vonHelmut Höge 17.06.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

Dieses Photo zeigt den Berliner Bezirk Friedrichshain von der Spree aus gesehen – wie er nach der Wende von Investoren aus dem Westen geplant war: Links das per Bürgerentscheid versenkte Projekt „Media-Spree“ und die neue „Oberbaum-City“ mit dem ehemaligen Osram/Narva-„Lichtturm“, in den erst „Pixelpark“ einzog und dann „BASF“, davor eines der geplanten, aber nie realisierten „Wassertaxis“ – die zwischen Friedrichshain und Mitte verkehren sollten. Rechts sieht man die „Skyline“ des ehemaligen EAW Treptow, aus dem der Investor Roland Ernst erst die „Treptowers“, in die dann die „Allianz Versicherung“ einzog, und drumherum eine weitere vibrierende „City“ zaubern wollte.

Und so sieht es dort heute „in Wirklichkeit“ aus – vom Poller der Spreeschute „Nixe 2“ aus gesehen. „Immerhin haben wir heute sehr viel mehr Grün im Bezirk als früher,“ meinte dazu der immer noch optimistische Friedrichshainer Bezirksbürgermeister. Photos: Peter Grosse

Die Furie des Verschwindens

Es ist wie überall: Was sich rar macht wird kostbar und begehrt! In diesem Fall ist es die Geschichte. Der Bezirk Friedrichshain sowie auch speziell das inselgleiche Wohn- und Industriegebiet zwischen der Warschauer Brücke und der Stralauer Halbinsel bzw. den Gleisen der Niederschlesischen Eisenbahn und dem Osthafen an der Spree wurde seit der Wende gründlich „gentryfiziert“. Letzteres heißt heute dementsprechend: „Oberbaum-City“. Sie umfaßt das ehemalige Glühlampenwerk Narva, nun ein halb leerstehender Bürokomplex, und das Wohngebiet um den Rudolfplatz.

In Friedrichshain wimmelt es heute von Tourismuskneipen und speziell der Boxhagener Platz von Kindern mit (schwangeren) Müttern. Auch im Rudolfkiez gibt es inzwischen mehrere Abenteuerspielplätze und Kinderbauernhöfe sowie Kultureinrichtungen.

Demnächst wird auch noch die Zwinglikirche am Platz von einem Verein unter dem Vorsitz des ehemaligen WDR-Dramaturgen Martin Wiebel zu einem „Kulturraum“ umgewidmet. Zuvor hatte er bereits eine „Biographie“ des Rudolfkiezes – unter dem Titel „East Side Story“ veröffentlicht und dann in der Kirche eine Ausstellung über „100 Jahre Alltag rund um den Rudolfplatz“ organisiert, die u.a. vom „Museum Kreuzberg“ mitgetragen wurde. Die dabei gesammelten „Stadtteil- und Betriebsgeschichten“ sind jetzt als CD erhältlich: „Berlin Upper East Side“. Aber die „Spurensuche“ und das Sammeln von Exponaten geht weiter: Im Haus der Zwingligemeinde tagt regelmäßig eine „Zeitzeugenwerkstatt“, und am 14.August eröffnet der Verein eine weitere Ausstellung in seiner Kirche: „Bevor die Mauer fiel – 40 Jahre Leben mit der Teilung in Friedrichshain und Kreuzberg“.

Vergangene Woche wurde bereits eine andere – akustische – Ausstellung dort in der Nähe eröffnet, in der es – „nach 20 Jahren Mauerfall“ – um den einstigen „DDR-Alltag in Friedrichshain“ geht. Dieses Projekt der Kreuzberger Medieninitiative „die praxis“ wurde staatlich gefördert: vom „Fonds Soziolkultur“ und vom Bezirkskulturamt. Im Ergebnis besteht es aus zehn Interviews, die Schüler der Oberschule „Georg Weerth“ in der Weinstraße und Kinder der AG „Stadtdetektive“ im „Regenbogenhaus“ in der Kadinerstraße, mit „Zeitzeugen“ führten. Das beginnt mit einem alten Narva-Arbeiter und einem Bäcker im Rudolfkiez, und endet mit den Geschichten zweier Dissidentinnen an der Samariterkirche. Die Interviews kann man sich vor Ort anhören: Dort wurden fünf orangene Blechboxen installiert, in denen sich Abspielgeräte befinden, die man per Knopfdruck startet. Das „Hörmuseum auf der Straße“ gibt es ebenfalls auf CD.

Wenn mich nicht alles täuscht, dann sind sowohl die Spurensuch- und -sammelaktivitäten des „Vereins Kulturraum Zwinglikirche“ als auch der „Medieninitiative „die praxis“ Westprojekte. Unabhängig davon gibt es noch einen Lokalhistoriker im Kiez: Horst Liewald. Er war der letzte Pressesprecher des Glühlampenwerks, das nach der Wende abgewickelt wurde. Seine Bücher publiziert seitdem das „Nachbarschaftszentrum RuDi“ am Rudolfplatz – zusammen mit dem Online-Magazin „Kultstral“. Diese veranstalten u.a. auch regelmäßig „Schreibwettbewerbe“. Es gibt dort also in puncto Spurensuche eine regelrechte Ost-West-Konkurrenz. Für die Suche kann das nur von Vorteil sein.

Vielleicht gilt aber auch hier – am ehemaligen Grenzübergang Oberbaumbrücke, was der Geschichtensammler Landolf Scherzer an der DDR-Grenze nach Bayern von den Lehrerinnen einer Schule im thüringischen Grenzort Behrungen erfuhr: Es störe sie besonders, so sagten sie, „wenn Leute von drüben die Ortschroniken über hiesige Grenzdörfer schreiben oder Museen über das Leben an der DDR-Grenze gestalten und ,sich anmaßen, uns die eigene Geschichte erklären zu wollen‘.“ Andererseits hält der Schock der Wende und der Abwicklung bei vielen Ostlern immer noch an. So hatte Prof. Wiebel z.B. Ende 2008 den ersten und letzten Narva-Betriebsratsvorsitzenden zu einer Veranstaltung in die Zwinglikirche eingeladen. Dieser, Michael Müller, wollte jedoch nicht über seinen jahrelangen Kampf mit der Treuhand um den Erhalt des Glühlampenwerks sprechen. Er ist heute Hausmeister auf dem Narva-Gelände. Ähnlich war es zuvor bei einer Photoausstellung in Wolfen, die Arbeiterinnen der Filmfabrik Orwo zeigte. Diese mochten sich nicht einmal „ihre“ Photos ankucken. Der letzte Betriebsratsvorsitzende dort, Hartmut Sonnenschein, erklärte den Künstlern: „Die wollen davon erst einmal alle noch nichts wissen. zu tief ist die Enttäuschung über den Arbeitsplatzverlust und das ganze.“

Weitere Details aus der abgewickelten Wolfener Industrieregion und die Bearbeitung diese Brache durch Kunst:

„Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“

Hannah Arendt 1958

„Bilder und Legenden aus dem mitteldeutschen Industrierevier“, so heißt eine Ausstellung der Stiftung Bauhaus Dessau, die auf den Fluren und im Hörsaal des Verwaltungsgebäudes der Filmfabrik Agfa/Orwo in Wolfen eröffnet wurde. Auch das Zitat von Hannah Arendt gehört dazu. Bereits die Zugfahrt von Berlin über Bitterfeld nach Wolfen führte in das Thema ein: Auf den meisten Plätzen des bonbonfarbenen Interregio saßen Frauen, die sich auf dem Weg nach Hause weiterbildeten – sie blätterten in Akten, Führerscheinunterlagen, Software-Programmen oder Gesetzestexten. Im Mitropa-Bistro unterhielten sich zwei ältere dauergewellte Geschäftsführerinnen von Beschäftigungsgesellschaften über anstehende ABM-Kürzungen. In den Abteils der ersten Klasse saßen dünne, kurzhaarige junge Karrierefrauen, die immer mal wieder eilig an das Kartentelefon gingen, um ihre Ankunft anzukündigen oder Verabredungen zu treffen.

Das mitteldeutsche Braunkohlen- und Industrierevier ist schon lange eine Region weiblicher Berufstätigkeit – nicht immer in der freiwilligen Variante. Das erste Großkraftwerk, Zschornewitz, wurde 1915 in erster Linie von Frauen erbaut – die Männer befanden sich im Krieg. Auch im Zweiten Weltkrieg waren es primär die Frauen, die die dort ansässige kriegswichtige Produktion ausbauten, hinzu kamen bald Zwangsarbeiterinnen aus West- und Osteuropa. Nicht minder groß war dann der Frauenanteil am Wiederaufbau der Industrieanlagen nach 1945. Bis zuletzt, 1990, waren von 15.000 Beschäftigten in der Wolfener Filmfabrik fast 9.000 weiblich. Orwo war damit neben Narva der größte Frauenbetrieb der DDR, er wurde von einer Frau geleitet. Frauen waren es auch, die das riesige Werk nach der Wende wieder abrissen – auf ABM-Basis. Von den zuletzt 1.500 Entsorgungsstellen blieben jedoch bald nur noch 150 übrig.

Überwiegend Frauen waren es auch, die auf die Barrikaden gingen, als die Treuhand-Nachfolgeorganisation wieder einmal Massenentlassungen bekanntgab. Von den zu der Zeit noch 3.300 ABM-Kräften, die in den zwei Beschäftigungsgesellschaften GÖS- Wolfen und ÖSEG-Bitterfeld konzentriert waren, sollten rund die Hälfte gehen. Es kam zu Straßenblockaden und Demonstrationen, an denen sich 7.500 Menschen beteiligten. In dieser Region sei das „die größte Demo seit der Wende“ gewesen, schrieb die Mitteldeutsche Zeitung.

Mit Trümmerbeseitigung begann die berufliche Karriere vieler Arbeiterinnen des mitteldeutschen Industriereviers, mit Trümmerbeseitigung endete sie nach der Wende. Doch zur Ausstellungseröffnung war so gut wie keine der Orwo-Frauen gekommen. „Die wollen davon noch nichts wissen, zu tief ist die Enttäuschung über den Arbeitsplatzverlust“, kommentierte der Noch- Betriebsratsvorsitzende Hartmut Sonnenschein. „Das dauert auch noch mindestens fünf Jahre, bis sie wieder hierherkommen und sich Ausstellungen wie diese hier angucken können. Dann werden sie wahrscheinlich sogar stolz sein: ,Hier habe ich mal gearbeitet!'“

„Schafft Arbeit, darauf kommt es an!“ hatte vor 200 Jahren Fürst Franz-Leopold III. von Anhalt- Dessau erklärt, als er nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges als einer der ersten aufgeklärten Fürsten Deutschlands sein Land aus bitterer Armut zu einem prosperierenden Kleinstaat dirigierte. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde dann die Braunkohle buchstäblich zur Basis für das Industrierevier zwischen Dessau, Wittenberg und Bitterfeld. Dessen musealisierte Reste – vom Riesen- Braunkohlebagger-Ensemble in Golpa-Nord („Ferropolis“) über das „Kraftwerksdenkmal Zschornewitz“ bis zum Wolfener Filmmuseum – mutierten zu einem Erlebnis- und Freizeitpark, der als „Korrespondenzregion“ für die Hannoveraner „Expo 2000“ ausgewiesen und von der „Expo“- Chefin Birgit Breuel finanziell gefördert wurde. An der Umsetzung ist das Bauhaus Dessau beteiligt. Es besteht aus der Akademie, dem Archiv und der Werkstatt. „In der ,Werkstatt‘ macht man gerne Pläne zum sanften Tourismus, Masterpläne und Spaziergangsforschung“, erklärten die beiden Dokumentarfilmer Kerstin Stutterheim und Niels Bolbrincker, deren Ausstellung „Land der Arbeit“ bereits das dritte Bauhaus-Projekt über das Industrierevier war. „Die jetzigen Bauhaus-Mitarbeiter sind zwar zum großen Teil aus dem Osten, sie haben aber etwas Manschetten, sich dem gemeinen Volk zu nähern.“ Es gibt jedoch ein Frauenprojekt, auf das diese Einschätzung nicht zutrifft. Die ehemalige Orwo-Kombinatssoziologin und jetzige Bauhaus-Mitarbeiterin Babette Scurrel versucht in Wolfen mit arbeitslosen Filmarbeiterinnen „Häuser der Eigenarbeit“ zu realisieren, das heißt, Eigenheime auf ABM-Basis zu errichten.

Daneben gibt es in Wolfen noch einen aktiven Frauenverein, der im eigenen Haus im Neubaugebiet Wolfen-Nord Beratungen durchführt. Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, die frühere Säuglingskrankenschwester Renate Schenk, hält dort unter anderem Existenzgründerinnen-Seminare ab. Anstelle des Bürgermeisters, ihres Vorgesetzten, war sie bei der Ausstellungseröffnung zugegen. „Die Frauen haben die Wende besser überstanden als die Männer, weil sie flexibler sind“, meinte sie. „Sie haben sich schneller aus der Arbeitslosigkeit hochrappeln können, sie versuchen, etwas Neues anzufangen.“

„Die Ausstellung ist der Versuch, eine Brücke zu schlagen vom ,Land der Arbeit‘ zu etwas Neuem“, bemühte sich auch Harald Kegler vom Bauhaus Dessau in seiner Eröffnungsrede um Optimismus. Der entbehrt leider jeder Grundlage: Ebenso wie die ausgestellten Fotografien und Texte noch kein utopisches Moment enthalten, kämpft auch die Region derzeit vor allem mit den Folgen der stupiden Treuhand-Deregulierung, die sie auf die brutalen Besitz- und Politikverhältnisse der dreißiger Jahre zurückwarf.

Seit ihrem Machtantritt hatten die Nationalsozialisten eine Politik der Autarkie vom Weltmarkt verfolgt. In Leuna und an drei anderen Standorten „auf der Braunkohle“ ließen sie Hydrierwerke zur Produktion von „deutschem Benzin“ errichten. Nach 1945 wurden die Fabrikbesitzer als Kriegsverbrecher enteignet und das mitteldeutsche Industrierevier zur Schwerpunktregion für die Autarkiebestrebungen der DDR ausgebaut.

Noch während der Wende entwarfen die westdeutschen Stromkonzerne unter Führung des Branchenriesen RWE für den Fall einer Wiedervereinigung einen „Stromversorgungsvertrag“ – im Kanzleramt. Und damit war klar, daß die Zukunft der mitteldeutschen Braunkohlereviere wieder von den Konzernen an Rhein und Ruhr abhing. Das Lausitzer Revier übernahm die RWE-Tochter Rheinbraun, nachdem zuvor etliche Bergbaubetriebe mit zigtausend Beschäftigten abgespalten worden waren. Diese übertrug die Treuhand dann sogenannten Sanierungsgesellschaften. Sie sollen mit einem jährlichen Aufwand von 1,5 Milliarden Mark und 15.000 ABM- Stellen die alten Tagewerke in Naherholungsgebiete mit Seen und kostbaren Uferimmobilien umwandeln. Auch diese sechs langfristig angelegten „Groß- ABM“-Gesellschaften gehören mittlerweile überwiegend den Energiekonzernen von Rhein und Ruhr – allen voran RWE. Für jede ABM-Stelle kassieren sie 20 Prozent Regiekosten. Und auch bei der Privatisierung des geräumten und sanierten Doppelindustrieparks Bitterfeld-Wolfen wird die RWE wohl das Rennen machen.

Dieser Text ist schon etwas älter, es gibt jetzt jedoch neue Eindrücke aus Bitterfeld/Wolfen. Die Ostberliner Schriftstellerin Monika Maron hat sich dort, speziell auf dem Doppelindustriepark, umgesehen – und darüber ein Buch geschrieben: „Bitterfelder Bogen“. Es ist ihr zweites: das erste – aus dem Jahr 1981 – hieß „Flugasche“. Der Spiegel interviewte sie aus diesem Anlaß:

SPIEGEL: Frau Maron, in Ihrem neuen Buch „Bitterfelder Bogen“ zeigen Sie sich begeistert von der Solarindustrie und vom Mut Einzelner, die in wenigen Jahren das heutige Weltunternehmen Q-Cells aufgebaut haben. Glauben Sie fest an die Zukunft der Sonnenenergie?

Maron: Nachdem ich mich damit näher beschäftigt habe, ja. Vor allem in Regionen, die bisher nicht an Energienetze angeschlossen sind, aber viel Sonne haben, wird die Solartechnik ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

SPIEGEL: Die neuesten Nachrichten über die Firma Q-Cells klingen allerdings nicht besonders gut. Hat die Realität der Wirtschaftskrise Ihr Buch überholt, noch bevor es Ende Juni erscheint?

Maron: Im Augenblick klingen ja die meisten Wirtschaftsmeldungen nicht gut. Q-Cells hat Absatzprobleme, weil den Abnehmern das Geld fehlt, und ist wie viele zur Kurzarbeit übergegangen.

Zuerst habe ich mich vor allem für die Geschichte von Q-Cells und seinen Gründern begeistert, die in Kreuzberg aufgebrochen sind und in Bitterfeld eine Fabrik mit 40 Arbeitsplätzen bauen wollten. Heute beschäftigt die Firma weltweit rund 2800 Leute.

SPIEGEL: Wie sind Sie mit den Gründern überhaupt in Kontakt gekommen?

Maron: Ich kenne den Architekten, der die Solarfabriken in Bitterfeld zum größten Teil gebaut hat. Er dachte wohl, ich müsse mich dafür interessieren, weil ich 1981 den Roman „Flugasche“ veröffentlicht habe. Zuerst wollte ich mich gar nicht interessieren. Ich dachte, das war damals, das ist vorbei. Er erzählte aber immer neue Geschichten, bis ich eines Tages mein Desinteresse aufgab.

SPIEGEL: Mit Bitterfeld verbindet Sie eine lange Geschichte. Wie fing das an?

Maron: Für mich fing es 1974 mit meiner ersten Reportage an. Damals war ich bei der „Wochenpost“, und diese Wochenzeitung war für DDR-Verhältnisse ein relativ aufgeklärtes Blatt. Also bin ich im Auftrag der Redaktion nach Bitterfeld gefahren, war entsetzt und erschüttert über die Arbeitsbedingungen, die vergiftete Luft, den chemievernebelten Himmel.

SPIEGEL: Eine Ihrer Bitterfeld-Reportagen aus dem Jahr 1974 endete mit der optimistischen Erwartung, es werde der DDR dereinst gelingen, „auch aus einer Chemiestadt eine saubere Stadt zu machen“.

Maron: Na ja, das war so. Je härter der Text war, umso optimistischer musste der Schluss sein. Das wussten auch die Leser.

SPIEGEL: Die Pointe der Geschichte ist, dass es später tatsächlich so kam, wie Sie vorausgesagt haben. Nur ohne die DDR. Für Ihre Reportage „Bitterfelder Bogen“ sind Sie nun mehr als 30 Jahre nach Ihrem ersten Besuch wieder hingefahren. Was war das für ein Gefühl?

Maron: Seltsam, der Ort war mir ja vertraut, weil ich damals nicht nur einmal dort gewesen bin.

SPIEGEL: Ist es unfair, wenn Bitterfeld bis heute ein schlechtes Image hat?

Maron: Bitterfeld ist immer noch keine schöne Stadt, aber das Unfreundliche und Schwarze ist weg. An manchen Ecken finden sich natürlich noch die zerbröselnden Ruinen. Die Gegend um Bitterfeld ist inzwischen ganz schön, der Große Goitzschesee, die Dübener Heide, der Wörlitzer Park sind nicht weit, Halle und Leipzig nah.

SPIEGEL: Günter Grass hielt 1991 in Bitterfeld eine Rede, in der er den Bitterfeldern erzählen wollte, was bei der Wiedervereinigung alles schiefgelaufen sei. Sie erwähnen das in Ihrem Buch. Was hat Sie daran am meisten empört?

Maron: Dass er sich offenbar nie gefragt hat, was denn im ersten Jahr der Einheit eigentlich anderes hätte geschehen können, als die fortgesetzte Vergiftung von Bitterfeld und seinen Bewohnern zu beenden.

SPIEGEL: Stimmten die Bitterfelder zu?

Maron: Das weiß ich nicht. Aber sie sagen heute: „Uns hat der Kohl gerettet.“ Ich habe viele Leute dort gefragt, ob sie die Rede von Grass kennen. Keiner kannte sie. Ich weiß nicht, vor wem er sie eigentlich gehalten hat. Ich bin auch erst durch meine Recherche auf diese Bitterfelder Rede gestoßen. Ganz abgesehen davon, dass er nicht recht hat, ist es ja auch herzlos.

Über dieses Spiegel-Interview und Monika Marons Buch „Bitterfelder Bogen“ schrieb Klaus Bittermann in der Jungen Welt:

In Zeiten der Krise hat der Nationalismus Konjunktur. Nach den Europawahlen gaben sich Kommentatoren pikiert über europafeindliche rechte Parteien, die in osteuropäischen Ländern und in solchen exotischen Ländern wie den Niederlanden und England zugelegt hatten. Aber warum in die Ferne schweifen, wenn das Elend liegt so nah? Auch hier bringt die allgemeine Krisenstimmung unangenehme Nebenerscheinungen hervor. Der Spiegel verschwendete drei Seiten mit einem belanglosen Interview und zwei Seiten mit einem großzügig als Essay bezeichneten Stück Prosa an die Frau mit Rechtsdrall Monika Maron, die sich schon früher über den »anti-deutschen Rassismus« in anderen Ländern beschwerte und sich fragte, »ob wir nicht völlig verrückt sind, daß wir uns nicht wehren«.

Maron hatte sich also schon hinreichend für das die Risse auf der Schminke des gesellschaftlichen Fortschritts wahrnehmende Feuilleton durch revanchistisches Mumpfeln qualifiziert. Zudem hatte die ehemalige Wochenpost-Reporterin 1981 in ihrem Roman »Flugasche« über den DDR-Industriestandort Bitterfeld geschrieben, daß dort pro Tag 180 Tonnen Flugasche niedergingen und Bitterfeld somit als die dreckigste Stadt Europas gelten sollte. Bitterfeld ist jedoch nicht, wie man vermuten könnte, in der Flugasche untergegangen, sondern dem Kapitalismus sei Dank wie Phoenix aus der Flugasche auferstanden.

»Flugasche« gefiel den Kulturschaffenden im Westen, ähnlich wie im Osten die Dichter am besten ankamen, die am betroffensten über die Arbeitswelt lyrikten. Den Osten gibt es nicht mehr, dem Westen geht es inzwischen so schlecht, daß man eine Autorin für bedeutend hält, die vor dreißig Jahren über Bitterfeld das schrieb, was man sich schon denken konnte, wenn man in Autobahnnähe daran vorbeifuhr und schnell die Fenster hochkurbelte. So gesehen ist es ein wenig absonderlich, weil man bei genauerer Betrachtung die Freude erkennen kann, die es Monika Maron bereitet hat, im Dreck zu wühlen, um sich zu empören, vergleichbar mit Tierschützern, die ebenfalls eine heimliche Befriedigung daraus beziehen, wenn sie selbstverständlich nur in bester Absicht die gequälte Kreatur anschaulich in den Vordergrund stellen.

Dafür hat man ihr im Westen auf die Schultern geklopft, und jetzt findet es der Spiegel ganz toll, daß Maron wieder nach Bitterfeld gereist ist, diesmal um die westliche Erfolgsgeschichte zu schreiben und ein Loblied auf die Solartechnik der Firma Q-Cells zu singen. Okay, es mag Leute geben, die das spannend finden, und bestimmt ist es ungemein wichtig zu wissen, wie so eine Solarenergerieanlage genau funktioniert, ob irgendwas »geätzt«, »gebrannt« oder »aufgetragen« wird. Kann schon sein, aber läßt sich das nicht auf den Technik- oder Wirtschaftsseiten abhandeln? Was hat das alles mit Literatur zu tun, wenn die Hauptangst Marons darin besteht, »fachliche Fehler« zu begehen, also dem Industrieprodukt nicht en detail gerecht zu werden? Vielleicht bin ich ja nicht weltoffen genug, um zu verstehen, daß Kultur inzwischen bedeutet, in Zeiten des wirtschaftlichen Niedergangs die kleinen Erfolge zu bestaunen und zu preisen, positiv zu denken und zu schreiben und der Schreckschraube Maron Gehör zu verschaffen, die glaubt, die Ostler würden sich als »Menschen zweiter Klasse« fühlen, weil es ihnen »eingeredet« worden wäre. Was nicht sehr nett ist gegenüber den früheren Deutschlanddeutschlandbrüllern, die sich anschließend darüber wunderten, daß der Kapitalismus genau so funktioniert, wie es die düstere DDR-Propaganda immer verkündet hatte. Das konnten sie am eigenen Leib erfahren, »einreden« mußte ihnen das niemand, auch nicht Monika Maron.

Letzte Meldungen aus Bitterfeld/Wolfen:

1. Das bisher aufwendigste Projekt zur Beseitigung von Altlasten im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen soll nach Aussagen von Umweltministerin Petra Wernicke (CDU) im August abgeschlossen sein. Das 1800 Quadratmeter große Gelände stehe dann Unternehmen zur Verfügung. Ende 2008 war auf dem Gelände der ehemaligen Benzenchlorierung und Chlorbenzendestillation mit der Beseitigung des belasteten Bodens begonnen worden.
Nachdem die Fundamente entfernt waren, wurden mit einem Bohrer, der einen Durchmesser von 1,80 Meter besitzt, Löcher bis zu 15 Meter tief in den Boden getrieben. Die kontaminierte Erde wurde in gasdichte Behälter verladen und zu einer Abfallentsorgungsanlage transportiert. Insgesamt werden 780 Bohrungen notwendig sein.
Wernicke sagte, mit etwa 19 Millionen Euro sei das Projekt das kostenintensivste Einzelvorhaben innerhalb des Ökologischen Großprojektes Bitterfeld-Wolfen, das vom Bund und vom Land finanziert wird. (DPA)

2. Petra Wust war immer so stolz auf Bitterfeld-Wolfen. Stolz, „dass uns der Aufschwung von der dreckigsten Region Europas zum schönen Schwan gelungen ist“, wie sie sagt. Stolz auf das „Solar Valley“ an der Sonnenallee mit mehr als 4000 Arbeitsplätzen. Stolz auf Q-Cells, Herzstück am größten Standort der europäischen Solarbranche. Doch seit einigen Wochen fürchtet die Oberbürgermeisterin um ihr Wirtschaftswunder.: „Die Menschen hier haben Angst, dass das Märchen bald vorbei sein könnte“, sagt die 57-Jährige. (FTD)

Letzte Meldung aus Friedrichshain:

„Auf dem Mediaspree-Areal in Friedrichshain sind in der Nacht wieder Steine und Flaschen geflogen. Scheiben gingen zu Bruch. Außerdem wurde ein Auto angezündet. Die Täter konnten allesamt entkommen.

Und wieder ein brennendes Auto, wieder ein beschädigtes Gebäude. Mehrere Tage in Folge wurden in Berlin Autos und Häuser beschädigt…“ (Mopo)
Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/06/17/friedrichshain_-_plan_und_realisierung/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Eine sehr schöner Artikel! Aber eine Korrektur bitte:

    „, in den erst “Pixelpark” einzog und dann nach deren Konkurs “BASF”, davor …“

    Die Pixelpark AG ist nicht Konkurs. Sie arbeit noch heute in den Räumen Oberbaum, Rotherstrasse 8. Allerdings nur noch bis Juli, denn dann geht´s nach Kreuzberg 😉

  • Es ist zwar richtig, dass Pixelpark den Lichtturm mal mitnutzte („eingezogen“ wäre aber schon übertrieben) und das seit längerer Zeit nicht mehr tut. Doch entgegen landläufiger Meinung ging Pixelpark nie Konkurs.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.