von 09.11.2008

taz Hausblog

Wie tickt die taz? Das Blog aus der und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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Von Jan Michael Ihl

Ist das Ihr Ernst, dass in dem Artikel zum Castor Transport Vattenfall Werbung geschaltet ist?!?

Das ist eine von vielen Zuschriften, die wir am Wochenende per Email bekommen haben. Die Leserbrief-Redaktion der taz hat heute morgen wahrscheinlich noch mehr Kritik an der Veröffentlichung von Vattenfall-Anzeigen in ihrem Brief- und Email-Posteingang gefunden.

Die Diskussion darum, welche Anzeigen wir (und: ob wir überhaupt) als links-alternative Tageszeitung im Print wie online auf taz.de veröffentlichen sollten, ist, glaube ich, so alt wie die taz: 30 Jahre. Ich bin ja erst etwas über ein Jahr bei der taz und kenne wahrscheinlich nicht jedes Argument (und auch nicht jedes Nichtargument, jeden Emotionsausbruch, der mit der Auseinandersetzung einherging). Aber ich finde, wir sollten das: Vattenfall-Anzeigen veröffentlichen.

Ich engagiere mich hin und wieder für Greenpeace, hatte in dem Zusammenhang auch gelegentlich Kontakt mit der Schiene, über die am Wochenende die „Castoren“ bzw. TN-85-Behälter mit hochradioaktivem Abfall ins Zwischenlager Gorleben rollten. Mein Standpunkt zur Atomkraft, zu Atommüll-Transporten nach Gorleben, das von der Atomwirtschaft und vielen Politikern gerne als weltweit erstes Endlager für hochradioaktiven Abfall zementiert werden würde, dürfte einigermaßen klar sein. In dem Zusammenhang: Für mein Engagement macht es einen wichtigen Unterschied aus, dass Greenpeace Gelder von Großunternehmen und Staat ablehnt, während sich andere Organisationen und Initiativen teilweise von der Industrie oder aus staatlichen Töpfen sponsern lassen.

Trotzdem: Wir, das heißt: alle die die taz ermöglichen, sollten uns freuen, wenn Vattenfall Anzeigen in der taz oder auf taz.de bucht – und wir sollten sie unbeeindruckt veröffentlichen. Denn die einzige Alternative heißt völlige Anzeigenfreiheit. Als Zeitung, die sich zumindest zu einem Teil aus Anzeigenerlösen finanziert, finde ich, können wir uns nicht erlauben, um jede Veröffentlichung einzelner Anzeigenmotive mit uns selbst zu ringen. Nach engen politischen Kriterien Anzeigen auszuwählen, würde uns das Geschäft mit den Anzeigen, von dem jede Zeitung in Deutschland abhängt – andere im Übrigen stärker als wir –, nahezu unmöglich machen. Welche Anzeigen wir alle ablehnen müssten? Da ist nicht nur die Atomfrage – bei der sich hoffentlich auch anhand der privaten Kaufentscheidung ein starker Konsens in der taz-Belegschaft und -LeserInnenschaft ablesen lässt. Da ist das Thema „Mobilität der Zukunft“ (großes Thema auf dem tazkongress): Müssen wir also nicht Anzeigen von Porsche, wie zuletzt in der 30-Jahre-taz-Sonderausgabe, ablehnen? Da ist natürlich der Klimawandel, an dem sich Streit um viele Anzeigen entzünden müsste: Abgesehen von Anzeigen für „Klimaschweine“-Autohersteller und Kohlekraftwerksbauer (Vattenfall, RWE, Bündnis90/Die Grünen Tübingen) – müssten wir dann nicht auch noch Anzeigen für Fernreisen, in aller Regel verbunden mit Flügen und auch im Allgemeinen klimabelastend, ablehnen? Und die Werbung für Geflügelsalat vom Berliner Feinkostladen, vermutlich von Tieren aus konventioneller Landwirtschaft (wobei auch Bio-Geflügel sich vermutlich nicht durch eine allzu positive Klimabilanz auszeichnet)? Spätestens die vegane Fraktion unter den taz-Lesern würde verlangen, Anzeigen für Fleischkonsum auszuschließen. Ist eine Anzeige eines Energie-Unternehmens dann politisch korrekt, wenn sie, wie jene der Gasag am Freitag, fürs Energiesparen wirbt? Im selben Zusammenhang: Ökologischer Konsum – darf dann eine solche Anzeige wie heute auf Seite 23 – für Konsumgüter-Auktionen, abgebildet ist unter anderem ein Sprit-fressendes so genanntes Quad – erscheinen? Wenn schon, dann meine ich: Auch ästhetische Gesichtspunkte bei Anzeigen sollten endlich mal eine Rolle spielen. Dieses verlaufende Orange-Blau in den Anzeigenmotiven der Berliner Volksbank geht ja nun einfach gar nicht!

Es gäbe sicher zahllose weitere Konflikte, anhand derer wir Anzeigen ausschließen könnten. Wo uns das hinbrächte? In tägliche Diskussionen zwischen Anzeigenabteilung, Verlag und Redaktion, welche Anzeigen denn nun „gerade noch“ gehen, welche wir wirklich, wirklich gut finden, welche böse und überhaupt politisch unkorrekt. Bisher mögen wir finanziell in Teilen abhängig sein von Anzeigen – bei einer solch selektiven Anzeigenpolitik wären wir schließlich wirklich das, was Anzeigen-Kritiker jetzt unterstellen: abhängig von unseren verbliebenen Anzeigenkunden. Und vermutlich bald finanziell am Ende.

Die einzige Alternative: Völlige Anzeigenfreiheit. In Deutschland kenne ich nur eine halbwegs relevante Publikation, der das gelingt: das Greenpeace-Magazin (übrigens nicht bezuschusst aus Greenpeace-Mitteln). Ich schätze, auch die taz könnte das Modell völliger Anzeigenfreiheit übernehmen – mit zwei Konsequenzen. Die eine: Wir müssten unseren Verkaufspreis deutlich erhöhen. Mein Vorschlag: Sie als Leser oder Leserin wirken schon heute darauf hin und bestellen jetzt ein Abo zum höheren politischen Preis. Sollten genügend viele LeserInnen Ihrem Beispiel folgen, können wir ja mal anfangen und auf die ein oder andere böse Anzeige verzichten. Auch eine Mitgliedschaft in der taz-Genossenschaft könnten Sie in Erwägung ziehen, denn die Genossenschaft sichert seit 1992 die wirtschaftliche und publizistische Unabhängigkeit der taz.

Die andere Konsequenz: Wir wären fortan allein abhängig von Ihnen. Ehrlich gesagt: Ich möchte keine tageszeitung lesen, die ganz und einzig und allein vom Wohlwollen und der Gnade ihrer LeserInnen abhängt. Ein Wort der Kritik etwa am Lebensstil des Milieus, dem die eigenen LeserInnen angehören … das sollte doch noch erlaubt sein. Da freut es mich, dass uns das Anzeigenkunden wie Vattenfall, Porsche, Butter Lindner, Gasag und die Berliner Volksbank ermöglichen.

Aktuell laufen übrigens rund um unsere Sonderseiten zum Castor-Protest Anzeigen für Campact.de. Gegen Atomkraft. Fragen Sie mich jetzt nicht, ob die Campact-Aktivisten Sonderkonditionen erhalten haben. Vattenfall jedenfalls nicht (deren Anzeigen kommen über die Rotation unseres Anzeigenvermarkters Adlink automatisch in unser Angebot).

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kommentare

  • Heute bin ich noch mal über eine Vattenfall-Werbung in der taz gestolpert und habe mich an diese Diskussion erinnert. Es war 1/12-Seite, schwarz-weiß im Regionalteil Berlin. Dafür werden sie wohl kaum einen prall gefüllten Geldkoffer in die Rudi-Dutschke-Straße tragen. Bitte, wenn schon Werbung für Konzerne, dann zum vernünftigen Preis – mindestens halbseitig und in Farbe!

  • Ganz eindeutig: politische Auswahl darf es bei Anzeigen nicht geben. Abgesehen davon, dass die konkrete Auswahl wie geschrieben doch recht schwierig und letztlich ziemlich willkürlich ist: Wer für Meinungsfreiheit eintritt sollte doch soviel Toleranz aufbringen, auch unwillkommene Diskussionsbeiträge zu lesen.
    Und wer als taz-Leserin/-Leser sich von bunten Vattenfall-Anzeigen beieindrucken lässt, hat wohl den Rest der Zeitung nicht gründlich genug gelesen…

  • Die Begründung von JM finde ich an sich gut. Aber eine gewisse Skepsis bleibt. Was verspricht sich Vattenfall denn davon in der taz zu werben?

    Ich habe den Artikel mal an einen Kollegen weitergeleitet. Er hat mich auf einen Leserbrief hingewiesen (der nicht von ihm kam), darin stand:

    Am 27. September erschien die Sonder-taz zum 30. Geburtstag, mit einer ganzseitigen Anzeige des Ölmultis BP auf der letzten Seite. Und fünf Tage später bekommt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen BP eine ganze Seite, um in einem Interview seine Sicht der Dinge darzustellen, dazu ein Foto, auf dem er freundlich lächelnd vor dem BP-Logo abgebildet wurde. Aber das eine hat mit dem anderen selbstverständlich überhaupt nichts zu tun, die taz wahrt ganz bestimmt ihre journalistische Unabhängigkeit. Und die Renten sind sicher.

  • wenn die PR abteilung von vattenvall so ‚klug‘ is und einem extrem ungüstigen werbeumfeld meint werbung schalten zu müssen….sollense doch. das geld geht dann genau an die die sie überzeugen wollen. man stelle sich fdp werbung im ND vor..ebenso sinnvoll…

    sonst kann ich mich den vorherigen schreibern nur anschließen
    “Ich finde Trennung von Redaktion und Werbeabteilung richtig, deshalb spricht nichts dagegen.”

  • per twittertaz.

    Wenn man keine Artikel kaufen kann, oder wie ihn Bild Anzeigen von Artikeln nicht unterscheidbar sind, sollte es kein Problem sein.

    Man nimmt dem bösen Vattenfall das Geld weg und finanziert das Gute, die taz. Sozusagen Robin Hood.
    Der Durchschnitts-Leser von der taz sollte sich in der großen Welt auch grob auskennen und verstehen, was hinter der Anzeige von z.B. Vattenfall steckt, und was das für ein Konzern ist.

    Hier kommen mir aber Bedenken. Vattenfall muss ja tatsöchlich der Überzeugung sein, die Werbekampagne ist irh Geld wert. Und die werden sicher auch die taz kennen…
    Um auch die kleinsten Hoffnungen zu zerstören sollte man wohl gucken, dass irgendwo in der taz ein Artikel zum Thema ist.

    Wenn eine Vattenfall-Anzeige neben einen Castor-Bericht ist, dann find ich das spitze. So wirbt man keine Neukunden und die taz hats Werbe-Geld.

  • Also ich denke die taz kann natürlich machen, was sie will – aber diese Klimaunterschriften Aktion zu schalten finde unmöglich.

    Wonach sucht die Mediaagentur von Vattenfall wohl die Medien aus?
    Klar Kontaktzahl, Reichweite, etc…

    Immer ist aber auch die Glaubwürdigkeit des Mediums ein Kriterium, und in wieweit man diese nutzen kann. Und ich denke schon, dass wenn Leute auf taz.de von der Klimaunterschriften Aktion lesen, sie es eher für unterstützenswert finden, als wenn sie es auf focus.de oder sonstwo sehen. Vattenfalls Strategie könnte sein, ganz gezielt Medien zu buchen, die ein umweltfreundliches, alternatives Image haben…. Die taz lässt sich damitin diese unglaublich dreiste Kampagne einspannen – und das zu Zeiten des Castors… Ich kann nur mit dem Kopf schutteln.

    (Habe auch via twittertaz hierher gefunden. Danke für den Link!)

  • Es ist doch ganz einfach: man nehme Geld, wo auch immer es aus legalen Kanälen herkommt und mache „sein Ding“ damit. Waren’s fiese Energie-Riesen, die für die Anzeige bezahlt haben, ist es umso besser, weil sie das Geld dann ja nicht mehr für Fiesigkeiten ausgeben können. Und die TAZ überlebt ein bisschen länger.

    Schlimm wird’s nur, falls man sich von dem Geld kaufen lässt. Da gibt es aber andere Wege als Zeitungsanzeigen, die weit weniger öffentlich sind. Insofern finde ich das völlig in Ordnung. Und würde gleich bei den anderen Großen anklingeln.

    Schlimm wird auch, wenn man sich wirtschaftlich von solchen großen Auftraggebern abhängig macht. Aber das wisst ihr selbst.

  • Solange nicht gleichzeitig der Mut aufgebracht wird, die Anzeige inhaltlich und kontextuell auch im Blatt zu diskutieren, ist diese Nachfrage albern.

    Vattenfall-Anzeige unkommentiert neben Castor-Berichterstattung ist analog einem Gast-Redebeitrag von Jürgen Rieger auf dem evangelischen Kirchentag.

    Also, Mut zur gleichzeitigen kritischen Stellungnahme oder aber noch viel Spaß bei der Sachzwang-Argumentation.

  • Wo ist das Problem?

    Jeder weiß dass die taz käuflich ist ,-)) Aber nur die Genossenschaftsanteile….
    Und insofern lasst doch Vattenfall das AtomKohlekraftundanderes Geld auch bei der taz anlegen in Anzeigen.

  • Find ich auch. Bei der taz ist das Geld von Vattenfall gut angelegt – schließlich sind die taz-LeserInnen die mündigsten! :)

    Nicht, dass das wieder so wird, wie in den 80ern: Ieh, wir wollen keine Anzeigen von Autoherstellern, lieber mehr bezahlen.

    Andererseits ist es schon erschreckend, wieviel der Gesamtkosten einer deutschen Tageszeitung durch Anzeigen refinanziert werden: Bei „den Großen“ sind es wohl so 80-90% – und bei der taz?

    Man sollte auf jeden Fall lieber viele kleine Anzeigenpartner, als wenig große haben!

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