vonHelmut Höge 16.10.2006

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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„Unsere Untersuchungen der Ergebnisse am Ende des Mesozoikums, anhand der Bohrkerne aus dem Südatlantik, haben zu einer neuen Einschätzung der Entwicklungsmechanismen geführt. Im Gegensatz zu Darwin, der das Aussterben der Arten als eine Folge des Bevölkerungsdrucks oder eines verlorenen Kampfes ums Dasein erklärte, stellen wir es uns als eine Reaktion auf ungewöhnliche Ereignisse vor. Nicht der Stärkste überlebt, sondern der, der am meisten Glück hat.“ So faßt Professor Kenneth Hsü von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich seine Forschungsergebnisse zum „Katastrophismus“ zusammen. Menschen haben, wahrscheinlich eingedenk dieses Gesetzes vom „survival of the luckiest“, immer schon versucht, das Glück nicht einfach abzuwarten, sondern zu beeinflussen durch Spenden und Opfergaben an die Götter, von denen sie sich abhängig glaubten: Die Geschichte der Herausforderung (im doppelten Sinne) des Glücks reicht vom Brandopfer bis zur Kirchensteuer unserer Tage, wie sieht es aber  nun mit den nicht-steuerlich veranschlagten (quasi unchristlichen) Glücksuchern aus?

Oy, eine thailändische Freundin, hatte vor vier Jahren ihren Vornamen von „Viel Glück von Buddha“ in „Unterwegs die Sache gut machen“ geändert, mit Erlaubnis ihrer Mutter. Das war aber mehr den Querelen mit der hiesigen Ausländerbehörde geschuldet gewesen: „New name, new game!“ Zuletzt schaffte sie in einem kleinen hessischen „Club“ an, den zu pachten sie mit dem Hausbesitzer vereinbart hatte. Wenn sie nach Berlin kam, arbeitete sie wegen der Abstandssumme noch in einer anderen Bar und besuchte regelmäßig das Wat Thai: ein Ableger des Klosters Wat Saked in Bangkok – in einer Altberliner Dreizimmerwohnung in der Weddinger Glasgowstraße eingerichtet. Zwei Bonzen und vier Bonzinnen, letztere ungeschoren, „praktizieren“ hier, das heißt verrichten die Gebete und Zeremonien.

Es gab dort einen Spendenbaum, auf den man grüne Zwanzigmarkscheine spießt. Aber mehrmals sah ich junge Thai- Frauen damit beschäftigt, Geschenkpyramiden zusammenzustellen und hübsch einzupacken. Sie bestanden aus so nützlichen Dingen wie Dosen mit Brechbohnen, Bananen, Marsriegel, Spritebüchsen, Nudeln, Duschgel, Ketchup und Kaugummi, enthielten aber auch Räucherstäbchen, Kerzen und Tempotaschentücher. Ich nehme an, diese Dinge werden von den Spendengeldern gekauft, nach einer Wunschliste der Mönche und Nonnen, und ihnen dann individuell überreicht. Das Einpacken der Geschenke für sie geschah sehr gekonnt und liebevoll.

Auf einem kleinen Tisch lagen eines Tages fotokopierte Flugblätter, auf denen man unter seinem Namen noch etliche weitere eintragen konnte, sowie eine zu spendende Geldsumme. Sie war an dem Tag besonders gut gelaunt, ihre Vorhaben ließen sich alle gut an und versprachen noch besser zu werden. Die Pechsträhne vom vergangenen Jahr schien überwunden. Buddha sei es gedankt. Sie nahm deswegen im Überschwang gleich mehrere Flugblätter. Immer wenn sie an den darauffolgenden Tagen Zeit hatte, übertrug sie die (thailändischen, deutschen, italienischen und türkischen) Namen ihrer besten Freunde und Bekannten aus ihrem Adreßbuch auf die Spendenlisten. Darunter waren auch viele, die ihr größere Geldsummen schuldeten und nicht zurückzahlen konnten. Obwohl sie mittlerweile böse auf etliche dieser Leute war, ließ sich nicht leugnen, daß diese das Glück besonders nötig hatten. Sie hatte nicht etwa vor, die hinter deren Namen eingetragenen Spendensummen auch wirklich einzutreiben: Sie wollte die gesamte Spendensumme selber zahlen, alles in allem dann 1.400 DM, cirka 30 DM für jeden, wobei sie sich selbst mit 100 DM belastet hatte und ihre Mutter in Thailand mit 40 DM. Die ausgefüllten Spendenlisten steckte sie in ihre Handtasche. Spätestens am 6. Juni, bei einer großen Feier im Wat Thai, wollte sie das Geld übergeben.

In der Zwischenzeit zerschlugen sich aber unerwartet ihre hessischen „Club“-Pläne. Sie fuhr zurück nach Berlin und mußte sich erst einmal neu sammeln. Das heißt, sie blieb die meiste Zeit in ihrer kleinen Wohnung und ihre Kopfschmerzen wurden immer schlimmer. Sie ging nicht mehr ans Telefon und auch nicht mehr arbeiten. Schließlich bot sich ein Freund an, ihr die 1.400 DM für das Wat Thai zu geben. Da er aber auch nicht viel Geld besaß, lehnte sie ab: „Ist nicht gut. Wenn man sich die Spende abringen muß, dann bringt sie kein Glück.“ Gleichzeitig klagte sie aber: „Wenn ich bis zum 6. nicht hingehe, I can forget Wat Thai for ever.“ Die Ehre: wer weiß, was die Szene dort von ihr erwartete? Sie hatte in der Vergangenheit immer reichlich gespendet und allein fünf der dort stehenden Buddha-Statuen gehörten ihr. Da sie in Berlin nicht mehr arbeiten wollte, ja bald noch nicht einmal mehr auf die Straße gehen wollte, telefonierte sie mit allen möglichen Freundinnen, die in Bars oder Clubs in Marburg, Wetzlar, Gießen oder Frankfurt arbeiteten – und traf jedesmal irgendwelche vagen Arbeitsbeginn-Verabredungen, ließ es sich dann aber jedesmal wieder ausreden, dort auch wirklich hinzufahren. Dafür versuchte sie anschließend um so verbissener, ihre Außenstände in Berlin und Bangkok einzutreiben – ebenfalls per Telefon, aber ebenfalls immer vergeblich: Entweder waren die Schuldner nicht erreichbar oder gerade nicht flüssig.

Schließlich ließ sie sich überzeugen, erst einmal wieder nach Bangkok zu fliegen: zurück auf Los. Um von dort aus ein neues „Busineß“ in Angriff zu nehmen, das sie dann nach Berlin ausdehnen konnte. Jemand versprach ihr dann auch einigermaßen zuverlässig, dafür das nötige Fluggeld bereitzuhalten, sowie ein kleinere Summe darüber hinaus. Dummerweise stellte sich dann heraus, daß dieses Geld erst einen Monat später, Anfang Juli, zur Verfügung stand, sie also erst nach dem 6. Juni fliegen konnte. Drei Wochen zappelte sie in Gedanken zwischen diesen drei unbefriedigenden Möglichkeiten: Auf wenig Glück bringendes, aber pünktliches Spendengeld zurückgreifen. Hastig das Geld in irgendeiner hessischen Nachtbar anschaffen gehen (sogar ein Angebot in Tel Aviv ließ sie sich kurz durch den Kopf gehen – 20.000 DM im Monat sollte sie dort garantiert verdienen: „Aber anschließend bin ich tot – hundertprozentig!“). Oder es doch noch nach Hause, nach Bangkok, zu schaffen, wenn auch nicht mehr rechtzeitig vor dem demütigenden Verstreichenlassen des letzten Termins für die Spendenübergabe im Wat Thai.

Sie wurde immer stiller, hing apathisch am Fenster und schaute auf die Straße. Gelegentlich sprach sie sogar davon, daß sie am liebsten sterben würde, und daß es das Beste wäre, sie würde aus dem Fenster springen (man glaubte ihr das nicht so recht, obwohl alle sehr besorgt um sie waren). Dann bekam sie auch noch ein entzündetes Auge, wollte aber nicht zum Arzt gehen, kurierte sich statt dessen selber – mit Tabletten und Cremes und einer über dem Herd sterilisierten Stecknadel. Und dann verkaufte ihr der Imbiß an der Ecke schließlich noch einen schlechten Döner, woraufhin sie sich zwei Tage lang erbrechen mußte. Sonst hatte sie mit leichter Hand für sich und ihre Kinder immer die tollsten thailändischen Gerichte gekocht, jetzt mißlang ihr sogar Spaghetti mit Tomatensoße und Hackfleisch.

Als jemand sie in ein neues thailändisches Restaurant in der Nähe des Käthe-Kollwitz-Platzes einlud – ja, sie geradezu dorthin zerrte, nörgelte sie die ganze Zeit am Essen, am Preis und an der Bedienung herum. Ein anderer Bekannter lud sie auf seine Arbeitsstelle, ein Völkerkundemuseum, ein: Alle Kollegen waren furchtbar nett und höflich zu ihr, aber sie, die nun nicht gerade perfekt Deutsch spricht, hatte bald das Gefühl, daß alle Bescheid wußten und sich über sie lustig machten, sie bemitleideten oder beides. Auf jeden Fall hielt sie es nicht lange dort aus, und aufmunternd war es schon gar nicht.

Am 4. Juni, einem Freitag, war die Ausweglosigkeit schließlich so weit gediehen, daß sie entschlossen alle drei Alternativen in Angriff nahm: Für den Montag verpflichtete sie sich, in einem neuen Weddinger „Club“ zu arbeiten, und außerdem nahm sie sich fest vor, drei Wochen später nach Bangkok zu fliegen, wo sie Kraft, Ideen und Geld sammeln wollte, um zwei Monate später noch einmal ihre hessische „Club“-Idee anzugehen. Am übernächsten Tag, am Sonntag, wollte sie aber erst einmal die Spendengelder – zusammen mit ihrem Anteil an einem großen Essen – im Wat Thai übergeben. Ihr Bekannter besaß an dem Tag jedoch nur einen Verrechnungsscheck – über 900 DM. Als erstes lieh er sich 500 DM von einem Kumpel, der das Geld seinerseits von seinem Girokonto abhob. Mit dem Scheck ging er dann zu seiner Firma, die ihm dafür – „einmalige Ausnahme“ – Bargeld aushändigte. Die gesamte Summe (in Hundertern und Fünfzigern) tauschte er anschließend bei einer Bank in grüne Zwanzigmarkscheine um. Sie hatte derweil ihre Tochter zum Wat Thai geschickt, der man 44 Kuverts gab, die speziell für die Spendengelder gedruckt und mit einem großen runden Stempel des Klosters versehen worden waren. Dann klemmte sie sich noch einmal ans Telefon und es gelang ihr, vier Freundinnen zu überreden, ebenfalls am kommenden Sonntag dem Wat Thai eine bestimmte Summe zu spenden, so daß sie anschließend, einigermaßen mit sich zufrieden, sagen konnte: „Ich habe 2.400 DM geschafft, das ist doch gut.“

Der Sohn mußte dann später noch im Videoshop gegenüber sowie im Lottoladen nebenan etliche Zwanziger in Zehner umtauschen. Anschließend saßen Mutter und Tochter auf dem Teppich und sortierten das Geld, verglichen es mit ihrer Liste, klebten die Umschläge zu und versahen sie mit der Spendensumme sowie mit dem Namen des jeweiligen Spenders. In der darauffolgenden Nacht bereitete sie das Essen vor. Und früh am Sonntag morgen nahm sie sich von ihrem letzten Geld ein Taxi und fuhr mit einigen Töpfen sowie den Spendenumschlägen ins Weddinger Kloster, wo sie wie immer guter Dinge war, wenn auch vielleicht etwas stiller und zweifelnder als sonst. Im übrigen war es an diesem wichtigen Tag sehr voll im Wat Thai, fast alle Mädchen waren da und es herrschte ein Kommen und Gehen, daß niemand groß auf irgendwelche Feinheiten achtete. Sie kniete insbesondere vor der „Nang Goag Hin Leu“-Statue und bat um Glück. Zu Hause besaß sie eine kleine Kopie davon, die auf ihrer Stereoanlage stand. Auch in so ziemlich jedem Thai- Fun-Club gibt es einen Altar mit einer Nang Goag Hin Leu, die – stets mit einer heranwinkenden Handbewegung – dabei helfen soll, Geld beziehungsweise Gäste mit Geld in das betreffende Etablissement zu locken. Sie hatte sich an diesem Tag wie alle besonders fein angezogen: ein enganliegendes weißes Trikot, in dem ihre Silikonbrüste besonders gut zur Geltung kamen, darüber jedoch einen züchtigen roten Seidenkittel. Zuletzt hatte sie noch eine Spange in Fliegenform an ihrem Zopf befestigt, die wie eine kostbare Perlenkrone schimmerte.

Weil alles so gut geklappt hatte, fuhr sie gleich im Anschluß an den Besuch im Wat Thai in den Weddinger Club und übernahm die Schicht von Sonntag auf Montag. Ihr Bekannter muffelte zwar etwas, weil er mitten in der Nacht noch Handtücher, Seife, Zahnpasta, Schminksachen und so weiter für sie von Zuhause holen mußte, aber ihre wiedergewonnene herrische Art und Entschlossenheit beruhigte doch auch ihn. Selbst ihre Kinder atmeten auf, trotzdem oder weil sie nun wieder streng ermahnt wurden.

Sie hatte ihrem Recht auf Glück mal wieder Geltung verschafft. Wenn auch in diesem Fall quasi im letzten Moment und mit Hängen und Würgen. Ob diese ganze komplizierte Spendenaktion von einigermaßen dauerhaftem Erfolg gekrönt ist – für sie sowie für ihre Freunde und Bekannte, deren Namen auf den Umschlägen standen – muß einer späteren Untersuchung vorbehalten bleiben: „Denn auch und gerade das Glück braucht eine gewisse Zeit, um voll wirksam zu werden“ (General Giap). Aber noch ein Jahr später ließ sich so viel sagen: Ihr im Anschluß an die Klosterspende entwickelter Energieschub, der wirklich enorm war und schon so manchen in ihrem Bekanntenkreis buchstäblich an die Wand quetschte, hielt immer noch an: „Hundertprozentig“.

Eines Tages lud ich sie ein, mit mir das buddhistische Kloster in Frohnau zu besuchen, das älteste in Deutschland, es wurde einmal von einem deutschen Arzt gegründet, war dann während der Nazizeit von Japanern verwaltet  – und schließlich von ceylonesischen Mönchen. Oy war schwer beeindruckt von dem Kloster und dem großen Garten drumherum. Noch mehr aber von dem schweren Leben der Mönche: Es gibt so gut wie keine ceylonesische Scene in Berlin, die sie unterstützen könnten – und zudem ist Frohnau besonders teuer. Oy faßte einen Entschluß: „Unsere thailändischen Mönche werden immer fetter – und die hier ernähren sich nur von Kartoffeln und Bohnen. Ich werde mal mit meinen Freundinnen darüber reden.“ Das geschah schon drei Tage später. Und bereits vier Wochen später zogen fünf Thailänderinnen mit ihren Buddhastatuen aus dem Wat Thai aus und in das Frohnauer Kloster ein. Dort beten sie nun regelmäßig, ernähren die Mönche quasi mit und sorgen aber auch dafür, dass diese „jungen Männer“ immer ein bißchen Ordnung und Sauberkeit im Kloster halten.

Ich habe Oy danach aus den Augen verloren, nur einmal sah ich sie von weitem in einer U-Bahn sitzen mit einer Freundin. Aber am Samstag war ich mal wieder im Frohnauer Kloster, nachdem ich in der Nähe das riesige neue pagodenähnliche China-Restaurant besucht hatte. Ich ging nur durch den Garten – nicht ins Haus. Überall hing Hausmeisterprosa: Tu dies nicht, tu das nicht, benimm dich so und nicht so, stell das Rauchen ein und verhalte dich geziemend. Das stieß mich ab, irgendwas war in der Zwischenzeit dort passiert. Überall liefen statt  dünne Thailänderinnen dicke Deutsche rum – wahrscheinlich buddhistisch angehaucht, so benahmen sie sich jedenfalls  – „geziemend“. Dennoch: der Garten war in der Zwischenzeit noch schöner geworden. Jeden Sonntag gab es nun eine buddhistische Veranstaltung. Aber auch eine „Beratung zur Existenzgründung und -sicherung“.  Sieh an! Da wird also nun das „Glück machen“ quasi auf eine wissenschaftliche Basis gestellt. Und schwuppdiwup sind wir wieder beim Darwinismus angelangt, der im übrigen ja auch quasi-wissenschaftlich ist.

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