„Kinder, Frauen und Alte. Die Rakete ist ohne Vorwarnung gekommen….“ ARD Nachrichten, 11.8.26, 20h
„Das Eintreten für seine Überzeugung legt der Mensch nicht ab wie ein Kleid auf Wunsch eines königlichen Ibisses, wenigstens ein Mensch wie ich nicht, ohne davon einen innerlichen Knacks zu kriegen.“ Auguste Kirchhoff
Immer wieder sind in den täglichen Abendnachrichten der ARD vor allem Frauen und Kinder die Opfer der aktuell stattfindenden Kriege. Heute möchte ich von einer ganz besonderen Frau aus Bremen erzählen, die schon vor Beginn des ersten Weltkrieges eine radikale Pazifistin war und sich nicht von der Kriegsbegeisterung ihrer Zeit anstecken ließ. Wie Hans Paasche hat sich auch die Bremerin Auguste Kirchhoff (1867-1940) aber nicht nur für den Pazifismus eingesetzt. Ihr vorrangiges Gebiet waren die Frauenrechte. So protestierte sie schon lange vor Beginn des ersten Weltkriegs (!!) energisch gegen den Paragraphen 218 und forderte das Recht auf Abtreibung für Frauen. Außerdem löste sie eine Debatte darüber aus, dass Sexarbeit legalisiert werden sollte und wies immer wieder auf die Doppelmoral der Sexarbeit hin. Nebenbei eröffnete die fünffache Mutter auch noch drei Heime für ledige Mütter und kämpfte sehr dafür, dass diese genauso akzeptiert werden sollten wie jede verheiratete Mutter, was damals noch überhaupt keine Selbstverständlichkeit war.
Bis weit in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts haftete ledigen Müttern auch in Deutschland immer noch ein Makel an. Ich erinnere mich an ein Heim für ledige Mütter, das sich in der Nähe meines Elternhauses in der Bremer Neustadt befand und um das wir Kinder einen Bogen machten, weil wir es unheimlich fanden. Kirchhoff hingegen setzte schon vor weit über hundert Jahren viel Geld und Energie ein, um gegen dieses Denken anzugehen. Sie war auch aktiv gegen das sogenannte Beamtinnenzölibatsgesetz, das noch bis in die späten 50er Jahre in der Bundesrepublik gültig war: Beamtinnen durften nicht heiraten und keine Kinder bekommen, sonst wurden sie aus dem Staatsdienst entlassen.
Geld hatte Auguste Kirchhoff von Haus aus, sie kam aus behüteten bürgerlichen Verhältnissen im Rheinland. Mit 21 Jahren heiratete sie den Bremer Juristen Albert Kirchhoff und folgte ihm in seine Heimatstadt, wo er bald Karriere machte und Senator wurde. Ihr selber war aber anscheinend irgendwann das bürgerliche repräsentative Leben nicht mehr ausreichend und sie begann sich zu engagieren, für ledige und arme Mütter vor allem und für das Stimmrecht für alle Menschen. Denn in Bremen gab es damals noch ein Klassenwahlrecht, nur wohlhabende Menschen durften wählen und diejenigen Frauen, die sich bis dahin für das Frauenwahlrecht engagiert hatten, hatten damit vor allem dafür votiert, (wohlhabenden) Frauen den Zugang zur Wahl zu ermöglichen. Kirchhoff aber wollte, dass alle Menschen wählen können sollten und sie war die erste Frau, die genau dafür stritt. Streitbar soll sie gewesen sein und sie hatte wohl das große Glück, dabei von ihrem Mann unterstützt worden zu sein, was auch keine Selbstverständlichkeit war in den konservativen Kreisen, aus denen sie stammten.
Seit Beginn des ersten Weltkriegs zeigte sie sich als radikale Pazifistin. Schon 1914 hielt sie pazifistische Vorträge und veröffentlichte über 100 Artikel, in denen sie sich gegen den Krieg aussprach. 1915 fuhr sie mit ihrer Freundin Adele Schmitz als einzige Bremer Teilnehmerinnen und als Mitglieder einer 28-köpfigen deutschen Delegation zum Internationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag. Hier gründeten sie den Internationalen Ausschuss für dauernden Frieden.
Als sie wieder zurückkam, wurde sie in Bremen sehr angefeindet. Ein Bandbrief, der von über hundert Bremen Frauen der so genannten besseren Gesellschaft unterzeichnet worden war, distanzierte sich von ihren pazifistischen Aktivitäten. Am 28.5.1915 wurde er in der Bremer Zeitung veröffentlicht und sollte sie mundtot machen.
Aber Auguste Kirchhoff ließ sich davon nicht beirren und stritt weiterhin vehement gegen Krieg, Giftgas, Völkermord und Antisemitismus und für die Rechte von Frauen. Wie so viele Pazifist*innen wurde sie später vergessen, sie zog sich während der Nazizeit in die innere Emigration zurück, sämtliche Initiativen und Vereine, in denen sie tätig war, wurden 1933 verboten. Als sie 1940 starb, war sie vergessen.
Immerhin wurde 1956 in Bremen eine Straße nach ihr benannt. Von der Innenstadt kommend erreicht man diese Straße, indem man durch die Lüderitzstraße fährt. Ich tat es heute und stellte mit Erstaunen fest, dass die angebliche zusätzliche Beschilderung der Lüderitz-Straßenschilder, in denen auf die Untaten des Bremer Kolonialverbrechers und Kaufmanns hingewiesen werden soll, nicht vorhanden ist. Dann überquerte ich die Emmastraße, bog in die Ottilie Hoffmann-Straße ein, die eine Bremer Vorreiterin im Kampf der Frauen gegen den Alkoholkonsum und die Armut um die Jahrhundertwende gewesen und an deren Straßenschild eine Erläuterung zu ihrer Person zu finden ist und stand dann an der Auguste-Kirchhoff-Straße. Ein einziges Straßenschild gab es an der ziemlich kleinen Straße, ohne einen Hinweis darauf, um wen es sich bei der Namensgeberin handelt. Ihre Straße führt nach links auf eine Straße, deren Straßenschild allerdings schon genauer beschildert war. Ich las, was dort stand: Es handelt sich um die Hedwig Heyl Straße: „Hedwig Heyl, geb. Crüsemann (1850-1934)“, so stand auf dem Schild, „war Vorsitzende des rassistischen Frauenbundes der deutschen Kolonialgesellschaft. Heyl stand im Alter dem Nationalsozialismus nahe.“
Bei Hedwig Heyl, der Tochter des Gründers vom Norddeutschen Lloyd, handelt es sich um eine Frau mit einem zutiefst rassistischen Weltbild, das ihr Denken durchdrang. Als überzeugte völkische Rassistin schrieb sie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in einem begeisterten Kommentar: „Denn die Frage der Zukunft ist: Schwarz oder Weiß?“
Die Stadt Bremen, in der eine so wunderbare Frau wie Auguste Kirchhoff wirkte, sollte sich schämen, diese mit der Benennung der ineinander übergehenden Straßen so eng mit der Hedwig Heyl Straße zusammenzurücken. Ausgerechnet Bremen, das, wie gestern in der örtlichen Zeitung stand, zum Nationalen Gedenkort für den Kolonialismus werden möchte!