„Kein Frieden in Sicht für das drittgrößte Land Afrikas!“ (ARD Nachrichten 20h, 9.8.26)
„Wer aber nicht auswandert aus seinem alten Menschen, der wird in keiner Steppe frei.“ (Hans Paasche)
Einer Freundin aus Berlin, deren Spezialgebiet Antikolonialismus ist, erzähle ich von Hans Paasche. Sie hatte noch nie von ihm gehört. Eigentlich hat niemand, mit dem ich mich über ihn unterhalte, von ihm gehört. Er gehört also zu den vergessenen Autoren, dabei ist sein schmales Werk noch immer lieferbar und wird bis heute im Bremer Donatverlag verlegt. Seine Biografie ist gerade in heutigen Zeiten eine, über die öfter gesprochen werden sollte. Nicht nur wegen seines Antikolonialismus in den Jahren, als Deutschland sich – endlich – als Kolonialmacht fühlen wollte, sondern auch wegen seines Pazifismus in schlimmsten kriegshetzerischen Zeiten! Wenn ich in letzter Zeit die Acht Uhr Nachrichten sehe, fällt mir sehr unangenehm auf, dass immer nur über Kriege und Aufrüstung gesprochen wird, aber nur sehr selten über Menschen, die sich gegen Kriege aussprechen und von denen manche deshalb sogar ihr Leben lassen mussten. Dazu gehörte auch Hans Paasche.
Er, der Pazifist und Antikolonialist, wurde 1881 in Rostock geboren. Er war das Kind von zwei Menschen, die sehr konservativ waren. Sein Vater, ein Jurist, war in der Nationalliberalen Partei und von 1911–12 sogar Vizepräsident des Reichstages. Seine Mutter Elise, eine extrem konservative und antisemitische Publizistin, schrieb mehrere Bücher über ihr Lebensthema, die Kriegsschuldlüge. Dabei handelt es sich um einen Propagandabegriff rechter nationaler Parteien, den diese benutzten, um gegen die im Versailler Vertrag eingeschriebene Alleinschuld der Deutschen am 1. Weltkrieg zu agitieren und die demokratische Regierung der Weimarer Republik zu diffamieren. Beide Eltern brachen den Kontakt zu ihrem Sohn ab, als dieser sich entschied, in eine ganz andere Richtung zu gehen.
Initiationserlebnis für den Antikolonialismus Paasches war ein Einsatz beim Maji-Maji Aufstand im Jahr 1905 in Afrika im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit als Marineoffizier. Was er dort an Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten sah und erlebte, ließ ihn zum Gegner der kolonialistischen Politik des deutschen Reiches werden. Weil er sich dort innerlich wohl auch zum Pazifisten entwickelte, wurde er nach seiner Rückkehr bald von der Marine entlassen.
1909 heiratete er Ellen Witting, die Tochter des Präsidenten der Nationalbank und Nichte von Maximilian Harden, dem so genannten „journalistischen Gegenspieler von Wilhelm II.“, der die Eulenburgaffäre aufgedeckt hatte und ebenso wie Paasche die Schuld für den 1. Weltkrieg nur bei den Deutschen sah. Mit seiner Frau unternahm Paasche eine Hochzeitsreise ins östliche Afrika. Sie lebten von 1909–1910 am Victoriasee. Nach ihrer Rückkehr hielt Paasche eine Reihe von Vorträgen, in denen er um Verständnis für Afrika und seine Menschen warb und die kolonialistischen Bestrebungen anprangerte. Er schrieb dann das Buch „Die Forschungsreise des Afrikaners Lukana Mukara ins Innere Deutschlands“, in dem er einen fiktiven afrikanischen Menschen nach Deutschland kommen lässt, wo der im Auftrag seines Königs darüber berichten soll, wie diese Deutschen so ticken. Dieser kulturkritische Bericht liest sich sehr kurios und ist heute noch absolut aktuell, weshalb dieses Buch wohl auch zu den meistverkauften Büchern im Donatverlag gehört. Wenn der vegane Lukanga über die Essgewohnheiten und die Behandlung der Frauen, über den Konsum und die Gier und insbesondere das Rauchen (das so genannte Rauchstinken) in Deutschland spricht, gehen auch dem heutigen Leser Ohren und Augen auf; viel geändert hat sich nicht seit dem Jahr 1910, als das Buch erschien.
Paasche, der nicht nur Antikolonialist und später entschiedener Pazifist war, sondern sich auch als ökologisch bewusster Tierschützer und in der Reformbewegung engagierte, ließ sich zu Beginn des 1. Weltkriegs vielleicht von der Welle der Begeisterung anstecken und tat wieder als Offizier seinen Dienst. Nach kurzer Zeit jedoch versuchte er schon, wieder aus dem Militär entlassen zu werden und bekam seinen Abschied, weil er sich weigerte, an der Verurteilung eines Matrosen mitzuarbeiten, der wegen aufreizender Redensarten verurteilt werden sollte.
Von 1916 an war er vor allem als Pazifist engagiert und wurde 1917 wegen seiner Streitschrift „Die Waffen nieder“ verhaftet und kam erst einmal in die Nervenheilanstalt Moabit, wo er einer Verurteilung entgehen sollte. Später wurde er in dasselbe Gefängnis verlegt, in dem auch Rosa Luxemburg saß, die über ihn schrieb:
„Ich habe jetzt u. a. ein kleines Büchlein ‚Fremdenlegionär Kirsch‘ von Hans Paasche gekriegt, das mich nur des Verfassers wegen interessiert. Hans P. hat sich neulich mit der Tochter des Posener Oberbürgermeisters Witting (Hardens Bruder) verheiratet, und beide haben eine Hochzeitsreise zu den Quellen des Nils gemacht, Die beiden haben darauf ein Buch geschrieben, worin sie über die N-Wort so menschlich und freiheitlich sich äußerten, daß das Buch sofort beschlagnahmt und eingestampft wurde. Nun ist derselbe H. Paasche neuerlich verhaftet worden – wie es hieß, wegen eines Flugblattes, worin er die Frauen der Munitionsbranche zum Massenstreik aufgerufen haben soll! … Tatsache ist, daß er in Untersuchungshaft sitzt. Ist es nicht wunderbar, daß man plötzlich auch Menschen, Männer entdeckt, und zwar in Kreisen, wo man sie am wenigsten vermutete?“
Als der Krieg zu Ende war, wurde Paasche von revolutionären Matrosen aus dem Gefängnis abgeholt und war einer von 12 Soldatenvertretern im Deutschen Reichstag. Nachdem der Aufstand der Matrosen gescheitert war, zog er, der inzwischen seine Frau an die Spanische Grippe verloren hatte, sich auf sein Gut Waldfrieden zurück, das in der Nähe Berlins liegt. Dort kümmerte er sich um ökologisches Wirtschaften und schrieb weiterhin politische Schriften.
Am 21. Mai 1920 erschienen zwei Offiziere mit etwa fünfzig Soldaten des Reichswehr-Schutzregiments 4 auf zwei mit Maschinengewehren bestückten Lastkraftwagen auf Gut Waldfrieden. Hans Paasche, der sich gerade mit seinen vier Kindern an einem nahegelegenen See aufhielt, wurde herbeigerufen. Als er beim Anblick der Soldaten umkehren wollte, eröffneten sie das Feuer; zwei tödliche Schüsse trafen Paasche von hinten ins Herz. Er war bekleidet mit Badehose und Jacke und trug Sandalen. Es wurden keine Waffen bei ihm gefunden.
Kurt Tucholsky schrieb anlässlich seiner Beerdigung folgende Zeilen:
Wieder Einer. / Das ist nun im Reich / Gewohnheit schon. Es gilt ihnen gleich. / So geht das alle, alle Tage. / Hierzuland löst die soziale Frage / ein Leutnant, zehn Mann. Pazifist ist der Hund? / Schießt ihm nicht erst die Knochen wund! / Die Kugel ins Herz! / Und die Dienststellen logen: / Er hat sich seiner Verhaftung entzogen. / Leitartikel. Dementi. Geschrei. / Und in vierzehn Tagen ist alles vorbei. / – Wieder Einer. Ein müder Mann, / der müde über die Deutschen sann. / Den preußischen Geist – er kannte ihn / aus dem Heer und aus den Kolonien, / aus der großen Zeit – er mochte nicht mehr. / Er hasste dieses höllische Heer. / Er liebte die Menschen. Er hasste Sergeanten / (das taten alle, die beide kannten). / Saß still auf dem Lande und angelte Fische. / Las ein paar harmlose Zeitungswische… / – Spitzelmeldung. Da rücken heran / zwei Offiziere und sechzig Mann. / (Tapfer sind sie immer gewesen, / das kann man schon bei Herrn Schäfer lesen.) / Das Opfer im Badeanzug… Schuss. In den Dreck. / Wieder son Bolschewiste weg –! / Verbeugung. Kommandos, hart und knapp. / Dann rückt die Heldengarde ab. / Ein toter Mann. Ein Stiller. Ein Reiner. / Wieder Einer. Wieder Einer.
Menschen wie Paasche sind selten. Aber es gab sie. Und sie sollten nicht vergessen werden, gerade in heutigen Zeiten, in denen Aufrüstung und Fremdenfeindlichkeit Hand in Hand gehen und in denen von Klimasünden und Vergehen gegen unsere Natur immer weniger gesprochen wird.