vonSabine Schiffner 17.09.2026

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Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Im Wallsteinverlag sind die Reiseberichte und Reportagen der Jahre 1927-1932 des Journalisten und Islamspezialisten Mohammad Asad erschienen, herausgegeben von Günther Windhager, dem österreichischen Sozialanthropologen und Orientalisten, der sich seit langem mit Werk und Person von Mohammad Asad beschäftigt.https://www.wallstein-verlag.de/9783835356498-arabische-reise.html. Dieses Buch ist historisch und zugleich hochaktuell. Denn es ist das perfekte Buch für den Gedenktag zum 9. September 2001. Asad ging berichtend ins Innerste von Saudi Arabiens hinein, und besuchte als jüdischer Konvertit sogar die heiligen Städte Mekka und Medina, die bis heute Nichtgläubigen verwehrt sind. Überall wurde er damals dort mit offenen Armen und großer Begeisterung aufgenommen und war ein enger Vertrauter des saudischen Königs. Muhammad Asad war nicht nur Konvertit, sondern während der Jahre seiner Reportagen aus einem sehr fernen Land auch felsenfest davon überzeugt, dass nur der Islam und insbesondere der sehr archaische Wahhabismus, den er dort kennenlernte und der bis heute die Religion des saudischen Königshauses ist, die einzig wahre Religion sei.

Er traf während seiner jahrelangen Reisen auf jede Menge andere fanatische Gläubige, deren Überzeugungen er begeistert schildert. Er versucht, den westlichen Blick auf die Vorgänge in Arabien zu vermeiden, was ihm aber nicht gelingt. So wird zum Beispiel die Eroberung von Mekka und Medina durch die späteren Saudis geschildert wie die Einnahme von Troja durch Agamemnon mithilfe der List von Odysseus. Seine Artikel sollten der Aufklärung der deutschen Bevölkerung über die Vorgänge in der just aufgeteilten Region dienen, die heute Saudi-Arabien ist und auch über den unguten Einfluss der Kolonialmächte und insbesondere Englands aufklären.

Weiss, der mühelos und schnell Arabisch und diverse andere Sprachen lernte, schrieb eine ganze Reihe von  Büchern über Weltbild, Recht und Philosophie des Islam sowie später seine Autobiographie Der Weg nach Mekka, die zum Bestseller wurde. Sein größtes Werk aber ist eine kommentierte englische Koranübersetzung, die allerdings in Saudi Arabien verboten wurde, weil sie das Metaphorische des Korans zu stark betont. Erst im fortgeschrittenen Alter, am Ende seines Lebens, sah Asad diese Phase seines langen Lebens, in dem er erst Journalist und Vertrauter des saudischen Königs und später dann sogar  Botschafter von Pakistan bei der UNO war, mit anderen Augen. „Ich habe mich in den Islam verliebt, aber ich habe die Muslime unterschätzt“, erzählte er kurz vor seinem Tod einem Journalisten.

Muhammad Asad, der Autor der vorliegenden Zeitungsartikel aus den Jahren 1927-1932, die vor allem in der Neuen Zürcher Zeitung und zum Teil in der Frankfurter Allgemeinen erschienen, wurde im Jahr 1900 als Leopold Weiss und Kind jüdischer Eltern in Lemberg/Lwiw geboren. Während einer Palästinareise, bei der er seinen jüdischen Onkel besuchte, lernte er dort die arabisch-islamische Bevölkerung kennen. Sie beeindruckte ihn mit ihrer archaischen Lebensform so sehr, dass er, zurückgekehrt nach Berlin, zum Islam konvertierte. Orientverklärung und die Idee vom „edlen Fremden“,  eine Nachwehe der spätkolonialistischen Zeit, führte in den zwanziger Jahren zu einigen begeisterten Konversionen gerade jüdischer Schriftsteller. Berühmte Beispiele dafür waren außer Muhammad Asad auch Hugo Marcus, der sich nach seiner Konversion Hamid Marcus nannte und Lev Nussimbaum, der sich Essad Bey und Kurban Said nannte und seine Konversion so konsequent durchführte, dass er von niemandem mehr für einen Konvertiten gehalten wurde, sondern alle ihn für einen geborenen Muslim hielten, was dadurch vereinfacht wurde, dass er in Aserbaidschan/Baku geboren wurde. Er hat ein ganz wunderbares Buch mit dem Titel Nino und Ali geschrieben, die Liebesgeschichte zwischen einer Christin und einem Muslim.

Alle drei mussten nach 1933 Deutschland verlassen bzw. konnten nicht zurückkehren. Die Machthaber im dritten Reich ließen aufgrund ihres Antisemitismus und des Interesses am Öl im Orient nichts unversucht, um sich mit arabischen Muslimen und insbesondere Antisemiten wie dem Mufti von Jerusalem zu verbünden. Die Familie von Leopold Weiss/Muhammad Asad wurde fast vollständig von den nationalsozialistischen Machthabern deportiert und ermordet, nur wenige blieben übrig.

Im ersten Teil seiner Reportagen werden die saudiarabische Landschaft und ihre Menschen enorm begeistert und schwärmerisch beschrieben. Asad veröffentlichte sie als Journalist, aber seine Beschreibungen gehen weit über das Journalistische hinaus, sind sprachlich wunderschön und machen enorme Lust, diesen so verschlossenen Teil der Welt auch einmal zu bereisen. Auch die große Begeisterung des Autors für die Menschen der Region ist wunderbar zu lesen.

Im zweiten Teil des Buches wird die Geschichte des Autors, die man im ersten Teil anhand seiner Berichte für Zeitungen nachverfolgen konnte, vom Sozialanthropologen und Südarabienspezialisten Günter Windhager ausführlich und sehr interessant erzählt. Hier erfährt man auch mehr über die Gründe von Asads Konversion und kann die Entwicklung des Wahhabismus genauer nachvollziehen, hier auch mit etwas kritischerem Blick als die manchmal etwas naiven Schwärmereien von Asad selber. Windhager zitiert dafür sogar unter anderem aus dem späteren Werk Der Weg nach Mekka: „Der Geist des Wahhabismus zerbrach fast im gleichen Augenblick, da sein äußeres Ziel – gesellschaftliche und äußerliche Macht – erreicht war. Sobald Ibn Abd Al Wahhabs Anhänger zur Macht gelangten, wurde seine Idee zur Mumie; denn Geist kann nicht Diener sein, und Macht will nicht Diener sein!“

Zufällig las ich das Buch während der Gedenktage rund um den 11.9. Als ich die Doku „September“ in der ARD sah, musste ich immer wieder daran denken, denn der Fanatismus der 9/11 Attentäter wird aufs Haar genau von Asad auch bei den wahhabitischen Anhängern des damaligen Königs Saud beschrieben. In der ARD-Podcastserie „Staatsgeheimnis 9/11- Die Saudi Connection“ wird die Frage thematisiert, wie sehr die Saudis involviert waren in Vorbereitung und Durchführung des Attentats. Denn 15 der 19 Attentäter stammen aus Saudi Arabien, ebenso wie Osama Bin Ladn. Aber bis heute werden in den USA die Verbindungen nicht untersucht und aufgedeckt, sind politisch nicht gewollt, obwohl Opferverbände es immer wieder versuchen.

Es ist also in vielerlei Hinsicht bei der Lektüre dieses Buches sehr faszinierend zu lesen, wie wenig sich anscheinend geändert hat bis heute! Muhammad Asad hat sehr viele lesenswerte und kulturhistorisch enorm interessant zu lesende Berichte aus der Welt von damals geschrieben, dem Zeitalter vor Entdeckung und Ausbeutung des saudischen Öls. Und sie mit Fotos illustriert, die eine Zeit zeigen, bei der einem der Atem stockt, wenn man bedenkt, dass auch Fotos aus dem heutigen Saudi-Arabien oft noch sehr ähnlich aussehen.

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