vonSabine Schiffner 07.10.2026

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Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Nachdem ich gestern die kurze und sehr beeindruckende und wichtige Rede  von Shidya Bazar gehört habe, die sie anlässlich der Verleihung des Deutschen Buchpreises für ihr Buch „Die Lücken“ gehalten hat, und in der sie – Autorin mit iranischen Eltern – unter anderem den immer stärker werdenden Antisemitismus in Deutschland anprangerte, möchte ich heute, am 7. Oktober, an dem der Opfer des Überfalls der Hamas gedacht wird, unbedingt etwas zum jüdischen Leben hier in Lettland schreiben.

Von diesem Leben wusste ich schon vor meiner Reise hierher einiges, weil ich vor kurzem Interviews mit den jüdischen Nachbarn aus meiner Bremer Kindheit gemacht habe, mit der Familie Jaffé, die seit 1976 drei Häuser neben meinem Elternhaus entfernt wohnen. Don Jaffé, heute 93 Jahre alt, ein phantastischer Komponist und Cellist, der unter anderem erster Cellist bei den Berliner Philharmonikern war und von dort nach Bremen wechselte, um der Nähe zu den damals noch recht nahen Sowjets zu entgehen und seine Frau Elza haben mich immer mit offenen Armen empfangen und mir sehr viel von ihrer traurigen Geschichte erzählt. Sie stammen beide aus Lettland und haben den Holocaust überlebt.

Don ging mit seiner Mutter und seiner Schwester 1941 zu Fuß auf der Flucht vor den Nazis bis nach Afghanistan, von wo sie nach Israel wollten, aber nicht weiterkamen, weshalb sie umkehrten und nach Sibirien gingen. Eliza, die im Holocaust 80 Mitglieder ihrer großen jüdischen Familie verlor, wurde mit ihrer Mutter nach Deutschland verschleppt, wo sie den Holocaust im Lager Stutthof unter unmenschlichen Bedingungen überlebten. Nach Kriegsende kehrten beide zurück nach Riga, wo sie sich kennenlernten, heirateten und unter sehr beengten, armen und unter den Sowjets auch antisemitischen Verhältnissen bis 1970 lebten, als endlich die Ausreise nach Israel möglich war.

Beide erzählten mir, dass sie den Antisemitismus in Deutschland in den letzten Jahren immer deutlicher wahrnehmen würden. Das zeigt sich sogar in der Behandlung durch offizielle Stellen. In Bremen wird Don Jaffé, der letztes Jahr noch den Simon Wiesenthal Preis für besonderes gesellschaftliches Engagement gegen Antisemitismus und für die Aufklärung erhalten hat, weder zu öffentlichen Gedenkfeiern eingeladen, noch spielt man auf diesen seine Musik.

Auch wegen dieser sozusagen „familiären“ Anbindung an zwei jüdische Menschen aus Lettland, die ich sehr schätze und mag, ist es mir wichtig, heute noch etwas mehr zu berichten über das ,was ich hier schon in wenigen Tag sah und mitbekam und was mich fassungslos gemacht hat.

Unter den Sowjets hat in Lettland, wo immerhin fast 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung ermordet wurde, keinerlei Gedenken an den Holocaust stattgefunden. Das passierte erst langsam und nach und nach nach dem Jahr 1991 und der Unabhängigkeit. Inzwischen gab es aber in Lettland kaum noch jüdische Menschen. Immerhin ist seit 2010 in Riga an der Stelle, wo das jüdische Ghetto war, ein Museum und Gedenkort eingerichtet worden. In Riga wurden nicht nur die lettischen Juden zusammengetrieben und ermordet, sondern nachdem das geschehen war, diente das Ghetto weiterhin als zentraler Deportationsort für die Juden aus Deutschland, Österreich und Böhmen und Mähren. Sie wurden zum Großteil in Viehwaggons unter unmenschlichen Bedingungen in die lettische Hauptstadt deportiert, wo sie, wenn sie nicht sofort an Ort und Stelle erschossen wurden, ausgebeutet, gequält und schließlich ermordet wurden.

Gestern fuhr ich Richtung Aizpute/Hazenpot und machte Halt an dem jüdischen Friedhof, der kurz vor dem Ort gelegen ist. Er ist sehr versteckt im Wald und kaum zu finden, ein schönes Tor, gestiftet von israelischen Nachfahren, verschließt ihn. Ich machte dort Fotos von den uralten Grabsteinen, die mit deutschen Inschriften beschildert sind. Die meisten Juden hier in Lettland, von denen viele zur kulturellen und wirtschaftlichen Elite gehörten (u.a. Sergej Eisenstein, Isaiah Berlin) sprachen Deutsch. Das hat den überlebenden Nachfahren von denen, die hier auf dem Friedhof zu Grabe gelegt wurden, aber nichts genützt. Deutsche ermordeten sie mit Unterstützung von lettischen Freiwilligen 1941 fast alle. Wie sagte Hannah Arendt, die Shida Bazyar gestern zitierte: „Das Problem war doch nicht, was unsere Feinde gemacht haben. Das Problem war, was unsere Freunde gemacht haben.“

Auch der nahe Ort Tukums, Unesco City of Literature, hat in dieser Hinsicht eine erschreckende Geschichte. Die Stadt mit der Eisenbahnverbindung zu Riga hatte um 1900 eine jüdische Population von fast 50 Prozent, zumeist Kaufleute und Händler. Während der Zeit der lettischen Unabhängigkeit, also nach 1919, hatte die Stadt eine jüdische Schule, einen yiddischsprachigen Kindergarten, eine Bibliothek, einen Chor, einen Sportverein und es gab verschiedene wohltätige Organisationen. Die Rabbis der großen Synagoge kamen fast alle aus der Familie Lichtenstein. Mehrere jüdische Menschen waren Mitglied im Stadtrat.

Als die Sowjets im Rahmen der Stalin-Hitler-Pakts im August 1939 Lettland besetzten, wurden viele der jüdischen Händler aus Tukums sofort nach Sibirien verschickt, erst recht wenn sie Deutsch sprachen, weil man sie so als Spione verdächtigen konnte. 1941 dann kamen die deutschen Truppen nach Tukums, mit ihnen SS und das SD genannte Sonderkommando, das sich ausschließlich der Vernichtung und Ermordung der Juden und anderer unliebsamer Gruppen wie der Roma widmete.

Die Erschießungen der jüdischen Bevölkerung wurden anschließend unter Beteiligung lokaler lettischer Hilfspolizeieinheiten (Selbstschutz) sowie mobiler Kommandos wie dem berüchtigten Sonderkommando Arais durchgeführt. Die Mehrheit der jüdischen Gemeinde von Tukums wurde rund zehn Kilometer außerhalb der Stadt in den Wäldern nahe des Valgums See (Valguma ezers) erschossen, unter ihnen war auch ihr Rabbi Levi Lichtenstein. Andere jüdische Einwohner wurden in das Rigaer Ghetto deportiert und später bei den Massenmorden im Wald von Rumbula gemeinsam mit den Rigaer Juden ermordet. Innerhalb weniger Tage war Tukums „judenfrei“.  Die ehemaligen Nachbarn plünderten und nahmen das Eigentum der Juden an sich, weil sie wussten, dass diese ja doch nie zurückkommen würden.

Die deutschen Täter wurden größtenteils nicht zur Rechenschaft gezogen. Die lettischen Täter wurden teilweise zum Tode verurteilt oder sie flohen ins Ausland. Der Anführer des schlimmsten Tötungskommandos, Viktors Arājs, lebte bis 1979 unbehelligt in Westdeutschland. Erst dann kam man ihm auf die Spur und wurde er noch verurteilt.

Wenn man heute nachfragt, wieviele Juden noch in Tukums leben, erhält man die Antwort: Kein einziger! Ich möchte ihrer heute, 85 Jahre nach diesen schrecklichen Geschehnissen in Lettland, mit diesem Blog gedenken, der unzähligen namenlosen Ermordeten im Holocaust und ich gedenke dabei genauso der Ermordeten vom 7. Oktober. Möge ihre Erinnerung ein Segen sein. זכר צדיק לברכה

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