vonSabine Schiffner 08.10.2026

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Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Hier in Lettland erfahre ich immer wieder aufs Neue mich überraschende Dinge. So war ich bis vor kurzem noch der Überzeugung, dass die so genannten Baltendeutschen 1945, also zum Ende des Krieges hin aus ihrem angestammten Wohngebiet in Lettland und Estland geflüchtet sind. Erst hier stellte ich fest, dass das so nicht stimmt. Habe ich in der Schule nicht richtig aufgepasst? Der allergrößte Teil der Baltendeutschen ist nämlich schon 1919 von hier fortgegangen.

Ich bin unter anderem deshalb wieder hier in Kurland, um mich auf die Suche nach dem größten baltisch-deutschen Schriftsteller zu machen, nach Eduard von Keyserling, der seine Heimat schon 1895 nicht ganz freiwillig verlassen hat; sein älterer Bruder übernahm die Regie in Schloss Tels-Paddern. Für den  von der adligen baltendeutschen Gesellschaft verfemten Eduard und zwei unverheiratete Schwestern war da kein Platz mehr im Schloss.

Heute fahre ich von meiner Dichterburg aus zum Dichterschloss. Auch in der Burg Jaunpils, auf der ich derzeit wohne, lebte einst eine baltisch-deutsche Schriftstellerin, ebenso wie auf sehr vielen anderen der ca 2000 Burgen und Schlösser im ehemaligen Baltenland, das 1919 aus einem unter russischen Protektorat aber von Deutschen (seit dem 14. Jhd.) regierten Land in die Selbständigkeit entlassen wurde. Die erste Handlung der neuen lettischen Regierung war damals die Enteignung sämtlicher Baltendeutschen Güter.

Die deutschbaltische Minderheit hat im Baltikum über 700 Jahre hinweg die Oberschicht ebenso wie die bürgerliche Schicht und auch den -meist protestantischen- Klerus gestellt, sowohl in Estland wie auch in Lettland. Ihre Literaturproduktion im Baltikum begann in ihren Kreisen und in deutscher Sprache im Mittelalter und endete 1939 mit der endgültigen Umsiedlung der letzten Baltendeutschen, die unter Hitler „heim ins Reich“ geholt werden sollten.

Das erste Buch in lettischer Sprache erschien erst im Jahr 1585, es war ein katholischer Katechismus. Das lettische als Schrift- und Verwaltungssprache spielte ernsthaft erst ab Ende des 19. Jhd. eine Rolle, obwohl die Deutschen zumindest darauf achteten, dass die Gottesdienste auf lettisch gehalten wurden. Bis Ende des 19. Jhd.  war aber ausschließlich Deutsch die Sprache von Kunst, Kultur, Wissenschaft und Verwaltung in den baltendeutschen Ländern. Litauen gehörte nicht dazu, weshalb es im Litauischen auch kaum deutsche Lehnworte gibt . Das 1827 erschienene „Allgemeine Schriftsteller- und Gelehrten-Lexikon der Provinzen Livland, Esthland und Kurland“  (Recke und Napiersky) listete für die Zeit vom Mittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert bereits mehrere tausend Namen von schreibenden Baltendeutschen auf. Erst 2007 erschien ein Folgeband, der bis 1945 insgesamt 3700 Namen baltendeutscher Schriftsteller nennt. Zwei davon sind übrigens zu den größten Komödianten deutscher Sprache geworden, Robert Gernhardt und Heinz Erhardt.

Der bekannteste baltendeutsche Schriftsteller war wohl Keyerling, der allerdings in seinen Romanen alles andere als ein Komödiant ist. Seine Texte sind schwermütig, tief und melancholisch, der Todessehnsucht verbunden, voll unglücklicher Lieben und drogentoter Menschen, die das Leben geflohen haben. Sie künden von der menschlichen Agonie einer Klasse und Schicht in einer Zeit, die sehr bald vorüber sein sollte und irgendwie auch wollte. Keyserling berichtet über das, was er aus eigener Anschauung erlebt hat, das weltfremde Leben des deutschen Adels auf den Gutshöfen und Schlössern, die sich inmitten der schönsten Landschaften, Gärten und Parks befanden. In seiner Beschreibung ist gleichzeitig auch die Kritik an dieser morbiden festgefahrenen eingefrorenen lebensfremden Gesellschaftsschicht enthalten, die sich als die vorherrschende aufführte. Aber er gibt auch Zeugnis vom Leben der einfachen Menschen in Lettland, lässt sie in seinen Büchern ihre Lieder singen und berichtet immer wieder auch von Juden und jüdischem Leben, einerseits ist er dabei ein wenig antisemitischen Stereotypen seiner Zeit verhaftet, oft berichtet er aber auch mit Sympathie und Aufgeschlossenheit und gibt den jüdischen Menschen seiner Umgebung eine Stimme.

1919, nach der Enteignung sämtlicher adliger Baltendeutscher, als auch die Keyserlings ihr Gut verloren, wurde das Geburtshaus des Schriftstellers in eine Schule umgewandelt und eine Schule ist es bis heute geblieben. Die alten hohen Bäume vor dem Haus, teilweise ungewöhnlich für die Gegend, weil von Keyserlings Vater von weither hierhin gebracht und angepflanzt, wie ich wenig später von einem ehemaligen Schüler dieser Schule erfahre, hüllen das Haus ein, beschützen es vor den Blicken. Während ich auf es zugehe, höre ich fröhliche Kinderstimmen, die vor der großen Freitreppe laut lachend spielen. Hier ist keine Melancholie und Weltuntergangsstimmung, hier ist wildes junges Leben. Eine kleine Tafel vor dem Hauptgebäude erinnert an Keyserling. Ich nehme sein Buch „Abendliche Häuser“ und lese vor dem Schloss den Beginn des Romans:

https://www.youtube.com/shorts/nDPOeAx2HWo

 

 

Als ich eintrete, bin ich doch ein wenig ehrfurchtsvoll. Ich stelle mir vor, wie es hier früher ausgesehen haben mag. Denn ganz viel von der alten Schlossstruktur ist im Inneren nicht mehr zu erkennen. Es ist zu einer Schule geworden, hinter den alten Türen sehe ich die Kinder sitzen und lernen, während ich leise über die knarrenden Bohlen der langen gewienerten Flure gehe.

Die Aufseherin im Schulgebäude führt mich dann herum und die Geschichtslehrerin Vita zeigt mir den Geschichtsraum, in dem eine hübsche kleine Ausstellung zu Keyserling von dem vormaligen Bewohner kündet. Haben seine Bücher etwas mit diesem Haus zu tun? Fragt mich die Direktorin. Ja, sage ich. Er war schon blind, als er sie niederschrieb. Aber in seinem Kopf ist er nie von hier, von Tels-Paddern fortgegangen.

Die starke und süchtig machende Bildhaftigkeit seiner Sprache hat er vom Reichtum der Landschaft, der Gärten, der Wälder, der uralten Bäume, der Parks, der Blumenbeete, an denen ich heute vorübergefahren bin, dieser weiten und ein wenig welligen Landschaft, die er immer wieder gerne in ihrer abendlichen Stimmung beschrieben hat. Glücklichmachend und irgendwie traurig zugleich, romantisch, melancholisch …und manchmal fast ein wenig nach der Toskana aussehend mit ihren weiten geschwungenen Flächen, an deren Ende ein einsamer Gutshof liegt mit solitären Bäumen. Er beschrieb eine Zeit und ihre immer schwächer werdenden Protagonisten, die baltendeutschen Adligen, und eine Epoche, die 1919 endgültig vorüber war. Die Baltendeutschen, die vorher alles besessen hatten, verloren auf einen Schlag alles. Sie wurden vertrieben und das war wohl auch richtig so. Aber dass auch ihre Sprache so gründlich ausgetrieben wurde, finde ich ein wenig schade. 700 Jahre wurde hier deutsch geschrieben und gesprochen, davon ist im heutigen Leben nichts übrig geblieben. Ich muss an den jüdischen Friedhof in Aizpute denken, dem Ort, wo Keyserling zur Grundschule ging und an dem ich eben noch angehalten habe. Ich machte Fotos von den uralten Grabsteinen, die mit deutschen Inschriften beschildert waren. Auch die Juden hier in Lettland sprachen Deutsch. Das hat ihren Nachfahren aber nichts genützt, die Deutschen ermordeten sie 1941 fast alle. Wenig ist von ihnen übrig geblieben, aber das Wenige spricht auf  Deutsch.

Zum Schluss meines Ausflugs auf den Spuren von Eduard von Keyserling fahre ich noch nach Kuldiga, dem ehemaligen Goldingen, wo der Graf das Gymnasium besucht hat. Seine ehemalige Schule steht auch noch, am Rande der alten Hauptstraße, die zu den spektakulären Stromschnellen der Venta führt und die voller sehr gut erhaltener Häuser mit Fassaden aus dem 15.-18. Jahrhundert ist.

Diese Straße ist sehr ungewöhnlich, fast wie eine Kulisse wirkend, weil nicht aufgehübscht, sondern eigentlich so belassen, wie ich sie schon vor 14 Jahren sah. Seit drei Jahren ist die Altstadt von Kuldiga Unesco Kulturerbe. Und hier entdecke ich noch etwas sehr kurioses, was ich auch nicht wusste. Dort wo die Straße beginnt, steht nämlich ein Denkmal von Herzog Jakob Kettler (1610-1682).

Jakob Kettler war ein Enkel des letzten Deutschordenritters und als Deutschbalte Herzog von Kurland und Semgallen. Er war ein sehr unternehmerisch und wirtschaftlich erfolgreich handelnder Landesfürst. So sorgte er dafür, dass unter seiner Regie das Wirtschaftsleben im Lande aufblühte. Außerdem betätigte er sich als Kolonialherr, wodurch Kurland zu dem kleinsten Land überhaupt wurde, das Kolonialland war. Dazu gehörten die Antilleninsel Tobago und Kolonien am Fluss Gambia in Afrika und er war auch im Sklavenhandel tätig. Dieser Deutschbalte, der Herzog Jakob, wird, wie ich in Kuldiga erfuhr, bis heute hier sehr verehrt.

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