vonSabine Schiffner 11.10.2026

fremdeln

Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Tukums ist ebenso wie Bremen seit 2023 Unesco City of Literature. Dass eine so kleine Stadt wie Tukums, die nur 18000 Einwohner hat, in literarischer Hinsicht mit Städten wie Dublin und Bagdad mithalten kann, mit Barcelona, Prag und Rio de Janeiro, ist schon recht erstaunlich. Umso gespannter war ich auf den gestrigen Tag. Da sollte ich nämlich in Tukums Bibliothek vorgestellt werden und anschließend eine Führung durch die Literaturstadt machen.

Die Organisatorin der literarischen Events holte mich an meiner Burg in Jaunpils, wo ich derzeit als Stipendiatin der Unesco City of Literature Tukums wohne, mit dem Auto ab. Unterwegs unterhielten wir uns vor allem über Gertrud von den Brincken, die baltendeutsche Autorin, die in Tukums gelebt hat, bevor sie 1928 mit ihrem Ehemann nach Deutschland übersiedelte. Ich kannte sie bisher noch nicht, habe sie erst hier von ihr gehört. Sie hat drei autofiktionale Romane über ihre Heimat geschrieben, deren Verlust sie nie verwunden hat, zudem ihre Mutter, Schwester und Nichte in Lettland geblieben sind. Einer der Romane ist auch ins Lettische übersetzt. Auch ihre Gedichte kann man in lettischer Übersetzung finden. In Tukums ist sie ein wenig bekannt, an ihrem ehemaligen Wohnhaus, einem typischen alten Holzhaus an der Haupteinfahrtstraße, wurde eine Plakette angebracht. Wir hielten dort an. Früher war hinter dem Haus ein wunderschöner Garten, erzählte mir meine Abholerin.

Dann erzählte sie mir noch, dass sie die Familie von von den Brincken noch kennengelernt habe, die habe hier in dem Haus in sehr ärmlichen Verhältnissen gelebt. Gertrud versuchte von Deutschland aus, sie zu unterstützen, aber es war nicht einfach für sie, nachdem ihr Mann früh verstarb. Sie hat ihre Heimat so geliebt! Als wir in der Bibliothek ankommen, bekomme ich als erstes ein Buch mit Gedichten von Gertrud von den Brincken in die Hand gedrückt. Ich schlage es auf und bin sofort ganz begeistert:

Garten in Tuckum

Garten den niemand mir fortnimmt, mein bist du nicht

(wie ja auf Erden kein Fußbreit Erde mehr mein ist).

Garten, so mein wie ein Friedrich-Nietzsche-Gedicht,

so wie Vergebung und Jesus im Abendmahlwein ist.

 

All deine Sommer blühen noch fort in mir,

all deine Herbste herbsten in meinen Gedanken.

O wenn der Schnee schmilzt, wie ostert es über dir,

überfliedert es lila die Nachbarplanken.

 

Wie deine Wege mir lieb sind, erzähl` ich nicht,

was deine Wipfel mir sagen, sag ich nicht weiter.

Ständig verändert die Kleinstadt ihr Angesicht,

Kriege und Frieden prägten es grau oder heiter.

 

Straßen und Jahrmarkt und Friedhöfe dehnen sich aus,

Stadtparkalleen entblättern, ergrünen, erroten…

Hinter dem Teich aus den Wiesen sprießt Haus um Haus,

wimmelt die Schilfbucht von bunten, landenden Booten.

 

Fremde Kinder spielen und werden groß,

Wolken und Vollmonde zieh`n über fremdem Kinde –

Du nur, mein Garten, liegst zeitlos und sorgenlos

wie in den Armen des Ozeans liegt Insulinde.

 

Heckenumduftete Eiche ächzt dann und wann,

so als sei es ihr leid um die Menschenlose…

Aber die Rose lächelt Orion an,

und Orion lächelt: „Ja, Schwester Rose….“

 

Die Lesung war gut besucht. Guna Roze, die Direktorin der Unesco City of Literature Tukums , die selber eine in Lettland sehr bekannte Schriftstellerin ist, führte erst einmal ein Gespräch mit mir, das für die zahlreichen Zuschauer*innen aus dem Deutschen übersetzt wurde. Ein Zuhörer fragte mich, ob in Deutschland viel Gedichte gelesen werden. Nein, sagte ich, Gedichte werden in Deutschland, wenn überhaupt, dann wohl nur in Dichterkreisen gelesen. Dann fragte ich, wie es denn wohl hier in Lettland sei. Lesen die Menschen hier noch Gedichte? Sind sie so beliebt wie früher? Nein. Die Jungen wollen auch keine Gedichte mehr lesen. Nur im September, da haben wir an Rainis Geburtstag, dem 12. September einen ganzen Monat den Poesiemonat. Da sind überall in Lettland ganz viele Veranstaltungen und Lesungen zur Poesie. Oh! Einen Poesiemonat! Das müsste man in Deutschland auch mal einführen, dachte ich. Schon der internationale Tag der Poesie, der am 20. März stattfindet, spielt bei uns doch keine Rolle.

Statue von Rainis auf Schloss Durbe

 

Rainis ist so etwas wie der lettische Nationaldichter. Er hieß mit bürgerlichem Namen Jānis Pliekšāns und  lebte von 1865-1929, war Jurist und verbrachte sozialistischer Aktivitäten wegen viele Jahre im deutschsprachigen Ausland im Exil. Dorthin begleitete ihn seine Ehefrau, die Dichterin Aspazia, auch ein Nom de plume, wie viele lettische Dichter ihn hatten/haben. Sie war eine geborene Elza Johanna Emilija Lizete Rozenberga (1865-1943), ein Name, der deutsch klingt wegen der deutschbaltischen Prägung der Gegend, sie stammte aber aus einer lettischen Familie. Beide lebten eine Zeitlang in bzw. bei Tukums. Rainis bekam Ende der zwanziger Jahre das Schloss Durbe bei Tukums, aus dem die Familie von der Recke vertrieben worden war, als Aufenthaltsort zur Verfügung gestellt.

Schloss Durbe bei Tukums

Zu dieser Zeit war Rainis Bildungsminister von Lettland. Es ist eine gute Tradition in poesieliebenden Ländern, Schriftsteller in die Politik zu holen und zu Ministern zu machen. In Rumänien traf ich bei einem Poesiefestival im Mai den armenischen Dichter Varujan Vosganian, der einige Jahre lang rumänischer Wirtschaftsminister war. In Schloss Durbe ist seit einiger Zeit eine Dauerausstellung zu Rainis zu sehen. Rainis, der 1920 als lettischer Nationalheld in die neue lettische Republik aufgenommen wurde, ist wohl auch wegen seiner sozialistischen Aktivitäten später unter den Sowjets wohlgelitten gewesen, die ihm sogar eine Briefmarke widmeten.

Echo

Welchen Preis errang deiner Liebe Flug?

Nur Trug.

Wo ist alles, was dir heilig und wert?

Zerstört.

Wo sind deine Gärten blütenschwer?

Sie sind leer.

Wo sind deine Feuer und Eisensöhne?

Ermordet, verhöhnt.

Über alles hinweg ging des Lebens Rad.

Mich es verschonet hat.

Nur Trümmer rings – alles musste verrinnen.

Ich werde neu beginnen.

(aus: Lettische Lyrik, eine Anthologie, Gulbis Verlag, Riga, 1920)

Der bedeutendste und meistgeliebte Dichter Tukums ist Imants Zeidonis (1933-2013). Von ihm bekam ich hier in Tukums einige Gedichte im öffentlichen Raum gezeigt und als ich während meiner heutigen Lesung seinen Namen sagte, leuchteten alle Augen.

Ziedonis war ein wenig ein Rebell, schon in den siebziger Jahren ein Ökofreund, aber in Sowjetzeiten gut gelitten, weil er auch ein überzeugter Sozialist war. Später dann war er eine der führenden Figuren der dritten Revolution, die zur Unabhängigkeit im Jahr 1990 führte. Danach wurde er deshalb auch als Berater in die neue Regierung einberufen. Er schrieb vor allem Prosa. Die Textform, die durch ihn bekannt wurde, war die Epiphanie. Die Schule in Tukums, die seinen Namen trägt, hat er selber als Kind besucht. Er hat das wohl berühmteste Gedicht über Tukums geschrieben:

Tukums

Die alte Ruhe der kleinen Gassen,
die stille Schönheit der roten Ziegel –
im kühlen Maiwind
huscht der weiße Kirschgarten von Tukums vor uns vorbei.
(Lass mich in Schönheit in die Welt gehen,
wie die Kirschen in Tukums blühen!)

Als Junge verliebte ich mich einst in dich,
und später trank ich Wein und lachte,
ich war jung, ich warf alles in den Wind –
und der Kirschgarten verschwand.

Ich sagte mir: Die Bienen werden nicht mehr schwärmen,
ich werde allein fliegen, und der Wind wird mich nähren,
ich werde abends nicht mehr traurig um dich sein,
und es gibt viele Kirschen auf der Welt!

Doch je weiter ich gehe, desto größer werden der Mangel
und die Kreuzungen, die Verwirrung der Wege –
so erscheint im Traum der weiße Kirschgarten 

Aber ich kehre noch einmal zurück zu meiner Lesung, die mit einer interessanten Diskussion darüber verknüpft wurde, dass deutschbaltische Autor*innen überhaupt keine Stellung in der baltischen Kultur hatten und haben und regelrecht ignoriert wurden und immer noch werden. Wir waren zu beschäftigt, damit uns selber zu finden seit 1918, als wir endlich Lettland wurden und die anderen drei Kulturen (Deutsch, Russisch, Jüdisch) haben wir dabei völlig zur Seite gestellt, sagte mir ein älterer Mann. Die Hälfte der hier Anwesenden konnte auch sogar ein wenig Deutsch, ein anderer älterer Herr, ein Dichter, stellte sich sogar als der Übersetzer der Bremer Stadtmusikanten vor. Es ist auch deshalb schade, weil an fast allen Schulen inzwischen deutsch unterrichtet wird (anstelle russisch), wofür gerade Werke deutschbaltischer Autor*innen als Anschauungsmaterial gut geeignet wären, sagt eine Lehrerin, die noch nie von Eduard von Keyserling gehört hat. Hier in Tukums wird immerhin dafür gesorgt, dass Gertrud von den Brincken Aufmerksamkeit erfährt.

Am Schluss meiner Veranstaltung sollte ich unbedingt noch ein paar eigene Gedichte vortragen. Da ich während meines Aufenthaltes ein paar Gedichte geschrieben habe, hatte ich meiner Übersetzerin eines davon zur Übersetzung gegeben. Das trug ich nun vor:

tuckum

in tuckum ankommen

in tuckum aus dem zug steigen

in tuckum eine weile am bahnhof stehen

dann in tuckum den hügel hochsehen

tuckum hat auf mich gewartet

ich sehe von unten die türme der kirche

in tuckum riecht es jetzt im oktober so

nach apfel und nach rauch

um nach tuckum zu kommen

muss man viele treppenstufen hinaufgehen

in den straßen von tuckum sind heute nicht

viele menschen zu sehen

ich komme an einem

alten deutschen friedhof vorüber

und auch an einem jüdischen

friedhof

oben in tuckum angekommen spüre ich

das vergehen der zeit

ich hole tief luft

ich atme tuckums

vergangenheit

 

Die lettischen Zuhörer*innen fanden das Gedicht sehr berührend. Und ich fuhr sehr zufrieden wieder zurück nach Jaunpils und ging in meine Burg. Wo, wie ich seit heute weiß, weil es mir mehrere Leute unabhängig voneinander erzählt hatten, schon eine ganze Weile ein Schlossgespenst hausen soll. Es heißt Bruno. Aber es heißt auch, dass es harmlos sein soll. Ich nehme mal an, dass die Unesco City of Literature Tukums, die diesen Titel, wie ich heute feststellen durfte, sehr zu recht trägt, nicht nur die kleinste Unesco City of Literature ist, sondern auch die einzige, die ein Schlossgespenst ihr eigen nennen darf…

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