68er – 78er – 89er — 2008er

Als sich 1968 im Hof der Philosophischen Fakultät der Belgrader Universität die rebellierenden Studenten und Künstler versammelten, sagte die serbische Dichterin Desanka Maksimovic: „Merkt euch das Gefühl, das ihr jetzt habt, ihr werdet ein Leben lang davon zehren.“

Das, was man „68“ nennt, war eine Art Virus, eine ansteckende Gesundheit oder Krankheit – je nachdem. Sie wurde ab Anfang der Sechzigerjahre, vielleicht von Berkeley/Kalifornien aus, virulent – und erfasste über das neue Medium Fernsehen nahezu die gesamte Weltjugend. Alle kamen und alles kam zusammen. Das gipfelte im Mai 1968 im französischen Generalstreik – und zerfiel danach langsam wieder: in kleine Gruppen, Projekte, bis auch diese über die Alternativbewegung atomisiert wurden.

In Berlin fand man auf dem Tunix-Kongress 1978 einmal noch zu einer gemeinsamen Sprache zurück, angesichts des staatlichen Übereifers bei der Zerschlagung der letzten antiautoritären Symptome. Dennoch behauptete noch lange danach jedes reaktionäre Arschloch, damals dabei gewesen, von „68“ infiziert worden zu sein. Inzwischen distanzieren sich aber selbst die einst treibenden Kräfte. „Am Anfang waren wir zwölf – und nun sind wir wieder genauso viele“, bemerkte 2006 der SDSler H. D. Heilmann.

Zum 40-jährigen Jubiläum überbieten sich die Medien dennoch mit 68er-Retrospektiven. Und siehe da: Das ZDF zeigt dabei mit dem 1980 entstandenen Film „Der subjektive Faktor“ von Helke Sander nicht das Überholte der 68er-Ideen, sondern im Gegenteil: dass sie immer aktueller werden. Stellenweise bekommt man sogar den Eindruck, die Regisseurin hätte extra für das Jubiläum einige (Dialog-)Szenen neu gedreht.

„The Big Pink“ aber, der Dokumentarfilm, mit dem das ZDF heute seinen kleinen Fernsehspielschwerpunkt über „68 – Pop und Politik“ beginnt, greift etwas weiter zurück. Er handelt von Edelhippies, die als Großfamilie – eine Frau, ihre drei Männer und fünf Kinder – an wechselnden Plätzen mit good vibrations leben, in Thailand, Tansania und im Tessin, und dort möglichst wenig arbeiten. Erst kürzlich wurde ihnen das alles too much, und sie vereinzelten sich wieder. Bis auf einen Teil der Kinder, der nun updated als kalifornische Rockband durch Europa tourt. Einer ihrer Väter, bei der UNO untergekommen, meint rückblickend: „Die Idee der Kommune ist perfekt.“ Das könnte heißen: Nur ihre Form der Realisierung war es noch nicht.

Der dritte Film in der 68er-Reihe des ZDF nennt sich eine „Pop-Odyssee“ und spielt in Kalifornien: „Die Beach Boys und der Satan“. Damals gab es noch keine Jugendlichen, sondern nur junge Erwachsene. Und so sahen die Beach Boys auch aus – anfänglich. Aber dann trieben sie es, langhaarig geworden, so doll mit Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll, dass sie um ein Haar in den Satanismus der Landkommune von Charles Manson verwickelt worden wären.

Mansons „The Family“ ermordete 1969 unter anderem Sharon Tate, die Hollywood-Schauspielerin und Ehefrau von Roman Polanski. An dem Punkt schlug angeblich Love, Peace & Happiness in „Hass“ und „Mordlust“ um. „Ab da wurde man auch beim Trampen nicht mehr mitgenommen“, heißt es im Film. Gleichzeitig radikalisierte sich aber die Anti-Vietnam-Bewegung. Der Regisseur des ZDF-Dokumentarfilms, Christoph Dreher, zog es jedoch vor, stattdessen den gemütlich gewordenen Beach Boy Brian Wilson am Klavier zu begleiten. Dessen Band trat zuletzt im Ostberliner Knaack Club auf. Während der Knacki Charles Manson zwischenzeitlich „mit dem Punk eine Renaissance erlebte“.

Nachtrag: In Heidelberg meinte der Uni-Rektor auf der Gadamer-Ehrenfeier: Die schlimmsten Folgen von 68 seien noch immer nicht beseitigt. Und der Ministerpräsident Teufel fügte im Beisein des Festredners Jacques Derrida hinzu: Die Postmoderne würde bloß die Jugend verderben. Jean Baudrillard sagt von dieser ganzen „Generation“: „Die Menschenrechte, die Dissidenz, der Antirassismus, die Ökologie, das sind die weichen Ideologien, easy, post coitum historicum, zum Gebrauch für eine leichtlebige Generation, die weder harte Ideologien noch radikale Philosophien kennt. Die Ideologie einer auch politisch neosentimentalen Generation, die den Altruismus, die Geselligkeit, die internationale Caritas und das individuelle Tremolo wiederentdeckt. Herzlichkeit, Solidarität, kosmopolitische Bewegtheit, pathetisches Multimedia: lauter weiche Werte, die man im Nietzscheanischen, marxistisch-freudianistischen und Situationistischen Zeitalter verwarf. Diese neue Generation ist die der behüteten Kinder der Krise, während die vorangegangene die der verdammten Kinder der Geschichte war. Diese jungen, romantischen, herrischen und sentimentalen Leute finden gleichzeitig den Weg zur poetischen Pose des Herzens und zum Geschäft. Sie sind Zeitgenossen der neuen Unternehmer, sie sind wunderbare Medien-Idioten: transzendentaler Werbeidealismus. Dem Geld, den Modeströmungen, den Leistungskarrieren nahestehend, lauter von den harten Generationen verachtete Dinge. Weiche Immoralität, Sensibilität auf niedrigstem Niveau. Auch softer Ehrgeiz: eine Generation, der alles gelungen ist, die schon alles hat, die spielerisch Solidarität praktiziert, die nicht mehr die Stigmata der Klassenverwünschung an sicht trägt. Das sind die europäischen Yuppies.“

Dazu führte gerade Henning Sussebach Näheres wunderbar topografisch aus (im Zeit-Magazin Nr.46 – ich bin zwar nicht berechtigt, daraus etwas in den blog zu stellen, aber da die Zeit-online gelegentlich Texte von mir übernimmt, mag das vielleicht so durchgehen…):

Bionade-Biedermeier

Der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist das Experimentierfeld des neuen Deutschlands. Doch wer nicht ins Raster passt, hat es schwer im Biotop der Schönen und Kreativen

Von Henning Sussebach
Die Strasse, von der Yunus Uygur einmal annahm, sie sei sein Weg ins Glück, liegt im Dunkeln, als er einen neuerlichen Anlauf nimmt, um dieses Glück vielleicht doch noch zu fassen zu kriegen. Er hat die Nacht in den Grossmarkthallen am Westhafen verbracht, jetzt liegen Bananen, Trauben und Tomaten in seinem alten VW-Bus, mit dem er die Schönhauser Allee hinabfährt, eine breite Stadtschneise im Norden Berlins. Im Süden ragt der Fernsehturm ins Nachtschwarz, einer riesigen Stecknadel gleich, wie die Wirklichkeit gewordene Orientierungsmarke eines Navigationssystems. Für Yunus Uygur ist er genau das. Denn da, wo Berlins Strassen auf den Fernsehturm zulaufen, liegt der Prenzlauer Berg. Und dort, war ihm erzählt worden, lebe ein Volk, jung, freundlich und weltoffen.
Seit fünf Monaten hat er seinen Laden direkt an der Haltestelle Milastrasse. Ein kleines Schaufenster und grosse Hoffnungen nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit, die sein Gesicht zerfurcht haben. Er sieht müde aus für seine 37 Jahre. Yunus Uygur ist kurdischer Türke aus Reinickendorf, er würde seinen drei Kindern gern mal wieder eine Klassenfahrt bezahlen können. Deshalb ist er hier. Deshalb stört er sich auch nicht an den beiden Sexshops für Schwule, die seinen Laden flankieren. «Leben hier ist so», sagt er und zieht die Schultern hoch. Uygur spricht nicht viel, sein Deutsch ist schlecht.
Er gehört zu einem stillen Treck von Arbeitsnomaden, die Morgen für Morgen in den Prenzlauer Berg ziehen, um den Deutschen Obst und Gemüse, Blumen und Wein zu bringen. Aus den Plattenbausiedlungen im Osten kommen die Vietnamesen, aus den Vierteln im Westen die Türken, weitgehend unbemerkt. «Leute hier schlafen lange», sagt Uygur und lächelt schmal. Erst gegen neun Uhr stehen sie an der Haltestelle vor seinem Laden und halten sich an Kaffeebechern fest. Die Frauen, so schön! Die Männer mit Dreitagebärten, die gepflegte Absicht sind und kein Zeichen von Zeitnot wie seiner. Uygur sagt, die Menschen seien vermutlich so alt wie er, und doch wirkten sie wie Kinder auf ihn. So sorglos. So pausbäckig. Und so kompromisslos. Dauernd wenden sie sein Obst in ihren Händen und fragen: «Woher kommen die Bananen? Sind die öko?» Wenn er dann «Frisch vom Grossmarkt» sagt, legen sie das Obst zurück. Es ist alles so anders im Prenzlauer Berg. In Yunus Uygurs Bauch wühlt die E!
nttäuschung, und in seinem Kopf ist eine Frage herangewachsen: Können auch gute Menschen böse sein?
Der Prenzlauer Berg. Aus der Luft betrachtet, ist das ein Dreieck von Altbauten, das sich in die Hauptstadt keilt, restauriert und baumbestanden. Ein nur elf Quadratkilometer umfassendes Häusergeschachtel, in dem 143’000 Menschen leben. Mehr als die Hälfte von ihnen ist zwischen 25 und 45 Jahre alt. Viele im alten deutschen Westen haben eine Tochter, einen Sohn, einen Neffen, eine Nichte, einen Freund, eine Freundin, die in dieses ehemalige Stück Osten gezogen ist. Der Stadtteil verändert sich so schnell, dass die Statistiker kaum noch mitkommen: Allein zwischen 1995 und 2000 hat sich die Hälfte der Bevölkerung ausgetauscht, Schätzungen für die gesamte Zeit seit dem Mauerfall gehen von über 80 Prozent aus. Der Anteil der Akademiker hat sich mehr als verdoppelt, in manchen Strassen verfünffacht. In keinem anderen Berliner Viertel sind so wenige Einwohner von staatlichen Leistungen abhängig. Und da junge Leute, kurz bevor sie alt werden, doch noch ein oder zwei Ki!
nder kriegen, sind auch die Spielplätze sehr dicht besiedelt. Die Menschen hier glauben deshalb gern, der Prenzlauer Berg sei die fruchtbarste Region des Landes. Sie verstehen sich als modern, multikulturell, politisch engagiert und aufgeklärt linksalternativ. Bei der letzten Bundestagswahl erhielten die Grünen 24,1 Prozent. Lichtblick, der mit Abstand grösste Anbieter von Ökostrom in Deutschland, versorgt hier 6100 Haushalte mit «sauberer Energie». (In Darmstadt, wo genauso viele Menschen leben wie im Prenzlauer Berg, sind es 286.) Man hat hier leicht das Gefühl, alles richtig zu machen. Deshalb ist der Prenzlauer Berg ein Sehnsuchtsort für viele junge Menschen im ganzen Land. Für jene, die bereits hier leben, ist er die Modellsiedlung der Berliner Republik. Hier hat sich Deutschland nach der Wende neu erfunden. Aber wenn Deutschland sich neu erfindet, wie ist es dann? «Wuuuuunderbar!», ruft Andreas Stahlmann, und sein Lob schallt als Echo zurück, weil er gera!
de durch eine leere Dachgeschosswohnung läuft, die er soeben verkauft
hat. Alles an Stahlmann ist schmal, sein Gesicht, sein Körper, seine Krawatte, seine Finger, nur die schwere schwarze Brille liegt wie ein Querbalken über dem Mann, der seit zehn Jahren Wohnungen im Prenzlauer Berg verkauft. Auch Stahlmann ist ein Zugereister, er kam aus Bad Oeynhausen und blieb hier «kleben», wie er sagt. Allein rund um den Kollwitzplatz, das Epizentrum der Entwicklung, hat er rund 700 Wohnungen verkauft, jetzt macht er nichts mehr unter Dachgeschoss. «ch bin faul», sagt Stahlmann, die Worte «Dachgeschoss» und «Prenzlauer Berg» seien Schlüsselreiz genug. Seine Kunden aus ganz Deutschland seien «überwältigt von der Ästhetik hier. Ich sag nur: das grösste zusammenhängende Sanierungsgebiet Europas. Hier wachsen Ost und West in einer Geschwindigkeit zusammen, wie es das nicht noch einmal in Deutschland gibt. Und was hier tagsüber in den Cafés rumsitzt!» Daran teilzuhaben, sich ein bisschen Lifestyle zu kaufen, ist Stahlmanns Kunden 3300 Eur!
o wert, pro Quadratmeter. Jede vierte Wohnung wird bei ihm komplett bezahlt, im Schnitt liegt die Eigenkapitalquote seiner Käufer bei 60 Prozent. «Je mehr Kohle die Leute in die Hand nehmen, desto unkomplizierter sind sie», sagt er. Das sei noch mal bequem. Man kann nun sagen, dass Stahlmanns Erzählungen nicht mehr liefern als einen Blick auf die Wohnträume einer Elite. Eher aber ist es so, dass niemand die Neuerfindung des Prenzlauer Berges von oben herab besser dokumentieren kann als er. In den Wohnungen, die er verkauft, rücken die Küchen in den Mittelpunkt, das gute Leben, umstellt von Bildungsbürgerbücherwänden. «Ich frag meine Käufer immer, ob sie mehr als 3000 Bücher mitbringen - dann muss ich nämlich noch mal an die Statik ran.» Stahlmann erkennt in seiner Kundendatei mittlerweile «eine neue intellektuelle Schicht, die den Wertewandel im Deutschland der letzten zwanzig Jahre geprägt hat». Über den Dächern von Berlin setzt sich Rot-Grün zur Ruhe !
und legt hedonistisch Hand an. Sogar Stahlmann staunt, wenn er Monate
nach der Übergabe noch mal seine Kunden besucht: Blumengestecke, so gross wie in Kirchen. Bodenvasen, die fast bis zur Decke reichen. Einer seiner Kunden habe sich nachträglich einen Kamin für 130’000 Euro einbauen lassen, um es behaglich zu haben über dem Trubel der Stadt. In seinen Objektbeschreibungen nennt Stahlmann den Abitur-Index und die Arbeitslosenquote des jeweiligen Viertels. Etwas Metropolenkitzel soll zwar sein, aber man will auch nicht auf zu viel Elend herabblicken. So wie Andreas Stahlmann den Prenzlauer Berg von oben charakterisiert, lernt Yunus Uygur ihn gerade von unten kennen. Wer nur «Frisch vom Grossmarkt» sagen kann, muss billig sein und lange geöffnet haben, als Nachtverkauf, als Notlösung, falls im Dachgeschoss mal die Bioeier ausgegangen sind. Uygur hat jetzt fast rund um die Uhr auf. Er fährt nicht mehr nach Hause, er schläft in seinem Laden. Man kann lange darin stöbern und sieht sie nicht, die Luke im Boden, versteckt zwischen Bierk�!
�sten, darunter eine Holzstiege, die in einen Kellerraum führt, dessen Wände nackt sind wie im Slum. In der Mitte eine Matratze. Hier schläft Uygur drei, vier Stunden, bevor er wieder zum Grossmarkt aufbricht, oder er döst nur, weil die U-Bahn den Boden vibrieren lässt. «Gibt’s keinen auf dieser Strasse, keinen im Jahr 2007, der lebt wie ich», sagt Uygur. Nach aussen bewahrt er die Demut des Geschäftsmannes, im Innern aber ist er verletzt in seinem Händlerstolz. Er ist am richtigen Ort, aber mit der falschen Strategie. Er hat nicht geahnt, dass er hier ein Lebensgefühl bedienen muss: edles Essen für edle Menschen. Er dachte, es gehe um Möhren, Lauch und Zwiebeln. Um normale Lebensmittel. Vielleicht schadet Normalsein an einem Ort, an dem viele Menschen leben, die vor der Normalität hierher geflohen sind. Die wenigen Alteingesessenen jedenfalls unterteilen die vielen Zugezogenen grob in «Ökoschwaben» und eher auf ihr Äusseres bedachte «Pornobrillenträger!
», deren Erkennungsmerkmal neben extra verranztem Strassenchic raumgr
eifende Sechziger-Jahre-Brillen sind; fast schon Gesichtswindschutzscheiben. Dabei übersehen die Alteingesessenen allerdings ein Heer der unauffälligen Unentschiedenen, das zwischen diesen beiden Kulturen steht, mehr oder weniger assimiliert mit der einen oder anderen. Laufsteg der Pornobrillenträger ist die Kastanienallee, eigentlich nur noch «Castingallee» genannt. Es gab hier vor zwei Jahren einen Fall, der aufsehenerregend ist, weil er kaum Aufsehen erregte: In einem Park in der Nähe verkauften Farbige Drogen, woraufhin die Besitzerin eines Cafés, dem An einem Sonntag im August, ihre Kellnerinnen eine Dienstanweisung unterschreiben liess, nach der Schwarze im Lokal nicht mehr willkommen seien. Es sei denn, sie seien Mütter oder hätten «kluge Augen». Ein Häuflein Linksalternativer demonstrierte gegen diese Wortwahl, und die Gastronomen ringsum solidarisierten sich - mit dem Sonntag im August. Derzeit sind sie dabei, eine Sinti-Band loszuwerden, die seit Jahren!
durch die Strasse zieht. «Die nerven», sagt einer der Wirte, «das trifft dann halt ’ne Ethnie.» So wird die Kastanienallee langsam besenrein, die Läden sind voll wie je, und das Sonntag im August, von wildem Wein berankt, wirkt weiterhin so linksromantisch wie eine Teestube der Antifa. Man kann im Prenzlauer Berg einfach im linken Habitus weiterleben. Das ist ja das Schöne. Man kann sich tolerant fühlen, weil Toleranz nicht auf die Probe gestellt wird. Keine Parabolantenne beleidigt das Auge, kein Kopftuch sorgt für Debatten, keine Moschee beunruhigt die Weltbürger. Es gibt hier kaum Telecafés, die Wohnungen sind zu teuer für Menschen wie Yunus Uygur. Es gibt keine Hip-Hop-Höhlen für türkische Jungs aus dem Wedding oder Kreuzberg, keine Infrastruktur für die lärmenden Kinder der Unterschicht - wenn sie sich nur rauchend auf einen der vielen Spielplätze setzen, stürzen schon die hysterischen Mütter herbei. Der Schriftsteller Maxim Biller nennt den Prenz!
lauer Berg mittlerweile ironisch eine «national befreite Zone». Zwar
liegt der Anteil der Ausländer bei 11,1 Prozent und damit nur gut zwei Prozentpunkte unter dem Berliner Durchschnitt. Doch die Zusammensetzung ist eine völlig andere. Die grösste Gruppe bilden Franzosen, gefolgt von Italienern, Amerikanern, Briten, Spaniern und Dänen. Eine G8-Bevölkerung, hochgebildet und in Arbeit. Es gibt hier zehnmal mehr Japaner als Ägypter. Der Anteil der Türken beläuft sich auf 0,3 Prozent. Der Prenzlauer Berg ist offenbar nicht so, wie er zu sein glaubt, auch nicht beim immer wieder gefeierten Kinderreichtum. Pro 1000 Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren kommen hier je Jahr nur 35 Kinder zur Welt - das sind weniger als im vermeintlichen Witwenbezirk Wilmersdorf. In Cloppenburg liegt die Zahl bei 56. Dass der Anschein auf den Strassen und Spielplätzen ein anderer ist, liegt allein daran, dass hier fast ausschliesslich junge Menschen leben, die zwar verhältnismässig wenige Kinder kriegen, aber in ihrer Masse immer noch genug, um das Vie!
rtel zu verändern. In den Bäumen auf dem Schulhof singen die Vögel, als Jürgen Zipperling in seinem kargen Büro beginnt, seine Sicht auf die Parallelwelt Prenzlauer Berg zu erklären, und die ist für einen Schulleiter in einem prosperierenden Bezirk überraschend kritisch. Zipperling war Schüler im Prenzlauer Berg, dann wurde er Lehrer im Prenzlauer Berg, kurz nach der Wende dann Schulleiter an der Bornholmer Grundschule im Prenzlauer Berg. Er ist von Statur eher klein, spricht aber mit raumgreifender Stimme, ausgeprägt in einem langen Lehrerleben. Diese Stimme sagt sehr oft das Wort «Gesellschaft». Zipperling erinnert sich noch gut, wie sich diese «Gesellschaft» Anfang der Neunziger zu verändern begann, als im Prenzlauer Berg «ganze Häuserlandschaften zum Verkauf standen. Dazu die einfallende hohe Arbeitslosigkeit. Die Armen und Arbeitslosen sind damals gegangen, dazu die wenigen Familien, die sich ein Haus im Grünen leisten konnten.» Nach manchen Sommerfe!
rien waren pro Klasse vier, fünf Arbeiterkinder weg - und vier, fünf
Akademikerkinder da. Mit die Letzten, die heute an seiner Schule noch berlinern, sind Zipperling und seine Kollegen. Er schätzt den Anteil der Akademikerkinder auf «70 Prozent mindestens», die Zahl der Ausländer sei hingegen «verschwindend gering». Es gibt nur einige Kinder türkischer oder polnischer Familien aus dem Wedding, deren Eltern der Ausländeranteil auf den dortigen Schulen zu hoch ist. Die Zahl der Schulschwänzer ist nicht erwähnenswert, und die allermeisten Kinder haben gut gefrühstückt, wenn um 7.50 Uhr die Klingel schellt. Das klingt nach paradiesischen Zuständen, allerdings sagt Zipperling: «Einige Eltern treten auf, als müsste sich die Sonne um sie drehen.» Er rät seinen Kollegen, bei jedem Elternabend als Erstes zu sagen, um wie viel Uhr Schluss ist - sonst wird es Nacht, «denn was ihre eigenen Kinder angeht, sind die Eltern sehr besorgt und sehr bestimmt». Die Erwartungshaltung ist gross, das Vertrauen klein. Stets steht die Drohung im Ra!
um, zu einer der neuen Privatschulen zu wechseln. Neulich stiess eine Lehrerin, als sie die Klasse verliess, mit einem Vater zusammen. Der hatte seit Beginn der Stunde an der Tür gelauscht - «um mal die Atmosphäre zu schnuppern». Doch das sind Petitessen, verglichen mit Zipperlings eigentlicher Sorge. Wenn Zipperling seine Schülerlisten durchschaut, findet er keine gesellschaftliche Mitte mehr. Die Handwerker sind weg, die Arbeiter. Nur die «Extremfälle» seien geblieben, Wendeverlierer, die sogar zu schwach waren, den Stadtteil zu verlassen. Und neben denen sind nun all die Neuen mit ihrer Siegermentalität, nicht sonderlich solidarisch. In seinen Schulklassen, sagt Zipperling, «spiegelt sich die sehr tiefe Spaltung der Gesellschaft wider». Es gab hier nach 1989 ein kurzes, schweres Beben, ein beinahe freies Spiel der Kräfte, und jetzt gibt es nur noch ein Oben und ein Unten. Ein paar Strassenzüge weiter südlich stapft am selben Tag Hartmut Häussermann durchs !
bunte Herbstlaub auf dem Pflaster. Links und rechts glühen die Heizpi
lze der Strassencafés, die bis in den Nachmittag hinein voll besetzt sind von Frühstücksmenschen, bei denen nie klar ist, ob ihre Musse von Erfolg oder Misserfolg kündet. Aus den Lautsprechern perlt Jazz, ab und zu seufzt eine Espressomaschine. Mädchen pulen im Lachs. Hin und wieder nimmt Häussermann, der in seinem dunklen Mantel und mit seinem grauen Haar beinahe wie ein Grossvater zu Besuch wirkt, eine Kamera zur Hand, mit der er Fassaden fotografiert und Geschäfte, deren Namen viel verraten von den Menschen hier. Wie der Babymodenladen Wunschkind. Oder das Schaufenster von Sexy Mama mit der aufreizend eng geschnittenen Schwangerenmode, für die ein Wort wie Umstandskleidung viel zu bieder wäre. «Sexy Mama - ist das nicht Emanzipation?», fragt er. Häussermann hat von Berufs wegen ein Auge für Städte, er ist Professor für Stadt- und Regionalsoziologie an der Berliner Humboldt-Universität. Seit Jahren beobachtet er den Prenzlauer Berg wie unter einem Mikroskop!
, Strasse für Strasse, schliesslich gilt es, die Gentrifizierung des Bezirkes zu dokumentieren, also seine Verwandlung, Verteuerung. Der Begriff entlehnt sich der britischen Vokabel gentry; die steht für «niederer Adel». Nur hat Häussermanns Sicht auf die Dinge nichts Klassenkämpferisches. Er sagt: Anders als jedes Neubaugebiet habe der Prenzlauer Berg «Flair» gehabt, «das man nicht erst selber schaffen musste - und hier war das Einfallstor offen». Die westdeutschen Wohlstandskinder waren fasziniert von Bürgerrechtlern und Bohemiens im Bezirk, vom Geruch der Revolution in gerade noch bewohnbaren Ruinen, vom Zwang zur Improvisation in Häusern, die kein Telefon hatten und nur Ofenheizung. Dann habe die Sache ihren üblichen Verlauf genommen: Die jungen Wilden wurden ruhiger, bekamen Jobs und Kinder und wollten Eigentum. Jetzt leben sie ähnlich wie ihre Eltern im Westen, allerdings in anderer Kulisse. Mit den Jahren sei etwas entstanden, was Häussermann «unkonve!
ntionelle Bürgerlichkeit» nennt - voller Ideale und gleichzeitig seh
r rational. «Spätestens seit der Pisa-Studie wird hier keiner mehr eine Bürgerinitiative 'Mehr Ausländer in die Klasse meiner Kinder' machen.» Gefragt, ob den Kindern vor lauter Lebensglück nicht die Wirklichkeit entgehe, sagt Häussermann, dass Lebensglück nichts Schlechtes sei und jedermann das Recht habe, danach zu streben. Macht er übrigens auch. Denn Häussermann, 1943 in Waiblingen geboren, ist Bestandteil der Gentrifizierung. Er ist 1994 übergesiedelt, aus Charlottenburg - «das war eine BAT-IIa-Zone, da war ich unter meinesgleichen», sagt er und lacht. «Was mich hierher gezogen hat, war die Jugendlichkeit.» Man kann sich im Prenzlauer Berg noch jung fühlen, obwohl man fast schon alt ist. Den tatsächlich Jungen, seinen Studenten, werde es mittlerweile allerdings zu teuer. «Und das ist natürlich keine gute Entwicklung», sagt Häussermann, zumal - und das überrasche viele - erst die Hälfte des Viertels saniert sei. Es hat also gerade erst angefangen, !
und auch der Professor weiss nicht, wo das noch enden soll. Dann verabschiedet er sich und geht zu seinem Lieblingsbäcker. Auf den Strassen ringsum parken zig Citroëns aus den Sechzigern und Vespas aus den Siebzigern, gefahren von Männern mit Günter-Netzer-Frisuren. Im Spielzeugladen Kinderstube wird gebrauchtes Spielzeug verkauft, Fisher-Price-Kipplaster aus den Achtzigern - für 69 Euro. Junge Eltern rekonstruieren ihre eigene Kindheit, als hätten Gegenwart und Zukunft nicht viel zu bieten. Manchmal wirkt das ein wenig ängstlich, oft wirkt es wie Westalgie im Osten. Die Läden, in denen diese Sehnsucht nach dem Gestern bedient wird, ob mit Nierentischen, Plattenspielern oder riesenrädrigen Kinderwagen, sind sehr teuer. Nur das «Du» kriegt man hier immer noch umsonst: «Da kaufst du dir aber echt was Gutes, du.» Während die Musikschule draussen in Lichtenberg, tief im Berliner Osten, in den Kitas verzweifelt um Kinder wirbt, muss die Sekretärin der Zweigstelle !
Prenzlauer Berg dauernd ungeduldige Eltern vertrösten. Die Wartezeite
n für Violine, Klavier und Cello: ein Jahr. Die Nachfrage nach der musikalischen Früherziehung, diesem Nadelöhr am Anfang jeder Intellektuellenbiografie, ist sogar so gross, dass einige Eltern ihre Babys schon mit der Geburt anmelden. Die Kinder auf den Wartelisten heissen in der Regel Paul und Paula, Conrad und Jacob, Marie und Mathilda. Alternativ zu sein heisst hier mittlerweile, in einer Zeit verwirrend vielfältiger Lebensentwürfe zu seiner Bürgerlichkeit zu stehen. Die Beamten im Polizeirevier drucksen ein wenig rum, wenn man sie nach Veränderungen in den Strassen und den Häusern fragt, die sie seit Jahren kennen. Ihre Lippen werden schmal, sie wirken seltsam defensiv. Dann stellt sich heraus: Sie kommen alle nicht von hier, Dienstleistungen werden mittlerweile importiert. Der Prenzlauer Berg ist kein Viertel, das Putzfrauen, Bauarbeiter oder eben Polizisten hervorbringt. Das ist hier ähnlich wie in Dubai. Lange Zeit hatte das Viertel wegen der Maikrawalle in d!
en Neunzigern einen katastrophalen Ruf bei der Berliner Polizei, inzwischen hat sich der Stadtteil beruhigt. Dass ihr Revier von den Fallzahlen her trotzdem im oberen Viertel der Polizeistatistik geführt wird, liege an den vielen Fahrraddiebstählen, sagen die Beamten. Und dann sind da all die Anrufe wegen Ruhestörung. Wer vor fünf Jahren noch selber auf der Strasse sass, besteht jetzt abends auf Stille. Je höher das Stockwerk, desto niedriger die Toleranzschwelle. Es werde auch schwieriger, da zu vermitteln, sagen die Polizisten, es gebe jetzt schon bei Knöllchen kräftig Contra - denn der Prenzlauer Berg werde gerade zum «Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?»-Bezirk. Jene, die fremd sind, haben vielleicht den besten Blick: Auf dem Recyclinghof, der auf der Grenze zwischen den neu gemachten Altbauten im Prenzlauer Berg und den alt gewordenen Neubauten im Wedding liegt, berichten die irgendwie naturbelassenen Müllmänner kopfschüttelnd, dass die Weddinger «Schrott�!
� bringen, die Prenzelberger hingegen «Gebrauchtes». Und immer häuf
iger fragen die einen, ob sie die Hinterlassenschaften der anderen haben können. Es ist, als verlaufe hier eine gesellschaftliche Wasserscheide, die nicht nur Teppich- von Dielenboden trennt, sondern auch neue Armut von neuem Wohlstand, Pragmatismus von Spiritualismus und Sorgen von Selbstfindung. Selbstfindung jedenfalls scheint das eigentliche Geschäftsfeld des LPG-Biomarktes an der Schönhauser Allee zu sein, nicht weit von Yunus Uygurs Laden. LPG steht in den neuen Zeiten für «Lecker. Preiswert. Gesund». Das Geschäft, im Frühjahr eröffnet und mittlerweile die Kathedrale der Ökoschwaben, misst nach Angaben seiner Besitzer «0,3 Hektar» und ist damit grösster Ökosupermarkt Europas. Im Erdgeschoss stapeln sich die Bionade-Kästen meterhoch. Es gibt Dinkeltortenböden, Schafmilchseife mit Ringelblume, Johannisbeersaft für 10,24 Euro pro Liter, Schurwollbabystrampler für 99 Euro, ökologische Katzenkroketten mit Fisch und vegetarisches Hundefutter. Und es gibt A!
bnehmer für all das. Man ist sich hier einiges wert. Im Obergeschoss werden Spiegelsprüche verkauft, die sich die Kunden ins Bad kleben können: «Ich bin schön», «Ich bin wundervoll», «Ich könnte mich küssen». An einer Litfasssäule hinter der Kasse hat der Stadtteil seine Seele ausgehängt: Da wird «Fasten auf Hiddensee» angeboten, «Rat und Hilfe bei Elektrosmog», der «Pro und Contra-Impfen-Vortrag» einer Heilpraktikerin, die «ökologisch korrekte Riesterrente» und der «Workshop erholsamer Schlaf». Die Stadtschamanin Seijin bietet «Traumreisen aller Art und Seelenrückholung» an. Man ahnt hier den Preis, den eine Gesellschaft für ihre Informiertheit und ihren Individualismus zahlt, und man ist an einem Punkt angelangt, wo man sich fragt, ob mancher hier zu beneiden oder zu bedauern ist. Eigentlich macht alles Sinn, wonach der Prenzlauer Berg strebt: nach gesundem Essen, gutem Leben und gebildeten Kindern. Doch wird hier bedingungslos an der Selbstve!
redlung gewerkelt. Martina Buschhaus arbeitet seit zehn Jahren an dies
er Grenze zwischen Vernunft und Ich-Kult. Sie ist Allgemeinärztin, vor zehn Jahren arbeitete sie im Wedding, seither ist sie im Prenzlauer Berg. Sie findet es eigentlich «wunderbar»: überwiegend gesundheitsbewusste Leute, die sich Gedanken machen über Ernährung und Sport. Es gibt hier selten das, was sie den Morbus Wedding nennt, «also alles, was sich aus Fressen, Saufen und Fernsehen ergibt, nämlich Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen». Allerdings ist nicht ganz klar, ob die Menschen im Prenzlauer Berg wirklich gesünder sind - oder eher anders krank. Dass sie den vielen Vegetariern zusätzlich Vitamin B12 verschreibe, sei normal, sagt Buschhaus. Aber auffallend viele Menschen leiden unter Allergien, Rückenschmerzen, Magen-Darm. Das sind die Gebrechen der gestressten Freiberufler, «und wenn ich denen sage, dass sie mal Pause machen sollten, sagen die: Geht nicht.» Zum Glück seien die Leute offen für alternative Methoden, die sie auch anbietet - wobei!
«offen für» bei Buschhaus auch «überinformiert» heissen kann. 15 Minuten pro Patient wie im Wedding? Das reicht kaum mehr aus. Buschhaus diagnostiziert grossen Redebedarf und «einige Einsamkeit» im Stadtteil. In mehr als der Hälfte der Wohnungen im Viertel lebt nur ein Mensch. Die Psychotherapeuten sind ausgebucht. Die Menschen horchen in sich hinein, sie sind sehr gesund und ständig krank, körperbetont und zugleich verkopft, total lässig und furchtbar verspannt. Daraus lässt sich wieder was machen. Die Erdgeschosse liegen schon im Schatten, als in einem eierschalenfarben renovierten Haus in der feinen Rykestrasse das Kinderyoga beginnt. Das Kinderyoga macht «der Thomas», der früher mal Pädagoge war, der auch mal eine Werbeagentur hatte und der nun eine Glatze trägt und Yogalehrer ist. Der Thomas sagt, die Kinder, die gleich kämen, gehörten Eltern, «die schon auf dem Yoga-Weg sind und wollen, dass ihre Kinder auch ein wenig ruhiger werden». Warum scho!
n Kinder ruhig sein sollen, wird nicht ganz klar, aber Kinderyoga mach
t auch eigentlich «die Simone», seine Frau, doch die hat vor ein paar Tagen entbunden, natürlich nicht im Krankenhaus. Jedenfalls macht die Simone jetzt Rückbildungsyoga. Yoga läuft gut im Moment. Der Thomas hat die Vorhänge zur Strasse zugezogen und Klangschale und Kerze auf den Dielenboden gestellt. Im Fenster ist der Vortrag eines professionellen Besinnlichkeitsreisenden angekündigt, Thema: «Seelengevögelt by this life» - Ursachen, Auswege, Meditation. Die Kinder kommen auf Stoppersocken. Der Älteste ist sieben. Maxi, die Jüngste, ist drei. Und der Thomas ist sehr nett. Er schaut sich jeden Wackelzahn an, bevor er ein Mantra auf Sanskrit anstimmt, das in einem langen «Ommm» ausläuft. Maxi schaut ungläubig und knetet ihre Zehen. Die anderen machen den Sonnengruss. Der Thomas ruft: «...ich bin stark wie ein Berg... fest wie eine Brücke... die Erde trägt mich...» Nach fünf Minuten meldet Frederic: «Mir ist langweilig.» Nach zehn Minuten tritt Sebastian!
die Kerze um. «Kommt, noch eine Runde, ich helfe euch auch», sagt der Thomas. Er sagt das sehr sanft, aber es ist schon so, dass auch im Prenzlauer Berg Kinder dem Lebensstil ihrer Eltern angepasst werden. Da ist Yoga natürlich besser als RTL2 gucken. Sie machen deshalb noch eine Traumreise. Und beissen ab und zu ein Gähnen weg. Am Ende fragt der Thomas: «Jetzt wollt ihr wahrscheinlich raufen, oder?» - «Jaaaaaa!» Dann fallen die Jungen übereinander her. Und gehen noch Fussball spielen. Fussball spielende Jungs sieht man recht selten im Prenzlauer Berg, diesem kleinen Altbaudreieck, in dem sich Deutschland neu erfunden hat. Aber wie ist es nun geworden? Wuuuunderbar! Aber weshalb? Der Prenzlauer Berg wirkt vielerorts, als habe es nie so etwas wie eine Unterschichtendebatte gegeben, ein Demografieproblem, Migration. Hier herrscht der Bionade-Biedermeier. Die 10’0000 Zugezogenen haben eine neue Stadt geschaffen, doch wem kommt diese zivilisatorische Leistung zugute!
, ausser ihnen selbst? Ihr Prenzlauer Berg ist ein Ghetto, das ohne Za
un auskommt - weil es auch ohne zunehmend hermetisch wirkt. Die Zuwanderung wird über den Preis pro Quadratmeter gesteuert und über den enormen Anpassungsaufwand, dem man sich hier leicht aussetzt. Wer nicht das Richtige isst, trinkt, trägt, hat schnell das Gefühl, der Falsche für diesen Ort zu sein. Man glaubt so offen zu sein und hat sich eingeschlossen. Zwar ist Milieubildung ein normales soziales Phänomen, weltweit sortieren sich die Menschen nach Lebensstil, Bildung, Vermögen - das Besondere am Prenzlauer Berg aber ist, dass er nicht wahrhaben will, dass er ganz anders ist, als er zu sein glaubt. Die Sonne steht schon tief, und der Fassadenstuck wirft weite Schatten, als eine Prozession bunt bemützter Kinder die Schönhauser Allee hinabtollt, auf Fahrrädern, Laufrädern, zu Fuss. Klingelnd, lachend ziehen sie ins Kino Babylon, das schon in Berlin-Mitte liegt. Heike Makatsch wird dort Pippi Langstrumpf lesen. Heike Makatsch! Die perfekte Kreuzung aus Ökoschwabe!
und Pornobrillenträger: Girlie, Prenzlauer-Berg-Prominenz - und jetzt auch Mutter. Der Saal ist voll, Makatsch lässt markengetreu ihre Augen rollen und knarzt dann die Geschichte von Pippis Einzug in die Villa Kunterbunt ins Publikum, erzählt von den biederen Nachbarskindern Thomas und Annika und von Pippis erstem Schultag. Das Kino ist von Glück geflutet. Lächeln, Kuscheln, Sonntagsseufzer. Alle fühlen sich subversiv wie Pippi, sind aber so blond und brav wie Thomas und wie Annika. Die Kinder sitzen still und saugen an Strohhalmen, die in roter Holunder-Bionade stecken, ihre Eltern essen besinnlich schwedischen Mandelkuchen, anschliessend wird das Hörbuch gekauft. Auch auswärts, am südlichen Auslauf der Schönhauser Allee, ist der Prenzlauer Berg mal wieder ganz bei sich. Zwei Kilometer weiter nördlich steht zur gleichen Zeit Yunus Uygurs Frau im Gemüseladen und wuchtet Obstkisten ins Lager. Seine Tochter sitzt an der Kasse und macht Hausaufgaben. Und unter der!
Klappe im Boden, in seinem Loch, schläft Yunus Uygur unruhig der nä
chsten Grossmarktnacht entgegen, seelengevögelt by his life. Er sollte auf Öko umsteigen. Alles andere tut auf Dauer nicht gut.

Kommentare (6)

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  1. „Das, was man “68″ nennt, war eine Art Virus, eine ansteckende Gesundheit oder Krankheit – je nachdem. Sie wurde ab Anfang der Sechzigerjahre, vielleicht von Berkeley/Kalifornien aus, virulent – und erfasste über das neue Medium Fernsehen nahezu die gesamte Weltjugend. Alle kamen und alles kam zusammen. Das gipfelte im Mai 1968 im französischen Generalstreik – und zerfiel danach langsam wieder: in kleine Gruppen, Projekte, bis auch diese über die Alternativbewegung atomisiert wurden.“

    das, was man 68 nennt, war für viele junge leute – die zeit ihrer jugend, sie war geburtsjahr vieler kinder des 68er geistes. sie war – was wir alle wissen – eine zeit des abschüttelns von talarstaub, väterfrust und väterenttäuschung, eine zeit des losschneisens und eines eigenen ansatzversuchs. sie war die zeit des „2., 4., 8. semesters…“, erinnerungsbilder, die auf die 3. heute heranwachsende generation (die erste: in den 68er mitte 20, die 2.: in den 88er um die 20) mit gutem grund wirken und weiterwirken sollen. es ist ihre welt, nicht nur der heutigen madigmacher und dröselnder imkreisdebattierer. es ist die zeit ihrer forderungen, transparentsprüche und demosprechhöre. kein grund, deren weitergabe an die nächsten erschweren zu wollen.

  2. Savignyplatz (noch einmal):

    Dieser Platz ist nämlich weitaus unbarmherziger, als ich dachte: Nicht, weil das russische Café „Hegel“ plötzlich dicht machte. In einem Gedicht einer alten russischen Schriftstellerin wird der Savignyplatz sogar mit neuer „Heimat“ assoziiert, ähnlich taucht er auch in Klaus Schlesingers persönlicher Chronik „Fliegender Wechsel“ auf.

    Dann erreichte mich ein sehr stilvoller Brief von Hartmut Volmerhaus, Nachfolger des inzwischen gestorbenen „Zwiebelfisch“-Wirts Bernd Fahr, in dem ich noch einmal an meine Schulden beim Savignyplatz-Buchhändler Rilling erinnert und wegen meiner Erwähnung des dortigen Lokalheiligen Oskar Huth kritisiert wurde. Kurz zuvor hatte mich bereits der „Zukunft im Zentrum“-Sprecher Raul Gersson zur Schuldentilgung gedrängt.

    Schließlich erschien noch ein ganzes Buch mit dem Titel „Savignyplatz“ von Aras Ören. Der in Ehren ergraute SFB-Redakteur hat sein Buch unter anderem. Bernd Fahr und Oskar Huth gewidmet. Deswegen besorgte ich mir sofort ein Rezensionsexemplar. Die beiden Savignyplatz-Hirsche kommen darin aber nur am Rande vor.

    Sein deutschsprachiges Debüt gab Ören 1973 im damals noch dem Klassenkampf verpflichteten Rotbuch-Verlag – mit der Gedichtsammlung „Was will Niyazi in der Naunynstraße“. Dieses Buch kostet übrigens heute beim Texttrödler mehr als damals neu. Übersetzt hat es unter anderem Johannes Schenk, der anders als Aras Ören nicht vom Oranienplatz zum Savignyplatz abdriftete.

    Auch in der Ost-West-„Chronik“ (die jetzt als „Aufbau“-Taschenbuch wieder aufgelegt wurde und deren Autor, Klaus Schlesinger, es eher vom Savignyplatz nach Kreuzberg, zu den Hausbesetzern, zog) taucht Johannes Schenk auf. Der Zufall wollte es, daß ich zuvor gerade – in Worpswede – mehrmals auf ihn gestoßen war. Johannes Schenk hatte eine tolle Mutter, die dort mit sehr interessanten Männern zusammenlebte. Sein Vater war eine Art Landstreicher, er schrieb mehrere populäre Bücher über Pflanzen und eins über Arthur Rimbaud. 1945 machten ihn die Amerikaner zum Bürgermeister von Worpswede. Er trank sehr viel und verlor bald die Lust am Regieren. Dennoch empfahl sich sein Sohn Johannes – ein gelernter Seemann, aber 1961 über Fürsprache von Erich Fried als Dichter bei seinen Eltern durchgesetzt – genau 40 Jahre später gegenüber der die US-Besatzung in Worpswede mittlerweile ersetzenden „Künstlerpartei“ erneut als deren „Bürgermeisterkandidat“ – mit der Begründung: Er sei mindestens so trinkfest wie sein Vater.

    Johannes Schenk wohnte seit den frühen Sechzigern in Kreuzberg, mit Natascha Ungeheuer zusammen, er hatte aber noch einen Wohnwagen in der „Künstlerkolonie am Weierberg“. Seine Lebensabschnitte (und Bücher – auf Vermittlung von Fried alle im Savignyplatz-Verlag „Wagenbach“ erschienen) gliedern sich in Bootsbauphasen und anschließende Fluchten damit. Einmal kam er bis nach Casablanca. Berühmt sind seine Vorträge über Jakob von Hoddis.

    Aras Örens „Savignyplatz“ spielt sich nun zwischen dieser ganzen Personage – von Johannes Schenk und der „Naunynstraße“ über Oskar Huth und Günter Bruno Fuchs bis zum „Zwiebelfisch“-Wirt (alle tot) – ab: „Gesichter der Nacht“ am Savignyplatz/ eine „Handvoll Bohemiens aus der Vergangenheit“. Aber sie sind für den Autoren nicht wirklich – so wie zum Beispiel all die Frauen mit bloßem Vornamen oder „platten Brüsten“, „mit Brustwarzen von der Größe getrockneter Pflaumen“ oder der „Busenfreund Paul“. Ich war etwas enttäuscht, aber der Autor hat natürlich recht, auch die türkischmächtige Kulturkritikerin Sabine Vogel würde mir da zustimmen: „Nur die Phantasielosen flüchten in die Realität!“ Warum aber dann „Savignyplatz“?

    Ich zucke schon jedesmal bei dem Wort zusammen.

  3. Gnadenloser Savignyplatz:

    Neben der allgemeinen Beschaffungskriminalität, die man allen, die etwas unternehmen, anhängen könnte, bei genügend ausgefeilter Verhörtechnik, gibt es noch die gemeine. Das reicht von der Bardame im Club Sophie, die in Samt und Seide und goldbehangen über das Sozialamt schimpft, das ihr gerade die Kleidergeldzulage strich: „Von einem Tag auf den anderen!“ – bis zum lebensuntüchtigen Fixer aus der Kantstraße, der bei mir einbrach, während ich schlief: Er klaute mir meinen letzten 10-DM-Schein aus der Brieftasche sowie Sabine Vogels kaputte alte Nikon-Kamera. Sie verabschiedete ihn dann sogar noch höflich: gerade in dem Moment, als er sich herausschlich, kam sie nämlich zur Tür herein.

    Neulich stolperte ein ausgesprochener Pechvogel ins Cour Carrée und stellte dort vier Taschen beim Wirt unter. Der machte später eine Tasche auf: Sie war voller neuer Bücher, viele davon doppelt und dreifach. Etliche kannte er – als regelmäßiger Kunde des linken Buchladens gegenüber. Er ging rüber und holte den Buchhändler Wolfgang Rilling, der sofort feststellte, daß sie aus seinem Laden geklaut wurden. In den anderen Taschen entdeckten sie jede Menge Lebensmittel aus biologischem Anbau. Sesammühlen-Betreiber Hans Müller-Klug wurde ebenfalls herangeholt, und er identifizierte den Tascheninhalt als aus seinem Laden stammend. Die beiden erstatteten Anzeige, das hätten sie jedoch besser nicht getan. Der Dieb, wie von einem Pechvogel nicht anders zu erwarten, wurde zwar gefaßt, aber das Diebesgut nahm die Polizei als Beweisstück mit – bis zum Prozeß: so lange werden die Lebensmittel aber nicht halten, auch einige Bücher nicht.

    Zu den am meisten beklauten Kunstbuchläden Berlins zählt der Bücherbogen, ebenfalls am Savignyplatz. Und was ist mit Jes Petersen – dem Savignyplatz-Galeristen, der ein ganzes schleswig- holsteinisches Gutsbesitzervermögen in die Avantgardekunst stopfte? Ist er nicht genaugenommen auch ausgeraubt worden? Oder der Verleger Klaus Wagenbach – sein ganzes Leben hat er gegen die regressive Entsublimierung, „Surfbrett-Kultur“, gekämpft, publiziert, doziert – und was hat er nun davon? Eine Professur, ein Haus, einen geschmackvollen Verlag und jeden Tag interessante Einladungen – sonst nix!

    Das muß am Savignyplatz liegen: ein hartes Pflaster. Kein Wunder, daß dort der Jerry-Cotton-Autor dahinvegetiert (er betritt seine Stammkneipe nur durchs Hinterfenster). Und Oskar Huth, einer der wichtigen Berliner Kulturschaffenden, es unlängst dort dem Zwiebelfisch- Wirt nachtat – und mir nichts, dir nichts beim Saufen verschied. Auch dem beliebten Kaufhaus- Erpresser Dagobert wurde der Savignyplatz zum Verhängnis. Am S-Bahnhof scheiterte eine Geldübergabe an ihn, was ihn vollends mürbe und unvorsichtig machte.

    Um ein Haar hätte es da dann auch den ersten Ostler erwischt, den herzensguten Hanno Harnisch. Er knackte im Vollrausch den roten Trabant des Regisseurs Johann Kresnik, als dieser aus einer Edelkneipe trat, um Walter Momper und Frank Castorf die Angeberkarre vorzuführen. Die Harnisch-Tat hatte jedoch nichts mit Restalkohol, Sozialneid oder Expropriationswut zu tun, das ist der unbarmherzige Savignyplatz, der noch aus fast jedem einen Verbrecher gemacht hat und wo ein ständiges Geben und Nehmen herrscht.

  4. P.S.:

    Im Westen ist es im übrigen nicht viel anders – die Gegend um den Savignyplatz z.B. hat ganz analoge Zu- und Abgänge zu verzeichnen. Hier starb u.a. der Galerist Jes Petersen, der mit den Basisdruck-Leuten im Prenzlauer Berg zusammenarbeitete. Hier etwas ausa seinem Leben:

    „Ich muß jetzt Bilder verkaufen, Bilder verkaufen, damit Geld hereinkommt.“ Er wuselt durch seine Wohnung und räumt erst einmal seine Bibliothek auf, die die Bullen bei ihrer Durchsuchung durcheinanderbrachten. Sie zerfledderten auch sein Archiv, das er für seine „Lebensgeschichte“ braucht, an der er auch in U-Haft weiterschrieb. Laut Fritz Mierau hat sie den nordischen Titel „Jes Petersens wundersame Reise“.

    Ende der fünfziger Jahre hatten die Bullen ihm schon einmal sein gesamtes Archiv zusammengekloppt: Das war, nachdem die Pariser Exilanten Raoul Hausmann und Emil Szittya auf den „weggelaufenen Sohn eines dänischen Schweinezüchters“, wie Franz Jung ihn nannte, aufmerksam geworden war und Jes von Jung überredet wurde, in Glücksburg den Verlag „Petersen Press“ zu gründen. Er hatte gerade Oskar Panizzas „Liebeskonzil“ gedruckt, da erschien auch schon die Polizei: „Dieselben Typen wie damals, genau dieselben,“ murmelte Franz Jung, der kurz zuvor in Glückstadt angekommen war.

    Bevor Petersen Verleger und dann Galerist wurde, hatte er ordentlich die Landwirtschaft gelernt. Später konnte er sich immer mal wieder mit der letzten Fruchtfolge „Erbmasse“ pekuniär über Wasser halten. Anfänglich versuchte er es noch mit Pornographie: „Das wurde damals mit einer ähnlichen Leidenschaft und Sorgfalt verfolgt wie heute der Drogenhandel.“ Der Vertrieb lief über Südamerika, wo bei jemandem die Bestellungen eingingen. Sie wurden dort auf einen winzigen Punkt verkleinert, in einen harmlosen Text montiert und dann in Flensburg wieder vergrößert. 1963 waren die staatsanwaltlichen Schikanen jedoch derart „kompakt“ gediehen, daß Petersen nach Westberlin auswich.

    Dort war er zunächst Ghostwriter von Valeska Gert und Ghostpainter des „Inflationsheiligen“ Schröder-Sonnenstern, über den er Ende der achtziger Jahre ein wunderbares Buch zusammenstellte, das noch immer keinen Verleger gefunden hat. Dessen „Pferdearschbetrachtungen“ hatte Petersen bereits 1965 veröffentlicht, ich erwarb sie Ende 68 am SDS-Bücherstand, und schon zehn Jahre später ging ich fast tausend Kilometer zu Fuß immer dicht hinter einer opulenten rotbraunen Hannoveranerstute her – so viel zur Wirkungsgeschichte dieser Publikation.

    Zur selben Zeit, also 77/78, eröffnete Petersen seine Galerie: „Zero, Spur, Happening, Fluxus, Wiener Aktionismus, von der Weltrevolution ganz zu schweigen!“ (J.P.) Das Künstlerspektrum reichte von Grüblern wie Thomas Schmidt und Dieter Roth über solch laute Leute wie Kippenberger und Elvira Bach bis zum Chichi-Satanisten H.R. Giger, dessen „intrauterine Techno-Visionen“ zwar die halbe Gruftie-Szene in die Galerie lockten, jedoch viele fromme Kulturschaffende vergraulten. Anregend war auch immer wieder Thomas Kapielski, und sei es nur als einer von vielen „Rittern im Geiste Karl Valentins“, arrangiert von Michael Glasmeier. Noch anregender gestalteten sich mit den Jahren die nachmittäglichen Sitzungen in Petersens Galeriebüro und in seiner Bibliothek.
    Dort wurde – als mit der Wende das Ende dieser ganzen Westberliner Avantgardeherrlichkeit absehbar geworden war (1990) – der „Art Brut“-Verein gegründet. Mit ihm sollte laut Satzung „Aufklärung über Außenseiter und krasse Situationen von Künstlern und deren soziale Bezüge erfolgen“. Dazu zahlten wir alle erst einmal 100 Mark Jahresbeitrag an Petersen: Das war noch billig, gemessen an dem, was er jedesmal so an Bündner Rauchfleisch und Erfrischungsgetränken auftischte. „Aber so machen wir das hier jetzt, wir bilden ein Zelle, früher hieß es eine ,rote Zelle‘, wir machen jetzt also eine ,Irren-Zelle'“, teilte Petersen der örtlichen Presse mit.

    Dummerweise vergraulte er dann bald Barbara Wien mit ihren Künstlerinnen und ihrer Buchhandlung nebenan, und dann starb auch noch sein wichtigster Mann: Oskar Huth. Der war in seinen letzten Jahren fast täglich vom „Zwiebelfisch“ (am Savignyplatz) in die Petersen Galerie (Goethestraße) gependelt: „Hier changiert mit Freimut das optische Gewissen!“ Über den „Anti-Nazi-Aktivisten“, Kunsttrinker und Klavierstimmer „Hüthchen“ (Günter Grass) wäre viel zu sagen, es gibt jedoch inzwischen zwei Bücher über ihn (eins nur im Zwiebelfisch), hier deswegen bloß soviel: „Ein Instrument ist richtig gestimmt, wenn es falsch gestimmt ist, ohne daß man es merkt. An manchen muß man den Diskant ganz anders einrichten als an anderen. Wenn man das nur mathematisch macht, dann ist der Charakter futsch.“ (O.H.)

    Petersen kannte Oskar Huth noch aus der „Leierkasten“-Zeit, wo dieser eine Zeitlang gegen Schnaps Stummfilme am Klavier betont hatte. Je besoffener Oskar wurde, desto druckreifer redete er, wie Petersen hatte er jedoch eine große Scheu vor allen Aufzeichnungsgeräten. Dennoch gelang es Kapielski 1993, als die Galerie schon in den letzten Zügen lag, beide noch vors Mikrofon zu bekommen – zum (Hauptstadt-) Thema: „Scheitern“. Ein Jahr später erschienen ihre Gespräche im Karin Kramer Anarcho-Verlag unter dem Titel „Der Einzige und sein Offenbarungseid – Verlust der Mittel“.

    Petersen hatte unterdes damit angefangen, in den Ostberliner Franz-Jung-Forschungsheften des Basisdruck-Verlags „Sklaven“ einige Kapitel seiner Biographie unterzubringen. „Bruchstücke“ seines Schröder-Sonnenstern-Buches erschienen in Rudolf Stoerts programmatischem Avantgarde-Reader „Warten“. Ein Reisebericht „nach Prinzendorf“ (zu Hermann Nitsch) zirkulierte im Freundeskreis, wozu u.a. ein Stammtisch bei „Hoek“ in der Wilmersdorfer Straße gehört. Dann wurde es langsam still um Jes: „Was ist mit Galerist Petersen, der sein ganzes schleswig-holsteinisches Gutsbesitzervermögen in die Avantgarde- Kunst stopfte? Ist er nicht genaugenommen auch ausgeraubt worden?“ fragte ich Mitte 1995 in einem taz-Text über den „gnadenlosen Savignyplatz“ – aus damals aktuellem Anlaß.

    Ein Jahr später, am 11. Juli 1996, wurde – ausgerechnet – er verhaftet, nachdem das LKA ihn sowie seinen „Schüler“, den steiermärkischen Kunstsammler und Immobilienhändler Martin Kuschnick, wochenlang abgehört hatte. Es ging um 2,5 Kilo Koks aus Südamerika, in drei Ölgemälde verpackt, die der Zoll in La Paz abgefangen hatte. Das Paket war an Petersens Galerie adressiert worden. Vor Gericht erklärte Jes am 25. November: Seine Kunst sei irgendwann aus der Mode gekommen, „dann kam noch die Maueröffnung dazu, und die Depressionen fingen an“.

    Er sei eigentlich „Weintrinker“. Hoffnung habe ihm nur noch eine „Erbtante“ gemacht. Kuschnick habe ihm dann erst einmal 85.000 Mark geliehen. Dafür habe er ihm die Galerieadresse für eine kleine Kokslieferung zur Verfügung gestellt. Kuschnick erzählte: Auch seine Geschäfte seien immer schlechter geworden und das Eintreiben der Außenstände immer
    „zäher“.

    Er habe dann immer mehr gekokst und Karten gespielt. Irgendwann habe er 60.000 Mark Schulden gehabt, die er mit der Koksbeschaffung quasi abarbeiten sollte. Neben mir auf den mit Petersen- Fans gut gefüllten Zuschauerbänken saß eine Frau namens Corinna, die immerzu nickte. In einer Verhandlungspause meinte sie: „Ich habe meine ganze Kreativität mit Koks verpufft, jetzt kann ich nur noch gut ficken!“

    Die junge, strenge Staatsanwältin sprach dann auch von „ganz erheblichen Mengen eines harten, gefährlichen Rauschgifts“. Der ebenso kunstsinnige wie drogenerfahrene Richter („Wir sind eine Rauschgift-Fachkammer“) bemängelte jedoch zum einen das Fehlen einer Koks-Qualitätsbestimmung durch das „Bezirkskommando der Sonderkräfte zur Bekämpfung des Drogenhandels in Bolivien“ und glaubte zum anderen der LKA-Abhörprotokoll-Interpretation nicht, wonach es sich beim „Art Brut Verein“ um einen Koks-Verteilring handelte. Petersens Anwalt Tommy führte aus: Sein Mandant lebe „in absolut normalen und gesicherten bürgerlichen Verhältnissen“ und sei verheiratet. Außerdem habe man im Haftkrankenhaus seine schwere Diabetes behandelt und es stehe noch eine dringende Augenoperation an.

    Am Schluß bekam Jes für versuchten Drogenimport und -handel zweieinhalb Jahre aufgebrummt, wurde jedoch erst einmal auf freien Fuß gesetzt. Kuschnick bekam drei Jahre und zwei Monate und mußte zudem, da vergleichsweise „bindungslos“, in die U-Haft zurück. Beider Rechtsanwälte gingen später in Revision. Das verschafft Petersen erst einmal noch mehr freie Luft, er hat auch in U- Haft 20 Kilo abgenommen, und dann will er mit Unterstützung von Personen des öffentlichen Lebens ein „Gnadengesuch“ einreichen: „Ich muß mich doch um Ilona kümmern!“

    Prozeßbeobachter Kapielski meinte anschließend: „Diese Gerichte sind wirklich komisch – da krempeln sie die ganzen Biographien der Leute um und suchen nach der Wahrheit, und dabei geht es eigentlich die ganze Zeit immer nur um Nicht-Knast oder Knast und wie lange.“ Mit Franziska Gräfin zu Reventlow („Der Geldkomplex“), ebenfalls aus Schleswig- Holstein stammend, ließe sich dazu anmerken: Mit zwei Millionen und beispielsweise 600.000 Mark wäre Petersen mehr geholfen gewesen.

  5. Über den o.e.Will-Frieden:

    Unter den Verkäufern der Obdachlosenzeitungen gab es mal einen, der besonders cool und charmant war. Später sah ich ihn vor dem Sporthaus in der Schönhauser Allee auf einer Bank sitzen und Dosenbier trinken. Er besaß einen 2CV-Anhänger, der auf dem Gehweg parkte. Und dieser war voll mit Exemplaren des Eichborn-Buches „Vogelfrei“, in dem seine Lebensgeschichte stand – aufgeschrieben von einer reichen Wienerin namens Friederun Pleterski.

    Eines Abends kaufte ich ihm ein Buch ab, was ihn sehr erfreute, weil er Pleite war: Er war gerade dabei, seine neue Wohnung überm Sporthaus zu renovieren – und zwar sehr aufwändig und teuer. Wie ich dann aus „Vogelfrei“ erfuhr, war das schon immer eine Macke von ihm gewesen. Der 1952 geborene Will-Frieden wuchs in einer sächsischen Kneipe auf und lernte später Kellner. Er arbeitete in den besten Restaurants und Hotels der DDR. 1975 wurde er fälschlicherweise als Republikflüchtling denunziert und kam für drei Monate in den Knast, anschließend durfte er nur noch in Billiglokalen kellnern. Er landete in der Transitgaststätte am Hermsdorfer Kreuz: „Eine miese Maloche! Aber es gab Westgeld.“ Er verdiente dort 500 Mark Ost plus 1.000 Mark West im Monat – und fuhr bald einen Dacia R12.

    Während eines Urlaubs in Rumänien schwamm er eines Nachts durch die Donau rüber nach Jugoslawien. In Belgrad meldete er sich bei der BRD-Botschaft. Die schickten ihn nach Gießen. Von dort rief er als Erstes beim Hotel Dornbusch auf Hiddensee an, wo sein Freund, der Oberkellner Lutz, arbeitete. „Ich hab solches Heimweh“, gestand er ihm. Um der DDR näher zu sein, zog Will-Frieden nach Westberlin. Auch hier kellnerte er, aber „ich betrog nicht mehr, ich machte Geschäfte“. Bei einer Gewerkschaftsbossfeier und vielen 100 Sektflaschen machte der Verlust von einer Kiste Sekt „gar nichts aus“. Und dann schaffte es auch sein Freund Lutz in den Westen. Gemeinsam machten sie einen Ausflug nach Hiddensee – über Kopenhagen: und wurden sofort verhaftet.

    Im Knast meditierte er und beschäftigte sich mit Gott: „Das Zuchthaus war meine göttliche Prüfung.“ Nach 15 Monaten wurde zwar sein Auto als „Fluchtfahrzeug“ einbehalten, er selbst jedoch in den Westen abgeschoben. Dort fasste er dann einen Entschluss: „Mein Leben sollte ein einziger Urlaub werden.“ Mit Fahrrad und Cockerspaniel fuhr er Richtung Frankreich. Unterwegs führte er Tagebuch. Fünf Jahre lang kam er mit fünf Mark am Tag aus. In Spanien nannten sie ihn „Sport-Billi“. Dort hatte er dann nur noch einen Wunsch: „Berlin, mein Berlin“. Irgendwann trampte er dorthin – mit einer Ente unterm Arm. In Westberlin fing er an, sich nach dem Osten zu sehnen, er „vermisste“ als Kommunist „das Gute am System drüben“. Stattdessen fuhr er nach Teneriffa, wo er das Herstellen von Masken aus Marmorat lernte, die er an Touristen verkaufte. Das tat er anschließend auch in Westberlin auf dem Flohmarkt, wo man ihn „Masken-Willi“ nannte. Der Flohmarkt-Chef Wewerka „schloss ihn bald in sein Herz“, aber es zog ihn wieder fort. Diesmal mietete er eine Hütte auf einem Berg in Kärnten, baute Gras an und konstatierte dort schließlich: „Ich habe eine hohe Lebensqualität erreicht.“

    Dann fiel jedoch die Mauer – und Willi hielt im Westen nix mehr. In Ostberlin angekommen, fühlte er sich sofort wieder heimisch: „Hier war alles so relaxed und ostisch!“ Beim Kiffen sagte ihm eine Stimme: „Deine DDR braucht dich! Jetzt geht es ans Eingemachte.“ Erst mal beteiligte er sich an einer „Werbefahrt für die SED“ und schrieb einen Artikel für das ND: „Die guten Kommunisten, sie wollten mich“. Im ZK war allerdings „die Stimmung auf dem Nullpunkt. ,Ihr dürft nicht alles über Bord werfen, Kinder‘, sagte ich zu den Genossen.“ Er bekam von ihnen Geld, einen Wagen mit Chauffeur und fuhr durch die DDR, um sämtliche SED-Kreisleitungen auszuräumen – bevor die Wessis das Zeugs abgriffen. Damit war er eine Weile beschäftigt, dann bekam er als „Verfolgter des SED-Regimes“ eine gute Rente und bezog die o. e. Wohnung in der Schönhauser Allee, wo er oft auf der Bank vor der Tür saß.

    Saß – denn seitdem das Sporthaus dichtmachte und ein „Balzac Coffee“-Laden dort einzog, sitzt er nicht mehr da. Auch sein 2CV mit Anhänger ist verschwunden und ebenso seine zwei Hunde. Er ist damit auf die Krim gezogen und hat sich eine kleine Pferdefarm dort gekauft.

  6. Else Schlüter:

    Es leben noch genug 89er in Prenzlauer Berg. Seitdem vorschnell einige Aktivisten (Lothar Feix, Bernd Holtfreter…) und Kneipen (Torpedokäfer) gestorben sind, ist es allerdings etwas stiller um diese Scene geworden. Immerhin gibt es ihre Periodika noch: Gegner, telegraph, Myriapoda, Tortour. Und gute Veranstaltungen (im Beiz z.B.), runde Stammtische (im Walden und im Bötzow-Antiquariat), schöne Erfolge (Kaffee Burger, Russendisko, Arbeitsforscher Engler, Theaterphilosoph Guillaume Paoli…), es sind sogar noch einige revolutionär Gesinnte aus dem Ausland zugezogen.Das Leningrad-Wien-Duo Brenner/Schurz und die FAU zum Beispiel. So ist es also nicht.Auch der mit seiner Stalinverfolgtenrente gut ausgestattete Will-Frieden Sabelius Frach, der sich auf eine Pferdefarm und zu einer einheimischen Pferdewirtin auf der Krim zurückgezogen hatte, ist wieder in den Prenzlauer Berg zurückgekehrt, wo er in weiser Voraussicht seine Wohnung behalten hatte. Auch der Horno-Aktivist Michael Gromm lebt – nachdem die letzte Schlacht um Horno: vor dem obersten Verwaltungsgericht geschlagen worden war – wieder im Viertel.