Über die baltischen Länder und insbesondere über Litauen wusste ich bislang nicht allzuviel. Das ist seit gestern anders. Auf dem Weg nach Lettland, wo ich die nächsten zwei Wochen als Bremer Stipendiatin der Unesco City of Literature Tukums verbringen werde, machte ich nämlich einen Halt in Litauens Hauptstadt Vilnius, wo ich mich mit meiner Dichterfreundin Ramune Brundzaite traf. Sie führte mich in ihrer Heimatstadt herum.
Litauen, das viele Jahrhunderte lang ein Schmelztiegel für verschiedenste Völker, Sprachen und Religionen gewesen ist, ist heute mehrheitlich katholisch. Und Kirchen dieser Religion gibt es hier sehr viele und enorm prächtige. Sie haben die fürchterliche Zeit der sowjetischen Besatzungszeit einigermaßen unbeschadet überstanden. Als erstes besuchten wir gestern die Kathedrale St. Stanislaus. Von dieser, die die erste Kirche im erst 1387 christianisierten Land Europas war und die mehrmals abbrannte, bis sie in ihrer heutigen Form – barock – gestaltet und fertiggestellt wurde, sind die gotischen Grundmauern noch erhalten. Es handelt sich trotz barocker Gestaltung um eine in ihrem Inneren irgendwie fast schlicht-protestantisch aussehende ursprünglich mal gotische Hallenkirche, neben der ein gewaltiger Glockenturm steht.




Die Kirche macht den Eindruck, perfekt renoviert zu sein. Dass sie nicht schon immer so aussah, beschrieb im Jahr 1950 der Autor Jonas Avizyus:
„Ich konnte nicht glauben, was ich sah. Unmöglich! Die drei Heiligen – Kasimir, Helena und Stanislaus – sind in der Nacht vom Dach der Kathedrale gesprungen. Unglückliche Selbstmörder…Von einem widersprüchlichen Gefühl erfaßt stand ich neben den Trümmern der Gipsfiguren, blind für alles ringsum. Meine vom Dunst verschleierten Augen brannten….Ich ging um die Kathedrale herum, als wollte ich mich davon überzeugen, dass dies hier wirklich dasselbe Gebäude war, derselbe Ort, an dem einst unsere Urväter das heilige Feuer mit den Opfern nährten, die sie ihren Göttern darbrachten…Als ich mich vom Anblick des zerstörten Kunstwerks überzeugt hatte, kam mir mein eigenes Unglück plötzlich klein vor, verglichen mit dem, was geschehen war und noch geschehen sollte…“
Sehr lang war Litauen erst unter polnischer, dann unter russischer Besatzung. Erst 1918 erlangte es faktisch seine Unabhängigkeit, wurde aber im Rahmen des Hitler-Stalin-Paktes 1939 der Sowjetunion zugesprochen, die sofort damit begann, völlig willkürlich sehr viele litauische Menschen, Männer, Frauen und Kinder nach Sibirien zu verschicken und im Land ein Regime aus Kontrolle und Angst zu errichten. Nachdem die Sowjets 1941 von den Deutschen Besatzern vertrieben und diese 1944 wieder abgezogen wurden, kamen die Sowjets wieder zurück. In Litauen herrschte erst recht nach dem zweiten Weltkrieg auch wegen der vielen heimkehrenden Geflüchteten Wohnungsnot und Hunger, Armut und politische Unterdrückung. Auch an das an den jüdischen Litauern während der Nazizeit begangene Unrecht wurde unter der russischen Besatzung nicht erinnert.
Die Deutschen begannen nach ihrem Einmarsch im Jahr 1941 sofort ihr zerstörerisches Werk und errichteten zwei Ghettos in Vilnius, die durch die so genannte „Deutsche Straße“ (Niemeniecka, kommt aus dem polnischen und wurde im jiddischen Litauisch für „Fremd, Stumm und deutsch“ verwendet) getrennt wurden. Unterstützt wurden sie bei ihrem mörderischen Vorgehen, dem innerhalb kürzester Zeit 95 Prozent der jüdischen Bevölkerung Litauens zum Opfer fielen, auch von Litauern, die die Deutschen als Befreier von der sowjetischen Besatzung ansahen.
Aber auch wenn es litauische Mittäter gab, waren die Schuldigen an den Massakern die deutschen Besatzer und SS-Leute. Einer der Hauptverantwortlichen an den Erschießungen, Franz Muhrer, wurde zwar in Vilnius 1948 zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, aber 1955 an Österreich überstellt. Dort lebte er bis zu seinem Tode im Jahr 1994 unbehelligt und war zuletzt als Bezirksbauernvertreter der ÖVP tätig. Aber es gab auch in Vilnius Deutsche, die sich anders verhielten. Dazu gehörte Karl Plagge, der mehr als 1000 Juden das Leben rettete, auf eine ähnliche Weise wie Oskar Schindler und deshalb 2004 als Gerechter unter den Völkern in Jad Vashem geehrt wurde. Er starb schon 1957 und machte sich bis zu seiner letzten Stunde Vorwürfe, dass er nicht mehr Menschen das Leben gerettet hatte.
Vilnius, das wegen seiner traditions- und einflussreichen jüdischen Regionalkultur das „Jerusalem des Nordens“ genannt wurde, wurde von einem auf das andere Jahr judenfrei. Von den 80000 jüdischen Menschen überlebten nur 600.
Auf die fast 200000 jüdischen Litauer, die in Massengräbern unregistriert und namenlos verscharrt wurden und auf berühmte Rabbis und Gelehrte unter ihnen weisen beim Rundgang durch das ehemalige Ghetto sehr berührende Graffitis hin.



Aber es gab im Ghetto auch Widerstand. Eine Gruppe von jüdischen Menschen setzte sich gegen die Deportation der letzten Juden zur Wehr und kämpfte, allerdings vergeblich. Eine Plakette an dem Wohnhaus, das sie als Barrikade nutzten, erinnert heute daran.
Und auch an vielen anderen Orten innerhalb des ehemaligen Ghettos wird jetzt an dieses düstere Kapitel der litauischen Geschichte erinnert. Die Juden, die immerhin 28 Prozent der Bevölkerung von Vilnius ausmachten, wurden ermordet, ihre Erinnerung wurde aber auch nach dem Krieg erst einmal jahrzehntelang ausgelöscht. Die Synagogen waren schon vorher bis auf eine einzige zerstört worden, die ehemaligen Gebetshäuser umgewandelt. Erst die Unabhängigkeit Litauens im Jahr 1990 machte, dass langsam ein Umdenken stattfand. Heute weisen überall im Stadtbild Schautafeln, Statuen und Plaketten auf die vernichteten Menschen hin, die die schönsten Viertel der heute wieder wunderbar renovierten Altstadt bewohnt haben. Eine Statue von Leonard Cohen findet sich am Rand des ehemaligen Ghettos. Dessen Mutter kaum aus Litauen, sie war die Tochter eines Rabbis.

Cohen selber ist aber nie hier gewesen. Wenn er jetzt käme, würde er sich vielleicht wundern, wie schön hier alles ist. Viel Geld ist in letzter Zeit geflossen, teure Restaurants, Geschäfte und Bars haben in den alten Gemäuern Einzug gehalten. Wo vor fünfzehn Jahren noch Ruinen waren und alles grau, sagt Ramune, können sich heute normale Litauer allerdings keinen Cocktail leisten. Trotzdem sind die Läden voller junger Menschen und es herrscht eine Atmosphäre, die manchmal fast an mediterrane Städte erinnert.
Trolleybusse fahren lautlos über große Prachtstraßen und fast alle Autos sind elektrisch. Diese Stadt ist leise und sehr entspannt und sie ist wunderschön. Sie ist voller Parks und Grünanlagen und Hügel mit alten Burgen, von denen aus man auf sie herunterblicken kann. Die mittelalterlichen Häuser sind gut erhalten, viele kleine schmale Straßen mit alten Laternen entführen in vergangene Zeiten, überall sind Passagen und kleine gewölbte Durchgänge, die in lauschige verträumte Innenhöfe führen. Und den Straßen hat man das uralte Pflaster gelassen.



Auch die alten traditionsreichen Gebäude der Universität befinden sich mitten im Zentrum von Vilnius. Vielleicht ist das der Grund, dass man hier so viele junge Menschen sieht. Eine so entspannte ruhige Hauptstadt habe ich ehrlichgesagt noch nie gesehen, sage ich zu Ramune. Da antwortet sie mir, ich sei nicht die erste, die das zu ihr sagen würde.
Klasse! Durch Besuche und Dialog wächst Europa zusammen. Einen herzlichen Gruß, morgen gehen wir zum Einheitsfest … Alles Gute noch!