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vonHelmut Höge 14.01.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Er wird gemeinhin auf die Frage verkürzt, ob Angelerntes vererbt werden kann. Der Wiener Amphibienforscher Paul Kammerer hat dazu vielversprechende Experimente mit Salamandern und Grottenolmen – ihre Färbung bzw. Sehfähigkeit betreffend – angestellt – bis die Darwinisten ihn gewissermaßen aus dem (wissenschaftlichen) Verkehr zogen.

Mit einer anderen Form von Lamarckismus haben wir es zu tun, wenn z.B. Hund und Herrchen sich mit der Zeit immer ähnlicher werden: da verändert der Einfluß, das Affizieren und Affiziert-Werden, die ganze Physionomie. Auf die nämliche Weise bekommen wir es auch mit immer mehr „Look-Alikes“ zu tun.

Bereits kurz vor der Wende eröffnete die ehemalige Borsig-Chefsekretärin Rosemarie Fieting im Berliner Märkischen Viertel die erste deutsche „Look Alike Agentur“ – mit einer Lizenz vom Arbeitsamt. Sie vermittelt ihre „Künstler“ in „weisungsgebundene Tätigkeiten“, d.h. diese treten – weil sie irgendeinem Prominenten zum Verwechseln ähnlich sehen und gegebenenfalls auch so gekleidet sind und so reden, singen oder tanzen können – auf Veranstaltungen oder in  Shows auf, wo sie für Verwirrung und Heiterkeit sorgen -und dafür ein gutes Honorar einstreichen.

Schwierig wird es mit den Doppelgängern von Prominenten, die plötzlich versterben – z.B. von Marilyn Monroe und Humphrey Bogart. Da müssen dann von dem entsprechenden Look-Alike immer wieder Unsummen für Korrekturen des Alterns ausgegeben werden. Rosemarie Fieting hat inzwischen mehrere hundert Künstler in ihrer Kartei, ihr Bogart mußte über 10.000 Euro bisher ausgeben, um sich durch Schönheitsoperationen dem berühmten Vorbild immer wieder anzunähern. Genauso ist es mit ihren vielen Marilyn Monroes. Eine hat sich deswegen sogar umgebracht – und zwar auf die gleiche Weise wie die richtige Monroe. Neuerdings bewerben sich viele Frauen aus Polen bei der Agentur, weil sie meinen, sie sähen Claudia Schiffer ähnlich. Aus Dessau kam ein arbeitsloser Brauingenieur, der meinte: „Ich selber kuck wenig Fernsehn, aber die Kollegen behaupten, ich sehe aus wie Herbert Feuerstein. Wenn ich eine Hornbrille aufsetze, sehe ich ihm noch ähnlicher“. Frau Fietings erster Bil Clinton war ebenfalls ein Ingenieur aus dem Osten: „Er sächselte, war aber sehr höflich und schüchtern. Der wurde also laufend rot im Gesicht – und dann sah er Clinton noch ähnlicher. Sein erster Auftritt in Frankfurt am Main war auch sehr gut. Leider hat ihm dann seine Frau alle weiteren verboten“.

Viele Doppelgänger können mit der Zeit nicht mehr zwischen sich und ihrem Vorbild unterscheiden. So „flucht und trinkt“ z.B. ihr Udo-Lindenberg-Double aus Rostock genauso gerne und viel wie sein Vorbild. Dazu tragen auch die Medien selbst bei: So bekam z.B. Frau Fietings Pamela  Anderson-Double einmal das Angebot, in der echten Baywatch-Serie mitzuspielen, die Ostberlinerin lehnte jedoch ab: „Da sollte ich bloß als doofe Blondine rumstehen, das mach ich doch schon in der Harald-Schmidt-Show die ganze Zeit“, sagte sie. Nun ist sie angeblich reich verheiratet: „Big tits come everywhere!“ hatte sie sich gesagt – und die ihren enorm vergrößert.

Die Vernetzung und Verbreitung der Medien hin zu einem „globalen Dorf“ scheint die Produktion von lauter Look-Alikes zu forcieren, wobei die Ausstrahlungskraft ihrer jeweiligen Vorbilder durchaus noch regional bzw. nationalstaatlich begrenzt zu sein scheint: So kommen z.B. die vier Queens in Rosemarie Fietings Kartei alle aus London, wo sie auch – vor dem Buckingham-Palast – meistens ihre Phototermine haben. Aus London stammt auch ihr Margaret Thatcher-Double. Von den drei Lady Dis kommen zwei aus England und eine aus dem britischen Sektor Westberlins. Ihre Marlene Dietrich stammt aus Schöneberg, ihr George Bush ist Amerikaner, alle fünf Hitlers sind dagegen Deutsche und Otto ist – natürlich – ein Ostfriese. Für die Agenturchefin Fieting besteht das größte Problem beim Vermarkten ihrer Doppelgänger  darin, daß sie nicht nur alle so aussehen wollen wir ihr prominentes Vorbild, sondern auch immer so behandelt werden wollen: „Das ist manchmal ganz schön anstrengend!“

Worin besteht nun der „Einfluß“, der aus jemandem sagen wir einen Gerhard-Schröder-Lookoalike macht?

Mit der morphogenetischen Feldtheorie des englischen Botanikers Rupert Sheldrake kann man sagen: Die Prominenz hat ein mediales Zentrum, dessen Ausstrahlung nach außen hin abnimmt. Die Produktion von Look-Alikes funktioniert also nach einem ähnlichen Abstrahlungsprinzip wie jeder x-bliebige Radio- und Fernsehsender, bzw. es ist die Häufigkeit und Eindrücklichkeit mit der bestimmte Celebrities oder Prominente über irgendwelche Medien  die Massen buchstäblich beeindrucken.

So braucht z.B. nur so eine Flachpfeifenserie wie „Dallas“ ein internationaler Erfolg zu werden, schon kleiden sich alle Mittelschichts-Ägypter wie die Darsteller und alle Neureichen dort richten ihre Wohnungen so ein wie in der Serie. In Deutschland sah man stattdessen immer mehr Frauen mit Sue-Ellen-Frisur, teilweise laufen sie bis heute damit rum. Und wenn ihr Gesicht dann auch noch Sue Ellen ähnlich wird, haben wir es mit einem astreinen Lamarckismus-Phänomen zu tun.

Wie gesagt:

Alle Mitglieder der Royal Family, das heißt deren Lookalikes in der Kartei von Frau Fieting, kommen aus England; die Honeckers aus der DDR, die George Bushs aus Amerika, die Ottos aus Ostfriesland und alle Michael Schumachers aus Westdeutschland.  Rosemarie Fieting selbst war übrigens lange Zeit ein Liz-Taylor-Lookalike. „Das Phänomen der Doppelgänger ist – sie wissen nicht, wer war das Original und wer bin ich“, meint sie. „Die da immer wieder auf den Teppich zurückzuholen ist schwer. Jetzt lasse ich das auch: Sie sind ja so am besten!“ Inzwischen gibt es in Berlin noch eine beliebte Lookalike-Parade: allmonatlich im Hotel Estrel.

In Amerika, wo aus allen rassischen und  physiognomischen Individualitäten ein einheitlicher Typ geformt wird – und zwar ebenfalls über die Medien und ihre Prominenten (sowie über Fastfood), hat man schon vor über 20 Jahren die ersten Erfahrungen mit Lookalikes und deren Contests gemacht.

Von dort kommt nun auch die erste Kunde, dass das Phänomen auf Gegenstände und Gadgets übergesprungen ist: Nichts ist mehr heilig und einmalig! Es gibt Tischlampen-als-Toaster-Lookalikes, Imbissbuden, die wie ein Hamburger aussehen, Tische, die der hockenden Hausfrau zum Verwechseln ähneln, Kugelschreiber, die als Doppelgänger von Revolvern daherkommen und umgekehrt, Hausbars in Form von Fernsehern oder Kaminfeuern, Kühlschränke als Lookalikes von Bücherregalen und Chefzimmer als Raumschiff-Kommandozentralen . . .

In Berlin hat die kanadisch-litauische Künstlerin Laura Kikauka daraus eine riesige Sammlung gemacht. Auch auf der Expo 2000 war Derartiges zu besichtigen. Im Themenpark „Basic Needs“ zum Beispiel jede Menge Ei-Lookalikes.  Wenn diese oder ähnliche Doppelgänger-Dinge tierische beziehungsweise humanoide Formen verpasst bekommen, kann man auch von Lookalike-Mutanten sprechen: In Schwarzeneggers Filmen z.B. sind das dann Menschen, die wie Roboter aussehen und Roboter, die wie Menschen wirken. Dieser Lookalikismus kommt gerne pädagogisch daher und breitet sich dementsprechend gerne in Kinderzimmern aus. Die zuletzt beliebtesten Lookalike-Mutanten waren dort die vier Teletubbies und die 151 Pokémon-Figuren, die alle irre gewordenen Genforscherhirnen entsprungen zu sein scheinen. Dabei sind sie jedoch auch nichts anderes als Lookalike-Gadgets, wobei die Ars Combinatoria darin bestand, aus kindgemäßem Bekannten scheinbar neue Formen zu kreieren.

Insgesamt weisen all die lebenden und toten Doppelgänger daher auf ein Nachlassen der Spannung, auf ein Ende der Schöpfungskraft hin: Mit der Eliminierung des letzten Fremden und der Korrumpierung auch noch der allerletzten (wilden) Kultur kann nun nur noch bereits Bekanntes zusammengebastelt werden. Es gibt keinen neuen Würfelwurf mehr! Unsere Ausdrucksmittel sind erschöpft. Schon trifft man die ersten Berliner Originale unter den letzten Amazonas-Indianern und umgekehrt. Jetzt ist es (dort) das Bekannte-Allzubekannte, was dann doch verblüfft.

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kommentare

  • in den staaten soll nach nur zwei wochen auffenthalt schon der überwachungsstaat einem durch alle poren dringen. das ist ein ziemliches problem.
    hier werden gelder der kinder gestolen. eines günstigen falls können wir im kraft-balance-akt mit den diskurs-bestimmern unter dem begriff friendly fire die situation nun so hinbiegen. gerademal viellicht (nur).

    dabei blicke ich auf die körperlichkeit, beobachte den sog in interaktion an den eigenen affekten und – schlussendlich – suche innere inseln; brauchbares, nicht kunst(form) oder ähnliches.

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