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vonHelmut Höge 27.04.2008

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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So nennt der Gräzist Gerhard Baudy unseren Balkensepp – in seinem Aufsatz „Zum Brotessen verdammt – durch Brot erlöst“. In den altmediterranen Ackerbaukulten gab es jedoch auch schon vor Jesus solche Brotgötter:

„So offenbarte etwa das Enthüllen einer Getreideähre denen, die sich in die eleusinischen Mysterien einweihen ließen, das größte aller Geheimnisse. Wir wissen das nur, weil der Kirchenvater Hippolytos dieses ‚unsagbare‘ Mysterium ausplauderte in der Absicht, sich über die Banalität des heidnischen Konkurrenzkults lustig zu machen. Derselbe Autor teilt uns auch mit, dass die vom Hierophanten unter heiligem Schweigen emporgehaltene Ähre ein männliches göttliches Kind repräsentierte, das von der Ackerbaugöttin geboren worden sei.“

Von der frühgriechischen Gemeinschaft über den christlichen Brotgott bis zum Kommunismus bleibt dieses „Geheimnis“ das selbe. So entwickelt Friedrich Engels in seinem Buch „Die Dialektik der Natur“ (S. 126ff) das größte Geheimnis des Marxschen Materialismus – nämlich die Dialektik – just am Beispiel der Entwicklung des Gerstenkorns. Stalin machte aus der Gerste später Weizen – als er uns die immer und überall währende Gültigkeit der Dialektik verklickerte. Es geht beiden um das Umschlagen von Qualität in Quantität und die wiederum in Qualität usw.
Der Gräzist Gerhard Baudy schreibt an anderer Stelle:

„Im Bewusstsein der Antike manifestierte sich die Analogie zwischen Mensch und Getreidepflanze in einer Vielzahl gegenseitiger Übertragungen: Wie das Getreide galt der Mensch als Kind der Erdmutter; pflanzengleich ihrem Schoß entsprungen, lernte er nach ihrem Vorbild, sowohl Kinder zu zeugen und zu gebären als auch pflanzliche Nahrung mit dem Pflug zu produzieren. Das griechische Wort für den Getreidesamen, Sperma, diente zugleich als Metapher für den männlichen Samen. Der Pflug galt als künstlicher Phallos, das männliche Genital umgekehrt als Pflug. Im athenischen Hochzeitsritus übergab der Brautvater dem Schwiegersohn seine Tochter formelhaft ‚zur Einpflügung legitimer Kinder‘. Der Schoß der Jungfrau war das Analogon des jungfräulichen Landes, das durch den Pflug urbar gemacht und kultiviert wurde. Same hieß auch das neugeborene Kind. Man legte es wie geerntetes Getreide in eine zum Reinigen der Körner benutzte Schwinge, die Urform der Kinderwiege.“

Für Michel Serres ist der Pflug ein „Opfermesser“, mit dem alles kurz und klein geschlagen wird, die ganze chaotische Vielfalt, um hernach auf dem sauber geeggten Geviert die Homogenität zu zelebrieren, zu züchten:

„Wenn die Wut des Messers sich gelegt hat, ist alles bearbeitet: zu feinem Staub. Geeggtt. Auf die Elemente zurückgeführt. Analyse oder: Nichts ändert sich, wenn man von der Praxis zur Theorie übergeht. Agrikultur und Kultur haben denselben Ursprung oder dieselbe Grundfläche, ein leeres Feld, das einen Bruch des Gleichgewichts herbeiführt, eine saubere, durch Vertreibung, Vernichtung geschaffene Fläche. Eine Fläche der Reinheit, eine Fläche der Zugehörigkeit…Der Bauer, der Priester, der Philosoph. Drei Ursprünge in drei Personen in einer einzigen Verrichtung im selben Augenblick.“

An anderer Stelle schreibt Michel Serres:

„Es ging nicht darum, die Erde durch Bearbeitung fruchtbar zu machen, es ging um Ausmerzen, Unterdrücken, Vertreiben, es ging um Zerstören, das Pflugmesser ist ein Opfermesser“.

Und weil das so ist, deswegen dürfen wir unsere Pausenbrote nicht einfach auf den Müll werfen, müssen wir das Brot ehren.

Dem gegenüber beginnt der Film „We Feed the World“ mit Müllwagen, die morgens durch Wien fahren und alles am Vortag nicht verkaufte Brot in den Supermäkten einsammeln – um es zu vernichten. Hunderte von Tonnen täglich, derweil die Weizenanbauer immer mehr Hektar unter den Pflug nehmen müssen, um über die Runden zu kommen, wie man so sagt.

In Hessen hat man sich jetzt darüberhinaus noch was einfallen lassen: Dort wollen die Bauern ihren „überschüssigen Weizen“ in Bio-Kraftstoff umwandeln.

Während der Hungersnot infolge des russischen Bürgerkriegs schrieb Ossip Mandelstam ein Gedicht mit dem Titel „Schöner Brotteig“. Nikolai Bucharin hatte ihm versprochen, es auf die Seite 1 der Prawda abzudrucken – und so geschah es dann auch.

Schöner Brotteig, langsam ist er

Aufgegangen, wächst und wächst,

Und es tobt vor lauter Hitze

Schon der Hausgeist wie behext.

So als würden Brot-Sophien

Auf dem Tisch der Cherubim

Glutvoll rundgegossen ihre

Kuppeln in die Höhe ziehn.

Dass gewaltsam oder zärtlich

Wunderbar Gewicht auftreibt,

Greift die Zeit – der Königshirte

Sich das Wort: als runden Laib.

Dürrer Stiefsohn dieser Zeiten

Findet endlich seinen Platz –

Den zu früh geholten Broten

Als ein Zustück mitverpaßt.

Übersetzt hat dieses Gedicht der eher fleißige als begeisternde Schweizer Ralph Dutli, der dazu anmerkt, dass die Korn-Metapher  bei Ossip Mandelstam („Das Korn des tiefen, vollen Glaubens“) Teil eines für den Dichter zentralen Korn/Weizen/Brot-Metapherngefüges mit neutestamentlichem Ursprung ist. Konkret zum Gedicht „Schöner Brotteig“ merkt Dutli an: Religiöse Symbolik und die poetologische Brot-Metapher greifen hier ineinander.
In „Das Wort und die Kultur“ schreibt Ossip Mandelstam 1921:

„Es heißt, der Grund für die Revolution sei der Hunger in den interplanetarischen Räumen. Man müßte Weizen ausstreuen in den Äther! Die klassische Poesie ist die Poesie der Revolution.“

In der DDR-Ossip-Mandelstam-Ausgabe, von Fritz Mierau herausgegeben, fehlt dieser letzte Satz wie auch so manches andere, dafür sind Mandelstams Gedichte und Texte jedoch durchweg besser übersetzt als in den vollständigeren BRD-Ausgaben seiner Werke.

Ralph Dutli merkt zu dem im Band „Über den Gesprächspartner“ abgedruckten Europa-Essay „Menschenweizen“ (1922) an: Im Zusammenhang mit den russischen Kathedralen („Kornspeicher“) verwendet Ossip Mandelstam das „Korn“ als Bild für Spiritualität. Im „Hufeisenfinder“ (1923) schreibt Ossip Mandelstam:

„Was ich jetzt sage, sage nicht ich,/

Es ist ausgegraben aus der Erde,

Körnern gleich von versteinertem Weizen.“

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/04/27/der-brotgott/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Das Brot – ganz unmetaphorisch:

    Statt von der Weizenproduktion auf das neue Testament zu kommen, wie Ossip Mandelstam, kann man auch von dieser Warenproduktion auf den Fetischcharakter der Waren und des Geldes kommen – wie es Alfred Sohn-Rethel vorexerziert hat. Es ging ihm dabei um eine Analyse unserer warenproduzierenden Gesellschaft, „in der ein Stück Brot, das einer ißt, den anderen nicht satt macht“.

    Und diese Gesellschaft, die entwickelte sich etwa um 500 vor Chr. in Ionien – mit den ersten Münzprägungen, die bereits damals die ganze vorangegangene Gesellschaft zerstörten, atomisierten.

  • taz Berlin lokal

    Zum Abschluss der Reihe „Neuer deutscher Film zwischen 1970 und 1980“ im Filmmuseum Potsdam dürfen heute Bernd Tauber und Günther Lamprecht nochmals in „Das Brot des Bäckers“ mit den Vorzügen von handgemachten Backwaren gegen die Supermarktkonkurrenz antreten. Dabei konnte Regisseur Erwin Keusch als Bäckersohn auch eigene Erfahrungen in seinen Film einarbeiten. Bei der Vorführung im Filmmuseum wird er zu Gast sein.
    „Das Brot des Bäckers“: Filmmuseum Potsdam

  • Zur Brotgeschichte

    Ein Lob der Hefe
    VON CAROLA RÖNNEBURG, taz. v. 22.3. 2008

    Wenn Lebensmittel sich heimlich verändern, heißt das meist nichts Gutes. Graue, pelzige Beläge, das weiß die Menschheit seit tausenden von Jahren, signalisieren Fäule und Ungenießbarkeit; genau wie eine matschige Konsistenz unter einfallender brauner Hülle. Es ist daher umso erstaunlicher, dass die Ägypter einen solchen Wandel vor tausenden von Jahren nicht nur zuließen, sondern auch noch beförderten: Den Ägyptern verdankt die Welt das Brot.

    Sowohl die Griechen als auch die Römer verarbeiteten Getreide nach Art ihrer Vorväter, indem sie es mahlten, rösteten und mit Wasser versetzten. Diese Mischung wurde gegessen, aber auch über dem offenen Feuer gebacken – man kannte allein „Brei und Fladen, Fladen und Brei“, wie der Kulturhistoriker Heinrich Eduard Jacob 1944 in seinem Klassiker „Sechstausend Jahre Brot“ schrieb. Dass es in der Alten Welt kein einziges Mal zu einem Gärungsprozess in der Fladenmasse gekommen wäre, ist mehr als unwahrscheinlich. Hefepilzsporen lagen auch hier in der Luft und besiedelten willkommenen Nährboden, sie machten sich über den Zucker her und spalteten ihn in Kohlensäure und Alkohol. Allerdings müssen Griechen und Römer den auf- beziehungsweise angehenden Brotteig konsequent fortgeworfen haben, sonst hätten auch diese Kulturen bald darauf die Backofenmaurerei fortentwickelt. „Vom Brei, nicht vom Brot haben die Römer ersichtlich lange Zeit gelebt“, schrieb dazu Plinius.

    Die Gärung an sich war bekannt und beliebt: Auf die Weinherstellung, die vermutlich in Mesopotamien ihren Anfang nahm, verstand man sich überall, wo Trauben wuchsen. Die Eroberungsfeldzüge der Römer sorgten zusätzlich für eine weite Verbreitung des Weinanbaus in Europa, da die Legionäre mit Wein verpflegt wurden und auch gut beraten waren, dieses Getränk gesundheitsgefährdendem, weil bakteriell belastetem Wasser vorzuziehen – eine Maßnahme, die noch lange fortbestand und auch den mitteleuropäischen Bierkonsum erklärt.

    Was Traubensaft dazu brachte, Geschmack und Wirkung zu produzieren, wusste niemand. Saccharomyces cerevisiae, der einzigartige Hefepilz, war noch unsichtbar. Die heute Wein-, Bier- oder Bäckerhefe genannte Art ist zu besonderen Leistungen fähig: Sie kann mit oder ohne Sauerstoff leben, es ist ihr gleich. Damit unterscheidet sie sich von der Mehrheit aller Lebewesen. Entweder nämlich sind diese auf Sauerstoff angewiesen – wie die Mehrheit der Tiere und Pflanzen – oder aber hoch allergisch gegen Sauerstoffzufuhr. Vielen Bakterien bekommt Frischluft überhaupt nicht.

    Die Weinhefe macht das Beste aus jeder Lebenslage. Von Sauerstoff umgeben, macht sie aus ihren Mahlzeiten Kohlendioxid sowie Wasser und vermehrt sich fleißig ungeschlechtlich; ohne Sauerstoff produziert sie Kohlendioxid und Ethanol, also Alkohol. Im luftleeren Raum bilden die Hefemutterzellen weniger Sprosszellen, aber für ein Fortbestehen reicht es allemal.

    Für die Weinherstellung sind diese Bedingungen deshalb interessant, weil man sich die beiden Zustände zunutze macht. Erst lässt Sauerstoff die Hefen wachsen, dann schnürt man ihnen die Luft ab – die kleinen Helfer der Winzer müssen sich folglich darauf verlegen, Ethanol herzustellen. Jedenfalls so lange, bis der Alkoholgehalt im Traubensaft so hoch ist, dass die Zellen nicht mehr wachsen. Die Unterabteilungen von Saccharomyces cerevisiae, sogenannte Rassen, zeigen sich dabei unterschiedlich standfest: Manche Heferassen geben erst bei einer Alkoholkonzentration von 18 Prozent auf, anderen reichen 10 Prozent.

    Dass nicht etwa chemische Reaktionen, sondern lebendige Organismen für Gärung verantwortlich sind, entdeckte der Mensch recht spät. Der Holländer Antoni van Leewenhoek, ein begnadeter Linsenschleifer und leidenschaftlicher Mikroskopist des 17. Jahrhunderts, hatte zwar allerlei animacules, wie er sie nannte, unter 270facher Vergrößerung entdeckt, darunter Hefen und Bakterienformen, doch nahm er seine Schleiftechnik mit ins Grab. Etwa 70 Jahre später bewies der französische Chemiker Antoine Laurent de Lavoisier das Prinzip der alkoholischen Gärung, die jedoch weiterhin als chemischer Prozess galt. Ruhm und Ehre für die Hefepilzentdeckung wurden Louis Pasteur zuteil, der 1856 mit dem Ergebnis einer langwierigen Rübensaftuntersuchung aufwartete. Auf Bitten eines Alkoholfabrikanten hatte sich der Chemiker mit der Frage beschäftigt, wann und warum aus Rübensaft keine berauschende, sondern ein essigsaure Suppe entstand. Unter dem Mikroskop entdeckte Pasteur Kugeln und Stäbchen – und fand so heraus, wie sich einerseits die kugeligen Hefen vermehrten und andererseits die stäbchenförmigen Bakterien einen vielversprechendenden Alkoholansatz mittels Säureproduktion ruinierten.

    Mit der Entdeckung und Sichtbarmachung der Hefen geht leider auch ihre gezielte Zucht einher. Heute verwenden Alkoholproduzenten, insbesondere Winzer, sogenannte künstliche Hefen – dressierte Mikroorganismen, die ihre Arbeit hervorragend erledigen, aber nach Auffassung mancher Weinbauern zu schnell und zu rabiat vorgehen. Weiterhin träumt die Nahrungs- und Futtermittelindustrie davon, mittels Hefen und anderen Pilzen kostengünstig Proteine herzustellen.

    Schon im Ersten Weltkrieg gab es Versuche in Deutschland, Hefen in großem Maßstab auf Melasse herzustellen, später sollten Hefen auf jeglicher Form von Abfällen wachsen, ob diese nun in der Papierindustrie, in der Gemüseverarbeitung oder im Schlachthof anfielen. Allerdings sind Pilze eben nicht leicht verdaulich – der hohe Nukleinsäuregehalt macht Mensch und Tier Schwierigkeiten. Die Säure herauszufiltern verteuert die Produktion – der Großeinsatz von Hefen steht aus diesem Grund noch bevor.

    Von all diesen Anwendungsgebieten wussten die Ägypter nichts. Sie wagten es nur, ein Angebot der Natur wahrzunehmen und auszuprobieren, was passiert, wenn man einen grundlos aufgeblähten, zähen Brei von allen Seiten ordentlich erhitzt. Man sollte ihnen und den späten Forschern endlich ein Denkmal setzen – vielleicht in Form einer winzig kleinen Kugel, die von den Betrachtern unter einem dauerhaft installierten Mikroskop bewundert werden kann. Vielleicht täte es aber auch ein hübscher Steinofen.

  • 5 Millionen Dollar für ein Brot

    AUS HARARE SHAKEMAN MUGARI, taz v. 29.3.2008

    Robert Mugabe ist wütend. Auf einer seiner letzten Wahlkampfkundgebungen beschimpft Simbabwes Präsident seine Gegner als „Marionetten Großbritanniens“. Er schüttelt die geballte Faust und ruft: Niemals werde er erlauben, dass die Opposition an die Macht kommt.

    Vor fünf Jahren hätten seine Zuhörer, in Bussen herangekarrte Landbewohner aus dem Umland der Hauptstadt Harare, solche Kampfaussagen noch mit wildem Gejohle unterstützt. Jetzt blicken die Menschen ihn einfach entgeistert an. Die Stimmung in Simbabwe vor der Präsidentschafts- und Parlamentswahl an diesem Samstag hat sich gedreht. Mugabe steht vor der größten politischen Herausforderung seiner Karriere: Er könnte verlieren.

    Am anderen Ende der Hauptstadt hat Nomsa Ncube große Mühen, ihren Platz in der Schlange vor dem „OK Supermarket“ zu halten. Sie hat ein Baby auf dem Rücken und eine Tüte voller Geldscheine in der Hand. Nun drängelt sie sich mit hunderten von Menschen, die alle gehört haben, in der Nacht sei Maismehl angeliefert worden.

    „Ich muss hier rein, oder meine Familie hungert“, sagt die 34jährige Hausfrau und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Ihr Baby auf dem Rücken brüllt. Zu Hause hat sie noch vier weitere Kinder, die nichts zu essen haben. Ihre Hände und Füße sind voller Risse und Schwielen. Sie ist 15 Kilometer zu Fuß gegangen, um hier einzukaufen. Simbabwes Läden sind heutzutage meist leer, Nahrungsmittel sind eine Seltenheit geworden.

    Mugabe ist schuld, lautet die einhellige Meinung der Menschen vor dem Supermarkt. „Das alles wäre nicht so gekommen, wenn die letzte Wahl vor fünf Jahren nicht gefälscht worden wäre“, sagt ein Mann. „Dieses Mal gibt es keine andere Wahl: Mugabe muss weg.“

    Mugabe muss weg: Diesen Satz hört man überall, in Bars, aber auch auf Trauerkundgebungen. Denn es wird viel gestorben in Simbabwe, seit die Wirtschaft zusammengebrochen ist. Früher ernährte Simbabwes Landwirtschaft das südliche Afrika; seit drei Jahren – infolge der Enteignung der weißen Großfarmer – ist das Land auf Lebensmittelimporte angewiesen, die die Regierung nicht bezahlen kann.

    Simbabwe hat die höchste Inflationsrate der Welt, über 100.000 Prozent – Hyperinflation, in der die Preise sich täglich verändern und Geldscheine nichts mehr wert sind. Der Simbabwe-Dollar, bei der Unabhängigkeit 1980 auf Parität mit seinem Gegenstück in den USA, steht nun bei 45 Millionen zu einem US-Dollar. Die Arbeitslosenquote liegt bei 82 Prozent. Seit 1999 ist die Wirtschaft um 60 Prozent geschrumpft. Über 3,5 Millionen Simbabwer – ein Viertel der früheren Bevölkerung – sind ausgewandert, vor allem nach Südafrika. Ein Laib Brot kostet 15 Millionen Dollar, das monatliche Durchschnittsgehalt für die Minderheit, die Arbeit hat, beträgt 400 Millionen Dollar, rund 6 Euro.
    Verbündeter wird Konkurrent

    Bei den Wahlen muss sich der 84jährige Präsident nun nicht nur gegen seinen traditionellen Widersacher Morgan Tsvangirai, den Führer der größten Oppositionspartei MDC, behaupten. Mugabe wird diesmal auch aus den eigenen Reihen herausgefordert. Simba Makoni, ehemaliger Finanzminister, hochrangiges Mitglied der Regierungspartei ZANU/PF und bis vor kurzem ein Vertrauter des Präsidenten, tritt als Unabhängiger gegen Mugabe an. Das könnte ihn die Wiederwahl kosten.

    Seitdem Makoni Anfang Februar angekündigt hat zu kandidieren, haben mehrere ehemalige Anhänger Mugabes ihm ihre Unterstützung zugesichert. Der bekannteste ist Dumiso Dabengwa, während des Befreiungskrieges gegen die weiße Minderheitsherrschaft in den 70er-Jahren Chef des ZANU-Geheimdienstes. Medienberichten zufolgen unterstützt die Mehrheit der Führungsriege der Regierungspartei insgeheim Makoni, sogar Vizepräsidentin Joyce Mujuru und ihr noch mächtigerer Ehemann Solomon Mujuru.

    Grund dafür ist, dass viele hohe ZANU/PF-Führer davon ausgingen, Mugabe werde dieses Mal nicht noch einmal antreten, sondern den Weg zu einer Verjüngung freimachen. Als er seine Kandidatur ankündigte, sagte Makoni, er sei einer von vielen, die enttäuscht wären, dass Mugabe unter Bruch der parteiinternen Regeln erneut Präsidentschaftskandidat geworden sei.

    Die wichtigste Folge des Bruchs innerhalb der ZANU/PF: Der staatliche Einschüchterungsapparat, der bei früheren Wahlen die Opposition knebelte und Mugabe den Sieg sicherte, funktioniert diesmal nicht. Es sind keine militanten Jugendmilizen mehr zu sehen, die mit aggressivem Auftreten den Wahlkampf der Opposition verhindern und die Wähler bedrohen. Die militante Parteibasis beschränkt sich darauf, Teilnehmer zu Mugabes Wahlkundgebungen einzusammeln.

    So wittern Mugabes Gegner jetzt Morgenluft. Tsvangirais Wahlkampfveranstaltungen haben Zulauf wie selten. „Mugabe muss weg“, sagt er auf seinen Kundgebungen. „Er sollte jetzt gehen, denn er ist eine Last für das Land geworden. Seine Partei hat geholfen, das Land zu zerstören.“ Vor allem die Armen kommen zu seinen Kundgebungen. Makoni zieht dagegen eher das obere Ende der gebildeten städtischen schwarzen Mittelklasse an, die eigentlich Teil des Establishments ist, aber den Niedergang ihres Landes unter Mugabe nicht weiter mittragen möchte.

    Eine Meinungsumfrage des respektierten „Mass Public Opinion Institute“ gibt Oppositionsführer Tsvangirai 28,3 Prozent, Mugabe 20,3 Prozent und Makoni 8,6 Prozent – die anderen weigerten sich, ihre Wahlabsichten zu nennen, hatten sich noch nicht entschieden oder wollten nicht zur Wahl gehen.

    Um die Wahl am Samstag zu gewinnen, muss Mugabe die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinen. Sonst gäbe es innerhalb von drei Wochen eine Stichwahl – zum ersten Mal in der Geschichte des Landes. „Niemand wird auf 51 Prozent kommen, und eine Stichwahl ist so gut wie sicher“, sagt MPIO-Direktorin Eldred Masunungure. „Und keine Partei wird eine Zweidrittelmehrheit in den beiden Parlamentskammern erhalten.“

    Bei einer Stichwahl, so die Politikprofessorin weiter, dürfte Mugabe verlieren. „Alles deutet darauf hin, dass Tsvangirai in der zweiten Runde durchkommt. Mugabes größtes Problem ist der Zustand, in den er die Wirtschaft gebracht hat.“

    In der Stichwahl, so erwarten alle Beobachter, wird Mugabe isoliert sein; Makoni wird sich für Tsvangirai aussprechen und den ihm ergebenen Teil der Regierungspartei ZANU/PF dazu bringen, für den Oppositionsführer zu stimmen. Mit einem Wahlsieger Tsvangirai, der seinen Sieg Teilen der ZANU/PF verdankt, wäre der bisherigen Regierungspartei Einfluss auch nach einem Machtwechsel sicher. Denn bei den Parlamentswahlen, die gleichzeitig mit der Präsidentschaftswahl stattfinden, hat Makoni nur in einem Drittel der 210 Wahlkreise Kandidaten aufgestellt. In den anderen ruft er zur Wahl der ZANU/PF auf. Sein Ziel ist es, Mugabe loszuwerden, ohne seine Partei insgesamt in den Abgrund zu stürzen.

    Doch je näher dieses Szenario rückt, desto größer wird die Angst der Opposition, Mugabe könnte sich mit massiver Wahlfälschung an der Macht halten. 2002 gewann er mit einem Vorsprung von 400.000 Stimmen, auch damals hatte es Berichte über massive Fälschung gegeben. Die Opposition klagte gegen das Ergebnis, das Urteil steht immer noch aus.

    Tsvangirais Partei MDC fürchtet, dass sich das diesmal wiederholt. MDC-Sprecher Chamisa weist darauf hin, dass die Wahlkommission für 5,9 Millionen registrierte Wähler neun Millionen Stimmzettel gedruckt hat. „Sie hat auch nicht erklärt, warum es 600.000 Briefwahlstimmen gibt, obwohl nur 20.000 Menschen die Briefwahl beantragt haben. Man sieht deutlich, dass die Fälschungsmaschinerie schon angelaufen ist.“ Außerdem gebe es, wie schon beim letzten Mal, viel mehr Wahlbüros in Mugabes ländlichen Hochburgen als in den oppositionsnahen Städten.

    Wahlkommissionssprecher Shupikai Mashireni weist die Vorwürfe zurück. „Das ist bloß Wahlkampf. Die sollten konkrete Beweise vorlegen“, sagt er.

    Kein Geringerer als Jonathan Moyo, ehemaliger Chefpropagandist des Präsidenten und Exinformationsminister, ist der Ansicht, dass in der herrschenden Elite des Landes „die Panik über Tsvangirais Schub“ wachse. Mugabe versucht nun, in letzter Minute Wähler für sich zu gewinnen. Er hat über 4.000 Traktoren an Kleinbauern verschenkt, auf seinen Kundgebungen verteilt er Lebensmittel und Computer und sagt, wer die Opposition wählt, „verschwendet seine Zeit“. Die Beamten und Sicherheitskräfte haben gigantische Gehaltserhöhungen erhalten, und die Opposition ist vom einzigen, staatlich kontrollierten Fernsehsender ausgeschlossen.
    Aufruf zum Ungehorsam

    Vor zwei Wochen verkündeten die Kommandeure von Armee, Polizei und Strafvollzug, sie würden niemandem salutieren, der nicht im Befreiungskrieg aktiv gewesen sei – ein klarer Hinweis, dass sie weder Tsvangirai noch Makoni als Präsidenten akzeptieren werden. Man könne nicht zulassen, dass „eine Marionette“ Simbabwe regiert, sagte letzte Woche Polizeichef Augustin Chihuri. Armeechef Constantine Chiwenga erklärte, die Armee werde „niemanden unterstützen außer Mugabe, der viele Opfer für das Land gebracht hat“.

    Wird über Simbabwes zukünftigen Präsidenten also letztendlich in den Kasernen entschieden? Die „Nationale Verfassungsversammlung“, ein Oppositionszusammenschluss für politische Reformen, hat an Soldaten und Offiziere appelliert, sich Befehlen ihrer Kommandeure zu widersetzen, falls diese einen Machtwechsel nicht hinnehmen wollen. „Eure Kommandeure haben gesagt, sie würden niemandem folgen außer dem jetzigen Präsidenten, aber es ist dieser Präsident und seine Elite, die euer und unser aller Leben ins Elend gestürzt haben. Verweigert euch den Befehlen eurer Kommandeure, legt die Waffen nieder und schart euch hinter das simbabwische Volk, um Wiederaufbau und Entwicklung zu fördern.“

    Der Autor ist Wirtschaftsredakteur bei Simbabwes führender Wochenzeitung „Zimbabwe Independent“

  • Brospekulanten

    noch ein Artikel aus Le Monde Diplomatique (9.5.2008) – von Serge Halimi:

    er Internationale Währungsfond (IWF) und die Welthandelsorganisation (WTO) versprachen einst, die Ausweitung des internationalen Handels werde dazu beitragen, Armut und Hunger zu beseitigen. Wollten sie den Anbau von Nahrungspflanzen fördern? Waren sie für Nahrungsmittelautarkie? Nein, man hielt sich für schlauer: Die armen Ländern sollten die lokale Landwirtschaft aufgeben und für den Export produzieren. Mexiko oder die Philippinen sollten nicht etwa darauf setzen, dass ihre Natur den Anbau von Tomaten und Ananas begünstigt, sondern auf ihre Produktionskosten, die niedriger sind als in Florida oder Kalifornien.

    Der Bauer in Mali sollte sich hinfort darauf verlassen, dass die internationalen Getreidekonzerne für sein täglich Brot sorgen. Er sollte sein Land aufgeben und in die Stadt gehen, um in einer „westlichen“ Fabrik zu arbeiten, die von der Produktion in einem Billiglohnland profitiert. Für die Küstenstaaten Afrikas lautete das Konzept, dass sie ihre Auslandsschulden abtragen können, indem sie ihre Fischereirechte an die reichen Länder mit ihren industriellen Fangflotten veräußern. Anschließend kann der Fischer in Guinea ja dänische oder portugiesische Fischkonserven kaufen. Paradiesische Marktverhältnisse also, vor allem für das Vermittlergewerbe: für Vertriebs- und Exportfirmen, Versicherer und Werbeagenturen.

    Doch plötzlich verkündet die Weltbank, die das alte Entwicklungsmodell verordnet hatte, dass in 35 Ländern Hungerrevolten drohen. Und die WTO ist alarmiert über die Gefahr einer Rückkehr zum Protektionismus, denn sie sieht mit Sorge, wie Nahrungsmittelexportländer (wie Indien, Vietnam, Ägypten, Kasachstan) ihre Auslandslieferungen einschränken, um – wie unverschämt! – die Ernährung der eigenen Bevölkerung sicherzustellen.

    Jene Staaten, die auf Anraten von Weltbank und IWF ihre Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln geopfert haben, können heute nicht einmal mehr über ihre eigene Ernte verfügen. Immerhin hat ihnen die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) bereits ausgerechnet, dass sich ihre Getreideimporte jährlich um 56 Prozent verteuern werden. Die FAO fordert daher für ihr Welternährungsprogramm (WFP), das 73 Millionen Menschen in 78 Ländern unterstützt, eine Aufstockung um 500 Millionen Dollar.

    Diese Forderung gilt offenbar als übertrieben. Bislang wurde dem WFP nur die Hälfte der zusätzlichen Mittel bewilligt. Dabei bettelt die WFP-Leitung nur um einen Betrag, den ein paar Stunden Irankrieg verschlingen, oder um ein Promille dessen, was die US-Hypothekenkrise den Bankensektor kostet, dem der Staat übrigens großzügig unter die Arme greift. Oder noch anders gerechnet: Das WFP bittet für sechs Millionen hungernder Menschen um 13,5 Prozent der Summe, die der Hedgefondsmanager John Paulson verdient hat, weil er klugerweise voraussah, dass in den USA hunderttausende Immobilienbesitzer in die Schuldenfalle rasseln würden.

    Auch beim Thema Hunger weiß niemand im Voraus, wie profitabel die bevorstehenden Hungersnöte sein werden und für wen. Aber in dieser Welt lässt sich alles zu Geld machen.

    Nachdem die US-Zentralbank mit ihrer Geldpolitik schon die IT-Blase aufgepumpt hatte, animierte sie zu noch mehr Schulden. Das Ergebnis war die Immobilienkrise. Nachdem auch diese Blase geplatzt ist, haben die Spekulanten ein altes Eldorado neu entdeckt: die internationalen Getreidemärkte. Die umfangreichen Termingeschäfte auf Weizen und Reis, die derzeit abgeschlossen werden, zeigen, dass die Spekulanten hoffen, ihre Verträge später mit Gewinn verkaufen zu können. Das bedeutet natürlich höhere Preise – und mehr Hunger in der Welt. Und was tut der IWF, der nach Meinung seines Generaldirektor über die „weltbeste Mannschaft von Ökonomen“ verfügt? Er verkündet: „Ein Mittel, um das Probleme des Hungers zu lösen, ist die Ausweitung des internationalen Handels.“

    Wie schrieb der Musiker und Anarchist Léo Ferré? „Um selbst mit der Verzweiflung Geschäfte zu machen, muss man nur die richtigen Worte finden.“

  • Zu den aktuellen Hungerrevolten – ein weiterer Artikel aus Le Monde Diplomatique vom 9.5.2008:

    Hunger und Zorn in Ägypten
    von Joel Beinin

    Das Mubarak-Regime wird nicht nur von Islamisten bekämpft. Neuerdings begehren auch die Arbeiter auf. In der Textilbranche haben sie schon höhere Mindestlöhne erkämpft. Sollte der Brotpreis – in Ägypten ein Politikum – weiter steigen, könnte die Wut über die Privatisierungspolitik von Mubarak junior in eine breite Protestbewegung münden.

    Am 6. April tobte in Mahalla al-Kubra der Volkszorn. Die Stadt liegt hundert Kilometer nördlich von Kairo im Nildelta und ist einer der wichtigsten Industriestandorte Ägyptens. Die Proteste richteten sich gegen die galoppierende Inflation, gegen die Knappheit an subventioniertem Brot und gegen das Regime von Präsident Husni Mubarak schlechthin.

    Muhammad al-Attar ist Mitglied des Streikkomitees des in Mahalla al-Kubra angesiedelten staatlichen Textilkonzerns Misr Spinning and Weaving Co. Er schildert, wie er den 6. April erlebte: „Tausende Demonstranten gingen auf die Straße, warfen Steine, riefen Parolen gegen die Regierung und ließen sich auch von den Schlagstöcken, dem Tränengas und den Kugeln der Bereitschaftspolizei nicht einschüchtern.“(1)

    Misr Spinning and Weaving Co. ist mit 25 000 Beschäftigten der größte Industriebetrieb Ägyptens. Im Januar hatte das Streikkomitee angekündigt, die Arbeit am 6. April niederzulegen. Damit sollte die Firmenleitung zur Erfüllung der Versprechen gebracht werden, die man der Belegschaft nach den Streiks im Dezember 2006 und im September 2007 gemacht hatte.

    Die Mobilisierung führte zum Aufruf zu einem landesweiten Streik. Die Arbeiter wollten gegen die drastisch gestiegenen Preise insbesondere für Brot, das Hauptnahrungsmittel der Ägypter, protestieren, und sie forderten eine Erhöhung des nationalen Mindestlohns. Dem Aufruf schlossen sich unterschiedliche politische Gruppen an: die Bewegung für den Wandel namens Kefaya („Genug!“, ein pluralistisches, vornehmlich aus Intellektuellen bestehendes Demokratiebündnis), die Islamistische Arbeitspartei, die Nasseristen der Karama-Partei und die Anwaltsvereinigung. Auch über die Internetplattform FaceBook rief eine Gruppe mit mehr als 60 000 Mitgliedern die Ägypter auf, am 6. April zu Hause zu blieben.

    Die Arbeiter forderten, dass der 1984 festgesetzte Mindestlohn von monatlich 115 ägyptischen Pfund auf 1 200 Pfund (knapp 140 Euro) angehoben werden sollte. Nahrungsmittel sind allein in den letzten drei Jahren zwischen 33 Prozent (für Hammelfleisch) und 146 Prozent (für Hühnchen) teurer geworden, und im März dieses Jahres stieg die jährliche Inflationsrate auf 15,8 Prozent.(2)
    Die Arbeiter von Mahalla trotzen der Regierung

    Von der Knappheit an subventioniertem Brot besonders hart betroffen waren die Armen. In den langen Schlangen, die sich vor den Brotläden bildeten, kam es zu Handgreiflichkeiten mit vielen Verletzten und sogar Toten. Die Versorgungsengpässe waren entstanden, weil schlecht bezahlte Regierungsinspektoren das subventionierte Mehl immer wieder auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Der Preis für nichtsubventioniertes Brot hat sich in den letzten zwei Jahren fast verdoppelt.

    Dies alles trug dazu bei, dass die Mobilisierung der Industriearbeiter und anderer Berufsgruppen zur größten und längsten sozialen Kampagne wurde, die Ägypten seit der Vertreibung der britischen Besatzer nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt hat.

    Die Arbeiter von Malhalla hatten sich in den letzten Jahren schon mehrfach erfolgreich zur Wehr gesetzt. Am 2. April 2008 besetzten Ordnungskräfte die Misr-Textilfabrik, um den Streikführer al-Attar und das Streikkomitee zum Einlenken zu zwingen. Gleichzeitig ging die Unternehmensleitung auf ältere Forderungen der Belegschaft ein: Sie erhöhte den Basislohn für ungelernte Arbeiter auf 350 Pfund, den für Absolventen von Oberschulen und Handelsschulen auf 375 und den für Arbeitskräfte mit College- oder Hochschulabschluss auf 400 Pfund (die bestbezahlten Arbeitskräfte bei Misr kommen damit auf monatlich knapp 1 000 Pfund). Auch hob sie den monatlichen Nahrungsmittelzuschlag von 43 auf 90 Pfund an und sagte den – längst versprochenen – kostenlosen Transport zum und vom Arbeitsplatz zu.

    Die 1927 gegründete Misr hat für Ägypten eine enorme symbolische Bedeutung, war sie doch mit ihren Spinnereien und Webereien die erste mechanische Textilfabrik und seit der Verstaatlichung im Jahr 1960 der größte Staatsbetrieb des Landes. Die in den Misr-Betrieben erkämpften Löhne und Arbeitsbedingungen waren häufig beispielgebend für andere Branchen. Deshalb war die Regierung auch diesmal bereit, für die Besänftigung der Misr-Leute einen hohen Preis zu zahlen.

    Zudem hat im Nationalen Rat für Lohn- und Gehaltsfragen und innerhalb des staatlich gelenkten Gewerkschaftsbunds die Diskussion über einen höheren allgemeinen Mindestlohn begonnen. Beide Gremien werden sicher einen deutlich geringeren Mindestlohn als die von den Misr-Arbeitern geforderten 1 200 Pfund empfehlen – mit denen eine vierköpfige Familie freilich immer noch unter der von der Weltbank definierten Armutsgrenze von zwei Dollar täglich pro Kopf (in Kaufkraftparität) liegt.

    Die Strategie von Zuckerbrot und Peitsche brachte das Streikkomitee dazu, den für 6. April angekündigten Streik abzusagen. Einige Arbeiter waren damit allerdings gar nicht einverstanden, und etliche mischten sich unter die demonstrierenden Jugendlichen und Frauen, die kurz nach Schichtwechsel um halb vier Uhr nachmittags auf dem Hauptplatz von Mahalla al-Kubra auftauchten, wo die Menge skandierte: „O Pascha, o Bey, ein Laib Brot kostet ein Viertel von einem Pfund.“(2)

    Gegen die spontanen Proteste gingen bestellte Provokateure des Regimes mit einem Steinhagel vor. Zudem feuerten Einheiten der Sicherheitstruppen Tränengaspatronen in die Menge und rückten mit Schlagstöcken gegen die Demonstranten vor. Als die Gewalt eskalierte, wurden Wahlplakate angezündet – aber für die demokratisch nicht legitimierten Kandidaten der regierenden Nationaldemokratischen Partei (NDP), die bei den Kommunalwahlen am 8. April antraten, interessierten sich die Leute ohnehin kaum. In den Wochen vor der Abstimmung waren hunderte Kandidaten der Muslimbruderschaft verhaftet worden, womit die stärkste oppositionelle Kraft ausgeschaltet war.

    Am 6. April wurden trotz allem einige Unternehmen bestreikt, an Universitäten und vor dem Haus des Anwaltsverbands kam es zu größeren Demonstrationen. In der Innenstadt von Kairo fuhren wenige Autos, und in ärmeren Vierteln wie Imbaba war auf den Märkten nicht so viel Betrieb wie sonst. Dennoch musste der Generalstreik abgebrochen werden, nachdem die Polizei am Abend des 6. April fast hundert politische Aktivisten festgenommen hatte.

    Tags darauf gingen die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Mahalla al-Kubra weiter, unter dem Jubel der Menge wurde ein Großplakat mit dem Konterfei von Präsident Mubarak zerfetzt. Insgesamt nahmen die Ordnungskräfte an beiden Tagen 331 Personen fest. Mehrere hundert Demonstranten wurden zusammengeschlagen, neun erlitten schwere Verletzungen. Ein 15-Jähriger wurde auf dem Balkon seiner Wohnung von einer Kugel in den Kopf getroffen und starb.

    Am 8. April versuchten aus Kairo herbeigeeilte Regierungsvertreter, die Ruhe wiederherzustellen. Ministerpräsident Ahmad Nazif sagte eine Bonuszahlung von einem Monatslohn für die Misr-Belegschaft und von einem halben Monatslohn für alle anderen Textilarbeiter zu. Zudem versprach der Minister für öffentliche Investitionen bessere Transportmittel, spezielle Bäckereien für die Ausgabe von subventioniertem Brot und eine Wiederbelebung der Genossenschaftsläden, über die subventionierte Nahrungsmittel wie Reis, Speiseöl, Zucker und Mehl verteilt werden sollten. Und das Krankenhaus der Stadt sollte neue medizinische Geräte und zusätzliches Fachpersonal bekommen. Im März dieses Jahres waren acht Patienten des Herzzentrums von Mahalla vermutlich wegen defekter Apparate gestorben.(3)

    Nach dem Abbruch des Generalstreiks kritisierte Khalid Ali Umar, ein Jurist am Hisham Mubarak Law Center, den Aufruf als voreilig und ineffektiv. Er hält die Agitation per „Textbotschaften, E-Mails und FaceBook-Gruppen“ für „politischen Opportunismus“.

    Damit zielte er auch auf Kefaya, die politische Kraft, die im Dezember 2004 die erste Demonstration gegen den Staatspräsidenten organisiert hatte. Das Datum markierte den Beginn der politischen Unruhen in Ägypten.(4) Kefaya wagte damals den Tabubruch und griff Husni Mubarak persönlich an: Er solle sich 2005 nicht mehr zur Wiederwahl stellen (was er dann doch tat), sein Sohn Gamal dürfe nicht sein Nachfolger werden (womit die meisten Ägypter rechnen) und die Befugnisse des Präsidenten müssten eingeschränkt werden (die Verfassungsänderung vom März 2007 hat sie eher ausgeweitet).

    Nach dem Libanonkrieg von 2006 hat die Kefaya-Bewegung, die unter Arbeitern nie viel Rückhalt hatte, jedoch an Dynamik verloren. Die Kommunistische Partei, die neu gegründete Sozialdemokratische Partei und die trotzkistische Gruppe Revolutionäre Sozialisten konnten dagegen ihren Einfluss in der Arbeiterschaft seit 2004 etwas ausbauen.

    Dennoch schätzte die Regierung die Unterstützung von Kefaya für den Generalstreik als so bedrohlich ein, dass sie am 9. April einen der Gründer des Bündnisses, George Ishak, sowie weitere fünfzig Mitglieder verhaften ließ. Die Anklage gegen Ishak war typisch für den Umgang des Mubarak-Regimes mit seinen Gegnern. Sie lautete auf: „Organisation von Versammlungen in Zusammenarbeit mit anderen, mit dem Ziel verbrecherischer Angriffe gegen Individuen, die staatlichen Finanzen und öffentliches Eigentum; Einsatz körperlicher Gewalt mit der Absicht, die Arbeit der Behörden zu beeinträchtigen.“
    Privatisierung nach Art des Hauses Mubarak

    Am 11. April organisierte Kefaya eine Solidaritätsaktion von 25 Professoren, die nach Mahalla fuhren, wo sie Familien von verletzten Demonstranten besuchen wollten. Die Gruppe wurde 20 Kilometer vor der Stadt angehalten und am Weiterfahren gehindert. Damit ließ das Mubarak-Regime erkennen, dass es – über die andauernde Unterdrückung der Muslimbruderschaft hinaus – die staatliche Repression auch gegenüber seinen säkularen Widersachern verschärfen will.

    Insgesamt haben sich seit 2004 rund 400 000 Arbeiter an Fabrikbesetzungen, Streiks, Demonstrationen und anderen kollektiven Aktionsformen beteiligt und damit auch andere Berufsgruppen wie Ärzte, Zahnärzte und Universitätslehrer zu Streiks oder Streikdrohungen animiert.

    Die neue soziale Bewegung richtet sich vor allem gegen das neoliberale Wirtschaftsprogramm des Mubarak-Regimes, dessen Umsetzung höchstens 10 Prozent der ägyptischen Bevölkerung einbezieht, während Industriearbeiter und Angestellte die Verlierer sind, ganz zu schweigen von den Beschäftigten im ständig schrumpfenden öffentlichen Sektor.

    Im Zuge der Reform- und Strukturanpassungsprogramme, die Ägypten in den 1990er-Jahren mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank vereinbart hat, wurde 1991 das Gesetz 203 über die Privatisierung von 314 Staatsunternehmen verabschiedet. Bis Mitte 2002 waren bereits 190 verkauft. Mit der neuen Regierung unter Ahmad Nazif trat im Juli 2004 in den für die Wirtschaftspolitik wichtigen Ministerien eine neue Riege von Akademikern und Managern an, die im Westen ausgebildet waren und aus der Entourage des ältesten Präsidentensohns Gamal Mubarak stammten. Die Clique von Mubarak junior privatisierte bereits im ersten Haushaltsjahr weitere 17 Staatsbetriebe.

    Die beschleunigte Umsetzung des neoliberalen Programms schürt nicht nur die Angst vor Arbeitsplatzverlust, sondern auch die Befürchtung, dass die neuen Investoren nicht gewillt sind, überfällige Leistungen ihrer Betriebe zu erbringen, also etwa Dividenden auf Belegschaftsaktien oder Beiträge zu den Betriebsrentenkassen zu bezahlen, die einige Staatskonzerne seit Jahren nicht mehr abgeführt hatten.

    In diesem Zeitraum sind jedoch die Reallöhne drastisch gesunken und die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich vertieft. Derzeit leben schätzungsweise 40 Prozent der ägyptischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Diese Entwicklung erklärt die für ägyptische Verhältnisse einmalige Serie von Streiks und anderen Kampfmaßnahmen der Arbeiter.

    Im ersten Halbjahr 2004 waren es 74 kollektive Aktionen, denen nach Amtsantritt der Nazif-Regierung (im Juli) noch weitere 191 folgten.(5 )Jede vierte dieser Aktionen – mehr als je zuvor – fand in privatwirtschaftlichen Unternehmen statt. Für 2006 meldete die liberale Tageszeitung al-Masri al-Yawm 222 Streiks, Betriebsbesetzungen und Arbeiterproteste.(6) Und 2007 wurden laut der NGO Egyptian Workers and Trade Union Watch mehr als 580 Aktionen von Arbeitern gezählt.(7)

    Im Lauf des Jahres 2007 weiteten sich die Streiks von der Textil- und Bekleidungsindustrie auf andere Bereiche aus: auf die Baustoff- und Transportbranche (zum Beispiel bei der Kairoer U-Bahn), auf die Lebensmittelindustrie und das Backgewerbe, die Telekommunikationsbranche, die Ölraffinerien in Suez, die Eisen- und Stahlindustrie sowie die staatliche Zementfabrik in Heluan. Im Sommer 2007 erfasste die Bewegung auch Angestellte, öffentliche Bedienstete und Freiberufler.

    Die größte Einzelaktion der letzten Jahre war der Streik von 55 000 kommunalen Angestellten, die mit dem Eintreiben der Immobiliensteuern betraut sind. Ihnen gelang es im Dezember 2007, mit einer zehntägigen Arbeitsniederlegung durchzusetzen, dass sie den gleichen Lohn bekommen wie ihre Kollegen, die direkt beim Finanzministerium angestellt sind.

    Die geschilderte Mobilisierung der Arbeiter hat für die Ausbreitung einer Protestkultur noch mehr geleistet als die von Kifaya organisierten Demonstrationen der Intellektuellen. Sie hat die Ausbildung eines Bewusstseins von Bürger- und Menschenrechten weit stärker gefördert, als es die erstarrten säkularen Oppositionsparteien oder selbst die aktivsten NGOs vermocht haben.

    Als Muhammad al-Attar im September 2007 während des Streiks der Misr-Belegschaft aus dem Gefängnis entlassen wurde, forderte er vor einer großen Menschenmenge den Rücktritt der gesamten Regierung: „Das Mubarak-Regime soll verschwinden. Arbeiterrechte und Politik gehören zusammen. Arbeit ist Politik. Was wir hier und heute erleben, ist ein Vorgang, wie er demokratischer nicht sein kann.“

    Die Arbeiter haben ihren Streik bei den Misr-Werken beendet, nachdem sie die Regierung gezwungen hatten, mit ihrem gewählten Streikkomitee zu verhandeln; auf ähnliche Weise endete auch der Streik der Steuereintreiber. Beide Fälle fügten dem staatlich kontrollierten Gewerkschaftsverband eine empfindliche Niederlage zu. Für viele Beobachter sind das die ersten hoffnungsvollen Schritte zur Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft. Obwohl die neue Protestkultur noch keine angemessenen organisatorischen Strukturen hervorgebracht hat, ist es ihr schon jetzt gelungen, die Legitimation des Mubarak-Regimes radikal infrage zu stellen. Der Präsident reagiert vorerst nach dem gewohnten Muster: Am Vorabend des 1. Mai verkündete er eine 30-prozentige Lohnerhöhung für den gesamten öffentlichen Sektor.
    Fußnoten:
    (1) Siehe al-Ahram Weekly Online, 10.-16. April 2008.
    (2) „Pascha“ und „Bey“ sind eine Anspielung auf die Titel für den ägyptischen Monarchen vor der Revolution von 1952.
    (3) Daily News Egypt, Kairo, 7. April 2008.
    (4) Hussam Tammam, „Verboten, aber geduldet – Ein Porträt der Islamisten in Ägypten“, Le Monde diplomatique, September 2005.
    (5) Annual Report 2004 des Land Center for Human Rights, Kairo.
    (6) Al-Masri al-Yawm, Kairo, 2. März 2007.
    (7) Jonathan Spollen, „Workers take to the streets: The strikes of 2007“, Daily News Egypt, 30. Dezember 2007.
    Aus dem Englischen von Niels Kadritzke
    Joel Beinin ist Professor für Geschichte an der Stanford University in Kalifornien/USA und Leiter des Programms für Middle East Studies an der American University in Kairo.

  • Zu den aktuellen Hungerrevolten – ein Artikel aus Le Monde Diplomatique vom 9.5.2008:

    Getreide wächst nicht an der Börse

    Nur die Wiederbelebung des lokalen Anbaus kann die leeren Kornkammern füllen – von Dominique Baillard

    In Burkina Faso und Kamerun: Revolten und Unruhen gegen das „teure Leben“. Im Senegal: Demonstrationen gegen Brotpreiserhöhungen in Dakar. In vielen Ländern Afrikas leiden die Menschen unter dem rapiden Anstieg der Weltmarktpreise für Getreide. Reisimporte aus Asien werden immer teurer, auf den US-Märkten brechen die Preise für andere Getreidearten alle bisherigen Rekorde.

    Damit wird die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln wieder zum erstrangigen Problem, sogar in den industrialisierten Ländern. Jean Ziegler, bis vor kurzem UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, warnt vor der Gefahr von Hungerepidemien im Westen des Schwarzen Kontinents.(1) Und selbst in Großbritannien zeigte sich das Ministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt schon im Dezember 2006 besorgt über die Gefahr für die Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln.(2)

    Seitdem sind weltweit die Preise für Milch, Speiseöl, Reis oder Getreide geradezu explodiert. An der Chicagoer Börse, dem Zentrum des globalen Weizenhandels, stieg der Weizenkurs allein zwischen Mai und September 2007 von 200 Dollar auf 400 Dollar. Mitte März 2008 kletterte der Getreidepreis erneut in die Höhe, nachdem sich die Exportkapazitäten der USA praktisch erschöpft hatten. Binnen einem Jahr ist damit der Weizenpreis auf dem US-Terminmarkt um 130 Prozent gestiegen.

    Von den Preissteigerungen überrumpelt, protestierten in den entwickelten, „reichen“ Ländern die Fabrikanten von Mehl und Teigwaren und auch die Produzenten von Viehfutter heftig gegen diese Entwicklung. Gerade in diesen Ländern ist schon seit Jahren eine Kluft zwischen Angebot und Nachfrage zu verzeichnen. Immer vor Beginn der Erntesaison schrumpfen die Lagervorräte in den Silos der Produzentenländer, während zugleich die Nachfrage steigt. Der Markt regelt sich also nicht mehr über ein ausgeweitetes Angebot, sondern nur noch über den Rückgriff auf die in den großen Exportländern angehäuften Getreidereserven.

    Im Jahr 2007 brach dieses ohnehin labile Gleichgewicht unter dem Einfluss zweier Ereignisse vollends zusammen: Erstens erhöhte sich die Nachfrage, die vom Boom der agrarischen Brennstoffe( )ausging;(3) zweitens häuften sich die Missernten infolge des Klimawandels. Beide Phänomene treiben jedoch nur die Spannungen auf die Spitze, die ihre tiefere Ursachen in der wachsenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln aus den Schwellenländern (vor allem China) haben.

    Die Nachfrage nach agrarischen Brennstoffen macht etwa 10 Prozent der weltweiten Maisproduktion aus. Dieser Faktor ist jedoch nur zum Teil für die Explosion der Getreidepreise verantwortlich, denn die US-Landwirtschaft als größter Produzent des Biosprits hat ihre Maisproduktion, in Reaktion auf diese neue Nachfrage, noch weiter gesteigert. Nach Berechnungen des Washingtoner International Food Policy Research Institute (Ifpri) könnte die Äthanolindustrie jedoch den Weltmarktpreis für Mais bis 2020 wenigstens um 25 Prozent, nach dem extremsten Szenario sogar um 72 Prozent in die Höhe treiben.

    Der zweite wesentliche Faktor für 2007 war das Klima: Die ausgeprägte Dürre in Australien, der verregnete Sommer in Europa und die ungewöhnlichen Frostperioden in Argentinien haben die landwirtschaftliche Produktion entscheidend geschwächt. Die Lage ist zwar noch weit von einer ernsten Krise entfernt, aber an den Börsen hat die gesunkene landwirtschaftliche Produktion mit fortschreitender Erntesaison den Höhenflug der Kurse begünstigt.

    Eines der wichtigsten Agrarprodukte ist der Weizen, ein unersetzlicher Bestandteil von Brot, Teigwaren und Kuskus. Er ist die mit Abstand meistgehandelte Getreidesorte. Ein Fünftel seiner weltweiten Produktion wird interkontinental gehandelt, aber die gezielte Produktion für den Weltmarkt ist das Privileg einer Handvoll von Produzentenländern: Die USA, die EU-Länder, Australien, Kanada und Argentinien sind die wichtigsten Exporteure.

    Das Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern ist stark durch die Urbanisierung beeinflusst. Das hat auch das menschliche Ernährungsverhalten gründlich verändert. Vor allem wird weltweit mehr Fleisch verzehrt – in China zum Beispiel 2005 fünfmal so viel wie noch 1980. Um aber ein Kilogramm Geflügelfleisch herzustellen, werden drei Kilogramm Getreide benötigt und mehr als das Doppelte für ein Kilogramm Rindfleisch. Aber auch ölhaltige Pflanzen sind wichtige Bestandteile des Viehfutters.

    Mit der Zunahme der Weltbevölkerung und dem Ansteigen des Lebensstandard in den Schwellenländern wächst also die kaufkräftige Nachfrage nach Getreideprodukten unaufhaltsam. Der Export von Weizen hat sich von 1960 bis heute weltweit verdreifacht. Ägypten, einst die Kornkammer des Römischen Reichs, ist heute der größte Weizenimporteur. Im Mittelmeerraum wie im subsaharischen Afrika haben die wachsenden Weizenimporte der letzten Jahrzehnte die lokale Landwirtschaft fast erstickt. Die Ausgaben für Nahrungsmittelimporte sind in diesen Ländern ins Gigantische gestiegen.

    In einem von der UN-Unterorganisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO) im Juni 2007 veröffentlichten Bericht gelangt der Wirtschaftswissenschaftler Adam Prakash zu der Einschätzung, dass sich für die ärmsten der Entwicklungsländer die Nahrungsmittelimporte gegenüber dem Jahr 2000 um 90 Prozent verteuert haben.(4) Und im November 2007 erläuterte FAO-Pressesprecher Henri Josserand in Dakar, für Afrika insgesamt werde sich die Rechnung für Nahrungsmittelimporte 2007 um ein Drittel, für seine ärmsten Länder sogar um 50 Prozent erhöhen.

    Die größten Nutznießer dieser Entwicklung sind natürlich die großen Getreide-Exportländer. Ihre Nummer eins, die USA, meldete Rekorderlöse; für 2008 werden noch höhere Gewinne erwartet. Auch in Frankreich verdoppelten die Getreideanbauer ihren Profit, und die großen Handelshäuser rechnen mit astronomischen Gewinnen.

    Am andere Ende der landwirtschaftlichen Verwertungskette, in den Entwicklungsländern, wächst die kollektive Wut. In Mexiko(5) und im Senegal, in Marokko und in Mauretanien kam es bereits zu Unruhen. In diesen Ländern vermag die lokale Landwirtschaft nicht einmal mehr die dringendsten Nahrungsbedürfnisse zu befriedigen.
    Argentinien und Russland begrenzen ihre Agrarexporte

    Während in den entwickelten Gesellschaften die Verteuerung noch erträglich sein mag – hier machen die Kosten für Nahrungsmittel nur 14 Prozent der Gesamtausgaben aus -, müssen die Menschen im subsaharischen Afrika 60 Prozent des durchschnittlich verfügbaren Einkommens nur für ihre Ernährung aufbringen.

    Einige Schwellenländer versuchen, zumal wenn sie traditionell von Exporten leben, den Preisanstieg im eigenen Land in Grenzen zu halten. So haben Argentinien(6) und Russland für wichtige Agrarprodukte Exportzölle und Liefergrenzen eingeführt. Das wird auf dem Weltmarkt weitere Preissteigerungen auslösen.

    Am wenigsten können sich die Länder schützen, die Nettoimporteure von Nahrungsmitteln sind. Sie behelfen sich meistens, sofern es ihre öffentlichen Finanzen erlauben, mit Preissubventionen. In einigen Städten Marokkos löste die von den Bäckern durchgesetzte Anhebung des Brotpreises im September 2007 gewaltsame Proteste aus. Aus Furcht vor einem regelrechten Volksaufstand machte die Regierung die Preiserhöhung rückgängig und hob einige Importzölle auf Weizen wieder auf, um die Getreidemüller zu entlasten.

    Die tunesische Regierung verlangte von den Bäckern des Landes sogar, das Gewicht eines Brotlaibs zu verringern, um eine Preiserhöhung zu vermeiden.

    Der Agrarwissenschaftler Marc Dufumier glaubt, dass in bestimmten Regionen Hungersnöte schon bei kleineren Klimaveränderungen ausbrechen könnten.(7) Diese Gefahr einzudämmen, erweist auch deshalb als so schwierig, weil die Vorräte der internationalen Nahrungshilfe-Organisationen schon gefährlich geschrumpft sind: „Wenn der Weizenpreis steigt, schwinden auch die Möglichkeiten der Nahrungsmittelhilfe. Die Großzügigkeit der Länder des Nordens kommt zum Tragen, solange sie Überschüsse verzeichnen. Die Hilfe lässt die Lagervorräte schrumpfen und sorgt für die Stabilisierung der Agrarpreise in diesen Ländern selbst. Sobald aber diese Preise ,abheben‘, verkaufen sie nur noch an die Kunden und Länder, die entsprechend bezahlen können.“

    Das verraten auch die vom Internationalen Rat der Getreideproduzenten (IGC) veröffentlichten Zahlen. Im Bilanzjahr 2005/06 wurden 8,3 Millionen Tonnen Getreide im Rahmen der internationalen Nahrungsmittelhilfe ausgeliefert; 2006/07 waren es nur noch 7,4 Millionen Tonnen. Für die 2008 endende Kampagne dürften nur noch 6 Millionen Tonnen zur Verfügung stehen.(8)

    Unter diesen Bedingungen werden sich die Hungerrevolten wohl weiter ausbreiten. Solange das Angebot die gestiegene Nachfrage nicht befriedigt, werden die Preise weiter steigen. Auch die Finanzspekulationen dürften verstärkt weitergehen. „Nutzen Sie aktiv die Wertschwankungen auf den Agrarmärkten. Bleiben Sie nicht auf dem Zaun sitzen. Informieren Sie sich.“ Diesen E-Mail-Text verschickte die französische Beratungsfirma Financeagri, die auf den Handel mit landwirtschaftlichen Grundstoffen spezialisiert ist, im Herbst 2007 an alle Kunden. Das belegt eindrucksvoll den Wandel, der sich auf den Terminmärkten der Agrarindustrie vollzogen hat. Die sollten ursprünglich nur die Risiken von Preisschwankungen absichern, sind aber inzwischen heute zu einem von allen Spekulanten hoch geschätzten Jagdrevier geworden. Hier suchen die professionellen Investoren und Händler, aber auch Gelegenheitsspekulanten wie die Landwirte selbst ihr Glück zu machen. Das Engagement der Profis auf diesen Märkten hat deren Volatilität deutlich erhöht.

    Die indexierten Agrarfonds, die diesen Kursverlauf widerspiegeln, sind im Vergleich zu den Investitionsfonds in anderen Wirtschaftssektoren bislang ein Riesenerfolg. Allein vom ersten zum vierten Quartal 2007 – just in dem Zeitraum, in dem die Getreidepreise „abhoben“ – hat sich das Volumen der Vermögenswerte, die von den auf dem europäischen Agrarsektor spezialisierten Investitionsfonds verwaltet werden, von 156 Millionen auf 911 Millionen Dollar verfünffacht.(9) Im selben Zeitraum nahmen die Vermögensbestände der auf den US-Agrarmärkten engagierten Fonds um das Siebenfache zu.

    Diese Entwicklung ist Ausdruck einer widersprüchlichen Konstellation, in der der Anteil der Bevölkerung mit anspruchsvolleren Essgewohnheiten und hohem Fleischverzehr weltweit anwächst und zugleich die landwirtschaftlichen Produkte im Vergleich zu anderen Rohstoffen ökonomisch noch unterbewertet sind. Diese Entwicklung könnte mit einer regelrechten Preisexplosion für landwirtschaftliche Produkte enden, nach dem Vorbild der Rohstoff- und Energiemärkte, die in den letzten fünf Jahren „abgehoben“ haben.

    Noch ein anderes Motiv hat die Investoren in den Agrarsektor gelockt: die annähernd parallele Entwicklung der Preise für Energie und die Produkte, die für die Herstellung agrarischer Brennstoffe benötigt werden. Deren Hersteller versuchen ihre Gewinne geradezu treibhausmäßig zu maximieren. „Die Aussicht auf hohe Preise haben die Gier der Marktakteure entscheidend verstärkt“, vermerkt nüchtern der Analyst eines großen Handelshauses. In dem Kalkül, dass mit dem Direktverkauf von Getreide an die Industrie höhere Gewinne zu erzielen sind, halten in Frankreich viele Produzenten bereits geschlossene Lieferverträge nicht mehr ein und nehmen dafür Entschädigungszahlungen an die vom Ausfall betroffenen Genossenschaften in Kauf. Das verknappt vor allem das Angebot an Weizenmehl und Brauereigerste.

    Dieser Mentalitätswandel bei den Produzenten ist nach Philippe Mangin, Präsident von Coop de France, zunächst eine verständliche Reaktion: „Die Bauern erlebten nie zuvor derart volatile Verhältnisse. Jetzt haben sich die erzielbaren Preise für ihre Produkte binnen 15 Monaten verdreifacht, und das verdreht ihnen den Kopf, vor allem nach drei ausgesprochen mageren Jahren.“(10) Doch Mangin bedauert diese Entwicklung. Angesichts der Konzentrationsprozesse bei den industriellen Nachfragern und des Verzichts der öffentlichen Gewalt auf Marktregulierungen hält er die Solidarität der bäuerlichen Produzenten, garantiert durch ihre Genossenschaften, für äußerst nützlich.

    Nach Schätzungen des Internationalen Rats der Getreideproduzenten (CIC) beginnen die Agrarproduzenten auf die neue Entwicklung zu reagieren: 2008 soll die Anbaufläche für Weizen weltweit um 8 Prozent zunehmen. Doch nur wenige Länder verfügen über die technischen Mittel, auch bleiben die verfügbaren Anbauflächen begrenzt. „Der Boden ist eine Zukunftsanlage“, versichert der britische Investor Jim Slater. Nachdem er große Gewinne auf den Metallmärkten erzielt hat, investiert er nun in die industrialisierte Landwirtschaft und vor allem in Bewässerungsprogramme.

    Vor allem Russland mit seiner westsibirischen Steppenlandschaft und die Ukraine mit ihrem Schwarzerdegürtel sind berufen, ihre Landwirtschaft weiterzuentwickeln. Freilich ist das Kontinentalklima mit seinen Frosteinbrüchen ein Risikofaktor. Dagegen könnten Argentinien und Brasilien ihre Weidegebiete und Wälder in landwirtschaftlich nutzbare Flächen verwandeln. Dufumier rechnet insgesamt mit gewaltigen Produktivitätsfortschritten. Während gegenwärtig in Europa die Hektarerträge am höchsten sind, liegt die eigentliche Zukunft der exportorientierten Landwirtschaft zweifellos in diesen neuen Ländern, wo die Produktionskosten niedriger und die Erträge noch dürftig, aber ausbaufähig sind. Diese Zukunft schließt freilich die breite Anwendung genetisch veränderter Organismen (GMO) ein, die schon heute in Argentinien weit verbreitet ist. Damit verbunden ist eine ganze Kette verhängnisvoller Nebenfolgen für die Umwelt. Die Waldrodungen in Brasilien sind nur ein Beispiel.

    Weil die ärmsten Länder der Erde vom „Getreideschock“ am stärksten getroffen sind, hängt ihre Zukunft vor allem von der Wiederbelebung ihrer eigenen Landwirtschaft ab. So blieb Mali – dank kluger Investitionen in den Reisanbau im Nigerdelta und dank des gesunden Menschenverstands der Baumwollpflanzer – von einer größeren Krise verschont. Diese reagierten auf den von den Global Players verursachten Verfall der Baumwollpreise, indem sie stattdessen mehr rote Hirse und Mais anpflanzen. Auch im benachbarten Burkina Faso haben die Sojafelder die Baumwollpflanzungen zum Vorteil des Landes verdrängt.

    Diese Versuche könnten beispielgebend sein. Denn auch die Organisatoren des weltweiten Nahrungshilfeprogramms, die unter der Knausrigkeit der Geberländer leiden, setzen immer stärker auf die Stärkung der einheimischen Landwirtschaft und des lokalen Absatzes. Dessen Anteil hat sich in Westafrika von 2005 bis 2007 von 13 Prozent auf 30 Prozent erhöht.

    Die Erschütterungen auf dem Weltgetreidemarkt lenken den Blick erneut auf den Stellenwert und die entwicklungspolitische Rolle der Landwirtschaft. Diese Themen sollten auch im Zentrum der Diskussionen über die europäische Agrarreform und der Doha-Verhandlungen stehen. Dabei liegt eine besondere Ironie der Geschichte darin, dass die Weltbank, die in der Dritten Welt bislang für das Siechtum der lokalen und nationalen Landwirtschaft mit verantwortlich war, diesem Bereich in ihrem Entwicklungsbericht 2008 eine zentrale Rolle im Kampf gegen die Armut zuspricht.
    Fußnoten:
    (1) Jean Ziegler, „Europas Gier ist Afrikas Hunger“, Le Monde diplomatique, März 2008, S. 12 f.
    (2) statistics.defra.gov.uk/esg/reports/foodsecuri ty/default.asp.
    (3) Siehe Eric Holt-Giménez, „Sprit vom Acker. Fünf Mythen vom Übergang zum Biokraftstoff“, Le Monde diplomatique, Juni 2007.
    (4) Food Outlook 2007 der FAO: http://www.fao.org/news room/en/news/2007/1000592/index.html.
    (5) Anne Vigna, „Böses Erwachen in Mexiko“, Le Monde diplomatique, März 2008.
    (6) In Argentinien wurde eine Exportsteuer von 9 Prozent auf Soja, Sonnenblumenöl und Getreide eingeführt.
    (7) Marc Dufumier, „Agricultures africaines et marché mondiale“, Paris (Fondation Gariel Péri) 2007.
    (8) http://www.igc.org.uk/en/aboutus/default.aspx.
    (9) Siehe die Vierteljahresstudie der einschlägigen Abteilung der Barclay Bank: http://www.barx.com/commodities/research/index.shtml.
    (10) http://www.cooperation-agricole.coop/sites/cfca.
    Aus dem Französischen von Ulf Kadritzke
    Dominique Baillard ist Journalist bei Radio France Internationale (RFI).

  • Zu den aktuellen Hungerrevolten – der Schrei nach Brot (von Roman Herre, Diplom-Geograf und Agrar-Referent bei FIAN Deutschland. FIAN setzt sich als internationale Menschenrechtsorgansation für die Durchsetzung des Menschenrechts auf Nahrung ein):

    Die Zahl der Hungernden lag 2007 bei 854 Millionen. Etwa drei Viertel von ihnen leben im ländlichen Raum. Es sind vor allem Kleinbauern, Landlose, Indigene und Hirten. Die Politik der vergangenen Jahrzehnte hat sie systematisch diskriminiert. Die öffentliche Unterstützung sowie Entwicklungsgelder für die Nahrungsmittelproduktion in den Ländern des Südens wurden radikal zusammengestrichen. Wenn überhaupt Gelder in den ländlichen Raum flossen, dann in eine agroindustrielle Exportlandwirtschaft. Die durch Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF), die Welthandelsorganisation (WTO) und regionale Freihandelsabkommen erzwungene Marktöffnung führte zu Importfluten und tat damit ein Übriges, um die kleinbäuerliche Nahrungsmittelproduktion zu verdrängen.

    Als Hauptargument für die Marktöffnung muss seit je das Interesse der Verbraucher an niedrigen Preisen herhalten. Diese Strategie aber entpuppt sich als fatale Sackgasse. Aufgrund von Missernten, steigender Nachfrage, des Booms der Agrartreibstoffe und der Spekulation explodieren heute die Weltmarktpreise für Getreide. Und siehe da: Genau die Länder, wie Haiti und Honduras, die ihre Reisproduktion zu einem großen Teil aufgegeben haben, können sich die Importe nicht mehr leisten. Eine Gefahr, vor der Entwicklungsexperten seit Jahren vergeblich gewarnt hatten. „Der Hunger kehrt zurück“, titelte unlängst die Tagesschau in einem Dossier. Das ist falsch: Denn der Hunger war nie verschwunden. Doch heute ist er hörbarer denn je, weil nun auch die städtische Bevölkerung betroffen ist. Diese bringt ihren Ärger traditionell lauter zum Ausdruck als die Bauern in ländlichen Randgebieten.

    In den letzten Jahren haben sich die Staaten im Rahmen der Strukturanpassungsprogramme mehr und mehr von ihren völkerrechtlich verankerten Pflichten verabschiedet, das Menschenrecht auf Nahrung sicherzustellen. Angesichts der aktuellen Hungerrevolten ist es daher umso zynischer, dass nun Weltbank und IWF, die zentralen Kräfte hinter dieser Entwicklung, mit einem Laib Brot vor die Presse treten und sich zu Anwälten der Hungernden und Armen aufschwingen. Gerade jetzt, so Robert Zoellick unbeirrt, sei die Liberalisierung der Agrarmärkte das Gebot der Stunde.

    Dass die Weltbank gleichzeitig eine stärkere Förderung der Landwirtschaft im Süden ankündigt, mag man zunächst begrüßen. Die entscheidende Frage wird aber sein, ob dieses Geld den kleinbäuerlichen Nahrungsmittelproduzenten zugutekommt oder doch eher den Exporteuren von Blumen, Ananas, Erdnüssen und Palmöl.

    Eine weitere Liberalisierung, etwa über die WTO-Verhandlungen, würde die Probleme langfristig verschärfen. Und selbst kurzfristig ist die Wirkung fraglich. Denn angesichts der grundsätzlichen Lebensmittelknappheit löst die Öffnung der Märkte nicht das Problem, dass es zu wenig zum Importieren gibt.

    Hoffnungszeichen kommen indes aus den Philippinen: Dieses Land, das in den letzten 20 Jahren zum abhängigen Reisimporteur wurde und nun besonders unter den steigenden Kosten von Reis leidet, hat ein umfassendes Förderprogramm für den Landwirtschaftssektor ins Leben gerufen. Das so genannte Fields-Programm soll die Ernährungssicherung über die heimische Produktion wiederherstellen, indem besonders die armen Bauernfamilien bei der Produktion und Vermarktung von Grundnahrungsmitteln unterstützt werden sollen. Das ist ein wichtiger Schnitt in der Agrarpolitik des Landes, die bisher besonders auf die Steigerung von Exporten ausgerichtet war. Es bleibt daher abzuwarten, wie sich die konkrete Umsetzung des Programms gestalten wird.

    Was also sollte die internationale Staatengemeinschaft tun, um der Krise Herr zu werden? Zunächst muss sie kurzfristig ihre Hilfen hochfahren und die direkten Auswirkungen der Preisentwicklungen auf die Armen abfedern. Wie die jüngste Zusage mehrerer Geber von 755 Millionen Dollar an das Welternährungsprogramm zeigt, geschieht dies teilweise bereits. Parallel dazu aber müssen langfristige Strategien ausgearbeitet werden, die sowohl auf die spezifischen Probleme der städtischen wie auch der ländlichen Bevölkerung Antworten haben. In diesem Zusammenhang wird das Instrument der Transferleistungen für arme Gruppen heiß diskutiert. Notwendig ist aber auch und vor allem, die vorherrschende Agrarpolitik und deren Zielsetzungen grundlegend zu überdenken. Im Zentrum einer Neuausrichtung muss das Menschenrecht auf Nahrung stehen. Das bedeutet, eine stabile, selbstkontrollierte Nahrungsmittelproduktion für lokale und regionale Bedürfnisse zu ermöglichen. Dies muss Vorrang haben vor dem Anbau von Produkten für den Export. Staaten benötigen dringend den politischen Handlungsspielraum, dieses Ziel durch Förderung der eigenen Landwirtschaft und Schutz vor Billigimporten umsetzen zu können. Die bislang nur theoretische Vorherrschaft der Menschenrechte vor dem Handelsrecht muss in die Praxis umgesetzt werden.

    Wie groß die Schieflage hier ist, zeigt sich aktuell etwa bei den Diskussion um die Agrartreibstoffpolitik. Deutschland und die Europäische Union wollen ihre Beimischungsquoten nicht an menschenrechtliche Mindeststandards binden. Sie begründen dies insbesondere damit, dass dies für die WTO eine Wettbewerbsverzerrung und damit einen Verstoß gegen das Handelsrecht darstellen würde. Eine fatale Prioritätensetzung.

    Anfang Juni veranstaltet nun die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) eine internationale Konferenz zur Ernährungssicherheit. Dass sie damit den Nerv der Zeit triff, zeigt sich nicht zuletzt an der immer prominenter werdenden Teilnehmerliste. Unter anderem haben sich Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und der brasilianische Präsident Luiz Lula angekündigt. Die Konferenz entwickelt sich zu einem Gipfeltreffen und könnte eine wichtige Rolle bei einer Neuausrichtung der globalen Agrarpolitik spielen.

    Allerdings wird dort Politik ohne die Betroffenen gemacht. Es wird über sie geredet, aber nicht mit ihnen. Die wichtigen Bauern- und Nichtregierungsorganisationen, die in der FAO ansonsten vergleichsweise viel Gehör finden, sollen diesmal nicht mit an den Tisch. Das ist nicht nur ein schlechtes Omen, sondern auch ein Verstoß gegen das menschenrechtliche Grundprinzip einer effektiven Partizipation der betroffenen Gruppen.

    Und während den Bauernorganisationen die Tür vor der Nase zugeschlagen wird, reicht man dem Privatsektor die Hand – mit der lapidaren Begründung, dass dies eine Expertenkonferenz sei. KleinbäuerInnen sind demnach für die FAO keine Experten in Sachen Landwirtschaft. Das Problem aber ist: Nur wenn diese Gruppen effektiv integriert sind, also wenn sie mit entscheiden können, welche Politik für sie die geeignete ist, kann eine Agrarpolitik nachhaltige Hungerbekämpfung gewährleisten.

  • Der Brotschafter (von David Denk, taz v. 10.5.):

    Die Deutschen sind stolz auf ihr Brot. Darauf lassen sie nichts kommen – von Butter und Belag mal abgesehen. Brot gilt hierzulande als Kulturleistung. Savoir-vivre und Dolce Vita schön und gut, aber immer nur auf Weißbrot rumlutschen? Nee, danke! Kein Wunder also, dass Deutschland seit dem Jahr 2000 einen Brotbotschafter hat.

    Dass Bernd das Brot – ausgerechnet! – dem Ciabatta des italienischen Restaurants in München nachempfunden ist, in dem er erfunden wurde (und dem Gesichtsausdruck von Koautor Norman Cöster, behauptet „Bernd“-Mastermind Tommy Krappweis), tut der Liebe der Deutschen zu ihrem Brot keinen Abbruch: Nobody’s perfect! Es ist ein kleiner liebenswürdiger Geburtsfehler, genau wie Bernds Stummelärmchen, die beim Gehen so herzerweichend unbeholfen herumschlackern.

    Wäre Bernd ein Mensch, wäre das ein Handicap – doch er ist ein Brot. Oder besser: Brot, Aszendent Mensch. Denn in Bernd steckt nicht nur der rechte Unterarm von Puppenspieler Jörg Teichgräber, sondern wir alle, wir Graubrotgesichter. Bernds Lieblingswort ist – miesepetrig, aber Kika-kompatibel – „Mist“. Wenn das mal keine Identifikationsfigur ist!

    Dass man sich die Gelegenheit eines Treffens mit dem deutschen Mentalitätsbrotschafter nicht entgehen lässt, liegt also auf der Hand. Angeblich wohnt Bernd an der Schlossallee 27 – die Adresse klingt feudal, liegt aber in wenig repräsentativer Wohnlage: auf einem Studiokomplex in Berlin-Adlershof. Dort werden 20 neue Folgen von „Bernd das Brot“ gedreht, die ab Oktober gesendet werden. Etwa 15 Sendeminuten schaffen Regisseur Krappweis, bekannt geworden durch „RTL Samstag Nacht“, und sein Team pro Drehtag. Bei Spielfilmen sind es im Schnitt zwei.

    Sobald man über die Schwelle von Studio L getreten ist, sieht man, dass Bernd trotzdem auf hohem Niveau lebt. Sein gesamtes Mobiliar, Bett, Stuhl, Regal, Lampe, alles hängt in der Luft, 1,50 Meter über dem Boden, als sei jeden Augenblick mit Hochwasser zu rechnen. Der Grund ist natürlich ein anderer: Irgendwo müssen Jörg Teichgräber und seine Puppenspielerkollegen ja bleiben, während sie spielen. Aber, pssst, darüber redet man nicht so gern. Um die Illusion zu bewahren, dürfen Unbefugte die Puppen auch nicht fotografieren. „Hintergrund ist, dass mit ,produktionsfremden‘ Fotografen schlechte Erfahrungen gemacht wurden, bei denen die Puppen nachher zu leblos wirkten“, hieß es in der Einladung.

    Dass Bernd ein richtiger Star ist, sieht man nicht nur daran, dass ihn nicht jeder fotografieren darf, sondern auch an der Tatsache, dass er eine Stylistin hat. Anke Anders liest ihm jeden Wunsch von den breiten Lippen ab. Hier ein bisschen Talkumpuder, da ein paar Tropfen Klebstoff für seinen Latexlaib – sie sorgt dafür, dass Bernd das Brot auch nach einem langen Drehtag noch zum Anbeißen aussieht. Anders selbst sieht sich eher als Tagesmutter. „Die Puppen sind wie kleine Kinder, die man betreut“, sagt sie. Und Praktikantin Andrea Baran ergänzt: „Man hat die alle gleich lieb.“ Auch wenn man von Bernds Freunden, Briegel dem Busch und Chili dem Schaf, an diesem Drehtag nicht viel zu sehen bekommt, kann man das nur zu gut verstehen, denn selbst Bernd, der es sich leisten könnte, eine Diva zu sein, ist ein Star zum Anfassen geblieben: Bereitwillig lässt Jörg Teichgräber, den Krappweis am Set die ganze Zeit nur mit „Bernd“ anspricht, die eingeladenen Journalisten auch mal mit seinem Alter Ego spielen.

    Der Kasperl aus der Augsburger Puppenkiste, auf den Bernd in einer der neuen Episoden trifft, ist gegen ihn auf jeden Fall ein Leichtgewicht – auch im übertragenen Sinne. Bernd spielt ihn an die Wand, auch wenn er ihm, was die mimischen Ausdrucksmöglichkeiten angeht, nur knapp überlegen ist. Das angekündigte „Treffen der Puppengenerationen“ scheitert an ihrer Grundverschiedenheit: Bernd ist – wie gesagt – eine Handpuppe aus Latex und der Kasperl eine Marionette aus Holz.

  • Mühlentag in Bremen:

    Am diesjährigen Mühlentag finden in der Mühle Oberneuland, einer Außenstelle des Focke-Museums, zahlreiche Aktivitäten statt. Besichtigungen der Mühle, Familienführungen zum Thema „Vom Korn zum Brot“ durch die Mühle und ein Verkaufsstand vor der Mühle, an dem es Kaffee, Kuchen und Schmalzbrote gibt, locken nach Oberneuland. Der Eintritt am Pfingstmontag ist frei. Erfreut vermeldet das Focke-Museum übrigens, dass die Mühle noch dieses Jahr repariert wird.

    Montag, ab 11 Uhr,
    Mühle Oberneuland

  • Bernd das Brot:

    ist eine Figur des Kinderfernsehkanals KI.KA, ein sprechendes und meist deprimiertes Kastenweißbrot mit kurzen Armen (seine Hände befinden sich direkt an seinem Körper), das u. a. in den Sendungen „Chili TV“, „Tolle Sachen“ und „Bravo Bernd“ auftritt.

    Bernd das Brot ist seit 2000 im KI.KA zu sehen, richtig bekannt wurde er jedoch erst 2003, als der KI.KA in der – offiziell sendefreien – Zeit von 21 bis 6 Uhr eine Schleife mit ausgesuchten Bernd-Filmen zeigte. Durch seine Art hat Bernd das Brot viele erwachsene Fans gefunden und auch viel Medienaufmerksamkeit erhalten. Während Bernd für seine Fans Kultstatus erreicht hat, muss sich die Sendung auch mit der Kritik konfrontieren, inhaltsloser Nonsense-Humor zu sein.

    Im Jahr 2004 wurde Bernd das Brot mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.

    Fettes Brot:

    Die Band geht auf die legendaere „Klasse von 95“-Tour mit den Kollegen Main Concept, Massive Toene, ZM Jay, MC Rene, F.A.B., Der Tobi & Das Bo. Das erste Album „Auf einem Auge bloed (…aber der Erfolg gibt uns Recht)“ erscheint und bleibt 26 Wochen in den Charts. Im Juli erscheint als dritte Auskopplung die Disco-Peitsche „Nordisch By Nature“. Die Single beschert der Band die unerwartete Ehre eines Top 20 Hits – Hoechstplazierung 17!“Nordisch“ muss sterben und wird von Fettes Brot vom Markt genommen, um nicht als plattdeutsche Quatsch-Combo in die Annalen einzugehen – mit Traueranzeigen in allen Musikmagazinen.

    Dr.Brot:

    Gehirnchirurg Dr. Peter Brot zeigt Ihnen, wie Sie mehr aus Ihrem Gehirn machen können! Ein kleiner operativer Eingriff reicht!

  • brot für die welt:

    || Schule aktiv – Übersicht

    Schule aktiv
    „Brot für die Welt“ in der Schule

    Die Aktion „Brot für die Welt“ wird von vielen Tausenden von Schulen, Kirchengemeinden, Einzelpersonen, Eine Welt-Läden und anderen mehr getragen – mit Herz und Verstand, mit Pfiff und Engagement, mit kleinen und großen Aktionen rund um die Themen „Arm und Reich“ und „Entwicklungszusammenarbeit“! Das Schulportal bietet viele Anregungen und Tipps für die Schule und die außerschulische Arbeit.

  • planet-wissen:

    Bei den Ägyptern lernte das Volk Israel das „moderne“ Brot kennen. Die Bibel berichtet sowohl im Alten als auch im Neuen Testament darüber. Während Wasser und Brot schon damals als Hauptmahlzeit der ärmeren Bevölkerung galten, war Brot allein bei den besser gestellten Schichten eine Beikost zu Fleisch und anderen Speisen.
    Beim jüdischen Passahfest wird noch heute ungesäuertes Brot gegessen, das ohne Hefe und ohne Sauerteig gebacken ist. Dieses Matzen genannte Brot aßen die Nomaden einst auf ihren Wanderungen durch die Wüste. Auch die Juden führten es als Wegzehrung bei ihrem Auszug aus Ägypten mit.
    Nach der Sesshaftwerdung des Volkes Israel im Gelobten Land wurde das ungesäuerte Brot noch täglich von der Hausfrau gebacken. Es handelte sich um dünne Scheiben aus Gerstenmehl, die sich nicht lange hielten. Das Getreide wurde häufig in eigenem Anbau erwirtschaftet. Nur in größeren Ortschaften gab es Bäckereien.
    Im Alten Testament spielt Brot auch eine kultische Rolle: Der Bauer bringt Brot auf dem Altar des Herrn als Opfer dar, es ist Ausdruck des Dankes für die von Gott geschenkte Ernte.
    Darüber hinaus hat Brot in der Bibel oft symbolische Bedeutung. So sagte Jesus seinen Jüngern: „Ich bin das Brot des Lebens. Keiner der zu mir kommt, wird jemals wieder Hunger leiden, und niemand, der an mich glaubt, wird jemals wieder Durst haben.“ (Johannes-Evangelium Kapitel 6, Vers 35).

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