vonHans-Peter Martin 13.09.2019

Game Over

Hans-Peter Martin bloggt über die globale Titanic der Politik und Wirtschaft – und wie es doch ein „New Game“ geben kann. Krieg oder Frieden.

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Die erste Premiere unter dem neuen Direktor Martin Kušej ist mehr als geglückt. Mit einer hydraulischen Bühnenmaschine, die drei Stunden lang unablässig neue Perspektiven bietet: sechs Laufbänder, die sich gegeneinander heben, bisweilen optisch einschüchternd wie die Startbahn eines Flugzeugträgers, dann wieder technisch animierend wie ein Blick vom River Café auf die Brooklyn Bridge. Wenn sich die Fließbänder im Fastdunkel von der Rampe in den Schlund des Burgtheaterbühnenhimmels aufrichten, kann sich der Zuschauer wie unter dem Bauch eines Transatlantik-Jets fühlen, der soeben beladen wird. Doch statt Gepäckstücken bewegen sich menschliche Bestien, gegen die Laufrichtung. So kommen sie nicht voran, doch ihre Tritte hinterlassen Spuren in den Köpfen der Zuschauer und dröhnen in den Ohren. Das unablässige Trommeln der Schlagzeugerin Katelyn King öffnet Gefühlswelten. Die Minimal Music verführt. 15 Schauspieler rezitieren im Chor, stampfen, marschieren – rhythmisch, beängstigend, mitreißend. Wie Schwarzhemden Mussolinis, Recken von Chemnitz,  österreichische Neonazis in Springerstiefeln. Und sie skandieren: „Wir werden immer mehr.“

Bühnenzampano Ulrich Rasche führte Regie, der griechische Dichter Euripides ist der Autor der 2400 Jahre alten Tragödie „Die Bakchen“.

Bravo.

Während in der letzten Inszenierung Kušejs am Burgtheater (Arthur Millers „Hexenjagd“) die Diktatur noch schleichend Einzug hält, vollzieht sich der große Marsch in den totalitären Abgrund nun lautstark. So manch biederem Premierengast ist das zuwider: Wegschauen, verdrängen liegt viel eher im Wiener Blut.

Und dies geriet auch durch die jüngsten Extremisten-Auftritte einer bekannten Ex-TV-Journalistin und Politikerin kaum in Wallung. Ursula Stenzel war in den 1990er Jahren eines der bekanntesten Gesichter zwischen Wien und Bregenz. Sie moderierte die Hauptnachrichtensendung „Zeit im Bild“ im öffentlich-rechtlichen ORF, damals noch ohne Konkurrenz durch private Fernsehsender. 1996 kürte sie die ÖVP zu ihrer Spitzenkandidatin bei den Wahlen zum Europäischen Parlament. Sie schaffte für ihre damals noch konservativ-bürgerliche Partei erstmals seit 1966 den ersten Platz bei einer nationalen Wahl.

Der Autor dieses Blogs lernte sie 1999 kennen, als er von Österreichs Sozialdemokraten an die Spitze der Europawahlliste gewählt wurde. Kaum war ich als parteifreier Kandidat präsentiert worden, zog die ÖVP nach: Stenzel sei doch, trotz Mitgliedschaft in einem ÖVP-Bund, auch „unabhängig“. Ich erlebte sie damals als Frau, die auf ihr bürgerliches Auftreten größten Wert legte, von der Kleidung bis zur „gepflegten“ Wiener Ausdrucksweise. Sie galt als überzeugte Europäerin, kritiklos gegenüber der realen Verfasstheit  der Europäischen Union. Ihr Lebenspartner war ein Burgschauspieler, der unter der Zurücksetzung durch den früheren Direktor Claus Peymann geradezu physisch gelitten hatte. Am Irrsee bei Salzburg sahen wir uns regelmäßig bei der „Seewirtin“. Ursula Stenzel war wiederholt davon überzeugt, dass „fast alle Wähler unheimlich dumm sind.“

2004, als ich die ersten Privilegienskandale von Europaabgeordneten im EU–Parlament öffentlich machte, raunte sie mir zu: „Hans-Peter, Du wirst das Geld doch auch brauchen.“  Nach weiteren Enthüllungen und meinem Verzicht auf die EU-Luxuszusatzpension nannte sie mich öffentlich eine „Ratte“. 2019 führte eine derartige Bezeichnung eines politischen Gegners durch einen regionalen Mandatar der Rechtsaußenpartei FPÖ zu dessen Rücktritt. 15 Jahre zuvor genügte in der Öffentlichkeit Stenzels Hinweis, Ratten seien doch niedliche Tiere. So tickt(e) das politisch-journalistische Österreich.

Als Stenzel von der ÖVP bei späteren Wahlen nicht mehr nominiert wurde, wechselte sie schmerzfrei zur FPÖ. Es wäre, wie wenn sich der europäische CDU-Haudegen Elmar Brok über Nacht als AfD-Frontmann Jörg Meuthen ausgäbe. Der damalige FPÖ-Chef H.C. Strache  profitierte wie kaum jemand von Stenzels Wechsel. Vorbei waren damit die Zeiten, in denen die FPÖ kaum Zugang zu den bürgerlichen Salons in der Hauptstadt fand. Einen Damm gab es ja nie, wohl aber einen „Genierer“. Strache erwog, Stenzel zur offiziellen Präsidentschaftskandidaten der FPÖ zu befördern.

Und darin liegt die Krux: Da Millionen Österreicher die Geschichte ihrer Vorfahren nie ordentlich aufgearbeitet und die entsprechenden Konsequenzen gezogen haben, ging es bei Stenzels Radikalisierung in der öffentlichen Wahrnehmung nur um Graduelles.

In der Alpenrepublik ist der Übergang von Konservativen zu Rechtsextremen oft fließend, ohne Stromschnellen wie die Donau. Als ob es die Weimarer Republik nie gegeben hätte.

Am vorgegangenen Wochenende war Ursula Stenzel noch weiter abgedriftet. Sie trat als Rednerin bei den Identitären am Wiener Stephansplatz auf, voll des Lobes über ein fremdenfeindlich durchsetztes Geschichtsbewusstsein. Zelebriert wurde der Sieg über die Türken am Wiener Kahlenberg 1683 – ein Feiertag für Rechtsradikale wie dem Norweger Anders Brevik oder dem Attentäter von Christchurch.

Die Forderungen nach einem Rücktritt als derzeitige FPÖ-Stadträtin in Wien nannte Stenzel „lächerlich“, sie habe doch gar nicht gewußt, dass die Identitären etwas mit der Veranstaltung zu tun gehabt hätten. Die FPÖ, mitten im Wahlkampf, beschönigte gleichfalls. Der 1986 gewählte österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim lässt da grüßen. Als seine problematische Nähe zu den Nationalsozialisten bekannt geworden war, hieß es ja auch, nicht er sei bei der SA gewesen, nur sein Pferd.

So ist der Schriftsteller Thomas Bernhard mit seinen vielfach verteufelten Beschimpfungen vielleicht der präziseste Beschreiber Österreichs gewesen, analytischer und wirklichkeitsnäher als viele nationale Journalisten.

Bei der Anreise zur „Bakchen“-Premiere aß ich wieder einmal am Irrsee zu Mittag. Sofort bedrängte mich die „Seewirtin“ Johanna Enzinger, wie ich mir das Verhalten ihrer Freundin Ursula Stenzel erkläre, die sei doch „krank“. Als ich dies verneinte und auf das spezifische österreichische Biotop hinwies, stimmte sie mir zu und meinte: „Der Ursula geht es immer nur um Macht und Geld. Dafür würde sie auch ihre Großmutter verkaufen.“ Schlimmer: ein ganzes Land.

So ist gut vorstellbar, dass auch eine Ursula Stenzel mitmarschiert, wenn  die bestialischen Faschisten nicht mehr nur als Schauspieler auf die Laufbänder im Burgtheater trampeln, sondern aufgebrachte Demonstranten auf dem nahe gelegenen Heldenplatz. So dumm können die gar nicht sein, als dass Charaktere wie Stenzel deren Zustimmung nicht genössen.

Das Fazit: Wer fragt, warum es sich auch heutzutage lohnt, ins Theater zu gehen – das Burgtheater an der Ringstraße liefert gegenwärtig eine Antwort. Ein sinnliches Schauerspiel. Und ein durchaus nicht unrealistischer Blick in die Wirklichkeit der Zukunft. Da darf schon an eine Nominierung für das Theatertreffen 2020 in Berlin gedacht werden.

(Dieser Beitrag wird noch ergänzt).

 

Ein Lesehinweis: „Game Over – Wohlstand für wenige, Demokratie für niemand, Nationalismus für alle – und dann?“ Penguin Random House.

www.hpmartin.net

 

 

 

 

 

 

 

 

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