vonSabine Schiffner 10.10.2026

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Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Zeppelin heißt eine sehr beliebte litauische Spezialität, die ich bisher nur von einem Plakat kannte. Auf diesem Plakat, das überall im Dorf aushing, wurde ein Kochkurs angekündigt, der im Dorfgemeinschaftshaus stattfinden wird, direkt neben meiner Burg gelegen. Da hier im Dorf sonst nie etwas los ist und ich die Zeppeline, die auf dem Plakat abgebildet waren, lecker aussehend fand, ging ich hin. Vorher hatte ich noch gelernt, was Ich bin Deutsche heißt: Es esmu vāciete ! Vācija als Begriff für Deutschland ist ein ziemlich einzigartiges Wort, nur die Litauer haben noch ein ähnliches Wort. Es könnte vom urindogermanischen wek stammen, was ein Begriff für Fremde, die unverständlich oder laut reden ist. Das ist auch die Übersetzung des slawischen und auch in Russland gebräuchlichen Wortes němьcь , das soviel wie Stumm, unverständlich reden bedeutet. Wer Karl May gelesen hat, weiß, dass dort sein Alter Ego Kara ben Nemsi „Karl, Sohn der Deutschen“ heißt.

Falls mich jemand beim Kochkurs ansprechen würde, wollte ich zumindest den Satz Es esmu vāciete sagen können. Ich ging davon aus, dass dort vor allem ältere Leute sein würden und die sprechen hier in Lettland fast nie Englisch. Der kleine Küchenraum war, als ich kam, schon proppenvoll. Ungefähr 40 ältere Frauen saßen im Kreis um die Kochinsel. Aber neben einem jungen Mädchen war noch ein Platz frei, auf den ich mich schnell setzte. Sprichst Du Englisch? Sie bejahte.

Der Kurs begann damit, dass jede von uns ein Glas mit Rotwein bekam, der aus einer großen Plastikflasche ausgeschenkt wurde. Ist der selber gemacht? Ja, wir haben guten Wein hier in Lettland. Der Wein schmeckte gar nicht so schlecht. Die Frauen in der Küche, die mich, glaube ich, für eine der Ihren hielten, denn meine Nachbarin zur Linken sprach mehrmals lettisch auf mich ein und ich werde auch in den Geschäften immer auf lettisch angesprochen und für eine Lettin gehalten, zogen ihre Blöcke und notierten sich das Rezept. Auf die junge Frau neben mir redete während der Kochvorführung eine ältere Frau ein, die rechts von ihr saß und ihre Hand hielt und wohl ihre Großmutter war.

Zeppeline sind eine Art Kartoffelklöße, gefüllt mit Schweinehackfleisch, dazu gab es eine Bechamelsauce mit Speck. https://mahtava.de/gefuellte-kartoffelkloesse-zeppelinas-cepelinai.html Als die Klöße fertig waren, durften wir einen probieren. Sie schmeckten sehr lecker, fett und fleischlastig wie alles lettische Essen, das ich bisher probiert habe. Woher die litauischen Kartoffel-Kartupelis-Zeppeline ihren Namen haben, weiß ich nicht. Vielleicht sind die Zeppeline, die im ersten Weltkrieg hier in Lettland stationiert waren, öfter auch über Litauen geflogen; in der Nähe des Ortes Wainoden /Lettland befand sich damals der Luftschiffhafen Wainoden, der zur Deutschen kaiserlichen Marine gehörte. Die Hangars dieses Luftschiffhafens wurden später nach Riga transportiert und sind bis heute dort, sie dienen als Markthallen. Ich machte bei meiner Ankunft in Riga ein Foto von ihnen. 

Mein Zeppelin war sehr sättigend. Während ich aß, unterhielt ich mich mit der jungen Frau neben mir. Sie sagt dann, dass sie den Kurs gar nicht hätte verstehen können, weil die Meistari /Kochlehrerin auf litauisch und russisch gesprochen habe. Sie könne kein Russisch, alle anderen hier im Raum aber schon. Deshalb habe ihre Großmutter ihr übersetzt, was die Lehrerin gesagt habe. Sie hätten ja leider in der Schule kein Russisch. Der Russischunterricht habe schlagartig aufgehört, als Russland die Ukraine überfallen habe. Von dem Tag an habe man an lettischen Schulen kein Russisch mehr unterrichtet.

Als ich mich später mit meinem Mitstipendiaten darüber unterhalte, erzählt er mir, dass er manche Freunde habe, lettische Intellektuelle, die eine Woche nicht mehr mit ihm sprechen würden, wenn er erwähnte, dass er ein Konzert von Tschaikowski gehört habe. Alles Russische ist hier bei uns und insbesondere bei Intellektuellen das Allerletzte. Das sei aber nicht gut, findet er. Dort wo er aufgewachsen sei, würden sehr viele russischstämmige  Letten leben, die perfekt Lettisch sprächen, aber zu Hause auch russisch. Er sei mit ihnen groß geworden und habe mit ihnen Fußball gespielt, sie seien wie Letten, aber hätten eben die russische Herkunft. Und die Gesellschaft würde sich nun trennen, weil diese Leute – immerhin 30 Prozent der Bewohner Lettlands – zu Parias gemacht würden.

Das nationalistische Denken in Bezug auf eine weitere Sprache außer dem Lettischen gab es hier in Lettland ja auch schon 1919, als die deutsche Sprache verbannt wurde. Auch sie, immerhin 700 Jahre hier die dominante Sprache, wurde als Okkupationssprache empfunden. Verstehen kann man es auf gewisse Weise, andererseits ist es sehr schade. Nicht nur das Plakat vom Kochkurs zeigt, wieviel Deutsch noch in der lettischen Sprache vorhanden ist. Aber Deutsche sind hier, abgesehen davon, dass man ihre Sprache nicht mehr benutzt, ansonsten gut angesehen. Sie wurden als Befreier von den Russen betrachtet, als sie 1941 in Lettland einfielen. Da die Letten in ihren Augen „Arier“ waren, taten die Deutschen ihnen nichts an. Dass sie die lettischen Juden ermordeten und auch andere Minderheiten wie die lettischen Roma, wurde dagegen nicht als so schlimm angesehen und schnell vergessen.

Wie der Nationalismus und die mit ihm einhergehende Verdrängung von Sprachen gesellschaftliche Gruppen ausgrenzen und sogar eine sprachliche Spaltung der Gesellschaft in die Alten, die noch sprechen oder die Jungen, die nicht mehr sprechen, bewirkt, zeigt sich hier in Lettland deutlich. Das kann man auch in der Türkei sehr gut sehen, wo das Kurdische viel zu lange eine verdrängte und nicht offizielle Sprache ist, obwohl es fast 20 Prozent Kurden im Land gibt. Auch in Spanien findet man diese Konflikte, in Bezug auf das Katalanische spaltet sich zum Beispiel die mallorquinische Bevölkerung in die Älteren, die nie Katalanisch schreiben gelernt haben und die Jüngeren, die Spanisch wie Englisch können. Aber auch wir in Deutschland hätten uns etwas weniger nationalistisch aufführen und uns vielleicht ein wenig mehr mit dem Türkischen beschäftigen können, wie der Dokumentarfilm „Liebe, D-Mark und Tod“ über die türkische Musikindustrie in Deutschland von Cem Caya so deutlich zeigt. Es hätte sicherlich zu einem besseren Verständnis untereinander beigetragen.

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