Im Kölner Tauland Verlag ist vor kurzem der zweite Gedichtband https://tauland-verlag.de/poetry.html des Dichters Georg Smirnov erschienen. Er trägt den wunderbaren Titel „Das Haus meiner Eltern in Eden“. Die Sehnsucht nach dem Eden und die Verzweiflung über den Verlust dieses Edens durch den immer weiter anwährenden Sündenfall des Menschen durchzieht das Buch von Anfang an.
Der Autor, 1981 in Russland geboren, als Kind nach Deutschland gekommen und zuletzt beim NS-Dokumentationszentrum in Köln tätig, ist erfahren in Bibel und Tora, reist in seinen Gedichten von Köln nach Kiew nach Jerusalem, sucht und schreibt über Verletzungen und Verheerungen, seziert die Sprache, um auf den schmerzlichsten Grund zu kommen.
Der Herausgeber und Verleger des Buches, das in der Edition hellopoetry erschienen ist, der Kölner Dichter Christoph Danne, schreibt über die Gedichte seines Autors, dass Smirnov nach dem „Verlauf der Schnittstellen von Herkunft und Heimat, Krieg und Frieden, Schuld und Sühne.“ sucht. Tolstoi lässt an mancher Stelle dieses auch von Gedichten voller Liebe und Nichtliebe durchdrungenen Buches grüßen. Immer wieder geht Smirnov in die Mehrsprachigkeit, die seine Texte durchdringen, schwenkt über ins muttersprachliche Russisch, kehrt zurück in sein sehr elaboriertes Deutsch, findet englische Worte für Zwischentitel und endet mit einem Gedicht von Antonin Artaud „Präskriptum. Qui suis-je? D´ou je viens?..“. Wer bin ich, woher komme ich. Smirnov, der Russlanddeutsche, wandert zurück in seiner Biographie, lässt im Gedicht teilhaben am Einleben eines Kindes, das in den achtziger Jahren in seiner neuen Heimat und mit seiner neuen Sprache zurechtkommen muss. Und geht in die Vergangenheit seiner Familie, zu den einst deutschnamigen Vorfahren, die alle Schrecklichkeiten des letzten Jahrhunderts erfahren haben. Sie wurden in der Sowjetunion über Jahrzehnte hinweg hin und her deportiert und verfolgt sowohl vom Stalinismus, wie von den Nazis und ukrainischen Nationalisten, sie erlebten unvorstellbaren und von ihm doch genau beschriebenen Schrecken. Über sie hat er in dem vorangestellten Gedicht „Albertha“ einen hymnischen zärtlichen und zugleich gewaltigen Gesang verfasst:
„ihr wisst wer ich bin
ihr wisst was ich will
ich will einen Triathlon des Erinnerns
ach was
einen Ironman des Gedenkens absolvieren
ich will sämtliche
Gold- Silber- und Bronzemedaillen
abräumen anknabbern und verschlingen
ich will kein stilles Gedenken
kein würdevolles Erinnern
ich will mit dem Schädel voran
gegen den Fels des Vergessens prallen….“
„I shall not want“, mir wird nichts mangeln, als Hoffnungsfunke und Ermahnung zugleich ist das letzte Kapitel dieses Buches überschrieben, es beginnt mit dem Gedicht „Jona“, das wie so viele Gedichte in diesem Band die Erinnerung an bestimmte Menschen hochhält, indem es sie benennt, ihnen Namen gibt, sie dem Vergessen entreißt. Jona ist das Kind des lyrischen Ichs und es macht gerade seine erste Steuererklärung in einer Welt, die voller Schrecken ist, voller Bunkeranlagen, Tunnel, Genozide und Drohnen, voller Diktatoren und Kriege. Selten habe ich die momentane Situation in einem Gedicht so genau abgebildet gesehen wie in diesem Gedicht „Jona“. Starke Worte in einem starken Gedichtband, die man während des Lesens am liebsten sofort vom Dichter selbst vorgelesen bekommen möchte. Gedichte, die man so schnell nicht wieder vergisst.