Aus unserem Brigadetagebuch (25)

Hier noch mal die ganze LPG-Episode schriftlich:

20. November 1989

Sabine Vogel und ich sind heute bereits um 9 Uhr früh in Richtung Potsdam losgefahren. Kurz hinter Babelsberg fragten wir einen Traktoristen, der auf einem riesigen Feld alleine pflügte, nach dem Weg zur nächsten landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Er schickte uns nach Saarmund, wo es zwei LPGen gab: eine für Tier- und eine für Pflanzenproduktion. Letztere besaß eine eigene Tankstelle und der Tankwart zeigte uns den Weg zum Verwaltungsgebäude der LPG „Florian Geyer – Tierproduktion“. Dort landeten wir schon bald am t-förmigen Konferenztisch des Vorsitzenden. Nach einer ca. einstündigen Diskussion („Was haltet ihr von der Wiedervereinigung?“) wurde zwischen uns und dem Vorsitzenden Kärgel sowie seiner Kadeleiterin Elke und dem Produktionsleiter Schmidt (genannt „der Lange“) ein „Potsdamer Abkommen“ geschlossen: die LPG würde sich in den nächsten Tagen beim Rat des Kreises, Abteilung „Arbeit und Löhne“ (Frau Noack) um eine Arbeitserlaubnis für uns zwei – Westberliner – bemühen und wir würden im Falle eines positiven Entscheids sofort einsatzbereit sein und mit einem Gesundheitsbescheid auf der Rindermast in Fahlhorst unseren Dienst antreten. Frau Noack erklärte sich dann jedoch nicht mehr in der Lage, uns einzustellen, so daß die LPG das selbst entschied. Daraufhin bekamen wir im Verwaltungsgebäude unsere Dienstkleidung (blaue Arbeitsanzüge und grüne Gummistiefel) ausgehändigt und unterschrieben gegen Vorlage unserer Personalausweise einen zunächst auf vier Wochen begrenzten Arbeitsvertrag als Viehpfleger.

Unter §4.1. verpflichtete sich darin der Betrieb „solche Arbeitsbedingungen zu schaffen, die den Werktätigen hohe Arbeitsleistung ermöglichen, die bewußte Einstellung zur Arbeit fördern, die Arbeitsfreude erhöhen und zur Entwicklung sozialistischer Persönlichkeiten sowie zur sozialistischen Lebensweise beitragen. Er hat dazu den Arbeitsprozeß unter aktiver Teilnahme der Werktätigen nach arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen zu gestalten und alle Voraussetzungen für eine hohe Arbeitsdisziplin, für Ordnung und Sicherheit im Arbeitsprozeß zu schaffen“.

Auf der anderen Seite erklärte sich der Werktätige unter §4.2. bereit, „seine Arbeitspflichten mit Umsicht und Initiative wahrzunehmen. Er ist insbesondere verpflichtet, seine Arbeitsaufgaben ordnungs- und fristgemäß zu erfüllen, die Arbeitszeit und die Produktionsmittel voll zu nutzen, die Arbeitsnormen und andere Kennzahlen der Arbeitsleistung zu erfüllen, Geld und Material sparsam zu verwenden, Qualitätsarbeit zu leisten, das sozialistische Eigentum vor Beschädigung und Verlust zu schützen und die Bestimmungen über den Gesundheits- und Arbeitsschutz einzuhalten“. Wir bekommen vier Mark Grund- und eine Mark Leistungslohn die Stunde.

27. November

Um das sozialistische Eigentum zu schützen, knobelten wir nach Rücksprache mit dem Vorsitzenden zusammen mit einigen Westberliner Freunden nach Feierabend noch eine Doppelstrategie aus: Einmal einen Stand der LPG auf der Grünen Woche. Seit 1945 hatte es keine ostdeutsche Beteiligung an dieser Messe mehr gegeben und selbst interessierten DDR-Bauern war der Besuch verboten worden, ab 1961 dann gar verunmöglicht. Der stellvertretende Leiter der Grünen Woche Ulli Frohnmeyer mußte sich jedoch erst einmal nach oben hin absichern und dann auch noch einen freien Platz finden. Dieser befand sich dann in der „Öko-Halle“, was ein Witz war, da bereits einige ökologisch engagierte Leute in Saarmund und Umgebung gegen die dortige auf 5000 Schweine ausgelegte Mastanlage vorzugehen beabsichtigten.

30.November

Der von uns hinzugezogene Messebau-Architekt Peter traf sich im Potsdamer Hotel Minsk mit unserem Vorsitzenden Kärgel zu einer ersten Arbeitsbesprechung. Gleichzeitig entwarf Thomas Kapielski zusammen mit Claudius Wachtmeister eine „Grund- und Boden-Aktie“ für die LPG, die auf der Grünen Woche erstmalig verkauft werden sollte, wobei ein Quadratmeter LPG-Land mit 25 Westmark veranschlagt wurde. Der Witz daran war das Kleingedruckte: „Dem Eigentümer erwachsen weder Rechte noch Pflichten aus dem Besitz des Zertifikats, das er jedoch verschenken, veräußern und mit mäßigem Gewinn bzw. Verlust verkaufen darf“.

Während der Messestand und die Aktie Gestalt annehmen, stehen Sabine Vogel und ich jeden Tag auf der Rindermast bis zu den Knöcheln in der Scheiße. Wir müssen schon morgens um vier Uhr aufstehen, dafür fahren wir am Ende der letzten Allee vor Fahlhorst in den Sonnenaufgang rein, und auf den Nuthe-Wiesen links und rechts machen sich die Zugvögel, meistens sind es Graugänse, startklar.

Erst einmal trinkt unsere neunköpfige Brigade im Sozialraum zusammen Kaffee, den wir neuerdings mitbringen, nachdem wir festgestellt haben, dass er im Westen bedeutend billiger und besser ist. Aus dem Osten kommt dafür Kirschwhisky (Kiwi). Sodann geht es ans Ausmisten, wobei Michael oder Egon das meiste mit dem Traktor erledigen. Ebenso das Heranschleppen von Stroh und Heu sowie das Füttern mit Kraftfutter, was mit einem automatischen Futterwagen erledigt wird. Wir müssen dafür mit der Schubkarre Silage heranschaffen, zwischen den Tieren sauber machen, die Stallgasse fegen und anschließend wieder neu einstreuen. Mir gefällt der einst von Chruschtschow durchgesetzte Offenstall am besten, in dem die Rinder trocken stehen, aber an der frischen Luft sind. In den anderen, noch aus der Gutshofzeit stammenden Anbindeställen ist es eher umgekehrt, ebenso in den Boxenlaufställen. Um die Kälber kümmern sich vor allem Renate und Petra, letztere schlägt sich gerade ihre FDJ-Ambitionen aus dem Kopf, erstere hat sich schon umgestellt: „Mir doch egal, ob LPG oder Gutsherr, Hauptsache ich habe Arbeit“. Im Verwaltungsgebäude gibt es einen Mitarbeiter, den Dispatcher Klaus, der sich sogar schon zum halben Manager gemausert hat: er ist laufend unterwegs und verscherbelt von Anlegeplätzen bis zu Datschengrundstücken alles, was möglich ist.

4. Dezember

In Fahlhorst sind außer den Rindern noch 600 Schweine zu versorgen, manchmal muß ich im Schweinestall mithelfen, d.h. morgens als erstes die Leichen nach draußen in einen kleinen Schuppen karren, wo sie dann ein LKW der Abdeckerei abholt. Das ist keine schöne Arbeit, und dann stört mich langsam auch die hohe Arbeitsteilung hier. Als ich den Fahrer, der uns Mittags das Essen von einer Kneipe aus Nudow bringt, bat, beim nächsten Mal ein bißchen Mörtel mitzubringen, damit wir peu a peu die Wandecke des Boxenlaufstalls an einer Stelle ausbessern können, wo der Frontlader des Traktors entlanggescheuert ist, herrschte mich Michael an: „Mach so was bloß nicht noch mal, das ist nicht unsere Aufgabe, dafür ist die Maurerbrigade zuständig“. „Aber die gibt es doch gar nicht mehr,“ entgegnete ich ihm, „das weißt du doch am besten, du bist doch selbst einer der Maurer“. „Trotzdem,“ meinte Michael, „da müssen die sich oben einen Kopp drüber machen!“ Überhaupt hat er die Einstellung: „Verdienen tu ich doch nur, wenn ich in 6 Stunden schaffe, wofür wir acht-null-fünfundsiebzig abgerechnet kriegen“. Ähnlich wie Michael reagierte neulich sogar Achim, der bei uns nur gelegentlich aushilft, mit dem das Arbeiten aber Spaß macht. Er streute noch Stroh ein und ich war schon beim Fegen der Stallgasse, wir unterhielten uns – und deswegen fegte ich unentwegt weiter. Plötzlich sagte er: „Laß gut sein, sonst steckt sich das ein anderer an den Hut, daß er das angeordnet hat!“ Völlig unakzeptabel fand ich Egons Reaktion, als ich ihn bat, nicht jedesmal das völlig vergammelte Stroh von draußen aus der Miete zu holen, weil die Rinder damit schon nach fünf Minuten wieder in der Nässe lägen: „Nein, das ist gerade am Besten, das läßt sich am Leichtesten wieder ausmisten“, antwortete er. Wenn Sabine mal vor lauter Arbeit die Frühstücks- bzw. Mittagspause verschusselt, sagt Renate zu ihr: „Das nächste Mal kriegst du die rote Karte!“ Und sowieso ist sich die Brigade – was unsere Einsatzfreudigkeit betrifft – einig: „Wenn ihr erst mal lange genug hier gearbeitet habt, wird euch das schon noch vergehen!“

5.Dezember

Immer wieder gelingt es uns, aufs neue, irgendwelche Presseorgane – aus Ost und West – zu mobilisieren, damit sie über die LPG berichten. Auch Sabine und ich schreiben gelegentlich Artikel – nicht zuletzt, damit Westgeld reinkommt. Gestern kam ein Reporter von der Neuen Deutschen Bauernzeitung mit einem Photographen an, dieser sollte am Ende auch noch Sabine und mich knipsen, dafür hatten wir zuvor sogar neue Arbeitsanzüge und Stiefel bekommen. Er knipste uns beim Stroh-Einstreuen im Offenstall. „Halt“, sagte der Reporter zu ihm, „da hinten an der Wand, das sieht nicht gut aus!“ Dort war an einer Stelle der Putz über der Wasserleitung abgebröckelt. „Das können wir doch hinterher wegretuschieren“, antwortete der Photograph, „haben wir doch immer so gemacht“. Sabine und ich sind abends totmüde, kaum dass wir noch die Abendschau mitkriegen. Irgendwie schaffe ich es aber noch, Briefe an alle möglichen westlichen Landwirtschaftsinstitutionen zu schreiben, um verschiedene Direktvermarktungsmöglichkeiten zu erfahren.

6.Dezember

Weil mehrere Leute aus der Brigade in Steglitz einkaufen wollten, haben wir gestern Ulrike Kowalski und Kapielski mitgebracht – als Aushilfe. Da es bei letzterem schon das zweite Mal ist, soll er jetzt auch ein Gesundheitsgutachten beibringen. Sabine wird von den Grenzpolizisten am Ostpreußendamm jeden Morgen mit „Ah, die Viehärztin kommt wieder“ begrüßt, weil sie ihren Doktor in Kunstgeschichte gemacht hat und der Titel in ihrem Paß eingetragen ist. Einmal fragt die Zöllnerin sie bei der Ausreise nachmittags: „Na, ham wir was Besonderes gekriegt in der DDR“, ein andern Mal will sie ihr bei der Einreise morgens Original-Mauerstücke verkaufen – zugunsten der „Rumänienhilfe“. An den Wochenenden müssen wir schon um halb vier aufstehen. Aber ansonsten ist die Arbeit nicht mehr hart – eher eintönig. Wir sind sogar eindeutig unterfordert, ich sinne über weitere Aktivitäten nach, aber die Verwaltung sitzt im Nachbardorf, unser Brigadier Ewald ist meistens unterwegs und auch sonst nicht gerade gesprächig, so daß wir wenig erfahren, wohin sich alles entwickelt. Z.B. hat man vorsichtig mit der Selbstschlachtung sowie auch mit der -vermarktung angefangen – auf dem Potsdamer Wochenmarkt.

Nicht nur die LPG, auch die Babelsberger Großbäckerei scheint Absatzprobleme zu haben, denn wir verfüttern schon seit Tagen bergeweise gutes Brot an die Rinder. Es liegt in der Scheune und muß erst einmal maschinell verkleinert werden. Das erledigen wir alle zusammen. Bei solchen Kollektivaktionen, dazu gehört vor allem das Umtreiben der Rinder aus dem Offenstall, stellt sich das ein, was man eine „fröhliche Landwirtschaft“ nennen könnte. Erst recht gilt das natürlich für die Zigarettenpausen und die Mahlzeiten im überheizten Sozialraum, dem früheren Frauenruheraum, die immer ausgedehnter werden, nicht zuletzt, weil mit uns jede Menge Ost-West-Vergleichsmöglichkeiten angestellt werden können. Morgens beginnen die Gespräche meist mit der TV-Frage: „Was hast du denn gestern gesehen?“ Die LPG-Leitung hatte uns vor allem eingestellt, weil sie fürchtete, daß zu viele in den Westen rübermachen würden – es ist jedoch gar keiner abgehauen, außer Dispatcher-Klaus, der sich als Makler für Alles selbständig gemacht hat. Umgekehrt wird dagegen inzwischen gemunkelt, dass unsere Brigade diesmal wohl die Prämie kriegen wird, was aber kein Wunder sei, da Fahlhorst wegen der zwei Wessis neuerdings versorgungsmäßig bevorzugt werde. Der Vorwurf ist nicht ganz falsch. Für die individuelle Prämie schlägt Renate auf der Brigadeversammlung Egon vor – weil er morgens immer der erste ist und abends der letzte, außerdem nimmt er auch noch oft den Traktor nach Feierabend mit rüber zu sich auf den Hof, um ihn zu reparieren.

10.Dezember. Sonntag

An den Wochenenden wird die Arbeit so schnell erledigt, daß es sich für uns eigentlich gar nicht lohnt rauszufahren. Außerdem ist es ein Irrsinn, die Fütterzeiten von morgens und abends so eng zusammen zu legen, daß wir schon um 9 Uhr 30 mit allem fertig sind.

12. Dezember

Povls Vater, Lummers Vordenker in der CDU Zehlendorf, ist gestorben und Povl muß nun seine Polsterei in Kreuzberg auflösen. Das erledigt unsere LPG mit einem ihrer LKWs. Alles wird mitgenommen: Lampen, Werkzeuge, Stoffe, Tische, Stühle…Der Vorsitzende dankt uns später mit bewegten Worten, fast duzt er uns.

19. Dezember

Weihnachten rückt näher und immer öfter bringen wir Westberliner Freiwillige als Aushilfskräfte mit, gestern war es der Historiker Hand-Dieter Heilmann. Heute rückte Galerist Jes Petersen mit Frau und Oskar Huth an – aber nur zur Besichtigung, anschließend gehen wir noch alle zusammen auf ein Bier in die Dorfkneipe, wo gerade eine Photoausstellung vom letzten Fest – „Feuchte Tage in Fahlhorst“ – zu sehen war. Der Sohn des Wirts ist vor ein paar Tagen in den Westen abgehauen.

21. Dezember

Als unsere Freunde wieder abgefahren waren, munkelte man in Fahlhorst, es seien die Alteigentümer gewesen und uns hätten sie in der Kneipe die ganze Zeit ausgefragt, wie es um die LPG stehe. Dabei habe ich sie umgekehrt damit vollgequatscht.

25.Dezember

Das Ausmisten fängt mit der linken Reihe der Rinder an. Besonders die schon etwas größeren kapieren dabei oft nicht, daß sie, um mich mit der Forke oder einem Schieber zwischen sich zu lassen, einen Schritt nach rechts tun müssen: Im Gegensatz zu allen anderen fange ich als Linkshänder unten im Stall an. Die Tiere sind es andersherum gewohnt und wollen quasi automatisch nach links ausweisen. Ich schimpfe mit ihnen, wenn eins zu stur ist, stoße ich es in die Flanke. Auch in den anderen Ställen wird laut geschrien und geschimpft. Die Rinder bedrängen und belecken einen, statt das Ausmisten durch Beiseitetreten zu erleichtern und abzukürzen. Wenn einer seine Kälber besonders zutraulich gemacht hat, bekommen sie dafür beim nächsten um so mehr Schläge. „Ganz schlimm war es immer mit den Filmkälbern“, erzählt Renate – immer wieder hatten nämlich die Defastudios in Babelsberg sich ein Kalb von der LPG ausgeliehen, das dann wochenlang in irgendwelchen Kinderfilmen mitspielte. Anschließend war es so zahm und verwöhnt, dass es die Kälberpflegerinnen schier verrückt machte bei ihrer akkordähnlichen Routinearbeit. Die Bullen, die am Nachmittag mit dem Lastwagen von Heino zur Endmast nach Saarmund kommen. werden mit Knüppeln durch den Mistgang zur Laderampe getrieben. Sie wollen partout nicht verladen werden, aber jeder Widerstand ist zwecklos. Schließlich kommen auch noch elektrische Schlagstöcke zum Einsatz. Sie wurden auf Drängen der DDR-Schlachthöfe angeschafft, weil man dort immer wieder wegen der vielen Blutergüsse ganze Partien aus den Lederhäuten der Rinder rausschneiden mußte. Und die wiederum waren eine Folge des harschen Umgangs der LPG-Bauern mit dem Vieh – vor allem beim Verladen, um die Rinder durch alle Maststationen zu bringen und zuletzt zum Schlachthof. Zwischendurch kommt immer noch mal der Tierarzt und zeichnet die mit Antibiotika abzuspritzenden Tiere mit einem Ölkreidefleck auf der Stirn. In Fahlhorst ver- und entsorgen wir unsere 560 Rinder meist zu viert: Anketten, Eisentüren entriegeln und wieder verriegeln, Selbstfanggitter schließen und öffnen…Allein diese Geräusche schon – das ständige Metallgeklapper und die barschen Befehle bzw. Flüche – erinnern an Knastwärter, die ganze Barackenanlage an ein Arbeitslager. Neuere „Rinderobjekte“ sind zudem immer mit einem hohen Stacheldrahtzaun gesichert und nur durch Seuchenwannen zu betreten bzw. zu verlassen. Schilder verweigern Unbefugten den Zutritt. Diese fast unlesbar gewordenen Schilder habe ich bei uns am dem Objekt langsam alle entfernt – und in zwei Ställen dafür neue – aus Westberlin angebracht: „An alle Rinder: Ihr, die ihr hier eintretet, laßt jede Hoffnung fahren!“

27.Dezember

Auf vielen westdeutschen Höfen sieht es mittlerweile so ähnlich aus wie hier, besonders dort, wo die Höfe „modern umgerüstet“ wurden, auch die Umgangsformen mit dem Vieh haben sich dadurch angenähert. Mir scheint jedoch, daß das Eigentümerbewußtsein der Bauern im Westen diese Entwicklung etwas bremst, insofern sie pfleglicher mit ihrem „Kapital“ umgehen als die LPG-Bauern, die eher ein Arbeiterbewußtsein entwickelt haben, auch wenn sie Landeinbringer sind und somit den Kern der Genossenschaft stellen. Als Michael im Sozialraum mal wieder besonders klassenkämpferische Töne anschlägt, entgegnet ihm Achim, der Landeinbringer ist, bloß: „Du hast gut reden, du hast nichts zu verlieren!“

Der Pressesprecher der „Vereinigung für gegenseitige Bauernhilfe“ (VdgB) in Berlin meinte dazu, als wir uns trafen, daß die spätestens seit dem VIII. Parteitag durchgesetzte „industriemäßige Produktion“ verbunden mit der Zentralisierung der Betriebe das „bäuerliche Bewußtsein“ deformiert habe, ebenso kam die genossenschaftliche Demokratie herunter, aber es gäbe sie noch – die alte Verbundenheit derjenigen, die Land einbrachten, mit der Landwirtschaft, wobei er die Begriffe „Liebe“ und „Sorgfalt“ gebrauchte. „Verlotterte Höfe sieht man meistens in der Nähe von Großststädten, wie Berlin z.B. und dort komme es auch wegen der Abwanderung der jungen Leute zu immer mehr nicht-bäuerlichen Arbeitskräften in den LPGen“. Am zweiten Weihnachtstag kam Produktionsleiter Schmidt, „der Lange“ und eigentliche Vorsitzende vorbei und überreichte Sabine und mir mit festem Händedruck eine Schachtel halbflüssig gefüllter Pralinen der Marke „Scorpio“.

31.Dezember

Nach den Feiertagen hat die Unruhe zugenommen: Wie soll es weitergehen mit der LPG, mit dieser Wirtschaftsform überhaupt? An allen Ecken und Enden fallen Gegner und Investoren über sie her. Die Leitungsebenen der „Pflanze“ und der „Tierproduktion“ verhandeln täglich mit Raiffeisenbankchefs, Amsterdamer Kooperatoren, Westberliner Umweltgruppen und hessischen Golfplatzplanern. Die Spielräume für die Brigade in Fahlhorst sind dagegen gleich null, also macht sich jeder nur Gedanken über sein eigenes Fortkommen – und das ist immer häufiger wörtlich zu verstehen. Zur Zeit geschieht das jedoch noch nebenbei – experimentierend. So hat Egon z.B. seinen kleinen Schrottplatz hinterm Haus aufgeräumt und anschließend versucht, in Potsdam auf dem Markt Autoersatzteile zu verkaufen. Dieser Versuch eines Nebenverdienstes endete jedoch mit Verlust. Nun will er sein altes tschechisches Auto verkaufen und sich sich einen gebrauchten VW-Bus oder ähnliches zulegen. Empört kam er danach von dem ersten Gebrauchtwagenhändlerbesuch in Potsdam zurück – und erzählte: „Es gibt alle Typen da, der billigste kostet 9000 Mark West. Aber wie ich das bezahlen soll, darüber macht der sich keinen Kopp!“ Auch dass er als Ostler noch nicht beim „Sat-1-Glücksrad“ mitspielen darf, empört ihn. Der Brigadier Erwin hat derweil die erste eigene Selbstvermarktungsaktivität entfaltet – mit Frischfleisch, ebenfalls auf dem Markt in Potsdam. Auch dabei ist nicht viel rumgekommen. Unser betriebseigener Desinfektor will fürderhin auf eigenes Risiko mit seiner Motorspritze arbeiten, bisher hadert er aber noch mit den strengen und somit kostspieligen Lagervorschriften für seine Gifte, dafür geht er jetzt nebenbei noch für 4 DM die Stunde bei einer Westberliner Firma putzen. Allein der schon etwas ältere Tierarzt erledigt seine Arbeit nach wie vor gelassen – mit einer langen Spritze verpaßt er den Tieren, die wir als krank oder unpäßlich in das Arbeitsheft eingetragen haben, Penicillindosen. Neuerdings schickt er jedoch keine Kopie seines monatlichen Tätigkeitsberichts mehr an die Stasi in Potsdam. Außerdem grämt er sich etwas, dass das staatliche Veterinärwesen aufgelöst werden soll und er demnächst eventuell wieder eine Privatpraxis aufmachen muß – mit seiner Frau als Assistentin, was diese ebenfalls nicht lustig findet: „Aber was bleibt uns anderes übrig?“

4.Januar

Zu Neujahr ist Hans-Dieter Heilmann noch einmal als Aushilfe eingesprungen. Ich habe mich anderntags abends in Berlin mit der Agrarsoziologin Sonja Müller getroffen. Die gelernte Rinderzüchterin arbeitet derzeit noch an der Akademie für Gesellschaftswissen beim ZK der SED und hat gerade in einer Untersuchung über LPGen das Fehlen von sowohl einer kommunalen als auch einer innerbetrieblichen Demokratie dafür verantwortlich gemacht, daß die Genossenschaftsbauern keine „richtigen Bindungen zu ihren LPGen“ mehr haben. Das „bäuerliche Bewußtsein“ kann sich derzeit nur noch in den kleinen „individuellen Hauswirtschaften“ als Ausgleich gegen die „Spezialisierung ihres LPG-Arbeitsplatzes“ behaupten. Auch das „Eigentümerbewußtsein“ ist seit den großen Industrialisierungs- und Zentralisierungsprozessen in den Siebziger Jahren bei den Genossenschaftsbauern „verlorengegangen“. Sonja Müller verspricht sich nun vom „Markt“ eine Förderung der genossenschaftlichen Eigeninitiative und fordert deswegen die „strikte Selbstverwaltung der LPGen“, auch wenn dies die „knallharten Existenzängste“ bei den Bauern derzeit erst einmal sogar noch verstärken würde.

11.Januar

Die Schweinemast wird langsam „runtergefahren“: es gibt Absatzprobleme. Der Vorsitzende versucht zu rationalisieren: die ersten „Problemfälle“ sind bereits entlassen, als der Brigadier für die LKWs, der nur morgens einmal was zu tun hat, nämlich den Fahrern die Routen zuzuteilen, die sie auch ohne ihn längst kennen, in die Schweinemast versetzt wird, bringt er ein ärztliches Attest bei, dass ihm die Arbeit mit Schweinen verbietet, weil deren Keime die Sporen seiner privaten kleinen Champignonzucht zu Hause zerstören würden. Sabine und ich wir profitieren von diesen Privat-Landwirtschaften: laufend bekommen wir Eier, eingemachtes Gemüse, Geschlachtetes etc. geschenkt, mitunter riesige Stücke. Meistens von unserer Brigademutter Renate, die auch die monatlichen Theaterbesuche der Brigade organisiert, indem sie den Busfahrer, der täglich Fahlhorst ansteuert, bittet, sie abends alle nach Potsdam zu fahren und anschließend wieder zurück. Er bekommt dafür eine Flasche Kiwi oder Klaren.

29.Januar

Für das Flugblatt, mit dem die LPG auf dem Messestand für sich werben will, bestand der Vorsitzende auf der Formulierung, daß die LPGen „die Ernährung des Volkes sichern“. An dem Messestand, in der Halle 15.2, dem Öko-„Markt der Meinungen“, hat sich auch noch die LPG Fresdorf beteiligt. Sabine und ich nahmen uns zwei Tage frei und gingen auf die Grüne Woche. Die beiden LPG-Vorsitzenden und Kaderleiterin Elke waren in ihrem Element: Als gebildete Praktiker konnten sie auch dem härtesten Ökologen Paroli bieten, außerdem kamen zig interessierte Westdeutsche und wollen Näheres über die beiden einzigen LPGen auf der Messe wissen. Und der Messestand von Peter machte auch was her. Dazu hatte Elke gutes Informationsmaterial zusammengestellt und drucken lassen. Von Kapielskis Grund- und Boden-Aktien nahmen sie jedoch im letzten Moment wieder Abstand: sie wollten nicht derart mit dem Entsetzen Scherz treiben. Nun verschenken wir sie nach und nach.

Während der Grünen Woche kam es in Saarmund zu zwei Demonstrationen: Zuerst streikte die Pflanzen-LPG – gegen die zu aufwendigen Personalkosten ihrer Verwaltung (in den Wintermonaten war das Verhältnis zwischen Belegschaft und Verwaltungsmitarbeitern teilweise Halbe-Halbe). Außerdem wehrte die „Pflanzen“-Belegschaft sich auch gegen die „Wiedervereinigung“ mit der Tierproduktion, weil dies mit Mehrarbeit und Lohneinbußen verbunden sei, wie sie sagten. Danach demonstrierte eine kleine Gruppe Saarmunder Bürger unter der Führung eines Saarmunder Dachdeckers vom Neuen Forum und der Langerwischer Gemeindeschwester, die in der Grünen Liga mitarbeitet, gegen den Gestank und die Grundwasserverseuchung durch die Schweinemastanlage. Auf Transparenten forderten sie eine Rückkehr zum „Bauernhof“. Der Rat des Kreises profilierte sich in der Diskussion als unparteiischer Schiedsrichter gegenüber unserem LPG-Vorsitzenden. Ein paar Tage später verkündete der Ratssprecher in der Lokalzeitung ihren Beschluß: „Mit der Mästung der Läufer, die in 120 Tagen abgeschlossen sein wird, läuft die Produktion in der Mastanlage aus: eine Neuinstallierung ist ab heute untersagt“.

Die LPG hat zwar nicht vor, sich an diesen Rats-Ukas zu halten, nichtsdestotrotz wird die Anlage wohl in Agonie übergehen. Bislang wurden z.B. überall – bis hin nach Potsdam – Tonnen für Lebensmittelabfälle aufgestellt und von der LPG wieder abgeholt – mit einem speziellen Lastwagen. Die Abfälle wurden anschließend in einer riesigen Anlage erhitzt und an die Schweine verfüttert. Dieses System der Sammelfutteraufbereitung ist bereits stillgelegt worden, was wieder einigen Leuten den Arbeitsplatz gekostet hat.

8.Februar

Auf der Jahreshauptversammlung gestern wurde Fahlhorst als beste Brigade ausgezeichnet. Brigadier Ewald nahm nicht ohne Würde ein Nelkengebinde und die Prämie von 400 Mark entgegen. Kälberpflegerin Petra, Traktorist Egon und Schafranek von unserer Schweinemast bekamen eine Urkunde für vorbildlichstes Arbeiten und eine Prämie in Höhe von 150 Mark. Michael und Django wurden mit einem Geschenkkorb, „Kübel“ genannt, ausgezeichnet. Anschließend wurde der Vorsitzende Kärbel mit 41 gegen 39 Stimmen, bei drei ungültigen Stimmen und neun Enthaltungen wiedergewählt, allerdings kam er nicht wieder in den Vorstand, was nach den geltenden LPG-Statuten eigentlich gar nicht geht. Daß er am 21. Januar wegen der Rats-Scharade um die Schweinemast aus der Partei ausgetreten ist, hat ihm anscheinend keine zusätzlichen Stimmen eingebracht. Unsere Brigade feierte die Prämie anschließend mit einer zusätzlichen Flasche Fruchtsaftlikör vom VEB Anker Rostock, sogar der Tierarzt und Günter Baranowski – der einst mit 13 als Knecht auf dem Gutshof anfing und sich nun als Rentner zu seinen 340 Mark noch durch leichte Arbeit auf der LPG 70 Mark monatlich dazuverdient, lassen sich zu einem Kaffee mit Likör überreden. Alle reden durcheinander, immer lauter, viele lassen ihr Ängste raus. Jemand fragt: „Was ist mit meinem Haus, wenn die LPG pleite geht – muß ich dann da auch ausziehen?“ „Dann kaufst du es eben für 500 oder 1000 Mark, dann gehört die olle Baracke dir,“ meint Egon. Einige haben tatsächlich bereits der LPG ihr Wohnhaus für sehr wenig Geld abgekauft. Egon hat jedoch das schäbigste Haus von allen, und laufend nervt er den Vorsitzenden, diese oder jene Reparatur zu veranlassen, bisher ist aber noch nicht viel passiert, kaufen will Egon das Haus jedoch auch nicht. Petra, die sonst immer lustige Geschichten erzählt, sitzt still in der Ecke. Irgendwann entdecken wir sie heulend in der Kälberküche: ausgerechnet jetzt ist sie schwanger geworden. Dazu erklärt sie uns: „Ich kann doch jetzt kein Kind kriegen. Nimm doch bloß mal das Ozonloch – bei euch verbieten die das und bei uns kommen die Sprühdosen endlich in die Regale“.

15.Februar

Als ich den Pressesprecher der Berliner Umweltsenatorin nach Ökogeldern zur Sanierung der Schweinemastanlage frage, schüttelt dieser bedauernd den Kopf, rät mir aber, „Öffentlichkeit zu schaffen: Macht doch mal eine Demo mit Treckern und kippt eine Ladung Möhren vors Rathaus. Wie wärs außerdem mit einem Zeltplatz auf LPG-Gelände, das wär doch was – für die vielen Radfahrer im Sommer!“

22.Februar

Rechtzeitig vor der Wahl gab die Agrarsoziologin Sonja Müller den Funktionären des VdgB, die sich als Partei zur Wahl stellte, noch einmal empirische Daten-Rückendeckung: 92% aller Genossenschaftsbauern wollen in den LPGen bleiben. Die Leipziger Karl-Marx-Universität riet zur gleichen Zeit den LPGen, ihren Brigaden, mehr Eigenverantwortlichkeit in bezug auf die Zeitdauer ihrer Arbeit einzuräumen. Bei uns ist das schon längst durchgesetzt – mit keinen besonders guten Ergebnissen. Während unten über die da oben in der Verwaltung geschimpft wird, die nur rumsitzen und Kaffee trinken, klagen die da oben über die Arbeitsgesetze, die ihnen die Entlassung der „Assis“, der Asozialen, verunmöglichen. Zwei von diesen, die man wegen Faulheit oder Bummelei auf der Schweinemast entlassen hatte, mußten per Arbeitsgerichtsbeschluß wieder eingestellt werden, sie sind jetzt in Fahlhorst untergebracht. Hier „unten“ bei uns sind sie jedoch komischerweise auch nicht besonders beliebt. Ebensowenig die auf der Pflanze untergekommenen „Stasis“, von denen einige angeblich „schon wieder eine ganz große Klappe“ haben sollen. Die Schwankungen zwischen Euphorie und Niedergeschlagenheit werden immer kürzer und heftiger, die Arbeit unwichtiger. Der Vorsitzende der Pflanze, der vor 30 Jahren in der Bewegung „Kader aufs Land“ zur LPG gekommen ist („Mit Handtuch und Zahnbürste gehen wir hinaus!“ lautete damals ihre Marschparole), hat auf einer Nachbar-LPG eine Werbeveranstaltung des US-Landmaschinenkonzerns Massey-Ferguson besucht, nun meint er: „Was würde ich meinen Traktoristen mit diesen neuen bequemen Westtraktoren für eine Freude machen – damit würden sie wieder gerne arbeiten!“

27.Februar

Sabine und ich waren in Suhl auf dem vielleicht letzten DDR-„Bauerntag“, wo u.a. der westdeutsche Bauernpräsident von Heeremann eine Rede hielt – in der er den LPGen nur den Charakter einer „Übergangslösung“ zubilligte, außerdem müssten die einstmals Bodenenteigneten ihr Land wieder kriegen. Dann wurde ein neuer VdgB-Vorsitzender gewählt, der von der zukünftigen „fairen Partnerschaft“ – zwischen den West- und Ost-Bauernverbänden sprach und zugleich eine „Gesundschrumpfung“ des VdgB-Apparates ankündigte. Ich unterhielt mich in Suhl mit einigen linken Bauern, die in der westdeutschen Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft mitmachen, der wiederum die Zeitung „Bauernstimme“ herausgibt. Einer erzählte mir, daß er zwar jetzt viel mit LPGen politisch zu tun hätte, aber nicht für Zucker jemals in einer arbeiten wolle – „außer als LPG-Vorsitzender“.

2.März

Produktionsleiter Schmidt, der Lange, teilt den regelmäßig von uns vermittelten Presseleuten immer nur stereotyp mit: „Wir haben alles im Griff. Es wird schwer, ist aber zu schaffen!“

5.März

In der Brigade wird es immer politischer, in knapp zwei Wochen ist Wahl. Bei uns sind tatsächlich alle Parteien vertreten, sogar die Frauenpartei, nur zwei Leute wählen ein und die selbe: SPD – das sagen sie jedenfalls. Und Michael würde am Liebsten eine Nazipartei wählen – das sagt er aber nicht. Daß die Tierproduktion die Wiedervereinigung mit der Pflanze endgültig abgelehnt hat, weil diese wegen der schlechten Ernte 89 zu hoch verschuldet ist, wird dagegen von niemandem groß kommentiert. Sabine zieht sich langsam aus der Landwirtschaft zurück – es reicht ihr an Erfahrung. Auch ich ziehe mich ein paar Tage zurück, jedoch nur um zu Hause noch einmal mit allen möglichen West-Agrarstellen zu telefonieren und sie um Rat und Unterstützung zu bitten. Es kommt aber nicht viel dabei heraus.

19.März

Gestern war die Wahl, heute arbeite ich wieder – schon allein aus Neugier. Alle haben CDU gewählt, ich bin erschüttert: Was ist bloß in die Brigade gefahren? hat die konservative „Allianz für Deutschland“ sie in den letzten zwei Wochen alle gehirngewaschen? Ich finde keine Erklärung dafür. Im Sozialraum herrscht eine Stimmung, als würde man nun nur noch auf die große Bescherung warten wollen. Unser Brigadier bringt es auf den Punkt: „So, jetzt muß die harte Währung aber auch bald mal kommen, ich bin ja schließlich nicht mehr der jüngste!“ Frustriert fahre ich mit unserem manilagrünen Audi Nachmittags nach Kreuzberg zurück. Sabine zuckt nur die Schultern, als ich ihr Bericht erstatte.

24. März

Die Schlosserbrigade hat noch einmal zwei riesige Grillstände auf dem Neuköllner Karl-Marx-Straßenfest aufgebaut, und mehrere Rinderpfleger verkaufen anschließend dort portionsweise Schweinefleisch – riesige Stücke, aber sie gehen weg wie warme Semmeln. Ein voller Erfolg also.

27.März

Mit der Ausrede, dass wir ja vom Westgeld leben und deswegen auch langsam wieder welches verdienen müssen, komme ich nur noch aushilfsweise mit unserem grünen Audi angedüst. Seitdem Sabine aufgehört hat, mag auch ich nicht mehr um vier Uhr morgens aufstehen und Mist forken. Neulich waren wir nach der Arbeit noch auf einer Party bei Mathias Greffrath – und stanken dermaßen nach Rinderstall, dass wir uns wie Aussätzige vorkamen. Renate hat sich krankschreiben und in ein Krankenhaus einweisen lassen, um ihr Gelenkrheuma auszukurieren. Bei der Entlassung sagte man ihr dann, sie dürfe nicht mehr so hart körperlich arbeiten, aber sie ist inzwischen schon froh, daß sie überhaupt noch arbeiten darf – und zwar voll, nicht nur „kurz“, denn es geht immer weiter bergab, so daß unser Ausstieg aus der Brigade bei den übrigen die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust verringert. Der LPG-Vorsitzende befürchtet bereits, daß er über kurz oder lang nicht mehr die Lohnzahlungen in voller Höhe garantieren kann. Täglich fallen die Preise für lebende Schlachttiere, die Aufkäufer müssen das Geld gleich bar in der Verwaltung abgeben, wo es für die Gehälter gebraucht wird. Der Brigadier überlegt, ob er sich mit einem Zeitungs-Kiosk selbständig machen soll. Die Kälberpflegerin Petra hat gekündigt, weil ihr Mann eine Stelle als Maurer in Westberlin angenommen hat. Michael träumt im Sozialraum laut von einem Streik gegen den Vorsitzenden. Egon wird als erster in Fahlhorst entlassen, obwohl er der fleißigste ist, war er wohl dem Vorsitzenden zu querulatorisch, anders kann ich es mir nicht erklären.
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Kurz nach der Währungsunion im Juli lese ich zufällig in der Zeitung, daß die LPG „Florian Geyer“ Konkurs angemeldet hat. Wenig später erfahren wir in Fahlhorst, daß der Produktionsleiter Schmidt noch versucht, einige Teilobjekte zu retten, darunter die Rindermast, der Vorsitzende Kärgel dagegen habe das Handtuch geschmissen und sei Taxifahrer geworden. Unser Brigadier verkaufe nun erneut – zwei mal in der Woche – Rinderfleisch auf dem Potsdamer Bassinplatz-Markt. Egons Frau, die in einem Agrarinstitut bei Babelsberg geputzt hat, ist arbeitslos geworden, Michaels Frau Ines befürchtet, dass ihr Konsumladen geschlossen wird und Michael selbst ist völlig verbittert: „So haben wir uns die Einheit nicht vorgestellt!“ Statt nach Fahlhorst fahre ich nun mit dem Audi wieder in der Umgebung Berlins herum und kucke, wie es den anderen LPGen geht. Regelmäßig melde ich mich jedoch bei Egon, um zu erfahren, wie es mit ihm und seiner Frau nun weiter geht.

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

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