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vonHelmut Höge 26.05.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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1. am 2.5. stellte ich einen Text über Wassili Grossmans Kriegstagebuch in den blog, das 2007 auf Deutsch unter dem Titel “Ein Schriftsteller im Krieg” veröffentlicht wurde. Grossman scheint derzeit, was ich begrüße, Konjunktur mindestens in Deutschland zu haben, denn soeben erschien noch ein Buch von ihm auf Deutsch: „Tiergarten“. Es enthält 15 Aufsätze und ein Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein. Sie entstammt einem alten DDR-Slawistengeschlecht und ist heute sozusagen die Slawistin vom Dienst im Zentralinstitut für Literatur- und Kulturforschung (ZfL), außerdem Herausgeberin der Bücher von Warlam Schalamow.

Der Aufsatz von Wassili Grossman, der für den Buchtitel gewählt wurde – „Tiergarten“ – fängt quasi da an, wo sein Buch „Ein Schriftsteller im Krieg“ aufhört – nämlich mit seinem und der Roten Armee Einrücken in Berlin. Der Kriegsberichterstatter Grossman wandert durch die zerstörte Stadt, durch den Tiergarten und den Zoologischen Garten, wo er mit einem der Wärter spricht, der den Tod eines Gorillas beklagt. An einer Straßenecke spricht er mit einem Rotarmisten, dem kurz zuvor nach einer Explosion sein Pferd weggelaufen war.

In dem Aufsatz „Tiergarten“ kommt er noch einmal auf den Zoo zurück und auch auf den Wärter. Aber nun wird das Einrücken der Roten Armee in die Stadt quasi aus der Sicht der Tiere geschildert:

„Die Bewohner des Berliner Zoologischen Gartens wurden unruhig, als sie das kaum wahrnehmbare dumpfe Getöse der Artillerie hörten. Das war nicht das gewohnte Pfeifen und Krachen der nächtlichen Bomben, nicht das Hämmern der schweren Flaks.

Die wachsamen Ohren der Bären, Elefanten, des Gorillas und des Pavians registrierten sofort, zu einem Zeitpunkt, da die Schlacht noch fern war von den Eisenbahnlinien und Autobahnen rings um Groß-Berlin, das Neue, das die noch kaum auszumachenden Geräusche in sich bargen und das sich von den nächtlichen Bombenangriffen abhob. “

usw.

2. Kürzlich las ich noch ein weiteres Buch über diesen Krieg – aus deutscher Sicht, in dem viel von Tieren und von der Landwirtschaft die Rede ist. Es ist streckenweise fast aus der Perspektive von Pferden geschrieben: „Stille Erde“ von Ronald Linowski, ein DDR-Schriftsteller, der damals jedoch fast nichts veröffentlichen konnte, und dessen Buch nun im Godewind-Verlag Wismar erschien. Es handelt von einer deutschen Veterinärkompanie, die 1942 das kleine russische Dorf Tichaja Semlja besetzte.

Der Autor zeichnet darin sehr schön die Entscheidungszwänge und daraus folgenden Gratwanderungen nach, die nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion – für die Dorfbevölkerung, aber z.T. auch für die Besatzungstruppe – entstanden:

– Beim Herannahen der Wehrmacht: Wer geht in den Wald, wird Partisan und wer bleibt in Tichaja Semlja – auf die Gefahr hin, zum Arbeitsdienst in Deutschland oder zur Kollaboration mit den Deutschen im Dorf gezwungen zu werden?

– Um sich ernähren zu können, müssen die Felder weiter bestellt werden – aber wieviel von der Ernte wird man fürs Dorf beiseite schaffen können, ohne die Partisanen und die Deutschen zu verärgern, die in Flugblättern und mit Plakaten davor warnen, die jeweilige Gegenseite mit Nahrungsmitteln zu unterstützen.

– Ein einzelner Soldat: Er soll gefangene Rotarmisten erschießen – und weigert sich, aber nur für kurze Zeit.

– Als dorffremde Partisanen Lebensmittel requirieren: Soll man versuchen, sie daran zu hindern oder nicht?

– Die Wehrmacht soll die „Sondereinheiten“ aktiv unterstützen – beim Erschießen von Juden, Kommunisten, als Partisanen Verdächtige und Geiseln aus der Zivilbevölkerung (Frauen und Kinder). Einige Soldaten sind entsetzt über diesen Befehl.

– Die Veterinärkompanie rückt auf das Dorf Tichaja Semlja vor: Wie soll der Kompaniechef dem dreiköpfigen Ältestenrat des Dorfes entgegentreten – herrisch/gefaßt? Und wie umgekehrt die drei alten Bauern der neuen Macht im Dorf: unterwürfig/selbstbewußt?

– Die Kompanie beschlagnahmt die Weiden für ihre Pferde, die sie fronttauglich machen soll. Die Dorfältesten wollen, dass ihr einziges Pferd mit auf die Weide darf. Statt sie abzuweisen gestattet der Kompaniechef, eine Ecke der Weide für das russische Pferd abzutrennen, denn „auch er liebt Pferde“.

– Die Kompanie braucht für die Soldaten und die Pferde Verpflegung, vor allem für den kommenden Winter. Die zurückgebliebene Dorfbevölkerung ist aber zu alt oder noch zu jung, um dafür eingespannt zu werden. Der Kompaniechef macht den Bauern den Vorschlag: Ackergeräte gegen Kartoffeln und Heu. Die meisten im Dorf Gebliebenen stellen daraufhin den Deutschen ihre Geräte zur Verfügung, einige verstecken sie jedoch – aus Angst vor den Partisanen, aber auch, weil sie nicht glauben, dass die Deutschen ihnen später etwas von der Ernte abgeben werden.

– Der Dorfälteste überlegt – nach der Ernte: Verlieren wir unsere Würde, wenn wir die uns von den Deutschen überlassenen Kartoffeln annehmen? Wenn nicht, werden die Kinder verhungern. „…Dass wir in diese Schande geraten sind!“

– Der Besitzer des einzigen Pferdes im Dorf möchte, dass seine alte klapprige Stute noch einmal gedeckt wird. Dafür stünde jedoch nur ein edler deutscher Hengst der Veterinärkompanie zur Verfügung. Ein Gefreiter erfüllt ihm den Wunsch, bekommt dafür jedoch anschließend einen Rüffel vom Kompaniechef, der anschließend den Hengst kastrieren läßt und ihn als fronttauglich einer Kampfeinheit übergibt.

– In Tichaja Semlja ist Flecktyphus ausgebrochen, die Deutschen werden geimpft, der Dorfälteste bittet um Impfstoff für die bereits erkrankten Kinder. „Geb ich meinen Gefühlen nach, bin ich verloren,“ denkt der Kompaniechef, erlaubt dann aber doch, die Impfungen durchzuführen. Dafür sollen die Dörfler die Läuse bekämpfen. Sie bauen eine Sauna, die dann auch von den deutschen Soldaten benutzt wird.

– Das einzige im Dorf zurückgebliebene Mädchen, das etwa 18 Jahre alt ist und sich versteckt hält, hat schon früher eine Gratwanderung machen müssen: „Die Eltern haben sie im Sinne der Sowjetmacht erzogen,“ die Großeltern jedoch in alter Frömmigkeit. Eines Tages wird sie von zwei Soldaten entdeckt. Diese beschließen, sie nicht zu melden.

– Etwas abseits des Dorfes, auf der anderen Seite des nahen Flüßchens, wird eine deutsche Partisanenjäger-Einheit in eine Reihe leerer Gebäude einquartiert. Das verschärft fortan die Entscheidungszwänge: „Machen sich die Partisanen bemerkbar, fordern sie die Deutschen heraus“ – und das Dorf käme in Verdacht, ihnen zu helfen. Andererseits ist das Dorf aus Partisanensicht eine „Versorgungs- und Ausgangsstellung der Deutschen.“ Entweder werden die Dorfbewohner von den Partisanen als Kollaborateure verurteilt – oder sie gelten bei den Deutschen als Unterstützer der Partisanen.

Indem die Partisanen stärker wurden und immer öfter deutsche Truppen angriffen, gaben diese „den Druck“ auf die Dörfer weiter. „So machten sie sich bei der russischen Bevölkerung immer unbeliebter und erschwerten den Kollaborateuren das schmutzige Handwerk.“

– Die Partisanen im nahen Wald erreichten es, dass ein russisches Flugzeug das Dorf und die Beutepferde der Deutschen auf der Weide beschoß. Die Deutschen meinten daraufhin: „Jemand aus dem Dorf muß ihnen entsprechende Informationen geliefert haben.“

– Ein 14jähriger Fischerjunge darf als einziger auch weiterhin an den für die Dörfler gesperrten See, um das Dorf mit Fisch zu versorgen. Er legt dort ein Depot und Waffenlager für die Partisanen an und überbringt ihnen auch Nachrichten. Der Dorfälteste mahnt ihn zur Vernunft: „Du forderst die Deutschen ohne Not heraus.“

– Die Partisanenjäger-Einheit, eine Strafkompanie, verdächtigt den Besitzer der Stute und dessen Frau, die Partisanen informiert zu haben. Sie töten sie. Als sie sich auch noch an dem Dorfältesten vergreifen, geht der Chef der Veterinärkompanie dazwischen: Ohne seine Erlaubnis – als Ortskommandant – wird niemand im Dorf gehängt! Der Chef der Partisanenjäger-Einheit beschwert sich daraufhin beim Divisionsstab über ihn.

Die beiden deutschen Vorgesetzten stehen sich im Dorf in einer ähnlichen Position gegenüber wie auf höherer Ebene der SS-Obergruppenführer und General der Polizei Reinhard Heydrich der Oberstleutnant im Generalstab des Heeres Graf von Stauffenberg. Dem Chef der Veterinärkompanie in Tichaja Semlja gibt sein Vorgesetzter bei nächster Gelegenheit zu verstehen, „dass die Zeit, da sich Teile der Wehrmacht ritterlich verhalten konnten, vorbei ist.“ Der Kompaniechef spürt danach, „wie er dabei ist, seine Balance zu verlieren.“

– „Krieg ist nichts anderes als konzentrierter Friede“ heißt es aus höherer Autorenwarte an einer Stelle.

– Das 18jährige Mädchen des Dorfes verliebt sich in den 14jährigen Fischerjungen. Sie verführt ihn und fühlt sich dabei schlecht. Nach einiger Zeit merkt sie, dass sie schwanger ist. Wenig später töten die Partisanenjäger den Fischerjungen.

– Der Chef der Veterinärkompanie ist Berufsoffizier, sein Bruder, der ebenfalls an der Front steht, ist Christ und Pazifist. Ersterer gerät in immer tiefere Gewissenskonflikte.

– Er bekommt den Befehl, die Pferde zu verladen und mit seinen Leuten den Rückzug anzutreten, das Dorf soll er niederbrennen. Er hat dem Ältestenrat jedoch zugesichert, dass das nicht geschehen wird. Es kommt zu einem Wortgefecht zwischen ihm und dem Chef der Partisanenjäger-Einheit: „Für mich sind Sie kein deutscher Offizier, sondern ein Pferdekutscher,“ sagt dieser, „brennt das Dorf morgen nicht, werden meine Männer das erledigen.“ Dazu kommt es jedoch nicht mehr, weil schneller als erwartet russische Panzer auftauchen. In dem kurzen Gefecht wird dennoch das halbe Dorf zerstört. Als danach die Partisanen einrücken, um u.a. mit dem Dorfältesten abzurechnen, liegt dieser bereits im Sterben.

– Nachdem die Rote Armee in Ostdeutschland einmarschiert ist und die Verwaltung übernommen hat, kommt es auch hier zu Entscheidungszwängen bei einigen Protagonisten des Romans. Das gilt auch für viele andere Deutsche, „die sich in ihrem Elend nicht um die Strafen kümmern, die ihnen für Diebstahl, Schwarzhandel, Hamsterfahrten und Holzschlagen in den Wäldern angedroht werden“ – von den Sowjets.

– Der Chef der Veterinärkompanie ist in russische Gefangenschaft geraten und kommt krank in einem Lager hinter dem Ural an. Hier ist es eine Ärztin, die einen Wachsoldaten zurechtweist, der auf Befehl des Lagerkommandanten die Deutschen drangsaliert, weil sie zu schwach sind, um schneller zu gehen. Der Wachsoldat beschwert sich daraufhin bei seinem Vorgesetzten. Die Ärztin rettet danach dem ehemaligen Chef der Veterinärkompanie noch zwei Mal das Leben, indem sie ihn aus der Arbeitsbrigade herausnimmt und in die Krankenbaracke einweist, wo er wieder zu Kräften kommt.

– Im Lager wird eine Antifa-Gruppe gegründet, daraufhin bildet sich eine Anti-Antifa-Gruppe, mit Spitzeln und Zuträgern, die auch vor Mord nicht zurückschreckt. Viele Gefangene müssen fortan zwischen diesen beiden Gruppen gratwandern. Die Ärztin sorgt dafür, dass der ehemalige Chef der Veterinärkompanie nach zwei Jahren in die Heimat entlassen wird.

– Wieder zu Hause in Mecklenburg empfangen ihn seine Eltern und seine Frau. Nun gerät auch sie in eine Art von Gewissenskonflikt – zwischen Liebe und Mitleid: Ihr Mann verließ sie als strahlender Offizier und siegesgewisser Karrierist – aber als ein Häufchen Elend kehrt er nun zu ihr zurück. Alle weinen. Ihr Mann erfährt, dass sein Bruder 1943 in Russland gefallen ist.

– Hinterher denkt die Frau des Veterinäroffiziers: Alle Welt empört sich zu Recht über die deutschen Konzentrationslager, doch sie sollten sich auch über die Gefangenenlager der Russen empören. Ihr Mann ist „mitunter der Verzweiflung nahe. Ein Leben ohne klare Befehlsketten.“ Alle um ihn herum werden laufend „mit den Gräueltaten der Nazis und SS-Schergen konfrontiert. Über die von den Siegern an ihnen begangenen Untaten dürfen sie nicht sprechen.“ Zum Glück findet er bald eine Anstellung bei einem Tierarzt. Als er jedoch erfährt, dass sein neuer Chef ihn unterbezahlt, ist er enttäuscht: „Im zivilen Leben gibt es keinen Ehrenkodex, auf den man blind bauen kann,“ denkt er.

Und beim Wiederaufbau seiner Heimatstadt Wismar und dem übrigen Land machen seinen Beobachtungen nach „die Kommunisten dort weiter, wo die Nazis aufgehört haben.“

– Seine Frau bekommt ein zweites Kind – er hat sich körperlich erholt und das Haus, in dem sie wohnen, ist auch bald renoviert. Er ist nun „zum ersten Mal Herr in seinen eigenen vier Wänden. Was ist eine Familie schon anderes als eine kleine Militäreinheit?“

– In das russische Dorf Tichaja Semlja ist derweil ein demobilisierter Offizier der Roten Armee zurückgekehrt. Das halbe Dorf gibt es jedoch nicht mehr, dafür ist aus dem einst kleinen Dorffriedhof ein großes „Leichenfeld“ geworden. Der Offizier hat 6 Semester Agronomie, vier Jahre Kampferfahrung und ein Jahr als Ortskommandant in Deutschland hinter sich. „Was habe ich in diesem Dorf noch verloren?“ fragt er sich.

– Man macht ihn zum Kolchosvorsitzenden. Die wenige Leute, die überlebt haben, plagen sich auf ihren kleinen Privatfeldern, aber für mehr fehlt ihnen die Kraft. Die Kolchose kommt nicht in Schwung. „Von Tag zu Tag wird ihm die Erschöpfung des Dorfes bewusster.“ Aber er gibt nicht auf. Und schafft auch manches. Der Parteivorsitzende beschwert sich mehrmals in der Stadt über seine „Eigenmächtigkeiten“.

– Im Frühjahr 1948 werden in Tichaja Semlja immerhin „dreimal so viele Kolchosfelder bestellt wie im Frühjahr 1945.“ Aber das nützt dem neuen Kolchosvorsitzenden nichts mehr, er wird zum Leiter der Feldbaubrigade degradiert, weil er wiederholt gegen Direktiven der Partei verstoßen hat. Er heiratet, seine Frau bekommt ein Kind, das sie nach seinem Bruder nennen, der zwar aus deutscher Kriegsgefangenenschaft zurückgekehrt ist, aber dann Selbstmord begangen hat.

Irgendwann sagt sich der abgesetzte Kolchosvorsitzende: Er hat lauter liebe Menschen um sich herum, das Dorf ist auch noch da…Er braucht für sein Leben keine Parteibeschlüsse mehr. „Nur diese Menschen sind wichtig…“

– Nach dem Ende der Sowjetunion kommen wieder einige Deutsche ins Dorf. Einer ist der Sohn eines Soldaten aus der dort einst stationierten Veterinärkompanie. Er fand mit Hilfe der Kriegsgräberfürsorge dorthin, wo sein Vater am Tag des Rückzugs starb und begraben wurde. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat inzwischen die Überreste seines Vaters in einem Massengrab identifiziert und in ein Einzelgrab umgebettet. Sein Sohn hat mittlerweile Landmaschinenschlosser gelernt – und arbeitet in einer LPG. Als er sich von einigen Dörflern verabschiedet, um seine Rückreise nach Deutschland anzutreten, denkt er, „damals sind unsere Soldaten bis hierher marschiert, weil man ihnen erklärt hatte, hier müsse Lebensraum für das deutsche Volk geschaffen werden. Jetzt erklärt man ihnen, sie müssten Freiheit und Demokratie am Hindukusch verteidigen.“

– Und hier – in jenem russischen Dorf: „Nach fast 500 schlimmen und schönen Jahren wird Tichaja Semlja wohl bald unbewohnt sein und verfallen.“ Es sind nur noch einige wenige Höfe bewohnt. „Doch die Lerchen werden bleiben.“

– Ihnen, den Lerchen, hatte der Autor bereits am Anfang des Romans ein ganzes Kapitel gewidmet, den Pferden und der Landwirtschaft sogar mehrere.

– In einem Nachwort schreibt der ehemalige Botschafter der Sowjetunion Valentin M. Falin: „Warum sich der Entdecker der ‚Stillen Erde‘ auf das Lösen von Rätseln eines fremden Landes konzentriert, ist nicht ganz klar.“

– Mit seiner „Entdeckung“ kommt der deutsche Autor Roland Linowski jedenfalls nicht an die sowjetischen Kriegsromane von Wassili Grossman und Wassil Bykau z.B. heran: bei allem Realismus, mit dem er seine Personen schildert, ist er doch – als SPD-Mann und Amtsleiter, der er nach der Wende in Wismar wurde – immer wieder versucht, die Schandtaten auf beiden Seiten, bei Bolschewiki und Nazis, quasi gerecht zu verteilen – und letztlich Hitler und Stalin anzulasten. Dass dabei dennoch keine erzählerisch deduzierte Totalitarismustheorie herausgekommen ist, verdankt der Roman vor allem seinen langen Passagen, in denen es um Landwirtschaft und Pferde geht. Und dass er sich dabei im Wesentlichen auf ein kleines Dorf konzentriert hat.

– Man vermutet einen Agrar-Fachmann oder gar Bauern dahinter, aber Roland Linowski war Schiffsingenieur und fuhr zur See, las gerne Jules Vernes und schrieb auch zunächst kleine Seemansgeschichten. Später interessierten ihn vor allem die Philosophen Nietzsche, Schopenhauer, Scheler und Comte… Nach einem öffentlichen Auftritt in der Rostocker Warnowerft, wo er als Ingenieur arbeitete, wurde er aus der Partei ausgeschlossen – und durfte nicht mehr zur See fahren.

– „Die Wende ist für ihn eine Erlösung,“ schreibt der Direktor der Landesbibliothek von Mecklenburg-Vorpommern in einem Porträt über den Autor, das im Internet zu finden ist. Sein Wismarer Verlag bereitet derzeit gerade eine russische Übersetzung vor – und bemüht sich außerdem um eine Verfilmung des „Stoffes“.

Ich versuchte derweil, leider bisher vergeblich, Ronald Linowski telefonisch in Wismar zu erreichen, er wollte mich sprechen – wegen dieser „Rezension“ seines Buches. Wenn das Gespräch irgendwann zustandekommt, füge ich daraus hier noch einige Zeilen hinzu.

3. Gestern fand im „Studio im Hochhaus“ des Kulturamts Hohenschönhausen eine Veranstaltung mit dem Erwin-Strittmatter-Biographen Günter Drommer statt. Der halbsorbische DDR-Schriftsteller Erwin Strittmatter hat ebenfalls viel über Tiere, Landwirtschaft und Dorfleben geschrieben. Darum ging es aber an diesem Abend mit seinem Biographen gar nicht, sondern um Strittmatters „Verstrickung“ in die Massenmorde der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, den er als Schreiber eines Polizeibataillons, das der SS unterstellt war, durchlebte.

Im Anschluß an Drommers Ausführungen meldete sich einer der Autoren des Lexikons „Wer war wer in der DDR“ zu Wort, der in seinem Beitrag über Strittmatter bereits dessen Dienst in dem zur Partisanenvernichtung eingesetzten Polizeibataillon erwähnte. Nun erforscht er Näheres dazu, ebenso jedoch auch Günter Drommer, der daraus ein weiteres Buch machen will. Während ersterer dabei mit einem der Strittmatter-Söhne kooperiert, arbeitet Drommer mit der Strittmatter-Witwe zusammen.

Nachdem wir die Veranstaltung verlassen hatten, schlenderten wir noch ein bißchen durch Hohenschönhausen, die Zingster Straße entlang – an den Ecken lungerten Hooligans in kleinen Gruppen herum und einige Kneipen machten den Eindruck von Neonazi-Treffs – und hießen auch dementsprechend. Irgendwann fragte ich mich: Was ist das Verbrechen Strittmatters, eventuell nicht die volle Wahrheit über seinen Kriegsdienst in seinen Büchern geschrieben zu haben – gegen das Verbrechen „Hohenschönhausen“, das zwar von der Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE sehr sauber gehalten wird, aber nichtsdestotrotz nur ein paar ebenso dämliche wie lieblose Konsummöglichkeiten, zumeist in ekelhaften bunkerartigen „Centern“ auch noch, bietet.

Zwar begann der Bau dieses Bezirks, in dem heute ca. 110.000 Menschen wohnen, schon 1984 – in der Zingster Straße, aber bis zum Ende der DDR war die Zusammensetzung der Bewohner sehr heterogen – seitdem wird sie immer homogener: Zum Nachteil des Bezirks konzentrieren sich hier jetzt die Menschen mit schlechten Manieren und eher körperlichen als geistigen Fähigkeiten. Wir sahen nicht einmal Graffiti an den Wänden – den sicheren Zeichen für Intelligenz und eigensinnigem Widerstand, nur Neonreklame in bis zu drei Meter großen Schrifttypen, mit denen sich irgendwelche West-Schweinekonzerne selbst verherrlichen! Wenn man dort dunkelhäutige Menschen irgendwann ansiedelt, kann man darauf warten, bis sie erschlagen werden. Wir bewunderten fast den türkischen Döner-Imbiß-Besitzer für seine Standortwahl, die wahrscheinlich dem Mut der Verzweiflung geschuldet war. Die HOWOGE hat zwar die Hochhäuser alle hübsch renoviert, aber es gibt dort kein „Leben“, so gut wie Nichts „Soziales“ – für das man nicht zahlen muß, dafür ist alles sauautogerecht mit riesengroßen Kreuzungen und scheußlichen breiten Straßen angelegt. Wenn die Mehrzahl der Bewohner demnächst ihre Autos abschaffen und zu Fuß gehen muß, wird es dort wahrscheinlich auch ohne Ausländer laufend zu Mord und Totschlag kommen. Hohenschönhausen ist im Vergleich zu dem ungefähr gleich großen Emden in Ostfriesland die absolute Hölle. Oder anders gesagt: Es ist ein zu asozialem Frieden verdichteter Krieg! Das war jedenfalls unser Eindruck.

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