Finden Sie es seltsam, dass hier in Lettland so viele deutsche Soldaten begraben liegen? Fragt mich der Mann in der vordersten Reihe der Zuschauer bei meiner Lesung in Tukums in perfektem Deutsch. Ich verstehe nicht, was Sie meinen, antworte ich. Er kann es auch nicht erklären. Vielleicht hat er andeuten wollen, ob ich nicht meinte, dass man die Körper der Soldaten zurück nach Deutschland bringt. Aber das ist doch gar nicht mein Thema, sage ich. Mein Thema bei der heutigen Lesung ist schon wieder Eduard von Keyserling, der ein Pazifist war und nichts mit den letzten beiden Kriegen zu tun hatte.
Bei der Lesung geht es wie so oft in Gesprächen mit Letten wieder darum, dass die Deutschen heute hier immer noch als Kolonialherren gesehen werden, weshalb man mit dem Gedenken an baltendeutsche Schriftsteller sehr zurückhaltend ist. Das verwundert einige hier im Saal aber sehr, Kenner der Literatur sind sie. Wie es bloß angehen kann, dass sie nie von diesen baltendeutschen Schriftstellern gehört haben, dass sie im hiesigen Literaturleben so ganz und gar ausgeklammert wurden. Es ist doch so, sagt einer: Es gab vier Gruppen hier in Lettland. Russen, Juden, Deutsche und Letten. Und als wir Letten endlich unseren eigenen Staat gründeten, wollten wir mit den anderen nichts mehr zu tun haben.
1918 war das. Seitdem wird als Nationalfeiertag der 19. November begangen, der Tag der Gründung der ersten Republik Lettland.
Aber Deutsche sind hier, abgesehen davon, dass man ihre Sprache nicht mehr benutzt und nur noch in der Schule lernt, ansonsten gut angesehen. Sie wurden nämlich als Befreier von den Russen betrachtet, als sie 1941 hier ankamen. Seit 1939 war Lettland unter russischer Besetzung, die Russen hatten in dieser Zeit unzählige Letten nach Sibirien verschickt. Da die Letten in ihren Augen „Arier“ waren, taten die Deutschen ihnen nichts an. Dass sie ihre Nachbarn, die Juden, ermordeten und auch andere wie die lettischen Roma, wurde nicht als so schlimm angesehen und schnell vergessen. Beteiligt an diesen Morden waren auch viele lettische Freiwillige, die dem SD-genannten Sonderkommando beitraten oder sich zur SS meldeten.
Bis heute wird die Erinnerung an diese so genannten „Lettischen Legionäre“, die lettischen SS-Angehörigen der deutschen Wehrmacht, in Ehren gehalten. Insgesamt 130000 Mitglieder zählten sie. Seit 1952 begann diese Entwicklung der Ehrung, die dazu führte, dass es seit 1990 jährliche Aufmärsche durch Riga gibt, die am 16. März stattfinden, der als Jahrestag der lettischen SS-Legionärstruppen begangen. Im Jahr 1998 wurde dieser Tag sogar zum landesweiten Feiertag erklärt. Erst nach Protesten aus Russland, von jüdischen Organisationen und auch aus Deutschland wurde der Feiertag wieder abgeschafft.
Gestern fuhr ich zum nahen Friedhof Lestene, wo seit 1998 die Überreste der lettischen SS-Legionäre auf einem Soldatenfriedhof bestattet wurden. Der Friedhof liegt gleich neben einer alten protestantischen Kirche. Auf dem Friedhof selber ist ein Ehrenmal für die SS-Legionäre aufgestellt, als ich ankomme, liegt dort ein Kranz davor. Abgelegt von der „International Society of Battlefield Historians.“

Außerdem ist vor dem Friedhof die Bienenkorbskulptur des lettischen Künstlers Kristaps Gulbis aufgestellt worden, die einen traditionellen lettischen Bienenkorb darstellt. Die Bienen symbolisieren das friedliche Volk, das zusammenhält, niemanden angreift, aber seine Freiheit und sein Zuhause entschlossen verteidigt. Die Anzahl der Bienen steht für die rund 12000 lettischen Soldaten, die nach dem 2. WK in einem belgischen Kriegsgefangenenlager interniert wurden. Die Skulptur wurde ursprünglich 2018 in der belgischen Stadt Zedelgem eingeweiht. Nach internationalen Protesten und Vorwürfen wegen der Ehrung von Angehörigen der lettischen Legion , die allesamt der Waffen SS angehörten, ließ die belgische Gemeinde das Denkmal 2022 entfernen. Jetzt steht es hier unkommentiert vor dem Eingang von Lestene.

Interessant an dem Friedhof ist die hohe Anzahl von Männern mit deutschen Namen. Die Beteiligung von Baltendeutschen an den SS-Truppen war anscheinend groß.

Obwohl nicht mehr viele von ihnen leben werden, bekommen auch ausländische Mitglieder und sogar noch deren Angehörige der SS-Waffenverbände bis heute von Deutschland seit 1951 eine Rente ausgezahlt, zumeist ohne Prüfung, ob sie in ihrer Tätigkeit als SS-Männer und auch als Angehörige vom Sommerkommando SD, das sich an den Morden an jüdischen Menschen beteiligt hat, Gräueltaten begangen haben. Bei der Bewilligung der Kriegsversehrtenrente spielt es keine Rolle, ob der Antragsteller an Kriegsverbrechen beteiligt war. Dabei ist erwiesen, dass viele ehemalige Mitglieder von Schutzmannschaften der SS zwischen 1941 und 1943 schon vor ihrem Eintritt in die Waffen-SS im Rahmen ihrer Beteiligung am SD an zahlreichen Massenerschießungen beteiligt waren. „Es ist nicht unsere Aufgabe, danach zu fragen, was die Antragsteller vor ihrem Eintritt in die Waffen-SS getan haben. Wir sind keine Strafverfolgungsbehörde“, sagte der Leiter des Versorgungsamtes Ravensburg noch im Jahr 2013. Denn die Bewilligung der Kriegsversehrtenrente auch für Angehörige der SS und SD entspricht der Rechtslage. Maßgeblich ist laut Bundesversorgungsgesetz, ob die Gesundheitsschädigung durch eine Kriegseinwirkung erfolgt ist. Zur Frage, ob jemand seinen Anspruch wegen Kriegsverbrechen verwirken kann, gibt das Gesetz nichts her.
Immer noch leben Überlebende der Judenpogrome in Lettland. Sie erhalten erst seit 2022 eine Entschädigungszahlung vom lettischen Staat. Viele von ihnen kämpfen aber noch bis heute darum, dass sie eine Entschädigung auch aus Deutschland bekommen.
Die letzten lettischen SS-Soldaten und ihre Angehörigen und Nachfahren und Fans aber marschieren weiterhin am 16. März auf den Straßen von Riga und werden dort als Vaterlandsretter umjubelt.