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vonHelmut Höge 20.05.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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1. Monster vom „Quarkstern“

„Sie können den Stern aber nicht sehen. Er ist wie das Herz einer Blume ohne Herz.“ (André Breton, Nadja)

„‚Die Reise zum Quarkstern‘ – kennt das noch jemand? Der Titel ist zwar blöd, aber das Buch war Klasse,“ schreibt Anny in einem Internet-Forum. Und Christoph fragt: „Hat jemand den DDR-Film ‚Die Reise zum Quarkstern‘ gesehen? Googeln hat mir nicht weiter geholfen.“ Man findet dort aber Näheres zum „Quarkstern“, der auch „Seltsamer“ genannt wird und aus freien Quarks besteht: Es ist der Endzustand eines Sterns – bevor dieser sich in ein Schwarzes Loch verwandelt, wobei extrem viele Neutrinos frei werden. Das Röntgenobservatorium der NASA entdeckte 2002 einen solchen „Seltsamen“, den es „RXJ1856.3-3754“ nannte. Mithin handelte es sich bei dem DDR-Quarkstern um eine halluzinierte Wahrheit – lange vor seiner empirischen Wahrnehmung. Um nicht zu sagen – zu fragen: War nicht auch die DDR ein „Seltsamer“/“Quarkstern, der kurz vor seinem Ende (zwischen dem 18.März und dem 1.Oktober 1990) noch ganz viele nahezu masselose „Neutrinos“ freisetzte? All das konnte Hannes Hüttner – der Autor des Buches – „Das Blaue vom Himmel“, das dem Film „Die Reise zum Quarkstern“ zugrundeliegt, jedoch nur ahnen, als er es „für Zehnjährige“ 1974 veröffentlichte. Das DDR-Kinderfernsehen verfilmte es 1983 – erstmalig mit Blauwandtechnik, so dass Menschen und Puppen auf einer Ebene agierten. Auch die Forumsfrage von Klaus, wie noch mal die zwei auf dem „Quarkstern“ lebenden Monster hießen, kann ich beantworten. Der Sohn einer DDR-Buchhändlerin konnte sich noch erinnern: „Bombastus und Basilius“. So hießen im 15.Jhd. schon zwei berühmte Alchemisten. Man findet die Namen nun aber auch auf der Webpage von Irina Kaschina-Rahn: „www.ira-berlin.de“. Die in Charlottenburg lebende Theaterplastikerin hat 1983 die zwei Quarkstern-Bewohner für den Film gebaut. Sie befinden sich in ihrem Keller, wie ich selbst sehen konnte, und erinnerten mich ein bißchen an „Samson“ aus der „Sesamstrasse“. Auch in Bombastus und Basilius steckten Schauspieler. Man spricht dabei von einer „Suitmation“. Berühmt wurde diese Anti-Animation mit den Monsterfilmen aus Japan, die dort, beginnend mit „Godzilla“ seit 1954 gedreht werden und in denen ebenfalls Schauspieler agieren. „Bombastus“ und „Basilius“ können zwar nicht Feuer speien, aber sprechen, rauchen und das Gesicht verziehen. Sie haben bewegliche Augen, Lippen, Nase und Ohren. „Diesen mimischen Möglichkeiten liegt eine Mechanik zugrunde, die nach einem einfachen Taschenprinzip konzipiert wurde: „Um die Mimik zu verändern, muss ein Spieler von innen in verschiedenen Taschen greifen. Allein der Mund hat sechs solche Spieltaschen. Wenn ein Schauspieler das lange genug übt, greift er automatisch beim Sprechen, ohne nachzudenken, wie beim Klavierspielen, wenn ein Künstler nicht mehr daran denkt, wie er etwas tut, sondern sich auf das konzentriert, was er tut. Die beiden Puppen waren mal sehr berühmt. Jetzt sind sie vergessen und hängen seit Jahrzehnten im Keller. Es läuft so wie im richtigen Leben,“ seufzt die Künstlerin. Die beiden Monster verblassen langsam. Irina baute damals noch vier weitere Puppen für den Film: Eine hieß: „Schlampampe“, die drei anderen: „Fleißmeisen“: Sie kochten ständig Pudding auf ihrem Stern, bei einem Einbruchsdiebstahl wurden sie der Künstlerin geklaut: „Die Diebe haben nur die drei mitgenommen. Das war ein Auftragsdiebstahl,“ meint sie. Irina studierte einst Literatur am Moskauer Gorki-Institut. In der DDR wechselte sie von der Literatur zur Theaterplastik. Ihr Ausbilder war Eddy Fischer vom Berliner Ensemble, der u.a. für Brechts „Mutter Courage“ ein spezielles Huhn baute, dass die Weigel jeden Abend aufs Neue rupfen konnte. Über Irinas zwei Monster für den Film „Die Reise zum Quarkstern“, schrieb die Kritik, als er das Prädikat „sehr gut“ bekam: „Die Puppen allein waren schon sehenswert. Allerdings gerieten die menschlichen Darsteller da ein wenig in den Hintergrund.“ Das Publikum verteilte seine Sympathien auf Basilius und Bombastus unterschiedlich: Ersterer stellte ein liebes Monster dar und letzterer – ein ganz gemeines. „Dabei spürte man jedoch, dass der ‚böse‘ Bombastus es etwas bedauerte, so eine miese Rolle spielen zu müssen. In seinem Wesen gab es deshalb einen Zwiespalt, das machte seinen Charakter interessant. Deshalb gewann er trotz seines Böseseins starke Sympathien. Irgendwie ist er authentischer und spannender als der immer brave und gutmütige Basilius gewesen,“ erzählt die Künstlerin. Äußerlich unterschieden sich die Zwillinge nur dadurch, das Bombastus einen großen Ohrring trägt. Mit den beiden Monstern möchte Irina noch mal was anstellen. Aber was? Diese Frage gebe ich hiermit an die „Quarkstern“-Fans zurück. Da ich den Film aber nun gesehen habe – er befindet sich im „Deutschen Rundfunk Archiv“ (DRA) in Babelsberg, das dem RBB angegliedert ist und von dessen „Media-Gesellschaft“ er vermarktet wird – schlage ich hiermit vor, ihn im Kinderkanal „Kika“ noch einmal zu zeigen. Er ist sehr schön dilletantisch gemacht – von der Regie, der Dramaturgie und der Ausstattung her, aber auch von den fünf menschlichen Darstellern, während die sechs künstlichen Monster von Irina überaus professionell daherkommen. Es geht in dem Film um drei Kinder, die sich die Gartenlaube eines Hausmeisters als Rakete hergerichtet haben. Zu ihrer eigenen Überraschung fliegen sie damit eines Tages kraft ihrer „Volarenergie“ (der kollektiven Energie ihrer Phantasie) in den Weltraum. „Ab gehts!“ wie Jurij Gagarin bei diesem Anlaß sagte. Erst landen die drei Kinder auf dem Planeten Mops und dann auf dem Quarkstern. Mehr wird hier nicht verraten. Oder nur noch so viel: „Volar Airlines“ hieß einmal eine Fluggesellschaft mit Sitz in Palma de Mallorca (sic). Ferner weiß der „Medical Dictionary“ über „volar“ noch zu berichten: „Of or pertaining to the palm of the hand or the sole of the foot.“ Das Wort „volar“ steht damit anscheinend in einem gewissen Gegensatz zu „dorsal“. Über den Autor des Buches „Das Blaue vom Himmel“, das dem Film zugrundeliegt, gibt es folgenden Eintrag: Hüttner, Hannes: geboren 1932 in Zwickau, Studium der Journalistik und Außenwirtschaft in Leipzig und Berlin, bis 1963 Chefreporter der „Wochenpost“. Damals auch das erste Kinderbuch, ein Bilderbuch für die eigenen Kinder (Taps und Tine, mit drei Fortsetzungen). 1965 Medizinstudium bis Physikum, Promotion, Habilitation, später Leiter einer Forschungsabteilung Medizinsoziologie an der Akademie für Ärztliche Fortbildung bis 1980. Nach der Wende Rückkehr zur Medizinsoziologie, im Robert-Koch-Institut verantwortlich für das Fachgebiet „Prävention für Kinder und Jugendliche“ bis 1997. In dieser Zeit vor allem wissenschaftliche Veröffentlichungen, wie auch schon vorher, insbesondere zu soziologischen Themen der Medizin- und Literatursoziologie. Auszeichnungen: zweimal Heinrich-Greif-Preis für seine Filme, den Alex-Wedding-Preis für Kinderliteratur. Gegenwärtig schreibt er an einer Familiengeschichte. Hannes Hüttner lebt in Berlin, ist Autor von mehr als 30 Kinderbüchern, mehreren Erzählungen für Erwachsene und Filmen. Über sein Buch „Das Blaue vom Himmel“, das von dem saublöden Internetbuchladen „amazon.de“ sechs Mal angeboten wird, schreiben zwei Leser: 1. Schon vor ewigen Zeiten habe ich „Das blaue vom Himmel“ geschenkt bekommen und seitdem, ich weis nicht wie oft gelesen. Ich behaupte bis heute, das dieses Buch meine Liebe zu Autoren wie Douglas Adams und Terry Pratchatt begründet. In diesem Stil beschreibt Hannes Hüttner die widersinnigen Abenteuer, von Hermann und seinen Freunden, auf der Suche nach den verschollenen Brüdern. Eine Reise, die nicht nur lehrreich ist, sondern auch von allerlei skurilen Gestalten begleitet wird, bis hin zum fiesen Professor, der das Schlaraffenland für seine eigenen, bösen Zwecken nutzt… 2. Vor fünf Jahren waren Hermanns Brüder zu ihrer Weltraumexpedition gestartet. Vom Quarkstern in der Mitte der Milchstraße kamen ihre letzten Funkzeichen. Seitdem hat man nichts mehr von ihnen gehört. Hermann beschließt, seinen Bruder nachzufliegen. Seine Freundin Trulle, der Tomatenhund Schnuppi, der Basilik Basil und die beiden Roboter Bombus und Quina wollen ihn begleiten, denn es werden Abenteuer und Gefahren zu bestehen sein. Zunächst aber ist der Schlüssel für das umgebaute Blockhaus, pardon, das Raumschiff, spurlos verschwunden… Man erkennt an diesen zwei kurzen Inhaltsangaben schon, dass die Filmhandlung etwas anders aufgebaut ist als die in dem Buch – auch die Titel sind ja nicht identisch. Der Buchtitel „Das Blaue vom Himmel“ erinnert an das ein Jahr zuvor (1973) in der DDR veröffentlichte Buch von Michail Sostschenko „Das Himmelblaubuch“ – und das soll es wohl auch: Der sowjetische Bestsellerautor Sostschenko hatte zuvor in der UDSSR und in der DDR viele Bücher veröffentlicht. Sie bestanden zumeist aus satirischen Verarbeitungen von Leserbriefen, in denen sozialistische Spießer ihre spießigen Alltagsprobleme geschildert hatten. Als Stilmittel verwendete Sostschenko dazu den sog. Skas, eine auch schon in den Werken Gogols vorkommende pseudo-mündliche Erzählweise in umgangssprachlichem Duktus. In den folgenden Jahren gehörte Soschtschenko zu den meistgelesenen Autoren des Landes und seine Erzählsammlungen und Werke wurden in zahlreichen Zeitschriften, Zeitungen und Verlagen in hohen Auflagen herausgegeben. 1943 wurde er jedoch zusammen mit Anna Achmatowa wegen seiner immer weniger satirischen letzten zwei Bücher von der Partei scharf gerügt – und durfte zehn Jahre lang keine weiteren Bücher mehr veröffentlichen. Zu den gerügten zwei Büchern gehörte auch das später in der DDR veröffentlichte „Himmelblaubuch“, in welchem er verbotenerweise die Psychoanalyse anwandte – indem er sich darin selbst analysierte. In der DDR war dieses himmelblaue Buch deswegen besonders bei den heimlichen Psychoanalyse-Fans beliebt. Ich erinnere mich an einen ML-Dozenten der Humboldt-Universität, der uns zu vorgerückter Stunde in seinem Wohnzimmer im Bücherregal hinter seinen MEW-Bänden versteckt Freuds Gesammelte Werke zeigte – gleich daneben stand auch Sostschenkos „Himmelblaubuch“ (Golubaja kniga). Ich habe es erst 1992 für eine DM erworben und gleich gelesen – mit großem Vergnügen. Das Nachwort schrieb Fritz Mierau. Das allein war und ist ja schon ein gewisses Qualitätssiegel – und wahrscheinlich hat er auch dieses Buch in das Verlagsprogramm quasi reingeschmuggelt. Übersetzt hat es Thomas Reschke. Nun zu den heutigen „Stimmen über dieses Buch“….Leider gibt es dazu nichts. In diesem verdammten US-Internet findet man unter Sostschenko und Himmelblaubuch nur dutzendweise miese Spekulanten, also Händler, die mit dem Buch ihr schmutziges Geld verdienen wollen. Kein einziger Text über, unter, zu dem Buch selbst. Kann man dieses verfluchte Händlerpack nicht endlich und ein für alle Mal aus dem Netz verbannen?! Kaufen und verkaufen – das ist doch wohl die allerletzte schweinöse Lebensäußerung eines Menschen! Kaufen kann man dieses Buch an jeder Ecke, in jedem Antiquariat für einen Euro – dazu braucht man kein Internet ihr Arschlöcher! Ein Vorschlag zur Güte: Das Rauchen wird wieder in aller Öffentlichkeit und überall erlaubt – dafür wird jeder, der irgendetwas verdealt oder vertickt aber so was von gedisst, dass ihm das Arschwasser kocht! Das muß man sich mal vorstellen: 232 Verkaufsanzeigen für das Himmelblaubuch – und keine einzige Zeile über das Werk selbst: Wenn das das „Content-Management“ der Zukunft ist, dann sollten wir lieber gleich den Löffel abgeben – d.h. uns (im All) verpissen!
2. Monster aus dem Meer


„Mitten/auf der Straße/das Monster/in dem/blauen/ Mantel…“ (Rolf Dieter Brinkmann, Godzilla)


1954, neun Jahre nach den Atombombenabwürfen auf die japanischen Hafenstädte Hiroshima und Nagasaki und bereits kurz nach dem Test einer 750 mal stärkeren Bombe auf dem Bikini-Atoll, wodurch ein japanisches Fischerboot in der Nähe mit radioaktivem Fallout überschüttet wird, an dem sechs Fischer sterben und tausende von Japaner erkranken, weil sie den verseuchten Fang essen, kommt ein Film in die japanischen Kinos, der dieser neuen hochtechnologischen Bedrohung mit archaischen Mitteln und Bildern gewissermaßen entgegentritt. Er begründet ein ganzes Genre, das ebenso wie die atomare Bedrohung bis heute existiert – und für das Japan inzwischen berühmt ist: den Monsterfilm, in dem Schauspieler in Monsterkostümen agieren (Suitmation statt Animation). Das erste Ungeheuer – „Godzilla“, eine Art Riesensaurier – wurde durch Atomversuche im Pazifik geweckt und schwimmt nun auf Tokio zu, um sich zu rächen. Als erstes fallen ihm zwei Kriegsschiffe zum Opfer. Das Untier ist etwa 500 Millionen Jahre alt, seine Fußstapfen sind radioaktiv verseucht und es kann Feuer speien. Die Japaner wehren sich mit allen Mitteln. Bei ihnen heißt das aufrecht gehende Ungeheuer Gojira, eine Kombination aus Gorilla und Kujira – Wal auf japanisch. In den darauffolgenden Filmen gesellen sich neben Godzilla noch jede Menge andere Monster, um mit ihm zusammen gen Tokio zu ziehen, aber auch, um gegen ihn zu kämpfen oder um selbst die Stadt zu bedrohen, wobei in diesem Fall Godzilla umgekehrt den Japanern (und damit der ganzen Welt) zu Hilfe kommt. Dabei gerät das Urmonster zwangsläufig immer harmloser – bis es zu einem wahren Kinderfreund wird. Als Spielzeug erobert es ab den Siebzigerjahren die Kinderzimmer (wo es dann mit Space-Hightech zu „Transformern“ mutiert). Die japanischen Monster kommen fast alle aus dem Meer – nach getaner Tat zieht es sie auch wieder dorthin zurück und sei es nur zum Sterben. Es gibt unter ihnen (mutierte) Riesen-Echsen, -Krabben, -Seesterne, -Seedrachen, -Tintenfische und andere rieseneierlegende Meeresungeheuer. Meistens sind es deswegen Fischer, die die Katastrophe als erstes mitkriegen: Plötzlich brodelt die See und eine Klaue oder Schere taucht auf, die dann nicht selten den Kutter in die Tiefe zieht. Über Godzilla wissen die auf einer entfernten Insel als Fischer lebenden Eingeborenen noch zu berichten: Er lebte von Fischen – bis die Menschen ihm alle wegfingen. Da kam er eines Tages wütend an Land. Früher hat man ihn noch mit einem Mädchenopfer besänftigt. Das moderne Japan vertraut dagegen nun auf die Technik und seine Heimatschutzarmee. Dieser „Glaube“ schafft (sich) jedoch bald neue Probleme: Umweltschutzkatastrophen, die wiederum neue Monster (aus giftigen Abfällen, Smog etc.) hervorbringen. Gleichzeitig – mit der beginnenden Weltaumfahrt der Russen und Amerikaner – stürzen sich auch noch jede Menge Monster aus dem All auf das arme Tokio, ja selbst simple Naturkatstrophen – wie ausbrechende Vulkane und Tsunamis – gebieren plötzlich Ungeheuer. Es ist gesagt worden, dass sich der sowjetische „Kosmos“-Begriff vom amerikanischen „Outer Space“ dadurch unterscheidet, dass ersterer mit der irdischen Lebenswelt „harmonisch“ verbunden ist, während der US-Weltraum so etwas wie eine „new frontier“ darstellt. Die Monster in den japanischen Filmen, so sie mehr als einmal darin vorkommen, durchlaufen beide Vorstellungen. Gleiches gilt auch für die aus den Weltmeeren plötzlich auftauchenden Kreaturen. In seiner „Logik des Imaginären“ hat der Kulturforscher Roger Caillois am Beispiel des Riesenkraken den Unterschied zwischen dem westlichen Festland- und dem japanischen Inseldenken herausgearbeitet: Während dieser auf dem Meeresgrund lebende Kopffüßer bei uns mit dem Dunklen und Unheimlichen des Meeres selbst gleichgesetzt wird, gilt der Krake in Japan eher als lüstern und trunken. Besonders junge Perlentaucherinnen haben es ihm angetan. Tatsächlich ging 2001 eine junge Biologin (im Taucheranzug) ein Liebesverhältnis mit einem Riesenkraken ein – allerdings nur zu Versuchszwecken. In diesem Jahr sind die japanischen Taucher vor allem mit Riesenquallen beschäftigt – vielleicht resultiert auch daraus bald ein neuer Monsterfilm. „In den frühen Jahren drückten die Monster Ängste der Gesellschaft wie etwa die vor der nuklearen Vernichtung aus,“ meint J.D.Lees, der Herausgeber des kanadischen Monstermagazins „G-Fan“. Aber schon 1972 rufen die Menschen am Strand in einem G-Film dem wegschwimmendem Monster zu: „Komm bald wieder, Godzilla,“ und (wesentlich leiser): „Es muss ja nicht so bald sein.“ Die Monster entwickeln mit der Zeit Charakter. Der sechsmalige Godzilla-Darsteller Kenpachiro Satsuma wünschte sich 1995 in einem Interview mit dem „G-Fan“-Magazin, dass seine Darstellung auf immer „subtilere Emotionen“ abzielt: „Es gab da diese Schlußsequenz in ‚Godzilla vs. Space Godzilla‘, wo ich als Godzilla kurz innehalte, bevor ich im Meer verschwinde. Das sind solche Momente, die ich meine.“ Kenshou Yamashita, der Regisseur dieses Monsterfilms, der just zum Zeitpunkt des Erdbebens von Kobe anlief, erwähnt, dass seine Produktionsfirma Toho „den Opfern dort Spaß oder Trost geben wollte, indem sie die Eintrittsgelder herabsetzte und den Menschen dadurch ermöglichte, ins Kino zu gehen.“ Dies brachte der Special-Effects-Direktor Koichi Kawakita auf die Kurzformel: „Not lehrt Monster!“. Die gigantischen fiktiven Lebewesen würden jedoch „den Wurzeln der japanischen Kultur entstammen.“ Er dachte dabei an die „acht Millionen Götter“ in seiner Heimat, aber auch an die ganzen Naturkatastrophen, wie Erdbeben und Taifune: Diese „Erfahrung generiert ins uns vielleicht einen Zerstörungswunsch, der in den Monstern verkörpert wird.“ In „Godzilla 2000“ gibt es schon „eine Art Godzilla-Greenpeace-Organisation“ in Tokio, wo das Monster den Angriff eines „Wabbel-Alien“ abwehrt. Die wirkliche Umweltschutzorganisation kritisiert dagegen seitdem, dass Japan bis heute „hartnäckig das Walfangverbot ignoriert“ und sogar im Antarktis-Schutzgebiet „eigenmächtig seine Fangquoten erhöht“. Überhaupt gibt es kaum ein Volk auf der Erde, das in bezug auf seine Lebensmittel so sehr vom Meer abhängig ist wie die Japaner. Deswegen müssen die meisten Monster auch notgedrungen von daher kommen – sie sind als Rache des Ozeans ein endlos reanimiertes schlechtes Gewissen. Helmut Höge Alle Zitate stammen aus dem soeben im Martin Schmitz Verlag erschienenen Werk „Japan – 1954, neun Jahre nach den Atombombenabwürfen auf die japanischen Hafenstädte Hiroshima und Nagasaki und bereits kurz nach dem Test einer 750 mal stärkeren Bombe auf dem Bikini-Atoll, wodurch ein japanisches Fischerboot in der Nähe mit radioaktivem Fallout überschüttet wird, an dem sechs Fischer sterben und tausende von Japaner erkranken, weil sie den verseuchten Fang essen, kommt ein Film in die japanischen Kinos, der dieser neuen hochtechnologischen Bedrohung mit archaischen Mitteln und Bildern gewissermaßen entgegentritt. Er begründet ein ganzes Genre, das ebenso wie die atomare Bedrohung bis heute existiert – und für das Japan inzwischen berühmt ist: den Monsterfilm, in dem Schauspieler in Monsterkostümen agieren (Suitmation statt Animation). Das erste Ungeheuer – „Godzilla“, eine Art Riesensaurier – wurde durch Atomversuche im Pazifik geweckt und schwimmt nun auf Tokio zu, um sich zu rächen. Als erstes fallen ihm zwei Kriegsschiffe zum Opfer. Das Untier ist etwa 500 Millionen Jahre alt, seine Fußstapfen sind radioaktiv verseucht und es kann Feuer speien. Die Japaner wehren sich mit allen Mitteln. Bei ihnen heißt das aufrecht gehende Ungeheuer Gojira, eine Kombination aus Gorilla und Kujira – Wal auf japanisch. In den darauffolgenden Filmen gesellen sich neben Godzilla noch jede Menge andere Monster, um mit ihm zusammen gen Tokio zu ziehen, aber auch, um gegen ihn zu kämpfen oder um selbst die Stadt zu bedrohen, wobei in diesem Fall Godzilla umgekehrt den Japanern (und damit der ganzen Welt) zu Hilfe kommt. Dabei gerät das Urmonster zwangsläufig immer harmloser – bis es zu einem wahren Kinderfreund wird. Als Spielzeug erobert es ab den Siebzigerjahren die Kinderzimmer (wo es dann mit Space-Hightech zu „Transformern“ mutiert). Die japanischen Monster kommen fast alle aus dem Meer – nach getaner Tat zieht es sie auch wieder dorthin zurück und sei es nur zum Sterben. Es gibt unter ihnen (mutierte) Riesen-Echsen, -Krabben, -Seesterne, -Seedrachen, -Tintenfische und andere rieseneierlegende Meeresungeheuer. Meistens sind es deswegen Fischer, die die Katastrophe als erstes mitkriegen: Plötzlich brodelt die See und eine Klaue oder Schere taucht auf, die dann nicht selten den Kutter in die Tiefe zieht. Über Godzilla wissen die auf einer entfernten Insel als Fischer lebenden Eingeborenen noch zu berichten: Er lebte von Fischen – bis die Menschen ihm alle wegfingen. Da kam er eines Tages wütend an Land. Früher hat man ihn noch mit einem Mädchenopfer besänftigt. Das moderne Japan vertraut dagegen nun auf die Technik und seine Heimatschutzarmee. Dieser „Glaube“ schafft (sich) jedoch bald neue Probleme: Umweltschutzkatastrophen, die wiederum neue Monster (aus giftigen Abfällen, Smog etc.) hervorbringen. Gleichzeitig – mit der beginnenden Weltaumfahrt der Russen und Amerikaner – stürzen sich auch noch jede Menge Monster aus dem All auf das arme Tokio, ja selbst simple Naturkatstrophen – wie ausbrechende Vulkane und Tsunamis – gebieren plötzlich Ungeheuer. Es ist gesagt worden, dass sich der sowjetische „Kosmos“-Begriff vom amerikanischen „Outer Space“ dadurch unterscheidet, dass ersterer mit der irdischen Lebenswelt „harmonisch“ verbunden ist, während der US-Weltraum so etwas wie eine „new frontier“ darstellt. Die Monster in den japanischen Filmen, so sie mehr als einmal darin vorkommen, durchlaufen beide Vorstellungen. Gleiches gilt auch für die aus den Weltmeeren plötzlich auftauchenden Kreaturen. In seiner „Logik des Imaginären“ hat der Kulturforscher Roger Caillois am Beispiel des Riesenkraken den Unterschied zwischen dem westlichen Festland- und dem japanischen Inseldenken herausgearbeitet: Während dieser auf dem Meeresgrund lebende Kopffüßer bei uns mit dem Dunklen und Unheimlichen des Meeres selbst gleichgesetzt wird, gilt der Krake in Japan eher als lüstern und trunken. Besonders junge Perlentaucherinnen haben es ihm angetan. Tatsächlich ging 2001 eine junge Biologin (im Taucheranzug) ein Liebesverhältnis mit einem Riesenkraken ein – allerdings nur zu Versuchszwecken. In diesem Jahr sind die japanischen Taucher vor allem mit Riesenquallen beschäftigt – vielleicht resultiert auch daraus bald ein neuer Monsterfilm. „In den frühen Jahren drückten die Monster Ängste der Gesellschaft wie etwa die vor der nuklearen Vernichtung aus,“ meint J.D.Lees, der Herausgeber des kanadischen Monstermagazins „G-Fan“. Aber schon 1972 rufen die Menschen am Strand in einem G-Film dem wegschwimmendem Monster zu: „Komm bald wieder, Godzilla,“ und (wesentlich leiser): „Es muss ja nicht so bald sein.“ Die Monster entwickeln mit der Zeit Charakter. Der sechsmalige Godzilla-Darsteller Kenpachiro Satsuma wünschte sich 1995 in einem Interview mit dem „G-Fan“-Magazin, dass seine Darstellung auf immer „subtilere Emotionen“ abzielt: „Es gab da diese Schlußsequenz in ‚Godzilla vs. Space Godzilla‘, wo ich als Godzilla kurz innehalte, bevor ich im Meer verschwinde. Das sind solche Momente, die ich meine.“ Kenshou Yamashita, der Regisseur dieses Monsterfilms, der just zum Zeitpunkt des Erdbebens von Kobe anlief, erwähnt, dass seine Produktionsfirma Toho „den Opfern dort Spaß oder Trost geben wollte, indem sie die Eintrittsgelder herabsetzte und den Menschen dadurch ermöglichte, ins Kino zu gehen.“ Dies brachte der Special-Effects-Direktor Koichi Kawakita auf die Kurzformel: „Not lehrt Monster!“. Die gigantischen fiktiven Lebewesen würden jedoch „den Wurzeln der japanischen Kultur entstammen.“ Er dachte dabei an die „acht Millionen Götter“ in seiner Heimat, aber auch an die ganzen Naturkatastrophen, wie Erdbeben und Taifune: Diese „Erfahrung generiert ins uns vielleicht einen Zerstörungswunsch, der in den Monstern verkörpert wird.“ In „Godzilla 2000“ gibt es schon „eine Art Godzilla-Greenpeace-Organisation“ in Tokio, wo das Monster den Angriff eines „Wabbel-Alien“ abwehrt. Die wirkliche Umweltschutzorganisation kritisiert dagegen seitdem, dass Japan bis heute „hartnäckig das Walfangverbot ignoriert“ und sogar im Antarktis-Schutzgebiet „eigenmächtig seine Fangquoten erhöht“. Überhaupt gibt es kaum ein Volk auf der Erde, das in bezug auf seine Lebensmittel so sehr vom Meer abhängig ist wie die Japaner. Deswegen müssen die meisten Monster auch notgedrungen von daher kommen – sie sind als Rache des Ozeans ein endlos reanimiertes schlechtes Gewissen. Helmut Höge Alle Zitate stammen aus dem soeben im Martin Schmitz Verlag erschienenen Werk „Japan – Die Monsterinsel“ von Jörg Buttgereit; der Berliner Horrorfilm-Regisseur behandelt darin alle Monsterfilme vom ersten (1954) bis zum zuletzt (2006) gedrehten – aufs Innigste. 3. Monster aus Ostberlin

Das einzigartige Monsterevent: „LEAVING SCHWEINEÖDE – THE RETURN OF THE MONSTERS“

MONSTERKABINETT SOON BACK DOWNTOWN! Abschiedstanz mechanischer Kreaturen mit Berliner Künstlern, Musikern und Technikern am 4. 7., 12 Uhr in der Dead Chickens Monsterschmiede, Wilhelminenhofstr. 83 –85, Oberschöneweide, zur Erhaltung ihrer Art.

Am 4ten Juli wird im Rahmen des alljährlichen Sommerfestes „Kunst am Spreeknie“ in Schöneweide der Umzug der Monstermaschinen in ihr angestammtes Biotop am Hackeschen Markt gefeiert werden. Im unterirdischen Labyrinth des dort gelegenen Haus Schwarzenberg wird in einem neuen Glanz die Touristenhölle das „Monsterkabinett“ im frühen Herbst diesen Jahres wiederauferstehen. Musiker, Künstler, Freunde und Bekannte setzen sich für die Finanzierung des Monsterkabinetts zur Erhaltung der Berliner Urviecher ein und kreieren ein einzigartiges Monsterspektakel. Die Einnahmen fließen in den Umzug und in den Ein- und Umbau. Mit dabei sind bisher:

LIVE & DJ:

Boombaker (Breakbeat/ Hip Hop/ Jungle – 100% live!) Feedbackorchester F.B.O. (E-Gitarristen Ensemble, moderne improvisierte Musik) Moritz Wolpert & Christian Günther -Die Schaltzentrale feat. Lilith Rudhart (Sounds of the Universe) N.U.Unruh (Einstürzende Neubauten) “Gott sei`s getrommelt” (Trommelspektakel zum mitmachen)

Deadly Enemies Punkrock MC Ben Becker – DJ Julia Go (electro)

INSTALLATIONEN:

Dead Chickens Monsterrobots – new stuff! Brad Hwang´s Wippe „seesaw“ (kinetic art) BffX (Spezialeffekte)

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