vonHans-Peter Martin 14.09.2019

Game Over

Hans-Peter Martin bloggt über die globale Titanic der Politik und Wirtschaft – und wie es doch ein „New Game“ geben kann. Krieg oder Frieden.

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Jessas. Was für ein Start. Am zweiten Abend des Premierentriples unter der neuen Direktion von Martin Kušej und seiner Stellvertreterin Alexandra Althoff erlebt das kleinere Haus im Burgtheaterkonglomerat, das Akademietheater, Standing Ovations. Was für eine Rarität.

In vier Sprachen präsentieren sich bis auf Sabine Haupt (als Mutter Norah) neue, internationale Gesichter und eine vielfältige Schauspielkunst, wie sie das ruhmreiche Theater noch nie gezeigt hat.

Das Stück des Frankokanadiers Wajdi Mouawad, der im Libanon geboren wurde, wird in dieser Saison an acht deutschsprachigen Bühnen zu sehen sein. In Wien wurde die Latte nun sehr hoch gelegt.

Und dabei wird neben der Identität vor allem das Verhältnis zu Wahrheit und Lüge verhandelt, das in Wien historisch mit Vorliebe gemieden wird. Österreichs Hauptstädter pflegen den „Schmäh“, aber kaum die Offenheit oder gar die klare Kante. Doch die „Vögel“ sind so spannend gestrickt, dass sich viele Zuschauer vom Spiel fesseln ließen – und dabei vergaßen, wie sehr sie selbst gerne Konflikten aus dem Weg gehen und mit welcher Lust sie das Hintenrumschlechtreden und die Intrige pflegen.

Der unvermeidliche Krieg war schon ein zentrales Thema bei den „Bakchen“, der Krieg beherrscht auch die „Vögel“.  „Ich werde keinen Trost finden“, lautet der letzte Satz in dieser Aufführung.  Game Over im Nahen Osten, zusehends auch anderswo.

„Bakchen“ und die „Vögel“ sind programmatisch für die Kušej-Althoff-Zeit zu verstehen, für Althoff waren die „Vögel“ schon im Vorfeld ein Signature-Stück. Jetzt ist es angerichtet. Wer diese Inszenierung nicht besucht, verpaßt einen großen Theaterabend und sollte dann nicht klagen, dass Theater sich überholt hätte. Alsdann, bühnenverwöhntes Publikum in Wien: hingehen, bevor auch in der Alpenrepublik die Etats vom wohl Baldwiederkanzler Sebastian Kurz gekürzt werden.

Eine Kritik: Ausgerechnet Sabine Haupt hat mich nicht überzeugt, zu schrill versucht sie sich in der Verkörperung einer Ostdeutschen, die erst mit 14 Jahren zufällig erfährt, dass sie Jüdin ist. Sie sollte damals „nur“ Kommunistin sein. Und bisweilen muß sich auch ihr Bühnen-Ehemann zu klischeehafte Sätze von sich geben, vor allem vor dem großen Showdown. Doch dies liegt am Autor, der Regisseur könnte da aber vielleicht noch etwas kürzen.

Dennoch zeigt sich, dass bereits einige Ankündigungen von Martin Kušej und seiner Mannschaft verwirklicht wurden: Die Mehrsprachigkeit hat auf spektakuläre Weise am Burgtheater Einzug gehalten, und ja, es sind nunmehr hervorragende neue Schauspielerinnen und Schauspieler in Wien engagiert. Jede(r) mit ihrem, seinem eigenen Stil, gewinnend (der Erzähler der „Vögel“-Parabel, der arabisch-israelische Schauspieler und Tänzer Yousef „Joe“ Sweid), abstoßend (der „deutsche“ Vater Markus Scheumann), dämonisch-ironisch-verletztlich (fast alle, aber allen voran die Großmutter Salwa Nakkara, eine Palästinenserin). Und dann Deleila Piasko als Wahida. Wow. Alle ziehen sie eine gespannte Aufmerksamkeit auf sich, im Monolog und im Dialog. Klar, das liegt am so geschickt gewobenen und verwobenen Text. Doch den muss man erst einmal packend auf die Bühne bringen, erst recht in vier Sprachen, mehr als drei Stunden lang. Österreichisches Nationaltheater? Nicht mehr. Was für eine ehrliche, ja begeisternde Internationalität.

Chapeau.

So kann die neue Leitung in Wien durchatmen, wenngleich im Hintergrund bereits die Messer gewetzt werden. Ein erfahrener und gut vernetzter Wiener Journalist klagte schon vor Beginn der zweiten Premiere über Kritiken zu Kuśejs Einstieg mit den „Bakchen“ am Vorabend, weil sie viel zu positiv ausgefallen wären: „Die Wiener Theaterkritiker trauen sich bisher nicht, ihre ehrliche Meinung zu schreiben“, zeigt er sich überzeugt. „Sie wollen es sich nicht gleich mit der neuen Leitung verscherzen und fürchten, sonst von der Pressestelle schlecht behandelt zu werden.“ Ehrlich? So wenig Unabhängigkeit, fragt der Autor dieses Blogs. „Du bist wohl schon zu lange weg von Wien“, lautet die lapidare Antwort des Kollegen. Einer österreichischen Starjournalistin ist Martin Kušej gar zu plump und zu wenig intellektuell. Und ein Theater-Machtmann im Hintergrund meinte, er sei bei den „Bakchen“, entgegen seinen Gepflogenheiten, schon in der Pause gegangen. Rasches Inszenierung wäre monoton und eindimensional.

„Wien ist die Welthauptstadt des Neides und der Niedertracht“, sagt der Allroundkünstler André Heller. Na denn, viel Spaß.

Jetzt lauern die Neider auf die Auslastungszahlen. Falls sie sinken, würden die unleugbaren Standing Ovations schnell verblassen. Qualität allein überzeugt nicht, schon gar nicht in der provinziellsten aller Weltstädte.

 

Ein Lesehinweis: „Game Over – Wohlstand für wenige, Demokratie für niemand, Nationalismus für alle – und dann?“ Penguin Random House.

www.hpmartin.net

 

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https://blogs.taz.de/gameover/voegel-in-wien-der-zweite-streich-der-neuen-burgtheaterdirektion/

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