von 08.05.2012

taz Hausblog

Wie tickt die taz? Das Blog aus der und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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Wo heute die taz gemacht wird, wurden früher Feuerungsanlagen verkauft, Geld eingetrieben und Filme vorgeführt: Reminiszenzen aus den Akten der Baubehörde zum Haus an der Kochstraße 18.

Von Christian Semler

Rund 100 Jahre alt: taz-Haupthaus in der Rudi-Dutschke-Straße
Rund 100 Jahre alt: taz-Haupthaus in der Rudi-Dutschke-Straße
Wie es sich für ein wilhelminisches Gebäude aus der Zeit um 1910 geziemt, ist die Fassade zu unserem alten Redaktionsgebäude in der Kochstraße das Prächtigste, was wir zu bieten haben. Sogar der Kunstführer Dehio weiß die vorschwingenden Glas-(Eisen-)konstruktionen unserer Frontfenster zu rühmen, ganz zu schweigen von den Atlanten, die das obere Sockelgeschoss besetzen und heute von der schweren Last unserer täglichen Zeitungsarbeit künden. Diese Atlanten, gefertigt aus Sandstein, sind angeblich das Werk des Bildhauers Nikolaus Friedrich, aber so sicher ist sich auch der Dehio da nicht. Der Architekt hingegen steht fest. Es ist laut Dehio C. Kühn, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Avantgardisten unserer Tage. Der Architekt zeigt sich in der Kochstraße 18 als Meister im Einrühren neobarocker und Jugendstilelemente.

Eigentlich sollte das Haus zu Westberliner Zeiten einer Straßenerweiterung der Kochstraße zum Opfer fallen, ein Mordversuch, als den ihn Wolf Jobst Siedler, der Fan wilhelminischer Baukunst, bestimmt charakterisiert hätte. Dass es nicht so weit kam, haben wir der „Stiftung Umverteilen“ zu verdanken. Sie kaufte das Gebäude und verkaufte es 1988 an die taz, als von Wiedervereinigung und Hausse der Grundstückspreise im ehemaligen Zeitungsviertel der Innenstadt noch nicht die Rede war.

Vulkanus, Gott des Feuers
Vulkanus, Gott des Feuers
Der marmorn verkleidete Eingangsflur mit seinen großen Spiegeln steht der Fassade in nichts nach. Vier römische Gottheiten halten dort Wache. Es sind fein gearbeitete Flachreliefs, hergestellt aus einer gehärteten Gipsmischung, was unschwer an der in jüngster Zeit zugefügten, weißblinkenden Fingerverletzung eines der Götter feststellbar ist. Zu sehen sind leider nur drei der vier, nämlich Vulkan, Merkur und Venus samt Amor. Die vierte Gottheit links neben der Eingangstür ist leider verschwunden und durch einen Spiegel ersetzt. Wer war er oder sie? Auch intensive Nachforschungen brachten bislang kein Ergebnis.

Bauherr war der Bauunternehmer Kuhn aus der Weddinger Müllerstraße. Clevererweise hatte er für sein Unternehmen eine GmbH gegründet, um das Risiko zu mildern.

Wer waren die ersten Mieter? Symbolisierten die Gottheiten der Eingangshalle ihre Metiers? Zweifellos.

Die „Imperial Continental Glas Association“ lagerte nicht nur Feuerungsanlagen, sondern stellte sie im Kellergeschoss sogar her, eine Ordnungswidrigkeit, die alsbald polizeilich untersagt wurde. Hier sehen wir also Vulcanus am Werk.

Eingangsflur zur taz
Eingangsflur zur taz
Mercur hingegen stand für die „Mutua Confidentia WYS, Müller und Co“, ein Inkasso und Auskunftsbüro, das mit 80 Beschäftigten in den beiden oberen Stockwerken wirkte. Dort scheint nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein, wie aus dem anonymen Schreiben eines Angestellten ans Polizeipräsidium vom Juli 1911 hervorgeht. Dort heißt es: „[Die] in der vierten Etage vorhanden gewesne Wasserleitung [ist] abgeschraubt worden, so dass das Personal gezwungen ist, sich einen Trunk Wasser aus der im Closett befindlichen Leitung zu holen. Die Closetts aber sind nur von 9 bis 9 Uhr 30, von 12 bis 12 Uhr 30 und von 15 Uhr 30 bis 16 Uhr innerhalb der von 9 bis 17 Uhr währenden Arbeitszeit geöffnet.“

Detailansicht der Fassade
Detailansicht der Fassade
Offenbar hatte Mutua Confidentia in der Folgezeit polizeilichen Besuch, denn aus den Akten können wir entnehmen, dass um den nachträglichen Einbau einer Kantine im 6. Stockwerk nachgesucht wurde, ein Ort, wo sich heute neben Archiv und Dokumentation Randy Kaufmans Bar befindet. Ein ebenso lustiger wie trauriger Ort, denn hier pflegen die zahlreich von der Konkurrenz aufgekauften Redakteure mit den Kollegen ihren Abschied zu feiern.

Venus stand zweifellos für Konfektion & Kosmetika, aber über die Erstmieter aus den genannten Branchen konnte nichts in Erfahrung gebracht werden.

Im zweiten Jahr des Weltkriegs wird die Kochstraße 18 von patriotischer Aufwallung ergriffen. Beantragt wird bei der Baubehörde eine Fahnenstange, gefertigt aus einem Mannesmann-Stahlrohr „in erprobter Standsicherheit“. 3 Meter 50 sollte das Rohr bis zum Dachboden reichen und dort einen gusseisernen Untersatz erhalten. Heute weht am Mast die taz-Fahne.

Meist weht über der taz die taz-Fahne, zum Frauentag wechseln wir sie aber aus
Meist weht über der taz die taz-Fahne, zum Frauentag wechseln wir sie aber aus
In der Weimarer Republik halten in der Kochstraße 18 die Medien Einzug, und zwar in Gestalt der „Radia-Film“, die dort Lager- wie Vorführräume anmietet. Wie der Baubehörde nicht verborgen bleibt, wird dort allerdings auch geschnitten und geklebt, was entsprechende baupolizeiliche Auflagen nach sich zieht.

Gegen Ende der Weimarer Republik zieht eine Film-Entregnungsfirma ein. Sie liegt jahrelang im Clinch mit der Baupolizei. Schließlich muss sich der Entregner mit seinen Berufsgenossen an den Stadtrand bequemen.

Mittlerweile hatte das Haus zweimal den Eigentümer gewechselt. Kuhns GmbH verkaufte es 1927 an die Janus-Versicherungen, von der es 1937 die Nordstern-Versicherung übernahm. Die Akten über die Nazizeit sind so bemerkenswert dünn, das eine spätere Säuberung nicht ausgeschlossen erscheint.

Nach 1945 verhandelt die Nordstern im Namen der Nachkriegsmieter, Konfektions- und Pharmafirmen, mit dem Magistrat von Großberlin über eine zeitgemäße Baumaßnahme: da das Eckhaus Friedrichstraße/Kochstraße ausgebombt und abgerissen worden sei, wäre es nicht schlecht, an der seitlichen Brandmauer der benachbarten Kochstraße 18 ein paar Fenster einzubauen – natürlich widerruflich. Magistrat und eine Beamtenvereinigung, der das angrenzende Grundstück gehört, stimmten zu. Von dieser humanen Maßnahme ist heute freilich nichts mehr zu sehen, denn kurz nach dem Einzug der taz wurde das Eckgrundstück wieder bebaut – strikt funktional und bar aller Prachtentfaltung.

taz-Gebäude vor dem Anbau des Neubaus
taz-Gebäude vor dem Anbau des Neubaus
Mit den Seitenfenstern enden die Akten der Baubehörde. Sie setzen erst wieder ein mit der taz und füllen schon zwei pralle Aktenordner. Ist doch neben dem alten Prachtbau der Erweiterungsbau der taz von Gerhard Spangenbergs getreten, auch er ein oft gelobtes, von den Berlin-Touris aus sicherer Entfernung angestauntes Bauwerk. Aber das ist eine andere Geschichte.

Siehe auch: Bildergalerie mit Fotos aus dem Inneren der taz

Dieser Artikel erschien zuerst am 22. September 2001 in der gedruckten Ausgabe der taz.

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https://blogs.taz.de/hausblog/archiv-recherche-die-geschichte-des-taz-gebaudes/

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kommentare

  • Zu der Gechichte gehört m.E. auch die jüngste, die den taz-Querelen mit Diekmann (BILD) ein Schandmal auf der Fassade beschert hat bzw. von der taz initiiert und gebilligt wurde.

  • Schönes Wochenende allerseits,

    über den Kartendienst eines Ipads sah ich ein relativ großes grünes Grundstück hinter dem Rudi-Dutschke-Haus. Was ist dessen Geschichte? Feiern die TazlerInnen dort Parties? Entstehen dort die schönen Erzählstücke, im Sommer in schattiger Ruhe? Sieht wie ein geheimer Garten aus.

  • Venus stand zweifellos für Konfektion & Kosmetika, aber über die Erstmieter aus den genannten Branchen konnte nichts in Erfahrung gebracht werden.
    ——————————————————

    Darüber dürfte das Berliner Adressbuch des entsprechenden Jahres Auskunft geben, welches inzwischen auch über das Internet einzusehen ist.

  • Harald Achtert: Erinnern Sie sich denn nicht mehr an den Artikel aus unserer gedruckten Premiumzeitung? Dabei war es gerade mal am 11. April 1993, dass die taz dem Gebäude den Namen „Rudi-Dutschke-Haus“ gab. Alle anderen Leser dieses Blogs werden sich noch an den Artikel erinnern, der zwei Tage später auf totem Holz erschien, so dass eine Wiederholung überflüssig erscheint, aber hier in der Kommentarspalte hoffentlich nicht zu stark stört: „Michael Sontheimer erläuterte knapp und schlüssig, dabei durchaus leuchtenden Auges, die historischen Kontinuitäten und Brüche zwischen denen damals und uns Nachgeborenen, den 68ern und Post68ern: wie die taz 1978 dem ‚tunix‘-Kongress entsprungen, dem erratisch-spontanen, wildwüchsig-ökologischen näher kam als dem Kadergehorsam, dem Feminismus näher stand als der Langhans-Dynastie; daß die taz sich sowohl als eine praktische Kritik der im Gefolge der Studentenbewegung entstandenen Zentralorgane verstand, sich aber gleichzeitig in der antiautoritären und libertären Tradition der Revolte von 68 bewegte, so daß wir trotzdem Verwandte sind (ersten Grades mitunter).“ Der ganze Artikel: http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=1993/04/13/a0037

    Und die damaligen Gedanken von Bernd Rabehl zur Hausbenennung: http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=1993/04/10/a0215

  • „Dieser Artikel erschien zuerst am 22. September 2001 in der gedruckten Ausgabe der taz.“ So, wie es sich für eine Tageszeitung gehört. Wir BlogleserInnen können ruhig das alte Gedruckte noch mal wiederkäuen. Mmmh! Wirklich, ich finde die Geschichte von dem Haus interessant. Passt auch zum Hausblog. Mich interessiert noch nie neueste Geschichte von dem Haus: Wie kam es zu dem Namen Rudi-Dutschke-Haus? Ist das alles Marketing im Sinne der Rudi-Dutschke-Haus-GmbH (oder so ähnlich) oder gibt es einen Grund mit tieferem Sinn?

    Vielleicht gibt es dazu ja auch schon einen gedruckten Text, muh. Bitte mehr!

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