vonHelmut Höge 31.08.2008

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Die gewerbliche Produktivgenossenschaft in Deutschland

Ein theoriegeschichtlicher Beitrag von Werner Kruck (aus: Zeitschrift für das gesamte Genossenschaftswesen, Bd. 43, 1993)

I. Vorbemerkung

Aufgrund der deutschen Wiedervereinigung wird die Genossenschaftstheorie aus zwei Richtungen erneut mit dem Thema »Produktivgenossenschaften« konfrontiert. Auf der einen Seite zeigt sich deutlich, daß ein wirtschaftlicher Umbau Ostdeutschlands, der sich einzig auf die Initiativkräfte der West-Unternehmen stützt, nur zögerlich zustande kommt[1]. Es gilt somit, das Spektrum möglicher einzel- und gruppenwirtschaftlicher Aktionsformen auf Selbsthilfe- und Innovationspotentiale hin zu prüfen, um zu einer funktionsfähigeren Aufbaukonzeption zu finden[2]. Gleichzeitig hat sich im Zuge der Vereinigung eine gesamtdeutsch veränderte Realität dadurch eingestellt, daß sich aus den Selbsterhaltungsbemühungen der ehemaligen Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH) heraus, zwischenzeitig eine neue produktivgenossenschaftliche Infrastruktur gebildet hat[3].  Die früher quasi vernachlässigbare Anzahl westdeutscher Produktivgenossenschaften hat im Westen nur noch wenige Wissenschaftler zugunsten dieser Unternehmensform wirken lassen[4]. Im Einklang linker und rechter politischer Grundüberzeugungen wird überwiegend der Standpunkt verfochten, »daß die Produktivgenossenschaften die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt haben bzw. niemals werden erfüllen können«. Über Produktivgenossenschaften wurde seitdem viel geschrieben; der Prozeß wissenschaftlicher Meinungsbildung hingegen nicht halb so kritisch reflektiert. In diesem Beitrag wird dagegen einmal die Genossenschaftswissenschaft in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Zur Verhandlung kommt die These, daß statt der Produktivgenossenschaften, deren »Nichtfunktionieren« trotz entgegenstehender Beispiele[5] wie selbstverständlich behauptet wird, die Nichtexistenz von Produktivgenossenschaften in der alten Bundesrepublik auf einen korrekturbedürftigen Effekt genossenschaftswissenschaftlicher Theoriebildung zurückzuführen ist.

II. Das wissenschaftstheoretische Programm

Produktivgenossenschaften sind ein Kulturgut, kein Naturgut. Aus dieser Unterscheidung folgt die Unzulässigkeit des Satzes, »daß die Produktivgenossenschaft aus sich heraus keine Kraft entwickelt habe«. Jede Entwicklung irgendeiner Art die den primitiven, naturgegebenen Zustand einer Sache zu höherem Zwecke verändert, erfordert den Einsatz des Intellektes, um naturgegebene Zustände in eine kultivierte Form zu überführen.  Vergleichen wir die Anforderung exemplarisch mit ähnlichen Problemstellungen anderer Wissenschaftsbereiche: Was besagt es über die Möglichkeit, aus dem Sekret von Schimmelpilzen ein heilendes Antibiotikum gewinnen zu können, wenn die Schimmelpilze dieses Medikament nicht ohne menschliches Zutun in Reinform absondern? Was sagt es über die Schicksalhaftigkeit der »Natur« von Krankheiten (oder Leiden im Arbeitsleben, über Wirtschaftskrisen etc.), wenn sich diese in Abhängigkeit von Verstandesleistungen mal so und mal anders auswirken? Was sagt es über die Wissenschaft und den kulturellen Stand eines Volkes, wenn die Rechtsprechung beim Faustrecht verharrt oder die Medizin bei der Geisterbeschwörung? Hat man in Deutschland nicht 100 Jahre den »genossenschaftlichen Geist« beschworen und der demokratiefernen Unternehmerwirtschaft als der »natürlich durchsetzungsfähigeren« gehuldigt, ohne die weitergehende Frage zu stellen, ob diese Wirtschaft den Bedürfnissen aller Menschen gleichermaßen gerecht wird und wenn nicht, ob es nach dem Faustrecht noch andere Unternehmenskonstruktionen geben mag, die wohl einen verstärkten Einsatz des Verstandes erfordern, aber dies mit einem kulturell höherstehenden Resultat lohnen?

Man kann sich bei Fragen der Forschung normativ entscheiden, ob eine bestimmte Entwicklung anstrengt werden soll. Manche Entwicklung wird auf sich warten lassen, weil die Mittel dazu fehlen. Eine dritte Gruppe wird man aufgeben müssen, weil dem gewünschten Ergebnis objektive Naturgesetze entgegenstehen. Doch man würde es keinem Ingenieur durchgehen lassen, wenn dieser bei einer von ihm konstruierten und zusammengestürzten Brücke behauptet, daß dies »an der Natur der Brücke liege«, während der Nachbar in Sichtweite eine bessere Konstruktion vorzuweisen hat.  Einen Suchprozeß beendet man nicht mit einer Existenzstatistik. Hier genügt die Zahl 1, eine einzige funktionierende Produktivgenossenschaft, um die Frage nach dem »Warum« und »Wie« wachzuhalten. „Aber das wollen wir doch fort und fort betonen, daß eine einzige mit Erfolg arbeitende Produktivgenossenschaft mehr beweist, als alle mißlungenen Versuche“[6]. Die Frage dagegen, ob solche Einrichtungen politisch und in der Praxis gewollt werden, ist keine Frage der nach Erkenntnissen strebenden Wissenschaft. Wäre die Lehre entwickelt und niemand spräche ihr zu, dann wäre dies zu akzeptieren. Doch davon ist man weit entfernt. Vielfach verlangen Politik und Praxis nach einem erweiterten Instrumentarium der Wirtschaftsgestaltung und nicht minder werden entsprechende Wissenschaftskapazitäten bezahlt. Doch die Forschung und Entwicklungsarbeit endete bislang meist im Vorfeld statistischer Erhebungen. Als ob sich irgendeine Errungenschaft der Menschheit ohne gezieltes experimentelles Zutun je selbsttätig eingestellt hätte.

III. Historische Vorentscheidungen

a) Deutschland 1848  Die erste Gründungswelle von Produktivgenossenschaften datiert in Deutschland auf das Jahr der Märzrevolution von 1848 und ist eng verknüpft mit dem Namen des Schriftsetzers und späteren Professors Stephan Born. Der Revolution vorangegangen war eine Hungerthyphusepidemie in Schlesien, eine Armut, die die Menschen auf dem Lande dazu brachte, sich im Stallmist einzugraben um nicht zu erfrieren, eine Wohnsituation in den Mietskasernen Berlins, die 2500 Personen in 400 Räumen zusammenpferchte etc.[7] Unter solchen heute kaum vorstellbaren Randbedingungen der Armut gründete sich die Arbeiterverbrüderung in Berlin und anderenorts, um dem Lohndiktat der in Saus und Braus lebenden Bürger- und Kapitalistenklasse eine Alternative entgegenzusetzen. Von dem wenigen, das die Arbeiter hatten, legten sie (zumindest laut Beschluß) 10% in einen Fonds ein mit dem Ziel, landwirtschaftlichen Grundbesitz zur Eigenproduktion von Lebensmitteln zu erwerben sowie städtische Produktivgenossenschaften zu gründen. Aus dem von Frolinde Basler[8] gesammelten Material läßt sich entnehmen, daß die gegründeten Produktivgenossenschaften dabei mit ihrer geringen Kapitalausstattung und fehlenden unternehmerischen Erfahrung weit besser zurechtkamen als mit den sozialen Strukturen und Machtverhältnissen jener Zeit. Von etwa 50% der dokumentierten Fälle ist berichtet, daß die Einrichtungen polizeilich geschlossen wurden, Anklagen der Staatsanwaltschaft existieren und Genossen wegen ihrer Umtriebe im Gefängnis landeten. „Die wirtschaftliche Betätigung des Berliner Bezirks der Arbeiterverbrüderung war für die Berliner Polizeibehörde ein strafwürdiges Vorgehen: »Auch wird die genauere Untersuchung ergeben, daß die Arbeiterverbrüderung sich verschiedener Gewerbe- und Gewerbesteuer-Contraventionen schuldig gemacht hat, indem sie eine Kattundruckerei, eine Schneider- und Schuhmacherwerkstatt und eine Seidenwirkerei … selbständig betrieben hat, auch mit dem An- und Verkauf von Waaren, … ein Gewerbe betrieben hat.«“[9] „Es sei übrigens gleich hier bemerkt, daß den zarten Keimen der Arbeiterassoziationen nicht allzuviel Zeit gelassen wurde, sich zu entfalten. Sie wurde unbarmherzig von der siegenden Reaktion zertreten (1850).“[10]

b) Frankreich 1848  Ein zweites markantes Ereignis fand etwa zeitgleich in Frankreich statt. Lassalle hält dazu folgendes fest: „Die Lüge ist eine europäische Macht! Kaum war mein »Antwortschreiben an das Leipziger Arbeiterkomitee« [S. 201] erschienen, als der gelehrte Herr Faucher in einer Leipziger Versammlung erklärte: ich wärmte in meinem Vorschlag nur die französischen Nationalwerkstätten Louis Blanc wieder auf, die ja schon durch ihren kläglichen Ausgang im Jahre 1848 gerichtet seien. (…) Wie belustigend muß aber nicht jene triumphierende Argumentation für alle solche sein, welche den wahren Hergang kennen, welche wissen, daß die Nationalwerkstätten 1. nicht von Louis Blanc, sondern von seinen Feinden, von den heftigsten Gegnern des Sozialismus in der provisorischen Regierung, dem Minister der öffentlichen Arbeiten, Marie, und anderen, welche die Majorität in der provisorischen Regierung hatten, errichtet wurden; 2. daß sie ausdrücklich gegen Louis Blanc errichtet wurden, um seinem Anhang, den sozialistischen Arbeitern, bei den Wahlakten, sowie bei etwa noch entscheidenderen Gelegenheiten eine bezahlte, auf seiten der Regierungsmajorität stehende Arbeiterarmee entgegenzustellen; 3. daß in den Nationalwerkstätten, gerade weil man der Privatindustrie keine Konkurrenz machen zu dürfen glaubte, nur unproduktive Arbeit verrichtet wurde, daß sie überhaupt nur dazu dienen sollte, den brotlos gewordenen Arbeitern ein Almosen aus öffentlichen Mitteln zu verabreichen und die Leute dafür eine unfruchtbare Beschäftigung verrichten zu lassen, damit sie nicht den Folgen gänzlichen Müßigganges verfielen. (…) Französische Blätter haben im Jahre 1848, in der Zeit des heftigsten Parteikampfes, die Verleumdung gegen Louis Blanc geschleudert, daß von ihm und nach seinen Grundsätzen die Nationalwerkstätten organisiert worden seien! Umsonst schrie Lous Blanc von der Tribüne der Nationalversammlung herab sich halbtot in Protesten gegen diese Verleumdung! Man glaubte ihm damals nicht. (…) Aus dem eigenen Munde der heftigsten Feinde von Louis Blanc ist die Wahrheit an den Tag gekommen. Für Frankreich ist jene Verleumdung berichtigt. Aber in Deutschland dauert sie noch immer fort und dient zu den – salbungsvollsten, mit der impudentesten Sicherheit vorgetragenen Argumentationen.“[11] Lassalle zitiert ferner den Direktor dieser Nationalwerkstätten (oder heute treffender: Beschäftigungsgesellschaften) Emile Thomas[12] mit der Erklärung, daß die Nationalwerkstätten von vornherein in der Absicht eingerichtet wurden, sie scheitern zu lassen und der Arbeiterschaft die Unmöglichkeit der Idee vorzuführen. „Dann, enttäuscht für die Zukunft, würde ihr Götzendienst für Louis Blanc von selbst verschwinden und er würde so sein ganzes Ansehen, seine ganze Kraft verlieren und für immer aufhören, eine Gefahr zu sein.“ Und der Gelehrte Faucher[13]: „Der Versuch[14] mißlang so gründlich, daß (…) die Phantasie Louis Blancs tot blieb und bisher in Frankreich wie im Auslande kein denkender Mensch darauf verfiel, sie wieder zu beleben.“

IV. Politische Vorverurteilung

Die Vorgänge um Louis Blanc aus dem Jahre 1848 sind heute grundsätzlich geklärt[15]. Obwohl aus diesen weit zurückliegenden Intrigen noch immer fälschliche Darstellungen erwachsen[16], dürfte ihnen bezüglich einer Theorie der Produktivgenossenschaft keine Bedeutung mehr zukommen. Weit aussagekräftiger sind diese Dokumente dahingehend, wie sie den grundlegenderen Konflikt zur Darstellung bringen, der zwischen der Arbeiterschaft und der oberen Gesellschaftsschicht ausgetragen wurde. Es werden die entgegenstehenden Interessenlagen deutlich, die Verteilung der gesellschaftlichen Macht, die Methoden des Kampfes, die eingenommenen Grundhaltungen, aber auch die ganze verbrämende Ideologie, mit der man darüber hinwegzutäuschen versuchte, daß es sich bei der Frage der Produktivgenossenschaft schlicht um eine Frage der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um Demokratie und privilegierte Vormachtstellungen handelt. Zwei Hauptpunkte hatte das Lassallsche Programm: die Abschaffung des Drei-Klassen-Wahlrechtes und die Unterstützung der Produktivgenossenschaften. Es ist kein Zufall, daß neben dem Streit der Arbeiter für die gesellschaftliche Demokratie der Streit um die betriebliche Demokratie steht und beides von ein und denselben Gegnern mit ähnlichen Argumenten abgelehnt wird.  Die bevorzugte Richtung der Einflußnahme muß man dabei nicht unbedingt an Ferdinand Lassalle festmachen, der den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein nur deswegen gründete, weil die liberale Fortschrittspartei die Arbeiterfrage aus wohlverstandenem Eigeninteresse nicht zu behandeln geneigt war[17]. Auch Hermann Schulze-Delitzsch, der innerhalb der Fortschrittspartei eine tatsächlich fortschrittliche Position einnahm, scheiterte schlußendlich mit seinen Bemühungen um die Anerkennung der Produktivgenossenschaften an dem konservativen Widerstand innerhalb der von ihm selbst gegründeten Institutionen: dem Volkswirtschaftlichen Kongreß und dem Nationalverein. Als Vertreter einer antiproduktivgenossenschaftlichen Fraktion traten auch gegen Schulze-Delitzsch vor allem Faucher und Max Wirth auf, die bereits Lassalle als Verbreiter der Agitation gegen sich nannte. Die Brüder Max und Franz Wirth waren die Begründer des Frankfurter »Arbeitgebers«, in dem Max Wirth seine Vorstellungen eines um die Produktivgenossenschaft bereinigten Genossenschaftswesens publizierte. Auf Wirth’s Bestrebungen dürfte es zurückgehen, daß der Volkswirtschaftliche Kongreß in seiner Empfehlung über die Assoziation die Produktivgenossenschaft explizit aussparte. Und auch der Nationalverein folgte Wirth gegen Schulze-Delitzsch und unterstützte somit nur eine um die Produktivgenossenschaft bereinigte Version des Genossenschaftswesens[18].

a) Die konservative Doktrin  Wenn Faucher 1864 zu Protokoll gibt, daß die angeblich bereits bei Blanc gescheiterten Produktivgenossenschaften/ Beschäftigungsgesellschaften gründlich mißlangen und die Ursachen des Mißlingens von der Wissenschaft längst erkannt seien, dann bezieht er sich damit vermutlich auf eine Interpretation des konservativen Sozialpolitikers und Professors Viktor Aimé Huber. Man muß hier hinzufügen, daß es neben den 30 Beschäftigungsgesellschaften mit Staatsfinanzierung zu jener Zeit 170 bis 300 (je nach Quelle) weitere freie Produktivgenossenschaften in Paris gab, die keinen Anteil an dem Geldsegen der Regierung hatten. Die Berichte über diese Einrichtungen widersprechen sich heftig bis auf einen Punkt, nämlich ihrem Ende mit dem Staatsstreich von 1851. Huber interpretiert die gewaltsame Schließung als eine Art Gnadenschuß, der den Produktivgenossenschaften die Schande des selbstverschuldeten Unterganges erspart habe[19]. Er traute den Arbeitern ganz einfach nicht zu, daß sie im Stande seien, ohne aristrokratische Führer mit edler Gesinnung die Aufgabe zu lösen. Bereits die zerschlagene Bewegung der deutschen Arbeiterverbrüderung hatte Huber dahingehend kommentiert, daß dieser „alle materiellen, sittlichen und intellektuellen Bedingungen der Ausführung“ fehlen würden. „Da an eine aristokratische Unterstützung und Leitung (im Sinne unserer Association[20]), welche alleine diesen Mangel bis auf einen gewissen Punkt hätte in relativ kurzer Zeit ersetzen können, nicht zu denken war, so blieb nur eine sehr langsame lokale Bearbeitung des rohen Materials der Masse der Arbeiter und ein mühsamer Aufbau von unten herauf in den Lokalvereinen übrig.“[21] Und über die zerschlagene französische Bewegung schrieb er entsprechend: „… die höchste Steigerung gerade der Leidenschaften, Schwächen und Laster der Nationalität und der Klasse, welche das Gelingen solcher Unternehmungen auch unter den günstigsten allgemeinen Verhältnissen am meisten erschwert haben würden und nun alle Besonnenheit, Bescheidung, Zucht, Mäßigkeit u. s. w. verschlangen, – dies alles reicht hin, um das massenhafte Mißlingen einer solchen massenhaften Bewegung, auch ohne die zahlreichen politisch-polizeilichen Maßregelungen, besonders seit 1851, vollkommen begreiflich zu machen.“[22]  Wie man sich in konservativen Kreisen die Weltordnung dachte, das bringt der vielzitierte Friedrich von Wieser weniger umständlich auf den Punkt: „Wo immer die Entscheidung einmüthig gefasst und vollzogen werden muss, dort haben sich diejenigen Formen durchgesetzt, die den nachdrücklichsten Befehl sichern. So in der Verfassung der Armeen, so auch in der des Erwerbsbetriebes. Die Autorität des Unternehmers im Betriebe gründet sich theils auf die Macht überkommenen Besitzes, theils auf das Ansehen der Erfahrung und Bildung, theils auf den Zauber des Talentes und des Glücks. Alle Erwerbsbetriebe sind seit jeher durch eigentlichen Befehl geleitet worden, die Produktivgenossenschaft will die erste Ausnahme sein.“[23] Er sieht wohl, daß es sich bei der Produktivgenossenschaft um eine „Construction“ handelt die nicht aus dem Leben heraus erwuchs, die Produktivgenossenschaft also ein Kulturgut und kein Naturgut in oben skizziertem Sinne darstellt, steht dann aber auf der damals üblichen sozialdarwinistischen Position und bewertet die nur 151 vorhandenen Produktivgenossenschaften als Beweis der Überlebensunfähigkeit.  Dies alles sind jedoch soziale Standpunkte, die sich aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht und deren Ideologie ergeben. „Die Besitzenden sogen, wie v. Thünen bemerkt, gewissermaßen mit der Muttermilch die Ansicht ein, als sei der Arbeiter von der Natur selbst zum Lastträger bestimmt, als käme ihm für seine Anstrengung nur die Fristung des Daseins zu. Die Unternehmer und Brotherren betrachteten das Ringen und Streben der Arbeiter- und Dienstbotenkreise nach einem besseren Lose als eine ungerechte Anmaßung, die auf jede Weise und aus allen Kräften bekämpft werden müsse. »Niemals aber ist der Mensch entschiedener und beharrlicher im Unrechthandeln, als wenn er durch einen Verstandesirrtum das Unrechte für das Rechte ansieht, und es dann für seine Pflicht hält, dasselbe mit allen Kräften aufrecht zu halten und durchzuführen«.“[24]  Ob es also nur 151 Produktivgenossenschaften, wie bei von Wieser, oder nur 1.302 Produktionsgenossenschaften (von insgesamt 47.618 eingetragenen Genossenschaften) wie bei Liefmann[25] zu kommentieren gilt: wenn man das einmal gefaßte Vorurteil des Mißerfolges bestätigt sehen will, dann läßt sich dies auch immer in eine passende Redewendung kleiden.

b) Die Doktrin der Sozialdemokratie  Läßt sich die konservative Doktrin dem Bereich klassenbewußter Bestandsicherung zuordnen, so wurzelt die Ablehnung der Produktivgenossenschaft durch die Sozialdemokratie in dem Wechsel von der Lassalleschen zur Marxschen Programmatik. Nachdem Lassalle von den Liberalen mit der Arbeiterfrage abgewiesen worden war und 1863 den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gegründet hatte, kämpfte er gegen den Liberalismus (und damit auch Schulze-Delitzsch[26]) an. Im Gegensatz zu Schulze-Delitzsch, der sich ernsthaft für das Ziel der Errichtung von Produktivgenossenschaften verwandt hat, erfüllte die Produktivgenossenschaft bei Lassalle jedoch vorrangig propagandistische Funktionen. Der Kapitalismus sollte durch die Assoziation der edlen Arbeiterklasse binnen ca. 200 Jahren transformiert werden, wobei dem geforderten Staatskredit die Funktion zukam, den Laissez-faire-Standpunkt des Staates aufzubrechen und ihn sozialpolitisch in die Pflicht zu nehmen. Die Produktivgenossenschaft diente Lassalle ferner als eine greifbare Zielvorstellung der Arbeiter, die „gern ein Wie und Wo sehen“.[27]  Bereits 1848 hatten Marx und Engels ihren Weg in dem Kommunistischen Manifest niedergelegt, von dem in Deutschland bis 1864 allerdings nur wenige Einzelexemplare existierten und das seinen endgültigen Siegeszug auch erst ab 1872 antrat[28]. Marx und Engels haben den Standpunkt Lassalles nie geteilt (so wie sie schon zu Stephan Born kritisch standen) und haben im Gegensatz zu Lassalle eine Aufhebung der Konkurrenzwirtschaft, des Privateigentums an Produktionsmitteln, und den revolutionären Kampf als Mittel der Umsetzung propagiert. Am 31. August 1864 fiel Lassalle bei einem Duell. Lassalles treuer Nachfolger J.B. von Schweitzer verließ die politische Bühne 1871 ohne seinerseits einen Lassalleaner mit Führungsanspruch zu hinterlassen. Unter der Führung von Wilhelm Liebknecht und August Bebel wuchsen die beiden bis dahin getrennten Flügel (Eisenacher und Lassalleaner) der Sozialdemokratie zusammen, wobei die »Lassalleschen Phrasen und Stichwörter« im Sinne von Marx und Engels schrittweise aus dem gemeinsamen Parteiprogramm verschwanden. Hatte Marx am Gothaer Programm von 1875 noch die Tatsache, daß die Produktivgenossenschaft weiterhin ein Programmpunkt darstellte, scharf kritisiert[29], so brachte Erfurt 1891 die endgültige Verdrängung Lassalles und mit ihm der Produktivgenossenschaften aus dem Programm der Sozialdemokratie.  Es enthält nun mangels Forschung ein Quentchen Spekulation, sich den weiteren Verlauf zusammenzureimen. Die vereinigten Flügel bestanden zu etwa 50 % aus ehemaligen Lassalleanern[30], die sich nunmehr der Marxschen Programmatik angeschlossen hatten, aber mit ihrem Herzen Lassalle näher standen als dem in weiter Ferne stehenden Ideal Marx[31]. Marx teilte den Standpunkt Lassalles nicht und die Produktivgenossenschaft fiel aus dem Programm heraus. Es ist unwahrscheinlich, daß dies durch eine offene Attacke gegen Lassalle geschehen ist. Wahrscheinlicher ist, daß man das Verschwinden der Produktivgenossenschaft aus dem Programm schuldhaft der Produktivgenossenschaft selber zuschrieb. »Die Produktivgenossenschaft sei gescheitert und habe die Erwartungen enttäuscht«, obwohl natürlich auch diese bis zur Aufhebung der Sozialistengesetze 1890 ständigen Behinderung unterlag. Sie war in der Sozialdemokratie gescheitert, weil man Lassalle aus den Köpfen heraushaben wollte. Die Idee der demokratischen Unternehmung wurde offiziell aufgegeben und nunmehr ein Wechsel des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems angestrebt.

V. Das Genossenschaftsproblem und Franz Oppenheimer

Relativ kurz nach dieser programmatischen Wende der Sozialdemokratie trat Franz Oppenheimer 1896 mit seiner »Siedlungsgenossenschaft« in den Ring theoretischer Auseinandersetzung. Der Untertitel des Buches, dessen erste Fassung Oppenheimer 32jährig, einzig auf die angegebene Literatur gestützt und mit einigen eingestandenen Mängeln behaftet binnen drei Monate hitziger Arbeit am Starnberger See schrieb und anschließend binnen 70 Tage in die veröffentlichte Form brachte[32], lautet: »Versuch einer positiven Überwindung des Kommunismus durch Lösung des Genossenschaftsproblems und der Agrarfrage«. Als Landarzt in Bezirken mit herrschendem Großgrundbesitz hatte Oppenheimer die Lebensverhältnisse des Landproletariats kennengelernt[33]. Aus dieser Position verstand er, weswegen das Landvolk in die Städte wanderte und weswegen dort stets ein Überhang an Arbeitskraften um zu knappe Arbeit konkurrierte. Die lohndrückende »Reservearmee« war seiner Ansicht nach nicht, wie Marx annahm, durch Rationalisierungseffekte der Maschinen, sondern durch Wanderungsbewegungen vom Lande zustandegekommen. Ständig entstanden neue und mehr Arbeitsplätze in den Städten, jedoch zu wenig, um all die Armutsflüchtlinge des Landes aufnehmen zu können. Hätte es noch freies Siedlungsland gegeben, so wäre das Existenzminimum der Landbevölkerung durch den Ertrag vorgegeben gewesen, den eine Familie auf eigenem Grund und Boden erwirtschaften kann. Doch alles Land war besitzrechtlich gesperrt und stand in dem Eigentum weniger Großbesitzer, die sich selber als Eroberer mit dem Schwert oder durch sonstige, eher gewalttätige denn seriöse Maßnahmen das Land in vorherigen Generationen angeeignet hatten. In diesem Überbleibsel feudalistischer Zeiten, mit dem die bürgerliche Revolution zu brechen versäumt hatte, erblickte Oppenheimer den Krankheitsherd zeitgenössischen kapitalistischen Auswuchses und postulierte daher, daß eine soziale Wirtschaft mit einem Ausgleich aller Interessen im Sinne von Adam Smith erst möglich sei, wenn die Reservearmee verschwände, also auch der Arbeiter seinen gerechten Lohn fordern könne, ohne durch seinen notleidenden Nachbarn ständig unterboten zu werden. Wenn sich die industrielle Reservearmee aber aus der Landbevölkerung speist, dann müßten folglich zuallererst die Verhältnisse auf dem Lande verändert werden, bevor weitere Maßnahmen greifen könnten.  Um zweierlei ging es Oppenheimer in seiner »Siedlungsgenossenschaft«.

(1) Es war zu beweisen, daß die industrielle[34] Produktivgenossenschaft unter den damaligen Randbedingungen (!) nicht in der Lage sein konnte, die Soziale Frage zu lösen indem sie alle um Arbeit nachfragenden Armen aufnahm. Wollte die industrielle Produktivgenossenschaft als Unternehmen gelingen, mußte sie sich abschließen wie jedes andere kapitalistische Unternehmen auch. Sie transformierte folglich binnen kürzester Zeit in eine Form, die dem Ideale fernstand, oder sie ging an der Unmöglichkeit des Ideals zugrunde.

(2) Es war zu beweisen, daß die landwirtschaftliche Produktivgenossenschaft all diese Probleme der städtischen nicht kannte, weil die Verhältnisse bei ihr völlig anders lagen. Der Markt für Lebensmittel war damals in jeder Hinsicht ungesättigt, Werte konnten durch einfache Arbeit geschaffen werden, durch Intensivierung der Anbaumethoden ließen sich bei Neuaufnahme von Genossen ungleich leichter die Erträge steigern als in den Fabriken etc. Vor diesem Hintergrund der Oppenheimerschen Idee zur Lösung muß man seine »Siedlungsgenossenschaft« verstehen und einordnen. Eine weitergehende Auseinandersetzung mit der Oppenheimerschen Theorie wurde von mir an anderer Stelle niedergelegt[35], weswegen ich mich hier knapp halten möchte. Weiter unten im Text wird nochmals auf das »Transformationsgesetz« einzugehen sein. Für einen Einstieg in Oppenheimers Theorie eignet sich die »Siedlungsgenossenschaft« aus heutiger Sicht nicht[36].

VI. Die Produktivgenossenschaft in der jungen Bundesrepublik

a) Die erste Vorentscheidung in der Genossenschaftstheorie  Nach 1945 gingen die Zonen der beiden deutschen Staaten lange vor der Errichtung der trennenden Mauer unterschiedliche Wege. Aus der Französischen Zone ist beispielsweise dokumentiert, daß die positive Einstellung der Franzosen und die negative Einstellung der Deutschen gegenüber der Produktivgenossenschaft dazu führten, daß die Besatzer der „Metallbearbeitung Friedrichshafen“ die genossenschaftliche Unternehmensform geradezu aufzwingen mußten[37]. In der Sowjetischen Zone wurde hingegen sofort mit der Gründung von Produktivgenossenschaften in größerem Maßstab begonnen, was Conrad nicht einzig in den kommunistischen Gedankengängen verwurzelt sah, sondern in der Möglichkeit, „durch gemeinsame, insbesondere finanzielle Anstrengungen zur Errichtung einer existenzbegründenden Produktionsstätte zu kommen“[38].  In der britischen Zone kam es zu einer Vorentscheidung durch Gerhard Weisser. Als Gutachter des Wirtschaftsministeriums und als Vorsitzender des Instituts für Selbsthilfe, dem damals sämtliche karitativen Verbände Deutschlands angehörten, warnte Weisser vor dieser Genossenschaftsform nachdrücklich:  „Der Erstatter dieses Gutachtens hat schon in den Jahren 1945 und 1946 als Generalsekretär des Zonenbeirates der Britischen Zone zuständige Stellen der Flüchtlingsländer mehrfach davor gewarnt, Produktivgenossenschaften der Geschädigten (und übrigens auch Kriegsbeschädigten) als geeignete Unternehmensformen für gewerbliche Geschädigtenunternehmen im Sinne von Ziffer 17 bis 19 zu fördern. In den meisten Fällen erweist sich diese Unternehmensform als ungeeignet. Nach längst international feststehenden Ergebnissen der Genossenschaftstheorie pflegen Produktivgenossenschaften entweder aus Mangel an Kapital, Disziplin und Absatzmöglichkeiten zu scheitern oder aber sich im Falle des Gelingens in kleinkapitalistische Unternehmen zu verwandeln, die durchaus die gleichen – unter Umständen noch härtere – innerbetriebliche soziale Spannungen aufweisen, wie dies auf privatwirtschaftliche Industrieunternehmen vielfach zutrifft“[39].  An anderer Stelle findet man die nahezu wortgleiche Warnung, wieder unter Verweis auf die »längst international feststehenden Ergebnisse der Genossenschaftstheorie« veröffentlicht. Statt der »kleinkapitalistisch entartenden Produktivgenossenschaft« sah Weisser die Lösung in »kapitalgesellschaftlichen Verbandsunternehmen«[40]. Diesen erkannte er zu, daß sie, dem »Dienstgedanken« folgend, nicht am Gewinnstreben orientiert seien. „Sie vermeiden die Mängel der »Produktionsgenossenschaften[41]«, jener durchaus ungeeigneten Form der Selbsthilfeunternehmung, die in der Geschichte der Selbsthilfebewegung eine so unerfreuliche Rolle gespielt hat und heute leider wieder spielt, und verwirklicht zugleich weitergehend die Vorteile, die man irrtümlich von dieser verfehlten Form immer wieder erwartet hat.“[42] Beispielsweise führt er die »sozialen Baubetriebe« der Gewerkschaften an. „Ein solches Unternehmen wird von jedem einzelnen Mitarbeiter als »sein« Unternehmen empfunden und ist insofern besser als die vielfach angewendete Produktivgenossenschaft, da es nicht an ihren Mängeln, Kapital- und Absatzschwierigkeiten sowie Disziplinlosigkeit, leidet.“[43]  Trotz aller Bemühungen ist mir nicht bekannt, daß Weisser seine mit einiger Autorität vorgetragene Behauptung gegen die Produktivgenossenschaft jemals durch eigene Forschungen abgesichert hätte. Aus den gewählten Formulierungen läßt sich vielmehr entnehmen, daß sich Weisser mit seinem Engagement einzig auf das Werk Franz Oppenheimers beruft, sowie möglicherweise auf bestätigende Reaktionen aus dem Umfeld[44]. Wie dem auch sei wird man annehmen dürfen, daß die von Weisser so energisch eingebrachte Position nicht ohne Wirkung blieb. Friedrich Sahner, der als Doktorand nach einem Eklat mit Weisser nach Ost-Berlin wechselte, drückt dies in seiner Arbeit folgendermaßen aus: „Das Erscheinen dieser Arbeit in ihrer ursprünglichen Fassung wurde an der Universität zu Köln verhindert, weil dadurch die früheren gutachterlichen Fehlleistungen von Weisser und seinen Mitarbeitern offenbar geworden wären. Ein für das Bundeswirtchaftsministerium angefertigtes Gutachten Weissers vom Januar 1952 stützte sich nämlich auf die oben genannten Lehrsätze Oppenheimers. Dieses Gutachten hatte dann wesentlich dazu mitbeigetragen, daß in der Bundesrepublik alle produktivgenossenschaftlichen Bestrebungen schon im Keime erstickt wurden.“[45] Bundeswirtschaftsminister war damals übrigends Ludwig Erhard, der selber bei Oppenheimer mit einem geldtheoretischen Thema promoviert hatte[46]. Erhard wußte um die Bedeutung eines funktionierenden Genossenschaftswesens für die Soziale Marktwirtschaft und war von daher durchaus willens, den Genossenschaften bei ihrer Reorganisation nach der NS-Zeit freie Hand zu gewähren. Nur leider hatte er sich selber nie mit betriebspraktischen Fragen des Genossenschaftswesens befaßt. Ein von Weisser unter Bezugnahme auf Oppenheimer abgegebenes Gutachten mag in dieser Konstellation besonders fatal gewirkt haben, denn die Verehrung Oppenheimers durch Erhard reichte sehr weit und war für diesen daher mit Autorität und Vertrauenswürdigkeit verbunden[47].

b) Persönliche Verflechtung  Zwischen Gerhard Weisser, Leonard Nelson und Franz Oppenheimer gibt es einen Zusammenhang, aus dem sich Weissers Haltung relativ schlüssig erklären läßt. Weissers (geboren 1898) hat 1919-1922 bei Leonard Nelson in Göttingen studiert und war Mitglied in dem von Nelson geleiteten Internationalen Jugendbund (IJB). Zur Unterstützung der Arbeit des IJB gründete Nelson 1918 die »Gesellschaft der Freunde der Philosophisch-Politischen Akademie«, deren Vorsitzender Franz Oppenheimer wurde, mit dem Nelson seit 1903 in engem Kontakt stand. Nelson und Oppenheimer bekundeten nachfolgend wechselseitig eine völlige Identität der Anschauungen bezüglich der von ihnen weiterentwickelten Theorie des »liberalen Sozialismus«, an der Nelson als Philosoph und vom Standpunkt der Ethik aus, Oppenheimer als Soziologe und Nationalökonom arbeitete. Bereits oben habe ich darauf hingewiesen, daß Oppenheimer Kapitalismus und Kommunismus gleichermaßen ablehnte. Stets war er überzeugt von der Möglichkeit eines »dritten Weges«, dessen ökonomisch-theoretische Ausgestaltung Nelson vielleicht nicht im Detail verstanden haben mag, aber der er aus normativ-ethischer Sicht voll zusprach. Der junge Weisser, der bei Oppenheimer niemals studiert hatte, sah sich nun berufen, einen schwelenden Konflikt innerhalb des IJB aufzugreifen und veröffentlichte ohne Rücksprache mit Nelson oder Oppenheimer ein Papier, in dem er einer sozialistischen Verwaltungswirtschaft das Wort redete und Oppenheimers Theorie zu zerpflücken versuchte[48]. Hätte Oppenheimer nicht mit einem komplizierten Beinbruch in einer Freiburger Klinik gelegen und wäre es zu einer Aussprache gekommen, dann hätte sich der dahinterstehende Versuch einer Abspaltung des IJB von Oppenheimer möglicherweise gütlich ausdiskutieren lassen. So reagierte Nelson empfindlich und warf Weisser kurzerhand aus dem Bund heraus[49], was diesen dazu nötigte, sein Studium in Tübingen bei Wilbrandt abzuschließen.  Weisser ging ab 1922 seine eigenen Wege und hatte mit Nelson und Oppenheimer nichts mehr zu tun. Der IJB wurde 1925 in eine selbständige politische Partei umgewandelt, dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), dessen Leitung nach Nelsons Tod im Jahre 1927 an Willi Eichler überging. Während der NS-Zeit war der ISK unter Eichler eine Organisation des aktiven Widerstandes, dessen Mitglieder aus dem Ausland operierten und teilweise in Konzentrationslagern den Tod fanden[50]. Weisser habilitierte sich unterdessen 1943 in Rostock[51] und engagierte sich mit zahlreichen Publikationen im Sinne der von ihm befürworteten Verwaltungswirtschaft, ohne daß man ihm ein darüber hinausgehendes Engagement im Sinne des Nationalsozialismus vorwerfen könnte. Zwischen Eichler, der nach Kriegsende eine Schlüsselrolle in der SPD einnahm, und Weisser, lebte der Kontakt wieder auf und beförderte Weisser m.E. überaus rasch in verantwortliche Positionen, auf die dieser so nicht vorbereitet war. Der unter Zugzwang erfolgte Rückgriff auf Oppenheimers »Siedlungsgenossenschaft« bei der Frage der Produktivgenossenschaft in Verbindung mit der Rückkehr in den Nelson-Kreis, aus dem Weisser zuvor wegen einer Oppenheimer-Kritik ausgeschlossen worden war, mag psychologisch erklären, weswegen Weisser sich nun auf die Kompetenz Oppenheimers zu stützen neigte. Wie bereits 1923, hat sich Weisser aber auch 1945 nicht auf den Gesamtzusammenhang Oppenheimerscher Argumentation einlassen können und ging erneut in die Irre.

c) Ein falsches Zitat  Der Irrtum Weissers entstand nicht in völlig luftleerem Raum, sondern wurde theoriegeschichtlich vorbereitet durch eine häufig rezipierte Arbeit von Fuchs[52]. Dieser schrieb: „Franz Oppenheimer hat sich im ersten Teil seiner Siedlungsgenossenschaft der Mühe unterzogen, dieses schon von ihren Befürwortern (s. Webb-Potter!) erkannte sogenannte »Gesetz der Transformation« theoretisch zu fundieren und auf die knappe Formel zu bringen: »Nur äußerst selten gelangt eine Produktivgenossenschaft zur Blüte; wo sie aber zur Blüte gelangt, hört sie auf, eine Produktivgenossenschaft zu sein.«“ (Zitat bei Fuchs ohne Quellenangabe.)  Das Zitat ist von Fuchs sowohl falsch abgeschrieben als auch falsch interpretiert worden[53]. Es lautet bei Oppenheimer: „Nur äußerst selten gelangt eine Produktionsgenossenschaft zur Blüte. Wo sie aber zur Blüte gelangt, hört sie auf, eine Produktivgenossenschaft zu sein.“[54] Es ist zwischenzeitig zu einer geläufigen Redewendung avanciert[55] und wurde bei Fuchs zu einer Art naturgesetzgleichem Beweis der absoluten Unmöglichkeit von Produktivgenossenschaften verkehrt, während die Aussage bei Oppenheimer lautet, daß die industrielle Produktionsgenossenschaft unter den gegebenen gesellschaftlichen Randbedingungen wohl schwierig, aber möglich ist, während es Produktivgenossenschaften gemäß ihrer selbstgewählten Idealdefinition (100 %ig eingehaltenes Identitätsprinzip und Offenheit) nicht geben kann. In der begrifflichen Systematik zählt die Produktionsgenossenschaft bei Oppenheimer zu den Unternehmergenossenschaften, ist also eine Einrichtung, die sich primär um ihr eigenes Wohlergehen kümmert und erzielte Vorteile auch gegen ihre Klassengenossen verteidigt. Für manch einen Sozialisten (siehe Weisser) geradezu frevelhaft und ein Zeichen kleinkapitalistischer Entartung; für Oppenheimer hauptsächlich ein Beweis dafür, daß man von den städtischen Produktivgenossenschaften keine Umkrempelung des Kapitalismus erwarten kann und darf. Als Übungsstätten betrieblicher und damit auch gesellschaftlicher Demokratie hat Oppenheimer jede Form der Genossenschaft immer hoch geschätzt. Sollte die kapitalistische Wirtschaft, die nach Oppenheimer »politische Ökonomie« ist, jemals in eine »reine Ökonomie« übergehen, dann wird es gemäß seiner Prognose sogar ausschließlich nur noch Unternehmen in produktivgenossenschaftlicher Organisationsform geben[56], so wie zur Zeit der jungen Zunft alle Unternehmung eine produktivgenossenschaftliche war[57].  Das »Transformationsgesetz« hat denn bei Oppenheimer nie den Inhalt einer Unmöglichkeitsbestimmung gehabt, sondern beschreibt die Zwangsläufigkeit einer Schließung, weil die Produktivgenossenschaft – anders als die Konsumgenossenschaft – mit jedem beitretenden Mitglied ihre erkämpfte Existenzgrundlage wieder teilen müßte, während die Konsumgenossenschaft mit jedem neuen Mitglied ihre Marktposition stärken kann. Ein simpler mathematischer Zusammenhang, dessen Richtigkeit von niemandem bestritten wird und der deswegen auch berechtigt als »Gesetz« bezeichnet werden darf. Das Transformationsgesetz ist die Ursache dafür, daß nach damaliger Definition offene Produktivgenossenschaften in geschlossene Produktionsgenossenschaften übergehen müssen, und die Altgenossen dazu neigen, ihre erarbeiteten Vorteile gegen Neugenossen und Außenstehende zu verteidigen. Ändert man die Definition bzw. findet man eine gerechte Regelung, entfällt das Problem.  Weil die Unmöglichkeitsbehauptung, geknüpft an Oppenheimer, so tief in die Literatur eingegangen ist, sei hierzu ein weiterer Text zitiert. Darin beschreibt Oppenheimer ein von dem Franzosen Mildé entwickeltes Verfahren, bei dem zunächt in Fabrikantenbesitz stehende Produktionsstätten über eine zeitlich gestreckte Gewinnbeteiligung der Arbeiter bis hin in die Form der Produktivgenossenschaft überführt werden. „Man wird dem System, das nur scheinbar verwickelt ist, nachrühmen können, daß es in sehr geschickter Weise alle die Klippen zu umschiffen versucht, die bisher den industriellen Produktivgenossenchaften regelmäßig verhängnisvoll geworden sind.“ Wenn diese Genossenschaftsform die Schwierigkeiten der Kreditbeschaffung, des Absatzes und der Disziplin gelöst hat und zur Blüte gelangt ist, bleibt ihr immer noch das Problem, ihre produktivgenossenschaftliche Form zu verlieren. „Aber auch diese schlimmste Klippe auf der Bahn der bisherigen industriellen Produktivgenossenschaften will der Mildésche Plan vermeiden. Sein kunstvolles System versucht es zu erreichen, daß die älteren Arbeiter daran verhindert werden, sich als die kapitalistischen Inhaber der Firma zu betrachten und alle später eintretenden Kammeraden von dem Genuß des Kapitalgewinns auszuschließen. Wenn das geschilderte System in der Tat auf die Dauer aufrecht erhalten werden kann, dann scheint dieses schwierigste der Probleme gelöst zu sein. Denn zwar werden die Kapitalgewinne regelmäßig den an ihrer Erzeugung beteiligten Arbeitern allein zugeführt, aber dennoch findet sich jeder neu eintretende in Bezug auf die künftigen Gewinne ganz in der gleichen Lage, wie der älteste Kollege im Betriebe.“[58]  Mit anderen Worten: Es ist völlig unberechtigt, in der Genossenschaftstheorie eine Art Naturgesetz gegeben zu sehen das, wie in dem Fall des Perpetuum mobile, aus Gründen der Unmöglichkeit (Energieerhaltungssatz) jeden weiteren Gedanken an die Idee verbietet. Man mag von Schwierigkeiten sprechen und diese hoch einschätzen. Aber niemand kann heute sicher sagen, ob die Produktivgenossenschaft nicht irgendwann ebenso die Unternehmerwirtschaft ablöst, wie der Transatlantikflieger den Hochseedampfer. Dazu müßte man sie erst einmal entwickeln.

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Fußnoten

1. Vgl. Werner Kruck: »Marktwirtschaftliche Selbststeuerung« und »gemeinwirtschaftliche Selbsthilfe« – Zur Politischen Ökonomie einer ostdeutschen Gesundungsstrategie. In: Arbeit, Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik, 2.Jg., Heft 3/1993, S.242-263.

2. Vgl. Wolfgang Beywl: Produktivgenossenschaften in den neuen Bundesländern. Zur Notwendigkeit einer arbeitnehmerorientierten Politik für Betriebe im Eigentum der Beschäftigten. In: ZfgG, Bd.41, 1991, S.37-47.

3. Verband Deutscher Produktivgenossenschaften und Partnerschaftsunternehmen e.V (vdp, Kurt-Weill-Str.31, 06844 Dessau), neuerdings mit Zulassung als Prüfungsverband in allen neuen Bundesländern sowie TreuCoop eG – Treuhand und Wirtschaftsberatungsgesellschaft – mit Geschäftsstellen in Berlin, Kassel, Dessau und Hannover. Vgl. Gerd K. Schaumann in: procoop, Verbandszeitung des vdp, 3.Jg., Nr.13, 1992, S.1 und 3.

4. Vgl. Oswald Hahn: Die Entwicklung der Genossenschaftsorganisation in den neuen Bundesländern. In: ZfgG, Bd.41, 1991, S.27-36, speziell S.32.

5. Exemplarisch siehe Clemens-August Andreae, Karl Niehues: Produktivgenossenschaften als alternative Unternehmensform – dargestellt am Beispiel der Gerätewerke Matrei Gen.m.b.H., Tirol/ Österreich. In: ZfgG, Bd.40, 1990, S.166-183.

6. H. Häntschke: Die gewerblichen Produktivgenossenschaften in Deutschland. Charlottenburg 1894, S.332.

7. Reich an Material ist Max Quarck: Die erste deutsche Arbeiterbewegung, Geschichte der Arbeiterverbrüderung 1848/49, Leipzig 1924.

8. Frolinde Basler: Sozial-Demokratie 1848/49-1863, Band 2 (Quellen), Stuttgart 1962, S.616-622.

9. Dito, Band 1 (Textband), S.97, Fußnote 202, Sekundärzitat aus: (Preußische) Denkschrift in Betreff der Arbeiterverbrüderung, Juni 1850, S.7, GLA Karlsruhe, 236/8196.

10. Georg Adler: Die Geschichte der ersten Sozialpolitischen Arbeiterbewegung in Deutschland mit besonderer Rücksicht auf die einwirkenden Theorien. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der sozialen Frage. Breslau 1885, Nachdruck Frankfurt/Main 1966, S.186.

11. Ferdinand Lassalle: Die französischen National-Werkstätten von 1848. Eine historische Rückschau. In: Gesammelte Reden und Schriften, hrsg. von Eduard Bernstein, Bd.3, Berlin 1919, S.95-107, hier S.95-98.

12. Ebenda, S.104. Zitat von Lassalle entnommen aus Emile Thomas, L’histoire des ateliers nationaux, S.142.

13. Ebenda, S.96. Zitat von Lassalle entnommen dem Leitartikel von Faucher, Volkszeitung Nr.95 vom 23.4.1864.

14. Nämlich die Idee: „Im Namen und mit Mitteln des Staates Arbeitsstätten zu errichten, die die Arbeit sichern, den Lohn ordnen und die Lebensansprüche des Arbeiters befriedigen sollen“, dito S.95.

15. Sehr gut aufgearbeitet wurden die Ereignisse von Walter Riener: Die industriellen Produktivgenossenschaften. Ihr Wesen und ihre Probleme, Diss., Wirtschaftsuniversität Wien 1950, Maschinenschrift, S.50-57. Reich an zeitnahen Material ist Andreas Cochut: Die Arbeiter-Association. Geschichte und Theorie der Versuche einer Reorganisation der Gewerbe, welche seit dem Februar 1848 gemacht worden sind. Übersetzt von A.Wagner, Tübingen 1852. Richtig ebenfalls Vahan Totomianz: Artikel „Louis Blanc“. In: Internationales Handwörterbuch des Genossenschaftswesen, Berlin 1928, S.119-121.

16. Häntschke, a.a.O., S.11, klärt teilweise auf und verkennt zugleich völlig die politischen Hintergründe. Faust agumentiert in jeder Hinsicht unscharf, kennt keine Intrigen und keine staatliche Gewaltanwendung. Vgl. Helmut Faust: Geschichte der Genossenschaftsbewegung, 3.erweiterte Auflage, Frankfurt/Main 1977, S.157-159. Velásquez sieht den Kredit auf Blanc zurückgehen. Vgl. Rogelio Villegas Velásquez: Die Funktionsfähigkeit von Produktivgenossenschaften, Diss., Tübingen 1975, S.34.

17. „Der erste geniale Führer dieser neuen Klasse (des Industrie-Proletariats, W.K.), Ferdinand Lassalle, selbst vom Ursprung aus Liberaler vom reinsten Wasser, klopfte an die Tore der Fortschrittspartei. Wäre sie liberal, und keine einseitige Vertretung der Meisterklasse gegen die Gesellenklasse gewesen, so hätte man ihm die Arme weit geöffnet. Aber man stieß ihn mit Zorn und Hohn zurück. Man ächtete und verfolgte ihn, man sprengte seine Veranstaltungen und überzeugte derart die Arbeiter praktisch, daß sie gegen den Liberalismus sich emporarbeiten müßten, da es mit dem Liberalismus nicht anging.“ Franz Oppenheimer: Die Niederlage des deutschen Liberalismus. In: Freistatt, Kritische Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst, München, 5.Jg., H.31 vom 1.8.1903, S.603-604.

18. Die Angaben über die Tätigkeit von Max Wirth wurden Rita Aldenhoff: Schulze-Delitzsch, Ein Beitrag zur Geschichte des Liberalismus zwischen Revolution und Reichsgründung, Baden-Baden 1984, S.112f und 172 entnommen. Neben den bei Aldenhoff angegebenen weiterführenden Quellen setzt sich auch schon August Fläxl: Die Produktivgenossenschaft und ihre Stellung zur sozialen Frage, München 1872, mit Wirth auseinander.

19. Viktor Aimé Huber: Skizzen aus dem französischen Genossenschaftsleben. In: derselbe, Ausgewählte Schriften über Socialreform und Genossenschaftswesen, hrsg. von K. Munding, Berlin 1894, S.889-957, hier S.904.

20. Als Gegenbewegung zu den Handwerkervereinen der Arbeiterverbrüderung wurde von der Regierung ein christlicher Handwerkerverein gefördert, unter dessen Gründern Huber die treibende Kraft war. Der Verein brach 1847 mit einer Schuldenlast von 1200 Talern zusammen und es würde nicht verwundern, wenn Huber die Daten seines Projektes undifferenziert auf die gegnerische Arbeiterbewegung übertrug. Zu dem Huber-Projekt siehe Stephan Born: Das Volk, Organ des Central-Komitees für Arbeiter, eingeleitet durch die Monographie von Wilhelm Friedensburg, Glashütten im Taunus 1973, S.27.

21. Victor Aimé Huber: Die cooperative Association in Deutschland. In: Deutsche Vierteljahresschrift, H.1, 1855, S.51-107, hier S.79 und 80.

22. Viktor Aimé Huber: Skizzen aus dem französischen Genossenschaftsleben, a.a.O., S.903.

23. Friedrich von Wieser: Grossbetrieb und Productivgenossenschaften. In: Zeitschrift für Volkswirtschaftslehre, Socialpolitik und Verwaltung, Bd.1, 1892, S.102-145, hier S.121.

24. Heinrich Herker: Die Arbeiterfrage, Bd.1, Aufl.8, Berlin und Leipzig 1922, S.18. Zitat im Zitat aus J. H. v. Thünen: Der isolierte Staat, Bd.2, Berlin 1875, S.48f.

25. Robert Liefmann: Die Unternehmungsformen mit Einschluß der Genossenschaften und der Sozialisierung, 3.Aufl., Stuttgart 1923, S.92. Statistische Angabe von 1921.

26. Vgl. Johanna Rode: Der Streit zwischen Lassalle und Schulze-Delitzsch im Lichte der ökonomischen Theorie. Diss., Frankfurt/M. 1934.

27. Ich folge in diesem Abschnitt der materialreichen Aufarbeitung durch Susanne Miller: Das Problem der Freiheit. Freiheit, Staat und Revolution in der Programmatik der Sozialdemokratie, Frankfurt/ Main 1964, speziell S.35 und 46f. Lassalles Offenbarungen entstammen dem an Rodbertus gerichteten Brief vom 28.4.1863. In: Ferdinand Lassalle: Die Schriften des Nachlasses und der Briefwechsel mit Karl Rodbertus, hrsg. v. Gustav Mayer, Bd.6, Stuttgart, Berlin 1925, S.329.

28.Vgl. Miller, a.a.O., S.56f.

29.Ebenda, S.78.

30. Ebenda, S.71.

31. Ebenda, S.22.

32. Vgl. Franz Oppenheimer, in: Die Volkswirtschaftslehre der Gegenwart in Selbstdarstellung, Bd.2, Leipzig 1929, S.68-116, hier S.91f.

33.“Als Kaiser Wilhelm der II. das Gut Cadinen besichtigte, das ihm durch Erbschaft zugefallen war, rief er aus: »Hier sind ja die Schweineställe besser als die Leutewohnungen!« Ich wußte Bescheid!!“ Franz Oppenheimer: Erlebtes, Erstrebtes, Erreichtes. Lebenserinnerungen, erweiterte Neuauflage, Düsseldorf 1964, S.93.

34. Die ganze Auseinandersetzung geht bei Oppenheimer um die industrielle Produktivgenossenschaft, was er durch Fettdruck ständig unterstreicht. Damit sind genossenschaftliche Arbeiterfabriken gemeint, die von der handwerklichen Produktivgenossenschaft klar zu trennen sind! Letztere sind vom betriebswirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen durchaus lebensfähig, wie Oppenheimer aus den Statistiken seiner Zeit wußte und auch angibt. Sie sind nur für den vierten Stand mangels Ausbildung unerreichbar und für Oppenheimer deswegen nicht Thema. In Punkto »Transformationsgesetz« unterliegen sie als Verkäufergenossenschaft dem für alle Verkäufergenossenschaften geltenden Zwang zur Abschließung, weswegen Oppenheimer in diesen Passagen keine Differenzierung vornimmt.

35. Werner Kruck: „Transformationsgesetz“ und Wirklichkeit der Oppenheimerschen Genossenschaftstheorie. In: Zeitschrift für öffentliche und gemeinwirtschaftliche Unternehmen, Bd.15, H.1/1992, S.1-16.

36. Als verbesserte Frühschrift läßt sich das zwei Jahre nach der »Siedlungsgenossenschaft« erschienene Buch von Franz Oppenheimer: Großgrundeigentum und soziale Frage, Versuch einer neuen Grundlegung der Gesellschaftswissenschaft, Berlin 1898, empfehlen. Wer sich lieber mit den Gedanken des Ordinarius für Soziologie und theoretische Nationalökonomie auseinandersetzen möchte, sollte auf Franz Oppenheimer: Weder Kapitalismus noch Kommunismus, 3.Aufl., Stuttgart 1962, zurückgreifen. Gut zu lesen ist auch Oppenheimers letzte, nicht neu aufgelegte deutschsprachige Veröffentlichung: Das Kapital, Leiden (NL) 1938. Für dann noch offene Fragen sei auf das 4500 Seiten starke und über einen eigenen Registerband erschlossene »System der Soziologie«, 2.Aufl., Stuttgart 1964, verwiesen. Sekundärliteratur ist dagegen in 98 % der Fälle mit entstellenden Fehlern behaftet und sollte man besser erst einmal meiden.

37.Vgl. Dieter Bruns: „Metallbearbeitung Friedrichshafen e.G.m.b.H.“ und „Sauerstoffwerke Friedrichshafen e.G.m.b.H.“ als Beispiel für die Problematik industrieller Produktivgenossenschaften. Diss., Köln 1955, S.5.

38. Vgl. Giesela Conrad: Können Produktivgenossenschaften einen Beitrag zur wirtschaftlichen Eingliederung der Umsiedler leisten? Eine Untersuchung am Beispiel des Landes Brandenburg. Diss., Berlin 1950, S.41. Die Arbeit wurde von dem Oppenheimer-Schüler Joachim Tiburtius betreut.

39. Gerhard Weisser: Volkswirtschaftliche Gesichtspunkte für die produktiven Hilfen des Lastenausgleiches. (Vorläufiges Gutachten auf Grund des Forschungsauftrages des Herrn Bundeswirtschaftsministers vom 28.9.1951 an das Forschungsinstitut für Sozial- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Köln, Abt. Sozialpolitik.) In: Die Eingliederung der Kriegsgeschädigten unter besonderer Berücksichtigung der dafür geeigneten Unternehmenstypen. Gutachten, dem Hauptamt für Soforthilfe erstattet vom Institut für Selbsthilfe, Köln, in Verbindung mit dem Seminar für Genossenschaftswesen der Universität zu Köln, Köln 1952, Maschinenschrift, siehe Anhang, Zitat auf S.9 (Punkt 20) des Gutachtens. Ebenso in Gerhard Weisser: Produktivere Eingliederung, 2. umgearbeitete Aufl. des oben bezeichneten Gutachtens, Göttingen 1956, S.160.

40. Vgl. Gerhard Weisser: Die Eingliederung der deutschen Vertriebenen durch Bildung industrieller Gemeinschaftsunternehmen. In: Annalen der Gemeinwirtschaft, 22.Jg., Genf 1922, S.174-176, hier S.175.

41. »Produktionsgenossenschaften« wurde in meiner Textvorlage per Hand in »Produktivgenossenschaften« (von wem auch immer) umgeändert.

42. Gerhard Weisser: Die Selbsthilfebewegung und der Ständige Ausschuß für Selbsthilfe. In: Der Ständige Ausschuß für Selbsthilfe (Hrsg.): Die angeschlossenen Verbände berichten über Leistungen gemeinschaftlicher Selbsthilfe, herausgegeben anläßlich des Deutschen Selbsthilfetages 1950, Göttingen 1950, S.9-45, hier S.19f.

43. Gerhard Weisser: Selbsthilfe der Vertriebenen. In: Europa und die deutschen Flüchtlinge, Frankfurt/ Main 1952, S.72-91, hier S.81.

44. Die Beschlüsse gegen »die ungeeignete Form der Produktivgenossenschaft« werden auch wiedergegeben von Norbert Plewa: Ein wirtschaftsorganisatorischer Versuch des Ständigen Ausschusses für Selbsthilfe. In: Archiv für öffentliche und freigemeinwirtschaftliche Unternehmen, Bd.1, 1954, S.357-364. Mit Sicherheit akzeptiert haben muß das Konzept danach auch Otto Blume, dem die Geschäftsführung des Ausschusses oblag.

45. Friedrich Sahner: Das Gesetz der Transformation von Franz Oppenheimer. Diss., Berlin 1962, S.6.

46. Ludwig Erhard: Wesen und Inhalt der Werteinheit. Diss., Frankfurt/M. 1925.

47. Dies hat mir erst kürzlich Hans Werner Staratzke, ein ehemaliger Erhard-Mitarbeiter, persönlich bestätigt. Es geht aber auch aus der von Erhard verfaßten Gedenkrede hervor, die dieser am 30. 4. 1964 anläßlich der Gedenkfeier zum 100. Geburtstag von Franz Oppenheimer an der FU Berlin hielt. Sie ist auszugsweise abgedruckt in der Neuauflage von Franz Oppenheimer: Erlebtes, Erstebtes, Erreichtes, a.a.O., S.5f.

48. Gerhard Weisser: Einwände gegen Franz Oppenheimers wirtschaftspolitisches Programm. Rundbriefe Reihe A des Internationalen Jugend-Bundes, 12. wirtschaftswissenschaftlicher Brief vom Juni 1922, Bestand des IJB/ISK, Box 3, Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn. Die Stoßrichtung Weissers mag wohl mit der damals vorherrschend etatistischen SPD-Programmatik konform gehen, ist gegen so entschiedene Marktwirtschaftler wie Oppenheimer und Nelson vorgetragen jedoch einigermaßen verwegen. Es ginge zu weit, hier auf inhaltliche Defizite einzugehen. Festgehalten werden kann, daß Weisser aus diesem Anlaß die »Siedlungsgenossenschaft« Oppenheimers bearbeitet hat, wenn auch nicht um der Genossenschaftsfrage wegen.

49.Weiterführende Quellenangaben siehe Dieter Haselbach: Franz Oppenheimer, Opladen 1985, S.151.

50. Vgl.: Wie Vernunft praktisch werden kann. Zur Aktualität des philosophischen Werkes von Leonard Nelson. Ausstellungskatalog. Hrsg. von der Philosophisch-Politischen Akademie, Frankfurt/ Main 1987.

51. Gerhard Weisser: Form und Wesen der Einzelwirtschaft. Theorie und Politik ihrer Stile. 2. Aufl., Göttingen 1949.

52. Hans Fuchs: Der Begriff der Produktivgenossenschaft und ihre Ideologie, Diss. Köln, Düsseldorf 1927.

53. Diesen Fehler hat wiederum Herbert Weil vorbereitet, auf den sich Fuchs stützt. Weil hat eine im Prinzip theorielose statistische Erhebung vorgelegt, in der er die Produktivgenossenschaften nach »Transformationsstadien« klassifiziert. Weil er von Oppenheimer Material erhalten hatte, bedankt er sich bei diesem und meint wohl auch, daß er dem Transformationsbegriff Oppenheimers bei dem gewählten Verfahren entspreche. Das ist so schlüssig, als erkläre man das Gesetz der Schwerkraft durch eine Unterscheidung der Äpfel, welche am Boden liegen, noch am Baum hängen oder gerade herunterfallen. Vgl. Herbert Weil: Die gewerblichen Produktivgenossenschaften in Deutschland, München 1913. Die Widmung Weils an seinen „verehrten Lehrer Franz Oppenheimer“ mag Fuchs hier in der Qualität der genommenen Anleihe getäuscht haben.

54. Franz Oppenheimer: Die Siedlungsgenossenschaft, Leipzig 1896, Jena 1913, Jena 1922, alle drei Auflagen identisch, S.45.

55. Siehe ähnlichen Wortlaut mit gleicher Begriffsverwechslung (ohne Quellenangabe) bei dem schweizer Genossenschaftstheoretiker Max Weber: Die Produktivgenossenschaft in der Schweiz. In: ZfgG, Bd.12, 1962, S.43-47, hier S.47; ebenso in der durch Weisser betreuten Dissertation von Dieter Bruns: Metallbearbeitung Friedrichshafen etc, a.a.O., S.2, Fußnote 1 (ohne Quellenangabe), sowie bei anderen Autoren bis in die jüngere Literatur hinein (mit Quellenangabe und beibehaltener Begriffsverwechslung).

56. Vgl. den Absatz über die reine Ökonomie: „Die großen Betriebe können hier in der Regel, unter irgendeiner rechtlichen Form, faktisch nur Produktivgenossenschaften sein.“ Franz Oppenheimer, Das Kapital, Leiden 1938, S.393.

57. „Weil sie nur im friedlichen Wettbewerb, nicht aber im feindlichen Wettkampf zueinander standen, waren die Handwerker des hohen Mittelalters jederzeit geneigt, sich genossenschaftlich zusammenzuschließen. Aus diesem Geiste erwuchs die Zunft.“ Franz Oppenheimer: System der Soziologie, Band 4, Abriß einer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas von der Völkerwanderung bis zur Gegenwart, S.1057.

58. Franz Oppenheimer: Von der Gewinnbeteiligung der Arbeiter zur Produktivgenossenschaft. In: Soziale Praxis, Zentralblatt für Sozialpolitik, 17.Jg., Nr.38, Berlin 1908, Spalte 993-996.

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/08/31/genossenschaftenkritik_der_kritiken_20/

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kommentare

  • Der Genossenschaftsexperte Dr. Wolfgang Fabricius schrieb mir in einem Brief:

    Klaus Novy hat 1985 resigniert festgestellt: „In der Geschichte der Arbeiterbewegung haben Selbsthilfeunternehmen eine große, von Historikern und Ökonomen bis in die jüngste Zeit fast völlig vernachlässigte Rolle gespielt. Was für die Fachwissenschaft gilt, trifft für eine breitere Öffentlichkeit allemal zu

    Das Ergebnis meiner bisherigen Recherchen war, dass ganz bestimmt Werner Kruck, aber auch Rosa Luxemburg das Transformationsgesetz von Franz Oppenheimer nicht richtig verstanden haben (oder nicht richtig verstehen wollten?). Um zu verstehen, muß der Produktivgenossenschaft die Konsumgenossenschaft gegenübergestellt werden: Nach Oppenheimer bestand die Besonderheit der Konsumgenossenschaften darin, dass sich nichtbesitzende lohnabhängige Konsumenten zusammenschlossen und durch die Einlage vieler kleiner Beiträge Kapital zum Nutzen gemeinsamer Interessen einsetzten. Je mehr Konsumenten gewonnen werden konnten, desto höhere Preisnachlässe konnten beim Einkauf erzielt werden. Wenn dann von den Konsumgenossenschaften die Produktion eines ganzen Betriebs abgenommen wurde, konnten sie durch die Übernahme dieses Betriebes weitere Einsparungen erzielen. So wurde in kleinen Schritten der profitmaximierende Markt vom Konsumenten aus seinem eigenen Umfeld verdrängt.

    Produktivgenossenschaften waren dagegen nach Oppenheimers „Transformationsgesetz“ von 1894 in zweierlei Hinsicht zur Schließung verurteilt:

    1. Da sie sich auf dem profitorientierten Markt behaupten mussten, waren sie den immer wiederkehrenden Wirtschaftskrisen wie jeder andere Betrieb unterworfen. In einer Wirtschaftskrise konnte sich die Genossenschafts-Geschäftsführung aber nicht von ihren Mitarbeitern, die ja auch Mitglieder waren, trennen. Die Mitglieder aber hatten, da der Betrieb ihre einzige Einkommensquelle war, wenn sie „arbeitslos“ wurden, zusätzlich zum fehlenden Einkommen auch noch die Betriebskosten am Hals und standen sich schlechter als die regulären Arbeitslosen. Sie mussten in praktisch allen Fällen nach relativ kurzer Zeit schließen.

    2. Sollten sie aber eine Krise überlebt und endlich Geld in den Kassen haben, wollten sie dies keinesfalls mit anderen Mitgliedern teilen. Sie tendierten vielmehr dazu, sich gegenüber Neumitgliedern zu verschließen und lieber Angestellte zu beschäftigen., die sie heuern und feuern konnten und mutierten damit zu einer konventionellen „Angestellten-Assoziation“ mit zwei unterschiedlichen Mitarbeitergruppen („Eigentümer“ und Angestellte) mit den entsprechenden Auseinandersetzungen. Diese Unternehmungen sollten eigentlich nicht Genossenschaften genannt werden.

    Franz Oppenheimer untermalt dies mit einer Mitleid erweckenden Darstellung:

    „Darum ist der Anfang einer Produktivgenossenschaft stets ein äußerst kümmerlicher, sofern sie nicht durch Staatssubventionen [wie derzeit in den lateinamerikanischen Staaten!] oder private Unterstützung gegründet worden sind. Ein zugleich rührendes und ergreifendes Bild ist die durch Huber und Engländer bekannt gewordene Erzählung von den Pianoforte-Arbeitern in Paris, die nach Monate langem, unglaublichem Darben pro Mann 6 Frcs. 51 Cm. einnahmen, und den Überschuß über 5 Frcs. verwandten, um ein brüderliches Mahl zu feiern. ‚Man umarmte sich gegenseitig, man fühlte sich von den heiligen Gefühlen eines Priestertums der Arbeit beseelt‘.
    Der Mangel an Absatz ist eine Gefahr, der die Produktivgenossenschaften nicht weniger bedroht, als die Unternehmergeschäfte. Und auch von diesen ist ja bekannt, daß auf hundert Gründungen immer nur ganz wenige zu wirklichem Gedeihen kommen.“

    Rosa Luxemburg schreibt:
    „Was die Genossenschaften, und zwar vor allem die Produktivgenossenschaften betrifft, so stellen sie ihrem inneren Wesen nach inmitten der kapitalistischen Wirtschaft ein Zwitterding dar: eine im kleinen sozialisierte Produktion bei kapitalistischem Austausche. In der kapitalistischen Wirtschaft beherrscht aber der Austausch die Produktion und macht, angesichts der Konkurrenz, rücksichtslose ausbeutung, d.h. völlige Beherrschung des Produktionsprozesses durch die Interessen des Kapitals, zur Existenzbedingung der Unternehmung. Praktisch äußert sich das in der Notwendigkeit, die Arbeit möglichst intensiv zu machen, sie zu verkürzen oder zu verlängern, je nach der Marktlage, die Arbeitskraft je nach den Anforderungen des Absatzmarktes heranzuziehen oder sie abzustoßen und aufs Pflaster zu setzen, mit einem Wort, all die bekannten Methoden zu praktizieren, die eine kapitalistische Unternehmung konkurrenzfähig machen. In der Produktivgenossenschaft ergibt sich daraus die widerspruchsvolle Notwendigkeit für die Arbeiter, sich selbst mit dem ganzen erfoderlichen Absolutismus zu regieren, sich selbst gegenüber die Rolle des kapitalistischen Unternehmers zu spielen. An diesem Widerspruche geht die Produktivgenossenschaft auch zugrunde, indem sie entweder zur kapitalistischen Unternehmung sich rückentwickelt, oder, falls die Interessen der Arbeiter stärker sind, sich auflöst…
    Daraus folgt, dass die Produktivgenossenschaft sich ihre Existenz inmitten der kapitalistischen Wirtschaft nur dann sichern kann, wenn sie auf einem Umwege den in ihr verborgenen Widerspruch zwischen Produktionsweise und Austauschweise aufhebt, indem sie sich künstlich den Gesetzen der freien Konkurrenz entzieht. Dies kann sie nur, wenn sie sich vorn vorneherein einen Absatzmarkt, einen festen Kreis von Konsumenten sichert. Als solches Hilfsmittel dient ihr eben der Konsumverein. Darin wiederum, und nicht in der Unterscheidung in Kauf- und Verkaufsgenossenschaften, oder wie der Oppenheimersche Einfall sonst lautet, liegt das von Bernstein behandelte Geheimnis, warum selbständige Produktivgenossenschaften zugrunde gehen, und erst der Konsumverein ihnen eine Existenz zu sichern vermag.“

    Oppenheimers Untersuchungsergebnisse bestanden aber darin, dass Produkte und Kundschaftsinteressen sich zueinander in Übereinstimmung befinden mussten. Dies läßt sich aber nur von der Konsumentenseite her konsequent und dauerhaft realisieren.

    Den ganzen Prozeß des Abstiegs und der potentiellen Wiedergenesung der Gesellschaft hat Robert Kurz in „Antiökonomie und Antipolitik“ exzellent dargestellt:
    „Historisch hat sich der Markt von den Grundstoffen, den Vor- und Zwischenprodukten immer weiter vorgeschoben und immer mehr reproduktive Bezüge okkupiert; nicht nur bis zu den Endprodukten, die direkt in die Konsumtion eingehen, sondern darüber hinaus bis zur Vermittlung des Konsumtion selber in Form von Dienstleistungen und bis in den Intimbereich…

    Für eine emanzipatorische Bewegung, die sich der Notwendigkeit bewusst ist, aus Keimformen heraus die gesellschaftliche Identität von Produktion und Konsumtion auf einer höheren Entwicklungsstufe wiederherzustellen, folgt daraus, dass sie in genau umgekehrter Reihenfolge von den Dienstleistungen und den direkt in die Konsumtion eingehenden Endprodukten ausgehend dem Markt seine historische Baute wieder entreißen muß, um von diesen Entpunkten aus die gesamte Reproduktion auszurollen und emanzipatorisch umzuformen, bis sie bei den Grundstoffen angelangt und das warenproduzierende System aufgehoben ist…

    Die Initiativen für entkoppelte Sektoren der Reproduktion können durchaus Kooperativen oder Genossenschaften genannt werden; nur dass es sich eben nicht um warenproduzierende Unternehmen, sondern um autonome Bereiche mit einer sozialen Identität von Produktion und Konsumtion handeln würde. Es gibt wenigstens ein Beispiel für einen solchen Ansatz, das die alte Arbeiterbewegung hinterlassen hat und das waren die Konsumgenossenschaften. Es ist merkwürdig und zeigt wiederum die Ignoranz der „orthodoxen“ Marxisten und der postmodernen Linken, dass die bloße Erwähnung dieses Wortes bei ihnen sämtliche Scheuklappen fallen läßt.“

    Den Begriffen Konsum- und Verbrauchergenossenschaften haftet einerseits etwas destruktives an, andererseits führen sie zu dem Missverständnis, dass nur konsumiert, aber nicht auch produziert wird. Es ist vielleicht deshalb besser, von Reproduktionsgenossenschaften zu sprechen, einem Begriff, der allerdings noch nicht verwendet wurde und neu eingeführt werden müsste.

    Auch Gottlieb Duttweiler hat etwa 10 Jahre nachdem er das von ihm als AG aufgebaute MIGOS 1941 nicht seinen Mitarbeitern, sondern seinen Kunden in Form einer Genossenschaft geschenkt hatte, mit Genugtuung festgestellt, dass er wohl richtig gehandelt habe, indem er es nicht seinen Mitarbeitern übereignete: die Zahl der Mitglieder ist auf 1,913 Millionen, die Zahl der Mitarbeiter auf 81.600 und der Umsatz auf 20 Milliarden SFR gestiegen. Allerdings ist Duttweilers Intention, soziales Kapital aufzubauen, in der neoliberalen Umgebung, in der sich MIGROS auch in der Schweiz befand, im Laufe der Jahrzehnte etwas erodiert. Die deutschen Konsumgenossenschaften sind allerdings fast vollständig diesem neoliberalen Geist erlegen. Bereits 1952 erschien der Gedanke der wirtschaftlichen Selbsthilfe nicht mehr zeitgemäß und führte zu der eingangs von Klaus Novy zitierten Feststellung.

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