vonhausblog 29.01.2021

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Wie tickt die taz? Das Blog aus der und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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Die Perlenkette. Nicht nur dieses Symbol bürgerlicher Ästhetik war es, das 1989 bei manchen tazler*innen den Verdacht nährte, die neue Literarturredakteurin könnte sich in die schmuddelligen Redaktionsräume einfach verlaufen haben. Sobald sie ihre Rastafari-Ballon-Kappe absetzte, wirkte sie mit ihrem hochgesteckten Haar wie ein Burgfräulein. Ganz so exotisch war Elke Schmitter dann doch nicht.

In Krefeld geboren und aufgewachsen hatte sie in München Philosophie studiert und später beim Fischer-Verlag in Frankfurt als Lektorin gearbeitet. Dass sie einen Gedichtband mit dem Titel „Windschatten im Konjunktiv“ geschrieben hatte, unterschied sie allerdings doch deutlich von den taz-Gründer*innen in der Redaktion, bei deren Erstlingswerken es sich meist um Agit-Prop-Broschüren für die Weltrevolution gehandelt hatte.

Unverdrossen und gutgelaunt bei der Sisyphos-Aufgabe, die prekäre taz zu stabilisieren

Als Elke in die taz geriet, stellte sie mit gewissem Erstaunen fest, dass die große Mehrheit in der Redaktion die Zeitung unbedingt an einen großen Verlag verkaufen wollte. Da sie aus einem etablierten Verlag kam, erschien ihr die von Geschäftsführer Kalle Ruch und Christian Ströbele propagierte Idee der Gründung einer Genossenschaft attraktiver. Auch wenn die taz zu diesem Zeitpunkt in einer verzweifelten Situation war, denn sie machte mehr als drei Millionen Mark Verlust im Jahr, es mussten Stellen abgebaut und Spenden eingeworben werden.

Zusammen mit dem taz-Mitgründer Michael Sontheimer in der Chefredaktion stellte Elke sich unverdrossen und gutgelaunt der Sisyphos-Aufgabe, das prekäre Projekt zu stabilisieren; sie war die entscheidende Ideenproduzentin für die Kampagne „Keine taz mehr? Ohne mich.“ – die Erfolg hatte.

Sie konnte die elegantesten Glossen in Windeseile auf den Bildschirm zaubern

Im hektischen Alltag der Produktion konnte sie die elegantesten Glossen in Windeseile auf den Bildschirm zaubern und als gelernte Philosophin auch in unübersichtlichen Lagen komplexe Verhältnisse auf den Begriff bringen. Zudem half sie mit ihrer freundlichen, feinen, solidarischen Art dabei, die groben Verkehrsformen der taz-Anfangsjahre zu überwinden.

Als es im April 1994 zu einem Zerwürfnis zwischen der Mehrheit der Redaktion und Michael Sontheimer kam und dieser vom Vorstand der Genossenschaft gefeuert wurde, wunderte sich niemand darüber, dass Elke loyal zu ihrem Partner in der Chefredaktion stand und der taz ebenfalls den Rücken kehrte.

Ihre inspirierenden, klugen und poetischen Reden bei der Verleihung der taz Panter Preise sind legendär

Als Ausgleich zum Journalismus verfasste sie Romane, wie fast alle anderen Texte schrieb sie die vorzugsweise im Bett. Ihre „Frau Sartoris“ wurde in über 20 Sprachen übersetzt. Von der taz ging Elke zur Zeit, dann zur Süddeutschen und schließlich zum Spiegel, wo sie zeitweise das Kulturressort leitete. Doch so zu Hause wie bei der taz hat sie sich in der Welt der großen, etablierten Zeitungen nie gefühlt. Deshalb war es folgerichtig, dass sie 2008 dem Ruf in das Kuratorium der taz Panter Stiftung folgte, als diese gegründet wurde.

Auch die Stiftung beschenkte sie mit blendenden Ideen wie dem „Refugium – Auszeitprogramm für verfolgte Journalist*innen“. Ihre inspirierenden, klugen und poetischen Reden bei der Verleihung der taz Panter Preise sind legendär.

Relativ unbemerkt hat Elke Schmitter neulich ihren 60. Geburtstag gefeiert. Sie ist zu einzigartig, um als Vorbild zu dienen. Auch deshalb schätzen wir uns glücklich, mit ihr zusammenarbeiten zu dürfen. Alles Gute, Elke!

Von Michael Sontheimer und Konny Gellenbeck, taz Panter Stiftung

Foto: Christian Schulz

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