranistin Nathalie Mittelbach, die eine Lehrerin spielte, die das Attentat zwar äußerlich überlebte, aber innerlich daran zerbrochen war und wie ein Gespenst ihrer selbst durch das Geschehen wandelte.

Die Aufführung wurde präzise und minutiös und zugleich genial von Marco Storman inszeniert, der seit dieser Spielzeit Hausregisseur in Bremen ist. Jede Geste, jeder Gang, jede kleine Handbewegung und das ganze Große sind von ihm so wunderbar koordiniert und immer genau auf den selten schönen und oft schmerzlich zu erfahrenden Punkt gebracht, dass man es sich nicht besser vorstellen könnte. Eva Veronica Born hat eine Bühne entworfen, die aufgebrochen ist und sich permanent in kleinen Bewegungen dreht und verändert, in der die Akteure ständig in die Tiefe gehen und aus ihr wieder auftauchen können und die sich gleichzeitig an der Rückwand so spiegelt, dass man immer ein Oben und ein Unten sehen kann und die Möglichkeit von Schattenbildern zulässt, durch die auch die Figuren im Jenseits, die Ermordeten, immer wieder aufzutauchen scheinen und die Figuren im Diesseits wie Jenseitige erscheinen. Diese Bühne zeigt sehr deutlich, dass alle Bewegung der Beteiligten an dem Drama immer nur Flucht vor dem Furchtbaren ist.

Am Ende dieses fantastischen Opernabends, der sehr aufrüttelte, bleibt aber trotz aller Schrecken ein Fünkchen Hoffnung und vor allem – fast biblisch anmutend – doch die Liebe, die wichtigste von Allem. Aber nicht so, wie es das anfangs so glückliche Hochzeitspaar vermuten lässt. Am Schluss kann der Bräutigam seine Braut nicht mehr lieben. Er erklärt vielmehr, dass er seinen Bruder, den zehnfachen Mörder, liebt. Was bleibt übrig nach einer Katastrophe? Der Jahrestag des 11. September hat es gerade auch noch einmal vor Augen geführt, was Selbstmordattentate mit uns und allen Menschen anrichten können; die Traumatas, die dadurch ausgelöst werden, sind individuell und zugleich kollektiv. Wir sind alle davon betroffen. Kaija Saariaho und das Bremer Theater öffneten uns gestern dafür Augen und Ohren!

Tosender Applaus für ein großartiges Spielzeitdebüt!

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